{"id":331466,"date":"2025-08-09T14:17:10","date_gmt":"2025-08-09T14:17:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/331466\/"},"modified":"2025-08-09T14:17:10","modified_gmt":"2025-08-09T14:17:10","slug":"anne-sauer-im-gedankenexperiment-die-ueberforderung-vieler-muetter-wird-von-zuckrigkeit-ueberdeckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/331466\/","title":{"rendered":"Anne Sauer im Gedankenexperiment: &#8222;Die \u00dcberforderung vieler M\u00fctter wird von Zuckrigkeit \u00fcberdeckt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wer w\u00e4re ich heute, wenn ich statt des BWL-Studiums die Kunsthochschule gew\u00e4hlt h\u00e4tte? Wenn ich nicht in die Gro\u00dfstadt gezogen w\u00e4re? Wenn ich noch heute mit meiner Jugendliebe zusammen w\u00e4re? In Ihrem Deb\u00fctroman stellt die Autorin und Podcasterin Anne Sauer jene Frage, die jede und jeden schon einmal umgetrieben haben d\u00fcrfte: Was w\u00e4re wenn? Es geht um Toni, eine Frau Anfang 30, die mit ihrem Freund Jakob in einer kleinen, besonders hellh\u00f6rigen Mietswohnung in der Gro\u00dfstadt wohnt. Die beiden w\u00fcnschen sich ein Kind &#8211; zumindest solange, bis Toni sich fragt, ob es wirklich ihr Wunsch ist, dem sie seit Monaten hinterherjagt. Eines Tages wacht sie in einem gro\u00dfen, beige eingerichteten Haus in ihrem Heimatdorf auf. Sie ist offenbar mit ihrer Jugendliebe Adam verheiratet &#8211; und auf ihrer Brust liegt ihr neugeborenes Baby Hanna. Anne Sauer schafft eine Parallelwelt: ein Leben mit, eins ohne Kinder. Sie schreibt dar\u00fcber, wie schmerzlich, beklemmend und sch\u00f6n das Mutterwerden sein kann. Gleichzeitig. Warum diese Ambivalenz viel \u00f6fter Thema sein sollte, erz\u00e4hlt sie im Gespr\u00e4ch mit ntv.de. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Frau Sauer, einige beschreiben Ihren Roman als Gedankenexperiment, andere als Psychothriller und wieder andere nennen ihn einen &#8222;Quasi-Ratgeber&#8220; f\u00fcr Mutterschaft. Welche Art von Buch ist &#8222;Im Leben nebenan&#8220;?<\/b><\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Anne-Sauer-ist-Podcasterin-Moderatorin-und-Autorin.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Anne Sauer ist Podcasterin, Moderatorin und Autorin. &quot;Im Leben nebenan&quot; ist ihr Deb\u00fctroman.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Anne-Sauer-ist-Podcasterin-Moderatorin-und-Autorin.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Anne Sauer ist Podcasterin, Moderatorin und Autorin. &#8222;Im Leben nebenan&#8220; ist ihr Deb\u00fctroman.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: Tara Wolf)<\/p>\n<p> Anne Sauer: Es ist ein philosophisches, emotionales Gedankenexperiment, das viele Fragen aufwirft, ohne Antworten vorzuschreiben. Oder anders: Toni wird in eine Parallelwelt geworfen, ohne zu wissen, wie sie in dieses Leben, gekommen ist. Es ist eine Welt, die man nicht versteht. Die Figuren in dieser Welt kennen wir jedoch alle beziehungsweise wir glauben, sie zu kennen. Da ist Toni selbst, eine Anfang 30-j\u00e4hrige Frau, die sich fragt, ob sie Kinder m\u00f6chte oder nicht. Und da ist ihr Umfeld \u2013 ihr Freund, die Schwiegermutter, der Vater, Freundinnen, Babygruppen. Ich wollte den Leserinnen und Lesern Figuren n\u00e4herbringen, die wir alle kennen, die uns ganz nahestehen oder zumindest um uns herum leben, aber von denen wir oft nicht wissen, was in ihnen vorgeht. Es geht darum, die W\u00e4nde zwischen Eltern und Kinderlosen ein bisschen transparenter zu machen.<\/p>\n<p><b>\u00dcber Mutterschaft und Kinderwunsch gab es in j\u00fcngster Zeit gleich mehrere Romane, ich denke an &#8222;(K)eine Mutter&#8220; oder &#8222;Die Tochter&#8220;. Warum haben Sie dieses Thema f\u00fcr Ihren Deb\u00fctroman gew\u00e4hlt?<\/b><\/p>\n<p>Es gab diesen Moment, in dem ich mich fragte: Was w\u00e4re, wenn ich jetzt ein Kind h\u00e4tte? Wie s\u00e4he mein Leben aus und was w\u00e4re ich f\u00fcr eine Frau? Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen und ich habe gemerkt, dass die Geschichte eigentlich schon \u00fcber Jahre in mir und um mich herum gewachsen ist. Nat\u00fcrlich habe ich schon viel \u00fcber Mutterschaft und auch zum Thema Lebensentscheidung gelesen, aber mir fehlte immer eine Perspektive: die von Toni. Die Perspektive einer Frau, die sich nicht sicher ist und die anf\u00e4ngt zu hinterfragen, woher ihr vermeintlicher Kinderwunsch kommt, war f\u00fcr mich so stark, dass ich damit beginnen wollte.<\/p>\n<p><b>W\u00e4hrend Toni nach der Uni in die Gro\u00dfstadt gezogen ist, ist Antonia in ihrem Heimatdorf und bei ihrer Jugendliebe geblieben. Toni und Antonia sind ein- und dieselbe Frau, sie leben in gleichwertigen Parallelwelten. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Antonia kann sich an ihr Leben in der Gro\u00dfstadt erinnern. Toni hingegen hat keine Ahnung von ihrem Parallelleben. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Ich wollte, dass Antonia &#8211; und damit auch die Leserinnen und Leser &#8211; ganz deutlich sp\u00fcren, welchen Verlust sie erleidet. Sie wei\u00df genau, dass es noch einen anderen Weg gegeben h\u00e4tte, sie kann sich schlie\u00dflich daran erinnern. Allerdings kennt sie nur die Vergangenheit dieses Parallellebens. Sie wei\u00df nicht, wie es dort weitergegangen w\u00e4re, in der Gro\u00dfstadt mit Jakob und ihrem Kinderwunsch. Das ist das Tragische und gleichzeitig meine Antwort auf die Frage &#8222;Was w\u00e4re wenn?&#8220;: Eine richtige Antwort, die eine richtige Version des Lebens gibt es nicht. Ich will deutlich machen, dass wir eben nicht wissen k\u00f6nnen, wie unser Leben ausgesehen h\u00e4tte, h\u00e4tten wir die ein oder andere Abzweigung genommen.<\/p>\n<p><b>Allerdings klingt die Abzweigung, die Antonia nahm, zumindest zu Beginn besonders beklemmend. Da ist dieses ihr v\u00f6llig fremde Baby, eine Gro\u00dfmutter, die ihr das Kind gegen ihren Willen &#8222;einfach wieder anlegt&#8220; und ein Ehemann, der ihre \u00dcberforderung und Ausweglosigkeit kaum verstehen kann. Antonia denkt mehrmals an Flucht, es dr\u00e4ngt sich der Begriff &#8222;Gef\u00e4ngnis&#8220; auf. Warum erz\u00e4hlen Sie das Thema Mutterschaft aus dieser Perspektive?<\/b><\/p>\n<p>Weil das eine Perspektive ist, die existiert, aber in vielen F\u00e4llen immer noch verschwiegen wird. Ich habe in Gespr\u00e4chen mit Freundinnen oder anderen Eltern gemerkt, dass es oft diesen Punkt gibt, an dem sie erz\u00e4hlen, dass es ihnen schlecht geht, zum Beispiel nach der Geburt. Nicht selten folgt dann aber direkt der Satz: &#8222;Aber uns geht es gut, es ist alles in Ordnung&#8220; oder &#8222;Da m\u00fcssen wir jetzt nicht dr\u00fcber reden&#8220;. Mich hat es erschrocken, wie viele Facetten von meinen Freundinnen ich pl\u00f6tzlich nicht mehr kannte, weil sie mir verborgen blieben. Weil diese Gef\u00fchle, diese Gedanken, &#8222;Was passiert da eigentlich, wenn ein Baby in mein Leben kommt&#8220;, im Verborgenen ausgelebt werden. Die \u00dcberforderung vieler M\u00fctter wird oft von Zuckrigkeit und dem Gl\u00fcck, das das Baby mit Sicherheit bringt, \u00fcberdeckt. Es muss doch aber okay sein, eine \u00fcberforderte Mutter zu sein, die ihr Kind trotzdem liebt.<\/p>\n<p><b>Es scheint, als w\u00fcrde Antonia st\u00e4ndig zwischen diesen beiden Haltungen \u2013 \u00dcberforderung und Liebe \u2013 wechseln. Es gibt Momente, in denen sie \u00fcberlegt, ihr Baby einfach an einer Stra\u00dfenecke liegenzulassen. Und dann gibt es jene, in denen sie Hanna beim Schlafen \u00fcberwacht, um sicherzustellen, dass es ihr gut geht.<\/b><\/p>\n<p>Es ging mir vor allem darum, die Ambivalenz der Mutterschaft, die es ja vor allem in den ersten Monaten durchaus gibt, abzubilden. Bei Antonia kommt noch hinzu, dass sie einfach in die Situation hineingeworfen wird. Sie hat sich definitiv nicht ausgesucht, Mutter zu sein. Entsprechend hat sie auch nicht diesen vermeintlich angeborenen &#8222;Mutterinstinkt&#8220;. Auch dem wollte ich nachgehen: Woher kommt das Gef\u00fchl, sich f\u00fcr ein Kind verantwortlich zu f\u00fchlen? Wie entsteht Liebe zu einem Kind? Es gibt sicherlich Elemente im Buch, die sich nach Gef\u00e4ngnis anf\u00fchlen. Nach und nach kommt allerdings Licht in Antonias Zelle, um dieses Bild weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><b>In Tonis Leben hingegen spielt die Frage, ob sie \u00fcberhaupt Kinder m\u00f6chte, eine gro\u00dfe Rolle. <\/b><b>Ihr Freund, Freundinnen, Frauen\u00e4rzte und Kollegen lassen sie das auch kaum vergessen. Diese Situation, die aufgedr\u00e4ngte Frage nach Kindern, d\u00fcrfte vielen Frauen Ende 20, Anfang 30 bekannt vorkommen. Wo stehen wir in Bezug auf Mutterschaft und Selbstbestimmtheit?<\/b><\/p>\n<p>Ich denke, wir sind deutlich weiter als noch vor zehn Jahren. Ich sehe viele junge Frauen, die deutlich und bestimmt sagen k\u00f6nnen, sie m\u00f6chten Kinder oder eben auch nicht. Gleichzeitig gibt es hinsichtlich der Selbstbestimmtheit der Frau immer noch viel Widerstand, vor allem auf politischer und gesellschaftspolitischer Ebene. Es gibt auch 2025 noch Stimmen, vor allem aus der konservativen und traditionsgebundenen Ecke, die die Selbstbestimmung der Frau \u00fcber ihren K\u00f6rper f\u00fcr nichtig erkl\u00e4ren wollen. Die Entscheidungsfreiheit der Frau muss noch immer verteidigt werden. Und damit meine ich eben nicht, dass sich jede Frau entschieden haben muss \u2013 f\u00fcr oder gegen Kinder. Darum ging es mir in meinem Roman gerade nicht.<\/p>\n<p><b>Inwiefern?<\/b><\/p>\n<p>Ich wollte bewusst keinen Roman schreiben, in dem es zwei Fronten gibt. Zwischen dem Leben von Toni ohne Kinder in der Gro\u00dfstadt und als die Mutter Antonia auf dem Dorf gibt es kein Besser und Schlechter. Im Gegenteil: Auf beiden Seiten gibt es Schmerzliches, vielleicht Schlimmes, aber auch ganz Sch\u00f6nes. Das wollte ich die Leserin und den Leser sp\u00fcren lassen. Es geht darum, die Entscheidung f\u00fcr und gegen Kinder der jeweils anderen Seite verst\u00e4ndlicher zu machen und so zur Empathie f\u00fcreinander beizutragen.<\/p>\n<p><b>Bei vielen Leserinnen und Lesern hallt Ihr Roman noch lange nach. Auf Instagram schrieb jemand zu seiner Begeisterung: &#8222;Ich brauche Zeit, um \u00fcber dieses Buch nachzudenken.&#8220; Woher kommt die Wucht, mit denen Ihre Geschichte vor allem j\u00fcngere Menschen trifft?<\/b><\/p>\n<p>Das ist in erster Linie das sch\u00f6nste Kompliment. Aber \u00fcber diese Frage denke ich auch schon seit Wochen nach. Ich denke, dass das Buch viele wahnsinnig existenzielle Fragen aufwirft, die wir oft nicht laut stellen. Ich glaube, dass viele von uns, \u00e4hnlich wie Toni, auf einem Weg unterwegs sind, den wir f\u00fcr richtig halten, ohne nach rechts und links zu schauen. Wir haben vielleicht Angst, dass sich ein neuer Pfad \u00f6ffnet und was ver\u00e4ndert. Das passiert dann eher zwangsl\u00e4ufig, wenn uns mal ein Pfad wegbricht. Ich glaube, die Wucht kommt daher, dass jeder diese Fragen kennt, sich aber h\u00f6chstens allein im Stillen mit ihnen besch\u00e4ftigt. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass dies nun auch im Lauten, im Gespr\u00e4ch passiert.<\/p>\n<p><b>Wir wollen selbstverst\u00e4ndlich nicht spoilern, aber das Ende Ihres Romans hat viele Leserinnen und Leser aufgew\u00fchlt. W\u00fcrden Sie sagen, es gibt ein Happy End?<\/b><\/p>\n<p>(Lacht) Ich finde, es gibt eine Art Happy End in meinem Roman. Viel st\u00e4rker w\u00fcrde ich aber darauf pochen, dass es ein Anfang ist.<\/p>\n<p>Mit Anne Sauer sprach Sarah Platz <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer w\u00e4re ich heute, wenn ich statt des BWL-Studiums die Kunsthochschule gew\u00e4hlt h\u00e4tte? 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