{"id":331526,"date":"2025-08-09T14:49:11","date_gmt":"2025-08-09T14:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/331526\/"},"modified":"2025-08-09T14:49:11","modified_gmt":"2025-08-09T14:49:11","slug":"wir-warten-darauf-dass-alles-so-wird-wie-frueher-dw-09-08-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/331526\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir warten darauf, dass alles so wird wie fr\u00fcher&#8220; \u2013 DW \u2013 09.08.2025"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Man sagt uns, <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/russland\/t-17284476\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Russland<\/a> h\u00e4tte viel f\u00fcr uns getan. Aber ich sp\u00fcre nur, dass ich nicht genug Geld habe, um so zu leben wie fr\u00fcher. Fr\u00fcher habe ich nicht nur gut, sondern wunderbar gelebt, und jetzt versuche ich, irgendwie \u00fcber die Runden zu kommen&#8220;, sagt Oksana (Name aus Sicherheitsgr\u00fcnden ge\u00e4ndert) aus Nowoajdar, mit der die DW sprechen konnte.<\/p>\n<p>Die\u00a0Siedlung\u00a0liegt 60 Kilometer von Luhansk entfernt, das seit 2014 besetzt ist. Mit dem Beginn von Russlands Invasion im Fr\u00fchjahr 2022 r\u00fcckte die russische Armee auch nach Nowoajdar sowie in die St\u00e4dte <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/slowjansk-kramatorsk-bachmut-kampf-um-den-ukrainischen-donbass\/a-62383990\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Lyssytschansk, Siwerskodonezk und Rubischne<\/a> vor und \u00fcbernahm die Kontrolle \u00fcber fast die gesamte Region Luhansk im Osten der <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/ukraine-krieg\/t-60978725\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ukraine<\/a>.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung Nowoajdars ist seitdem um ein Drittel geschrumpft. &#8222;Nur \u00e4ltere Menschen sind geblieben, die jungen sind in andere Gebiete der Ukraine oder ins Ausland geflohen. Junge Leute sieht man nur noch in Luhansk&#8220;, erz\u00e4hlt Oksana.<\/p>\n<p>Sie\u00a0beklagt, dass ihr Dorf unter dem Krieg leide, auch ihr Haus sei durch Beschuss besch\u00e4digt worden. Doch Hilfe seitens der Besatzungsbeh\u00f6rden f\u00fcr einen Wiederaufbau gebe es nicht.<\/p>\n<p>Tauschhandel mit den Nachbarn<\/p>\n<p>Vor Russlands Invasion verkaufte Oksana selbst hergestellte Lebensmittel. Jetzt hat sie kein Vieh mehr und kann auch kein Gem\u00fcse mehr verkaufen. Daf\u00fcr m\u00fcsste sie ein Unternehmen nach russischem Recht anmelden. &#8222;Wir bauen Gem\u00fcse nur noch f\u00fcr uns selbst an und treiben Tauschhandel in der Nachbarschaft&#8220;, erz\u00e4hlt sie, die sich um ihren betagten Vater k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein normales Leben braucht man laut Oksana ein Gehalt von mindestens 40.000 Rubel (umgerechnet 440 Euro). Viele Dorfbewohner, beispielsweise Postboten, w\u00fcrden aber nicht einmal 200 Euro verdienen. Stellenangebote gibt es in lokalen Gruppen sozialer Medien, meist im Dienstleistungsbereich und im Bausektor.<\/p>\n<p>Beispielsweise werden im nahen Siwerskodonezk Jobs f\u00fcr &#8222;Arbeiter mit Klempner-Kenntnissen&#8220; mit einem Gehalt von 120.000 Rubel (1.320 Euro) angeboten. Auch das H\u00fcttenwerk in Altschewsk zahlt gut. H\u00e4ufig finden sich in sozialen Medien auch Angebote f\u00fcr Vertr\u00e4ge mit der russischen Armee, die einen Sold von 216.000 Rubel (2.376 Euro) bietet.<\/p>\n<p>Wie viele Bewohner der besetzten Gebiete bezieht Oksanas Vater nach wie vor eine ukrainische Rente. Dazu muss er per <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/zensur-mit-vpn-umgehen-ist-das-\u00fcberhaupt-sicher\/a-56816688\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">VPN<\/a> auf das von den Besatzern blockierte Webportal der ukrainischen Rentenkasse zugreifen. &#8222;Ohne diese Rente kann man nicht \u00fcberleben&#8220;, sagt Oksana.<\/p>\n<p>Ihr Vater erh\u00e4lt umgerechnet 61 Euro. &#8222;Das reicht, um f\u00fcr eine Woche g\u00fcnstigste Lebensmittel zu kaufen&#8220;, f\u00fcgt die Frau hinzu, die neben der Mindestrente ihres Vaters auch auf Ersparnisse der Familie zur\u00fcckgreifen muss.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"62341707\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/62341707_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Zerst\u00f6rte und ausgebrannte Wohnh\u00e4user in Lyssytschansk (2022)\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Zerst\u00f6rte Wohnh\u00e4user in Lyssytschansk (2022)Bild: Luhansk region military administration\/AP\/picture alliance<\/p>\n<p>Oksana beklagt, dass die Lebensmittelpreise gestiegen sind und dass es in Nowoajdar nur noch zwei Gesch\u00e4fte gibt. &#8222;In Luhansk kann man ein Dutzend Eier um mehr als die H\u00e4lfte g\u00fcnstiger kaufen&#8220;, sagt sie. Deshalb f\u00e4hrt Oksana alle zwei Wochen zum Einkaufen dorthin.<\/p>\n<p>Auch in Siwerskodonezk und Starobilsk war Oksana. &#8222;Aber die St\u00e4dte sind v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Im Fernsehen hei\u00dft es, dort sei fast alles wieder aufgebaut, aber dort sind immer noch ausgebrannte Wohnh\u00e4user ohne Fenster, T\u00fcren und D\u00e4cher zu sehen&#8220;, berichtet die Frau. Die Menschen dort w\u00fcrden immer noch auf neue Fenster und T\u00fcren warten.<\/p>\n<p>Immer wieder Stromausf\u00e4lle<\/p>\n<p>Die ukrainische Regionalverwaltung von Luhansk, die in das von Kyjiw kontrollierte Staatsgebiet verlegt wurde, erf\u00e4hrt von den Problemen der Menschen in den besetzten Gebieten vor allem aus den sozialen Netzwerken.<\/p>\n<p>Dort\u00a0diskutieren die Menschen \u00fcber Ausf\u00e4lle bei der Strom- und Wasserversorgung. &#8222;Im Sommer gibt es in Siwerskodonezk regelm\u00e4\u00dfig weder Strom noch Wasser, und zwar gleichzeitig. Die Wasserversorgung wird angeblich wegen Reparaturen an elektrischen Ger\u00e4ten abgestellt, und der Strom angeblich wegen Arbeiten an Pumpstationen&#8220;, erkl\u00e4rt\u00a0Oleksij Chartschenko, Leiter der Regionalverwaltung von Luhansk im DW-Gespr\u00e4ch.\u00a0<\/p>\n<p>Ohne Strom funktioniere auch kein Internet, sagt Oksana. Generell sei der Empfang des Mobilfunkanbieters &#8222;Lugacom&#8220;, der die besetzte Region Luhansk versorgt, von schlechter Qualit\u00e4t, sogar Instant Messenger lie\u00dfen sich nur schwer \u00f6ffnen. Zudem seien viele Websites gesperrt.\u00a0&#8222;Sogar Viber kann man nur \u00fcber VPN \u00f6ffnen&#8220;, sagt die Frau.<\/p>\n<p>Doch Oleksij Chartschenko macht Hoffnung: &#8222;Derzeit wird bei\u00a0Telegram ein Chatbot getestet, der in erster Linie f\u00fcr die Kommunikation mit Bewohnern der besetzten Gebiete entwickelt wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Dem Leiter der Regionalverwaltung zufolge gibt es in sozialen Netzwerken au\u00dferdem viele Klagen \u00fcber einen Mangel an \u00c4rzten, selbst in den St\u00e4dten. Einmal im Jahr w\u00fcrde eine Gruppe von \u00c4rzten aus den russischen St\u00e4dten Krasnodar, St. Petersburg und Moskau nach Nowoajdar kommen, erz\u00e4hlt Oksana.<\/p>\n<p>&#8222;Sie betreuen einen Monat lang einen bestimmten Bezirk und danach muss man sich wieder an die Mediziner vor Ort wenden, aber wenn man zur Poliklinik kommt, hei\u00dft es, es sei kein Arzt da. Es bleibt einem nichts anderes \u00fcbrig, als sich Geld zu leihen und Privat\u00e4rzte aufzusuchen&#8220;, beschwert sich die Frau. Au\u00dferdem w\u00fcrden die Kliniken keine Patienten ohne russischen Pass behandeln, f\u00fcgt Oksana hinzu.<\/p>\n<p>Angst vor Beschlagnahmung\u00a0von Wohnraum<\/p>\n<p>Oleksij Chartschenko weist darauf hin, dass seit Anfang dieses Jahres Bewohner der besetzten Gebiete, die keine <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/toxischer-pass-russische-staatsb\u00fcrgerschaft-immer-weniger-attraktiv\/a-68255910\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">russische Staatsb\u00fcrgerschaft<\/a> angenommen haben, f\u00fcr Russland als Ausl\u00e4nder oder Staatenlose gelten. &#8222;Somit werden ihnen alle Sozialleistungen und Verg\u00fcnstigungen sowie das Recht auf medizinische Versorgung vorenthalten&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"72964118\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/72964118_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Eine \u00e4ltere Frau geht in Luhansk an einer Plakatwand mit dem Bild eines russischen Passes vorbei (2022)\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Werbung f\u00fcr einen russischen Pass auf einer Plakatwand in Luhansk (2022)Bild: AP Photo\/picture alliance<\/p>\n<p>Der Erwerb der russischen Staatsb\u00fcrgerschaft geht jedoch auch mit einer Wehrpflicht einher. &#8222;Als klar wurde, dass die meisten Menschen versuchen, einen russischen Pass zu meiden, nicht zuletzt, um einer Einberufung\u00a0zu entgehen, f\u00fchrten die Besatzer immer mehr Beschr\u00e4nkungen ein. Sie schaffen solche Bedingungen, um\u00a0die Menschen dazu zu zwingen, einen russischen Pass anzunehmen&#8220;, erl\u00e4utert Chartschenko.<\/p>\n<p>Ihm zufolge haben die Besatzungsbeh\u00f6rden beispielsweise im M\u00e4rz begonnen, Wohnungen und H\u00e4user von Menschen zu beschlagnahmen, die die Region Luhansk verlassen haben. &#8222;Gem\u00e4\u00df den russischen Gesetzen wird Wohnraum, der inventarisiert und als &#8217;niemandem geh\u00f6rend&#8216; deklariert wird, von Gerichten in kommunales Eigentum \u00fcberf\u00fchrt&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p>Damit ihr nicht auch so etwas passiert, musste Oksana aus Nowoajdar russische Papiere f\u00fcr ihr Haus besorgen. Laut Chartschenko sind die neuen Vorschriften ein weiteres Mittel, die Menschen in den besetzten Gebieten, die eine russische Staatsb\u00fcrgerschaft ablehnen, unter Druck zu setzen. Nur um ihre Immobilien zu retten, w\u00fcrden manche Menschen sogar in die besetzten Gebiete zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Laut einem Erlass des russischen Pr\u00e4sidenten <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/wladimir-putin\/t-17289915\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wladimir Putin<\/a> m\u00fcssen alle Menschen, die keine russische Staatsb\u00fcrgerschaft besitzen, die besetzten Gebiete bis zum 10. September verlassen. Oksana will aber in Nowoajdar bleiben und schauen, was passiert.<\/p>\n<p>&#8222;Warum sollte ich bettelnd irgendwohin gehen, wenn ich hier alles habe? Wir warten darauf, dass alles so wird wie fr\u00fcher. Die meisten Menschen hier leben mit dieser Einstellung&#8220;, sagt die Frau.<\/p>\n<p>Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Man sagt uns, Russland h\u00e4tte viel f\u00fcr uns getan. Aber ich sp\u00fcre nur, dass ich nicht genug Geld&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":331527,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,13,14,15,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-331526","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-russia","14":"tag-russian-federation","15":"tag-russische-foederation","16":"tag-russland","17":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114999366304267568","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=331526"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331526\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/331527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=331526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=331526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=331526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}