{"id":331742,"date":"2025-08-09T16:46:09","date_gmt":"2025-08-09T16:46:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/331742\/"},"modified":"2025-08-09T16:46:09","modified_gmt":"2025-08-09T16:46:09","slug":"ein-neues-leben-in-muenchen-wie-sally-hattab-als-syrische-gefluechtete-zur-integrationsberaterin-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/331742\/","title":{"rendered":"Ein neues Leben in M\u00fcnchen: Wie Sally Hattab als syrische Gefl\u00fcchtete zur Integrationsberaterin wurde"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Sally Hattab an den schwersten Moment ihrer Flucht denkt, schie\u00dfen der zierlichen Frau die Tr\u00e4nen in die hellbraunen Augen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Das war der Abschied von meiner Familie, der Moment, als ich die T\u00fcr meiner Wohnung in Aleppo zugemacht habe und wusste: Ich lasse alles zur\u00fcck&#8220;, sagt die 33-J\u00e4hrige an ihrem Schreibtisch in der M\u00fcnchner Anker-Dependance an der Gerty-Spies-Stra\u00dfe.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Von Aleppo nach M\u00fcnchen: Eine Entscheidung zwischen Leben und Tod<\/p>\n<p>Die Mutter zweier T\u00f6chter ber\u00e4t heute als Angestellte der Diakonie M\u00fcnchen und Oberbayern Gefl\u00fcchtete, wie sie vor zehn Jahren selbst eine war.<\/p>\n<p>Diese Aufgabe, sagt die studierte Juristin, verbinde ihre pers\u00f6nliche Lebensgeschichte &#8222;wie eine Br\u00fccke&#8220; mit dem Dank an die M\u00fcnchner Gesellschaft, die ihr l\u00e4ngst zur zweiten Heimat geworden ist.<\/p>\n<p>September 2015: M\u00fcnchens Moment der Willkommenskultur<\/p>\n<p>Zum zehnten Mal j\u00e4hren sich im September die Tage, die der bayerischen Landeshauptstadt das Pr\u00e4dikat &#8222;Willkommenskultur&#8220; verliehen und sie damit in die internationalen Medien katapultierten. Knapp 67.000 ersch\u00f6pfte Fl\u00fcchtlinge, vor allem aus dem kriegsgesch\u00fcttelten Syrien, erreichten zwischen 5. und 14. September den M\u00fcnchner Hauptbahnhof.<\/p>\n<p>Hunderte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer organisierten, Hand in Hand mit Polizei und Beh\u00f6rden, ihr Ankommen, verteilten Lebensmittel, Kleidung, Stofftiere, organisierten Dolmetscher, lotsten die Menschen zu den Ankunftszentren. Aus dem Chaos erwuchs eine Solidarit\u00e4t, die Sally Hattab noch heute beeindruckt:<\/p>\n<p>&#8222;Es gab so viel Unterst\u00fctzung und Geduld, die Menschen f\u00fchlten sich sehr willkommen&#8220;, sagt sie, dezenter Lippenstift, Sonnenbrille in den dunklen langen Haaren, in dem kahlen Containerb\u00fcro der st\u00e4dtischen Fl\u00fcchtlingsunterkunft.<\/p>\n<p>Erste Schritte in Deutschland: Sprachkurse, Praktikum, Wohnungssuche<\/p>\n<p>Sie selbst wagte, gerade mal 23 Jahre alt, die Flucht zusammen mit ihrem Mann zwei Monate sp\u00e4ter.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Ich bin nicht freiwillig gegangen, aber wir hatten keine andere Wahl&#8220;, sagt sie mit ernstem Blick.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Sie hatte ihr Jurastudium gerade abgeschlossen, ihr Mann &#8211; bereits als Anwalt t\u00e4tig &#8211; h\u00e4tte zum Milit\u00e4r gemusst, um &#8222;ein diktatorisches Regime zu unterst\u00fctzen, gegen unsere eigenen Leute&#8220;, erinnert sich Hattab. F\u00fcr das damals noch kinderlose Paar, das der Krieg nach Aleppo getrieben hatte, undenkbar.<\/p>\n<p>Doch auf Dienstverweigerung standen Haft oder Tod. So folgten Sally und Ayman dem Beispiel zahlreicher Freunde und Bekannte und verlie\u00dfen im November 2025 ihre Heimat Richtung Deutschland.<\/p>\n<p>Beratung auf Augenh\u00f6he: Hattab hilft heute anderen Gefl\u00fcchteten<\/p>\n<p>Beim Gedanken an das gef\u00e4hrlichste St\u00fcck der Reise, der n\u00e4chtlichen \u00dcberfahrt im Schlauchboot vom t\u00fcrkischen Izmir auf die griechische Insel Lesbos, schaudert Hattab noch heute:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Ich konnte damals nicht schwimmen&#8220;, sagt sie, das Boot war voll besetzt, und keiner der Schleuser stieg mit ein.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&#8222;Einer der Insassen wurde bestimmt, das Boot zu steuern&#8220;, erinnert sie sich. Die Hattabs hatten Gl\u00fcck: Ein Fl\u00fcchtling aus der syrischen K\u00fcstenstadt Latakia, mit dem Meer vertraut, \u00fcbernahm die Verantwortung.<\/p>\n<p>Integration gegl\u00fcckt: Arbeit, Familie, Staatsb\u00fcrgerschaft<\/p>\n<p>Von Griechenland aus ging es dann in Bussen von Hilfsorganisationen bis nach M\u00fcnchen. Dort verbrachte das Paar eine Woche im Ankunftszentrum, danach zwei Monate in der Erstaufnahme, anschlie\u00dfend neun Monate in einer Gemeinschaftsunterkunft. Sallys Albtraum, in der Fremde mit Nichts dazustehen, wich einer zaghaften Zuversicht:<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe gesehen: Doch, es geht.&#8220; Sie lernten Deutsch, Ayman absolvierte ein Praktikum, der Arbeitgeber half bei der Wohnungssuche &#8211; nach einem knappen Jahr hatten sie ihren Aufenthaltsstatus und eine eigene Bleibe. 2017 und 2020 kamen die Kinder zur Welt, Sally nahm eine Stelle in einem Kindergarten an, lie\u00df ihren Abschluss in Jura anerkennen, machte Fortbildungen und arbeitet seit nunmehr drei Jahren in der Fl\u00fcchtlingsberatung bei der Diakonie.<\/p>\n<p>Ihr Mann ist beim Kreisverwaltungsreferat angestellt, beide haben die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft, die T\u00f6chter sind echte M\u00fcnchner Kindl.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;So wie wir sind heute viele der Gefl\u00fcchteten von damals Teil der deutschen Gesellschaft &#8211; die Entscheidung war f\u00fcr uns richtig, und f\u00fcr Deutschland auch&#8220;, sagt Hattab.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Schattenseiten der Asylpolitik: Sorge um Familie und R\u00fcckkehrdebatte<\/p>\n<p>Einziger Wermutstropfen: Ihre kleine Schwester und den Bruder hat Sally Hattab seit zehn Jahren nicht umarmt.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Ich hatte zweimal gebucht und zweimal wieder storniert&#8220;, erz\u00e4hlt sie &#8211; zu unsicher erschien ihr die Lage in ihrer alten Heimat auch nach dem Sturz des Assad-Regimes.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dass trotzdem in Deutschland viele die Chance witterten, nun m\u00f6glichst viele Syrer zur\u00fcckzuschicken, sei f\u00fcr ihre gefl\u00fcchteten Landsleute schwer auszuhalten: &#8222;Sie arbeiten jetzt hier, ihre Kinder gehen hier zur Schule, und ihre Wohnungen in Syrien sind alle kaputt &#8211; wo sollen sie hin?&#8220;<\/p>\n<p>Auch den Wandel in der deutschen Migrationspolitik sieht sie mit gemischten Gef\u00fchlen: Dass manches strenger gehandhabt werde, sei in Ordnung &#8211; wenngleich sie die Aussetzung des Familiennachzugs als &#8222;sehr hart&#8220; empfindet, vor allem f\u00fcr die Kinder. Doch was ihr heute fehlt, sind Geduld und Mitmenschlichkeit:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Gefl\u00fcchtete brauchen Zeit, jemanden der an sie glaubt und ihnen Chancen gew\u00e4hrt.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Niemand k\u00f6nne sich unter permanentem Druck in einem neuen Land zurechtfinden, studieren und arbeiten.<\/p>\n<p>Was von der Willkommenskultur geblieben ist<\/p>\n<p>Wenn Sally Hattab an den Herbst 2015 denkt, leuchten ihre Augen auf: &#8222;Deutschland war ein Hoffnungsland, viele haben uns geholfen, mit Herz, Geduld und Respekt.&#8220; Niemand verlasse freiwillig seine Heimat, aber Kriege lie\u00dfen vielen Menschen keine andere Wahl.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Bei Krieg muss man immer helfen, egal wie&#8220;, sagt die junge Frau entschieden.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Negative Seiten von Zuwanderung gebe es, aber viel seltener als die gelungenen Beispiele. &#8222;Wo es Beratung gibt und gute Strukturen, machen die Leute mit &#8211; und geben es zur\u00fcck, wenn sie Fu\u00df gefasst haben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ein Neuanfang ist m\u00f6glich&#8220; \u2013 und lohnt sich<\/p>\n<p>An ihrem Arbeitsplatz, in der Anker-Dependance an der Gerty-Spies-Stra\u00dfe, sind derzeit nur ukrainische Gefl\u00fcchtete untergebracht. Und obwohl sie deren Sprache nicht spricht, sagt Sally Hattab: &#8222;Ich verstehe sie sehr gut &#8211; wir haben die gleiche Geschichte.&#8220;<\/p>\n<p>Sie kennt die \u00c4ngste, die Zukunftssorgen, die Ungewissheit aus eigenem Erleben. Dem allen begegnet die kleine Frau mit einem gro\u00dfen Herzen voll Mut, Hoffnung und der Erfahrung: &#8222;Ein Neuanfang ist m\u00f6glich.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn Sally Hattab an den schwersten Moment ihrer Flucht denkt, schie\u00dfen der zierlichen Frau die Tr\u00e4nen in die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":331743,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[3274,772,29,9485,30,5508,1268,14,15,575,9486],"class_list":{"0":"post-331742","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-kirche","9":"tag-bayern","10":"tag-deutschland","11":"tag-evangelisch","12":"tag-germany","13":"tag-journalismus","14":"tag-muenchen","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-religion","18":"tag-sonntagsblatt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114999826125731553","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331742","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=331742"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331742\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/331743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=331742"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=331742"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=331742"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}