{"id":332065,"date":"2025-08-09T19:40:12","date_gmt":"2025-08-09T19:40:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/332065\/"},"modified":"2025-08-09T19:40:12","modified_gmt":"2025-08-09T19:40:12","slug":"katharina-hagena-ueber-das-schreiben-man-erreicht-menschen-ueber-schicksale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/332065\/","title":{"rendered":"Katharina Hagena \u00fcber das Schreiben: \u201eMan erreicht Menschen \u00fcber Schicksale\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">\n        Mit ihrem ersten Roman hat Katharina Hagena gleich einen Bestseller geschrieben. \u201eDer Geschmack von Apfelkernen\u201c, erschienen im Jahr 2008, wurde in \u00fcber 20 Sprachen \u00fcbersetzt und mit Hannah Herzsprung in der Hauptrolle verfilmt. Schon in diesem Buch hat Hagena die Themen gefunden, die sie immer wieder aufgreift: Erinnern und Vergessen, Erz\u00e4hlungen in Familien <a href=\"https:\/\/taz.de\/Wagt-zu-sagen-was-ihr-Apfel-nennt\/!5543781\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">und genaue Beschreibungen der Natur<\/a>, in der die Protagonisten sich bewegen. Das k\u00f6nnen G\u00e4rten sein, Urw\u00e4lder, Flussufer oder das Meer. Die Natur wahrnehmen und beschreiben sei, sagt sie, in Zeiten der Klimakrise politisches Engagement.\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">\n        <strong>taz: Frau Hagena, in Ihren B\u00fcchern spielen Frauen die zentralen Rollen. Zu Ihren Lesungen kommen mehr Frauen als M\u00e4nner. Wenn man Sie allerdings fragt, ob Sie Frauenliteratur schreiben, \u00e4rgern Sie sich sehr. Warum?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-3\" pos=\"3\"><strong>Katharina Hagena:<\/strong> Frauenliteratur, was soll das sein? Und wenn M\u00e4nner etwas schreiben, ist es dann Weltliteratur? Ich werde das inzwischen nur noch sehr selten gefragt. Aber manchmal schwingt in Kritiken oder Interviews mit, in meinen B\u00fcchern gehe es ja nur ums Private, um Frauen, um Natur, und all das sei unpolitisch, privatistisch, und dann ist diese Schublade doch wieder da. Ich denke, man erreicht mehr Menschen auch politisch, indem man ihnen einzelne Schicksale nahebringt. Gesellschaftliche Fragen lassen sich so vielleicht sogar besser beschreiben als in einem verallgemeinernden Text.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"4\">\n        <strong>taz: In Ihrem neuen Roman \u201eFlusslinien\u201c erz\u00e4hlen Sie von der 102-j\u00e4hrigen Margrit, die in einer Hamburger Seniorenresidenz lebt, ihrer Enkelin, die T\u00e4towierk\u00fcnstlerin werden m\u00f6chte, und dem jungen Mann Arthur, der Margrit jeden Morgen in den R\u00f6mischen Garten an der Elbe f\u00e4hrt. Welche gesellschaftlichen Fragen verhandeln Sie hier?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"5\"><strong>Hagena:<\/strong> Es geht um die Selbsterm\u00e4chtigung von Frauen und auch um Gewalt gegen Frauen, das wirft f\u00fcr mich gro\u00dfe gesellschaftliche Fragen auf. Wer erf\u00e4hrt wann Solidarit\u00e4t? Au\u00dferdem geht es im Buch ums Altern. Wie kann ich mich dem Alter n\u00e4hern? Wie m\u00f6chte ich im Alter leben? Wie m\u00f6chte ich sterben? Auch das sind hochpolitische Fragen. Ich schreibe B\u00fccher, weil ich Fragen habe, weil ich Dinge klarer kriegen will, und nicht, weil ich glaube, Antworten zu haben.<\/p>\n<p>\nIm Interview:\u00a0Katharina Hagena\n<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\">\n              <strong>Die Autorin<\/strong>\n            <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph\">Katharina Hagena, 47, ist Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. Ihren Doktortitel erwarb sie mit einer Arbeit \u00fcber James Joyce\u2019 \u201eUlysses\u201c. 2008 ver\u00f6ffentlichte sie ihren Deb\u00fctroman \u201eDer Geschmack von Apfelkernen\u201c und hatte damit weltweiten Erfolg. Hagena lebt mit ihrer Familie in Hamburg.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph\">\n              <strong>Das neue Buch<\/strong>\n            <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\">In \u201eFlusslinien\u201c erz\u00e4hlt Hagena die Geschichte der 102-j\u00e4hrigen Margrit, ihrer Enkelin Luzie und die von Margrits Fahrer Arthur, der sie jeden Tag in den R\u00f6mischen Garten in Blankenese bringt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">\n        <strong>taz: Sie haben mal in einem Interview gesagt, Au\u00adto\u00adr:in\u00adnen m\u00fcssten sich h\u00fcten, die Figuren in den eigenen B\u00fcchern Sachen sagen zu lassen, die sie selbst schon immer mal sagen wollten.<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\"><strong>Hagena:<\/strong> Oh ja, ganz wichtig. Was man schon immer mal \u00fcber SUV-Fahrer sagen wollte oder so was, pers\u00f6nliche Ressentiments oder Vorlieben, die d\u00fcrfen nicht rein, und wenn sie drin sind, m\u00fcssen sie wieder raus. Die L\u00f6schtaste ist wichtig. Das ist etwas anderes, als wenn ich \u00fcber etwas schreibe, das mich angeht oder \u00fcber das ich nachdenke. Ich habe den Anspruch, dass meine B\u00fccher Fragen stellen \u00fcber Dinge, mit denen ich mich gerade sehr intensiv besch\u00e4ftige, und ich will, dass im Laufe meines Lebens die Fragen besser werden, genauer. Ich hege Misstrauen gegen\u00fcber B\u00fcchern, die mir viel erkl\u00e4ren wollen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"8\">\n        <strong>taz: Warum wollen Sie dann, dass Ihre B\u00fccher als politisch wahrgenommen werden?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"9\"><strong>Hagena:<\/strong> Weil sie politisch sind. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie sich hundertprozentig mit dem befassen, was im Augenblick wichtig ist. F\u00fcr mich muss ein Buch l\u00e4nger halten. Ich w\u00fcrde meine B\u00fccher nicht als aktivistisch bezeichnen, aber sie befassen sich trotzdem unter anderem mit Frauen in der Gesellschaft, mit Gewalt gegen Menschen und Natur, mit Krieg, Genera\u00adtionskonflikten oder, wie in \u201eFlusslinien\u201c, mit der Elbvertiefung. Ich selbst bin au\u00dferdem im Nabu und habe ab Herbst \u00adeinen Naturf\u00fchrerinnenkurs belegt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"10\">\n        <strong>taz: Beim Naturschutzbund? Dann sind Sie doch eine Umweltaktivistin!<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"11\"><strong>Hagena:<\/strong> Na ja, ich bin trotzdem keine Schriftstellerin, die sich mit einer wehenden Fahne auf ein Kernkraftwerk stellt. Ich bin auch keine Freundin offener Briefe, die kriegen zu schnell etwas Selbstgerechtes und erm\u00fcdend Plakatives. Das interessiert mich nicht. Aber nat\u00fcrlich bin ich trotzdem <a href=\"https:\/\/taz.de\/Deutscher-PEN-spaltet-sich\/!5856713\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">im Schriftstellerverband PEN Berlin<\/a> \u2013 aus Solidarit\u00e4t mit all den Kolleginnen und Kollegen weltweit, die nicht so frei schreiben k\u00f6nnen wie wir hier.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"12\">\n        <strong>taz: Wenn man sich in der \u00f6ffentlichen Debatte durchsetzen will, muss man aber schon auch plakativ sein.<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"13\"><strong>Hagena:<\/strong> Ja sicher, plakativ ist schnell verst\u00e4ndlich, klingt nach einfacher Umsetzbarkeit, sch\u00fcrt Emotionen. Aber wird es der Komplexit\u00e4t unserer Wirklichkeit gerecht? In meinen B\u00fcchern m\u00f6chte ich eher ein Bewusstsein schaffen f\u00fcr die Konflikte, mit denen wir uns auseinandersetzen m\u00fcssen. Ich zeige, warum eine Figur so handelt, wie sie handelt. Ich glaube, dass unterschiedliche Meinungen nebeneinander existieren k\u00f6nnen. F\u00fcr viele, auch f\u00fcr mich, ist es im Moment schwer auszuhalten, dass Leute wom\u00f6glich eine andere Meinung haben als man selbst und dabei trotzdem recht haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/!112039\/#matomo:pk_campaign=standard_wot-only&amp;pk_source=Online&amp;pk_medium=taz.de&amp;pk_kwd=textbox-wot-texte\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/wochentaz-kennzeichen-3zu2-klein-1.png\" loading=\"lazy\" height=\"363\" type=\"image\/png\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>wochentaz<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">Dieser Text stammt aus der <strong>wochentaz<\/strong>. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist \u2013 und wie sie sein k\u00f6nnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und <a href=\"https:\/\/taz.de\/!112039\/#matomo:pk_campaign=standard_wot-only&amp;pk_source=Online&amp;pk_medium=taz.de&amp;pk_kwd=textbox-wot-texte\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">nat\u00fcrlich im Abo<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"14\">\n        <strong>taz: Ich muss noch mal kurz auf den Nabu zur\u00fcckkommen: Wie kommen Sie darauf, eine Naturf\u00fchrerausbildung zu machen?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"15\"><strong>Hagena:<\/strong> Na, ich wohne in Hamburg, ich bin jeden Tag an der Elbe, ich liebe diesen Fluss. Ich habe mich schon immer viel mit V\u00f6geln, Kr\u00f6ten und B\u00e4umen besch\u00e4ftigt. Bei den Recherchen zu meinem letzten Buch, \u201eDas Ger\u00e4usch des Lichts\u201c, habe ich mich \u00fcber zwei Jahre lang mit Moos besch\u00e4ftigt. Ich glaube, ich wei\u00df jetzt wirklich sehr viel \u00fcber Moos, wie Moos lebt, was im Moos lebt. Jetzt m\u00f6chte ich gerne mehr wissen \u00fcber die Landschaft hier und wie man sie sch\u00fctzt. Deshalb m\u00f6chte ich gerne Ranger werden und daf\u00fcr eine Ausbildung machen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"16\">\n        <strong>taz: Wobei ich beim Lesen von \u201eFluss\u00adlinien\u201c den Eindruck hatte, dass Sie zumindest von Kr\u00f6tentunneln nicht so viel halten. Bei Nabu-Rangern denkt man ja irgendwie immer an Kr\u00f6tentunnel.<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"17\"><strong>Hagena:<\/strong> Ich habe auf meinen t\u00e4glichen Wanderungen an der Elbe dieses Jahr leider sehr, sehr viele platt gefahrene Kr\u00f6ten gesehen und bin mir nicht ganz sicher, ob diese Kr\u00f6tentunnel funktioniert haben. Vielleicht wurde der Kr\u00f6tentunnel da, wo ich immer entlanggehe, auch zu sp\u00e4t er\u00f6ffnet. Als er fertig war, war die Kr\u00f6tenwanderung eigentlich schon vorbei. Und an Pfingsten h\u00fcpften die ersten Babykr\u00f6ten schon wieder zur\u00fcck, und ich habe mich gefragt, wie sie \u00fcber den Tunnel zur\u00fcck auf den Hang kommen. Jedenfalls habe ich mir dieses Jahr sehr viele Sorgen um die Kr\u00f6ten gemacht. Und deshalb muss ich jetzt diese Ausbildung machen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"18\">\n        <strong>taz: Ist Schreiben \u00fcber Kr\u00f6tentunnel politisch?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"19\"><strong>Hagena:<\/strong> Sprechen \u00fcber Natur ist im 21. Jahrhundert immer politisch. Bertolt Brecht hat in einem Gedicht gesagt, nur das Entsetzen \u00fcber die Reden des Anstreichers dr\u00e4nge ihn zum Schreibtisch, die Begeisterung \u00fcber den bl\u00fchenden Apfelbaum nicht. Heute ist es aber auch <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nature-Writing-Festival-in-Hamburg\/!6092824\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">das Entsetzen \u00fcber den sterbenden Schwarzwald oder Harz, der uns zum Schreibtisch dr\u00e4ngt<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"20\">\n        <strong>taz: Das ist nur in einem bestimmten Milieu so, oder?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"21\"><strong>Hagena:<\/strong> Nein, das denke ich nicht. Warum sollten sich Menschen au\u00dferhalb unserer Wohlstandsblase keine Sorgen um die Natur machen? Aller Besitz ist nichts wert, wenn es keinen Ort mehr gibt, wo wir gut leben k\u00f6nnen. Es ist heute kein eskapistischer Akt mehr, ein Gedicht \u00fcber einen Baum zu schreiben. Die Krise der Natur verlangt, dass wir sie uns genau ansehen, das ist keine Flucht aus der Wirklichkeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"22\">\n        <strong>taz: Welchen Text oder Roman haben Sie zuletzt weggelegt und gedacht: \u201eLass mich in Ruhe, ich will nicht agitiert werden\u201c?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"23\"><strong>Hagena:<\/strong> Leider lese ich B\u00fccher zwanghaft zu Ende. Au\u00dferdem will ich keine Kollegenschelte betreiben. Aber wenn ich zum Beispiel einen emp\u00f6rten Roman \u00fcber ein brandaktuelles Thema lese, dann denke ich: Ja, das ist wichtig, aber ein ausf\u00fchrlicher Zeitungsartikel h\u00e4tte es f\u00fcr mich auch getan. Romane haben ja eine l\u00e4ngere Halbwertszeit und m\u00fcssen f\u00fcr mich die existenziellen Dinge von Tod und Liebe und auch moralische oder ethische Fragen verhandeln \u2013 und zwar in ihrer Vielschichtigkeit und vor allem in ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit. Na ja, vielleicht mag ich einfach keine Lehrst\u00fccke.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"24\">\n        <strong>taz: K\u00f6nnen Sie denn \u00fcberhaupt noch entspannt und genussvoll einen Roman lesen, ohne dar\u00fcber nachzudenken, wie Sie ihn geschrieben h\u00e4tten oder wie Sie das Thema angegangen w\u00e4ren?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"25\"><strong>Hagena:<\/strong> Ja, unbedingt. Ich kann mich gut auf andere Stimmen einlassen, so, wie ich mich auch auf andere Menschen einlassen kann. Nat\u00fcrlich sehe ich als Profi-Leserin, ob etwas handwerklich gut ist. Und ich sehe nat\u00fcrlich auch manchmal Hilflosigkeit oder wirklich Schlechtes, genau wie alle anderen Leserinnen, die sich intensiv mit Literatur oder mit Sprache befassen. Es gibt manchmal auch B\u00fccher, bei denen ich denke: Mist, warum habe ich das nicht geschrieben. Oder bei bestimmten Figuren: Ach, die h\u00e4tte ich mir gern selbst ausgedacht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-29\" pos=\"26\">\n        <strong>taz: Lesen Sie Romane von vorne bis hinten? Oder gucken Sie auch manchmal, wie es ausgeht?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-30\" pos=\"27\"><strong>Hagena:<\/strong> Es kann schon sein, dass ich mal aufs Ende schiele. Aber ich lese das Buch dann trotzdem noch durch. Ich f\u00fcrchte mich bisweilen vor \u00fcberraschenden und traurigen Wendungen. Manchmal, wenn ich schon ahne, dass da noch was kommt, muss ich einmal kurz gucken, um gewappnet zu sein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-32\" pos=\"28\">\n        <strong>taz: Wissen Sie bei Ihren eigenen B\u00fcchern auch immer schon vorher, wie sie enden?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-33\" pos=\"29\"><strong>Hagena:<\/strong> Auf jeden Fall. Es gibt eine Struktur, aber das hei\u00dft nicht, dass ich mich sklavisch daran halte. Die Struktur zu finden ist ein ganz wichtiger und langer und wirklich komplizierter Arbeitsschritt, der erst kommt, nachdem ich meine Recherche abgeschlossen habe. Dann versuche ich, das Muster in meinem angeh\u00e4uften Material zu entdecken. Aber das hei\u00dft nicht, dass jeder Schritt oder jede Aktion jeder Person vorbestimmt w\u00e4re. Ich habe eher so eine grobe Struktur, die aber stellenweise wieder fein sein kann. Doch beim Schreiben passiert auch immer noch ganz viel. Ich brauche den richtigen Anfang, um einen Ton zu finden, und ich brauche ein haltbares Ende. Und dazwischen spanne ich mein Bildernetz.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-34\" pos=\"30\">\n        <strong>taz: Sie schlie\u00dfen die Recherche ab, bevor Sie die Struktur entwickeln? Dann k\u00f6nnen Sie doch gar nicht zielgerichtet recherchieren!<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-35\" pos=\"31\"><strong>Hagena:<\/strong> Muss ich ja auch gar nicht. Ich habe Schaupl\u00e4tze, die mich inspirieren, und Themenkomplexe, die mir unter den Fingern brennen. In \u201eFlusslinien\u201c geht es unter anderem ums T\u00e4towieren, um das Erfinden von Sprachen, um den R\u00f6mischen Garten, einen Park an der Elbe, um die Elbe selbst. Aus meinen Recherchen zu diesen Schaupl\u00e4tzen und Themen entwickeln sich langsam Figuren und Handlungen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-36\" pos=\"32\">\n        <strong>taz: Wie kommen Sie auf die Themen? Neue Sprachen erfinden zum Beispiel?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-37\" pos=\"33\"><strong>Hagena:<\/strong> Das beruht auf einer wahren Geschichte, die ich vor l\u00e4ngerer Zeit mal in einer amerikanischen Zeitung gelesen habe. Da gab es einen Conlang-Erfinder \u2026<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-38\" pos=\"34\">\n        <strong>taz: \u2026 Conlang von Constructed Language, also einer Kunstsprache, wie Elbisch in \u201eHerr der Ringe\u201c \u2026<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-39\" pos=\"35\"><strong>Hagena:<\/strong> \u2026 genau, und diesem Erfinder ist so was \u00c4hnliches passiert wie meinem Arthur in \u201eFlusslinien\u201c. Als ich das las, wusste ich sofort, dar\u00fcber m\u00f6chte ich mal was machen. Meine Roman\u00adfigur Arthur erfindet also Sprachen, und eine seiner Sprachen wird von Rechtsradikalen in einem anderen Land missbraucht. Ein franz\u00f6sischer Kollege hat \u00fcbrigens diese Geschichte auch gerade in einem historischen Roman verarbeitet, das hatten wir vor Jahren mal verabredet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-40\" pos=\"36\">\n        <strong>taz: Arthur f\u00fchlt sich v\u00f6llig falsch verstanden. Fasziniert Sie diese Geschichte, weil das auch eine Urangst von Schrift\u00adstel\u00adle\u00adr:in\u00adnen ist, nicht verstanden zu werden?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-41\" pos=\"37\"><strong>Hagena:<\/strong> Das ist keine Angst, sondern t\u00e4gliche Erfahrung. Das geht gar nicht anders. Wir m\u00fcssen mit dem Medium Sprache versuchen, Realit\u00e4t abzubilden, aber in unserer Realit\u00e4t geschieht alles zur gleichen Zeit und wird von allen Sinnesorganen wahrgenommen. Unsere Sprache ist linear, zumindest unsere indogermanischen Sprachen. Ein Wort folgt auf das andere, ein Buchstabe auf den anderen. Mit der Un\u00adzul\u00e4nglichkeit dieser Linearit\u00e4t m\u00fcssen wir klarkommen. F\u00fcr mich klappt dies am besten durch Bilder, die man so \u00adpr\u00e4zise wie m\u00f6glich beschreibt und auch so frisch wie m\u00f6glich. Blo\u00df keine abgenutzten Phrasen. Als Kurt Tucholsky im \u201eSchloss Gripsholm\u201c seine Seele baumeln lie\u00df, da war das ein neues, sch\u00f6nes Bild. Inzwischen steht es in jedem TUI-Reisekatalog, und mir wird sofort schlecht, wenn ich es h\u00f6re oder lese.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-43\" pos=\"38\">\n        <strong>taz: Wie merken Sie, ob es gut ist, was Sie schreiben?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-44\" pos=\"39\"><strong>Hagena:<\/strong> Es muss sich gut anh\u00f6ren, richtig klingen. Ich habe dann ein Gef\u00fchl, das ich auch beim Singen habe. Wenn ein Ton wirklich gut gegr\u00fcndet ist, wenn man nicht geschummelt hat und wenn man mit Zwerchfell und dem Einsatz der richtigen K\u00f6rperteile gesungen hat, dann f\u00fchlt sich das gut an, nahezu heilsam. Und so ist es beim Schrei\u00adben auch. Wenn man mal einen gegl\u00fcckten Satz hinbekommt, wei\u00df mein K\u00f6rper: Der stimmt. Darum ist f\u00fcr mich auch das laute Lesen ein wichtiger Arbeitsschritt am Manuskript. Ich w\u00fcrde nie ein Buch oder einen Text abgeben, den ich nicht vorher laut gelesen h\u00e4tte. Und es ist wirklich so: Da, wo ich beim Vorlesen stecken bleibe, \u201estimmt\u201c etwas nicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Da muss ich noch mal ran.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-45\" pos=\"40\">\n        <strong>taz: Setzen Sie sich jeden Morgen hin und lesen erst mal das, was Sie am Vortag geschrieben haben, laut vor und redigieren es?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-46\" pos=\"41\"><strong>Hagena:<\/strong> Das darf ich auf keinen Fall machen. Ich w\u00fcrde nie \u00fcber die ersten drei Seiten hinauskommen, sondern mein Leben lang an ihnen feilen. Ich sollte also besser nicht nach hinten gucken \u2013 erst zum Schluss. Ich muss wirklich morgens, wenn alles noch frisch ist, genau da weiterschreiben, wo ich am Tag zuvor aufgeh\u00f6rt habe und dann so lange, wie meine Konzentration reicht. Und am n\u00e4chsten Tag wieder. Wenn ich an einer Stelle nicht weiterkomme, muss ich trotzdem daran weiterarbeiten, dann kann ich das nicht \u00fcberbr\u00fccken oder sagen, ach, jetzt mache ich erst mal alle meine Margrit-Stellen zu Ende. Jeder Satz muss aus dem davor entstehen und jedes Wort aus dem davor. Ich will m\u00f6glichst keine N\u00e4hte und Narben in meinen Texten. Wenn es nicht weitergeht, muss ich das aushalten, so lange, bis es wieder weitergeht. Oder ich muss weit zur\u00fcckgehen und \u00fcberlegen, ob ich mich verrannt habe.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-47\" pos=\"42\">\n        <strong>taz: Wie oft korrigieren Sie einen Text?<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-48\" pos=\"43\"><strong>Hagena:<\/strong> Zu oft. Aber ich glaube, das geht allen so. Erst, wenn wir das Gef\u00fchl haben, dass wir den Text wirklich, wirklich nicht mehr ertragen k\u00f6nnen, dann darf er raus.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-49\" pos=\"44\">\n        <strong>taz: Ich habe einige Ihrer Lesungen erlebt, da hatte ich den Eindruck, Sie lesen gerne aus Ihren Texten.<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-50\" pos=\"45\"><strong>Hagena:<\/strong> Irgendwann geht es wieder. Also, es ist so: Wenn ich einen Roman frisch beendet habe, dann bin ich erst mal stolz und froh. Es gibt so etwas wie eine narzisstische Aura, die diesen Text noch umwabert. Die f\u00e4llt aber leider komplett weg w\u00e4hrend der ganzen Lektorate und Redigate und Korrektorate. Alles, was vorher gegl\u00fcht hat, ist jetzt Asche. Das ist schrecklich. Aber wenn der Text das alles \u00fcberlebt, wenn er zwischen zwei Buchdeckeln liegt, macht er sich unabh\u00e4ngig von meiner Gef\u00fchlslage. Dann ist er in der Welt und geh\u00f6rt den Leserinnen und irgendwie auch sich selbst. Und dann finde ich es sch\u00f6n, ihn vorzulesen, weil ich ihn mir dann f\u00fcr eine Stunde noch mal zur\u00fcckholen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit ihrem ersten Roman hat Katharina Hagena gleich einen Bestseller geschrieben. \u201eDer Geschmack von Apfelkernen\u201c, erschienen im Jahr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":332066,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-332065","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115000510199239360","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/332065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=332065"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/332065\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/332066"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=332065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=332065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=332065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}