{"id":332426,"date":"2025-08-09T23:03:13","date_gmt":"2025-08-09T23:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/332426\/"},"modified":"2025-08-09T23:03:13","modified_gmt":"2025-08-09T23:03:13","slug":"trumps-kalte-anarchie-und-wie-sich-die-eu-dagegen-wehren-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/332426\/","title":{"rendered":"Trumps kalte Anarchie \u2013 und wie sich die EU dagegen wehren kann"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Donald Trumps neue Zolltarife sind gerade in Kraft getreten und Unternehmen beklagen bereits, dass sie selbst ein geringeres Hindernis f\u00fcr den Welthandel seien als Trumps permanente \u00dcberraschungen und seine Taktik, anderen L\u00e4ndern mit Zollschranken zu drohen, um seine Ziele zu erreichen, auch wenn diese gar nichts mit Handel zu tun haben. Brasiliens Zolltarif f\u00fcr Exporte in die USA wird von 10 auf 50 Prozent erh\u00f6ht, weil Trump damit die brasilianische Justiz zwingen will, die Prozesse gegen Ex-Pr\u00e4sident Bolsonaro einzustellen, der wegen eines Putschversuchs angeklagt ist. S\u00fcdafrika wird mit 30 Prozent Zoll belegt, weil es Israel wegen V\u00f6lkermord vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt hat und angeblich selbst einen V\u00f6lkermord gegen wei\u00dfe Farmer ver\u00fcbt, die Trump deshalb als politische Fl\u00fcchtlinge zur Einwanderung in die USA aufgerufen hat. Bisher sind allerdings gerade <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/articles\/crljn5046epo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einmal 59<\/a> gekommen.<\/p>\n<p>Trumps Strategie (ja, es ist eine) ist weder seltsam noch selten. In der EU wird sie st\u00e4ndig angewandt. Regierungen, die sich in einer Sache nicht durchsetzen k\u00f6nnen, blockieren eine sachfremde Entscheidung, um so doch noch ihren Willen durchzusetzen. Gerade droht Ungarn damit, den neuen EU-Finanzrahmen zu blockieren, wenn die Gelder, die die Europ\u00e4ische Kommission von Ungarn wegen der dortigen Rechtsstaatsprobleme zur\u00fcckh\u00e4lt, nicht freigegeben werden. In der Vergangenheit haben Regierungen auch schonmal Entscheidungen blockiert, die nur einstimmig entschieden werden k\u00f6nnen, um damit andere Entscheidungen, bei denen sie mit qualifizierter Mehrheit \u00fcberstimmt worden waren, aufzuhalten.<\/p>\n<p>Wenn es also stimmt, dass Trump von der Leyen mit Konsequenzen f\u00fcr die Nato gedroht hat, obwohl es eigentlich um Handelsfragen ging, hat er nichts anderes getan als viele EU-Regierungen auch. Man nennt das \u201eissue linkage\u201c, das Verkn\u00fcpfen von Entscheidungen in einem Bereich mit Entscheidungen aus einem anderen Bereich.<\/p>\n<p><strong>Trumps gegens\u00e4tzliche Ziele<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Trump verbindet mit seiner Zollpolitik zwei Ziele, die sich gegenseitig widersprechen. Seine Z\u00f6lle sollen Geld in den Staatshaushalt sp\u00fclen, um damit das Haushaltsdefizit zu senken und aus der Schuldenspirale zu kommen, die sich immer schneller dreht. Zu hoch d\u00fcrfen seine Z\u00f6lle also nicht sein. Wenn sie das Zollmaximum (auch Laffer-Maximum genannt, benannt nach dem Wirtschaftswissenschaftler Arthur Laffer) erreichen, gehen Importe und Zolleinnahmen zur\u00fcck und h\u00f6here Tarife f\u00fchren dann zu Mindereinnahmen f\u00fcr den Staat. So gesehen w\u00e4re eine Drohung mit 100-prozentigen Z\u00f6llen f\u00fcr die EU wenig glaubw\u00fcrdig gewesen. Das jetzige Zollniveau wird aber wahrscheinlich Mehreinnahmen generieren. Das hat schon sein 10-Prozent-Zollsatz geschafft, den er der ganzen Welt \u00fcberst\u00fclpte \u2013 die Zolleinnahmen waren diesen Juli um <a href=\"https:\/\/www.ctvnews.ca\/world\/trumps-tariffs\/article\/trumps-tariffs-are-bringing-in-tens-of-billions-of-dollars-a-month-whats-the-government-doing-with-all-that-money\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">242 Prozent h\u00f6her<\/a> als im Juli letzten Jahres.<\/p>\n<p>Problematischer ist das zweite Ziel: Exporteure zu zwingen, in den USA zu produzieren. Das k\u00f6nnen sie aber vermeiden, wenn sie ihre Warenstr\u00f6me in L\u00e4nder mit niedrigeren Zollschranken umlenken. Dann steigen in den USA nur die Preise, aber mehr Investitionen gibt\u2019s nicht. Dar\u00fcber hinaus haben die USA im Moment etwas \u00fcber sieben Millionen Arbeitslose und genauso viele freie Stellen. Ber\u00fccksichtigt man, dass in der Arbeitslosenstatistik eines jeden Landes ungef\u00e4hr zwei Prozent unvermittelbare Arbeitssuchende versteckt sind, leidet die US-Wirtschaft bereits jetzt an Arbeitskr\u00e4ftemangel, den Trump mit seinen Razzien gegen illegale (aber arbeitende) Einwanderer noch weiter versch\u00e4rft. Beginnen Exporteure tats\u00e4chlich damit, in den USA mehr zu investieren, schaffen sie dort Arbeitspl\u00e4tze, f\u00fcr die es keine Arbeitnehmer gibt. Dann steigen L\u00f6hne und Geh\u00e4lter und das <a href=\"https:\/\/thehill.com\/homenews\/administration\/5441188-trump-tariffs-boost-manufacturing-bessent\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verarbeitende Gewerbe,<\/a> die Manufakturen, von denen Trump tr\u00e4umt, entziehen weniger arbeitsintensiven, aber moderneren Sektoren die Arbeitskr\u00e4fte. Noch ein Sieg des Rust-Belt \u00fcber Silicon Valley. Wie man sieht, war der Showdown zwischen Trump und Musk nicht nur eine rein pers\u00f6nliche Angelegenheit.<\/p>\n<p><strong>Mit diesem Deal stimmt etwas nicht<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die EU k\u00f6nne mit von der Leyens Deal zufrieden sein, sagen seine Anh\u00e4nger, denn Trump von einem Zollsatz von 30 Prozent auf 15 Prozent heruntergehandelt zu haben, das sei doch ein Erfolg. Mit diesem Argument stimmt etwas nicht. Erstens sind die 15 Prozent einseitig \u2013 die EU l\u00e4sst US-Produkte k\u00fcnftig zollfrei auf ihren Markt. Zweitens m\u00f6ge man sich vorstellen, Trump h\u00e4tte mit 100 Prozent statt mit 30 Prozent gedroht. Ihn um 85 Prozentpunkte heruntergehandelt zu haben, w\u00e4re demnach ein geradezu gigantischer Erfolg von der Leyens gewesen \u2013 obwohl es das Endergebnis kein bisschen ver\u00e4ndert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Von der Leyen ist zu diesem Endergebnis gekommen, indem sie Trump buchst\u00e4blich das Blaue vom Himmel versprochen hat: riesige Energieeink\u00e4ufe in den USA, f\u00fcr die aber die Mitgliedsstaaten zust\u00e4ndig sind, riesige Investitionen in den USA, f\u00fcr die aber die private Wirtschaft in der EU zust\u00e4ndig ist. Trump verkauft das jetzt zu Hause so, als w\u00e4ren das Direktzahlungen in den US-Haushalt. Von der Leyens Investitionszusagen seien <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/trump-nennt-zugesagte-eu-investitionen-geschenk-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eein Geschenk\u201c<\/a>, damit k\u00f6nne man machen, was man wolle. \u00dcber welchen Zeitraum da investiert und gekauft werden soll, zu welchen Bedingungen \u2013 das alles ist unklar und muss jetzt noch ausverhandelt werden. Das gilt sogar f\u00fcr die Z\u00f6lle, die die EU zahlen und die USA nicht zahlen sollen. Hat von der Leyen vielleicht gar keinen Deal?<\/p>\n<p>Nein, mit der ganzen Sache stimmt etwas nicht \u2013 aber es ist weder das, was seine Verteidiger behaupten, noch das, was seine Kritiker sagen. Sie alle machen den gleichen Fehler wie Trump: Sie gehen davon aus, dass ein \u201eDeal\u201c ein wenigstens f\u00fcr eine begrenzte Zeit stabiles und verl\u00e4ssliches \u00dcbereinkommen und damit eine verl\u00e4ssliche Grundlage f\u00fcr wirtschaftliche Entscheidungen ist.<\/p>\n<p>Aber genau das hat Trump mit seiner Strategie, seine Entscheidungen willk\u00fcrlich zu \u00e4ndern, selbst unberechenbar zu sein und Handelsfragen f\u00fcr \u201eissue linkage\u201c zu verwenden, kaputt gemacht. Ab jetzt wird\u2019s f\u00fcr alle ungem\u00fctlich. Auch f\u00fcr die USA. Auch f\u00fcr Trump, denn nun stellt sich heraus, dass Deals auf internationaler Ebene nicht das sind, was sie innerhalb eines Landes sind. Und dazu hat Trump selbst einen gro\u00dfen Beitrag geleistet.<\/p>\n<p><strong>Warum die EU gar keinen Deal mit den USA hat\u2026<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zeit seines Lebens hat Trump \u201eDeals\u201c gemacht, also verbindliche Vertr\u00e4ge und Abmachungen geschlossen. Wenn ein Gesch\u00e4ftspartner eine Abmachung gebrochen hat, wurde er verklagt. Dann zwang ihn ein Richter, die Abmachung einzuhalten oder Entsch\u00e4digung zu zahlen. Und wenn Trump dagegen verstie\u00df, zwang ein Gericht ihn, sich an die Abmachung zu halten. Das ist der Teil, den Trump gar nicht mag und von dem er sich in den USA weitgehend befreit hat, dank der sehr umfangreichen Immunit\u00e4t, die ihm der von ihm majorisierte Oberste Gerichtshof letztes Jahr zuerkannt hat und dank der Bereitschaft seiner Regierung, unbequeme Gerichtsurteile einfach zu ignorieren. Aber so funktioniert die internationale Politik nicht.<\/p>\n<p>In der internationalen Politik herrscht n\u00e4mlich Anarchie. Da gibt es keine Polizei, keine unabh\u00e4ngige Justiz und keine neutralen Richter, da sind alle so frei und ungebunden wie Trump in den USA. Wenn sich ein gro\u00dfes Land nicht an Abmachungen h\u00e4lt, passiert gar nichts. Wenn sich ein kleines Land nicht daranh\u00e4lt, muss es mit Krieg von Seiten gr\u00f6\u00dferer Nachbarn rechnen \u2013 au\u00dfer es verb\u00fcndet sich mit einem anderen gro\u00dfen Nachbarn oder vielen anderen kleinen, die sich dann gemeinsam verteidigen. Staaten fallen \u00fcbereinander her, der Gro\u00dfe frisst den Kleinen und nur B\u00fcndnisse sorgen f\u00fcr ein (meist kurzfristiges) Gleichgewicht des Friedens.<\/p>\n<p>Diese ziemlich brutale, kalte und darwinische Welt ist gar nicht gut f\u00fcr den Welthandel, denn Kriege st\u00f6ren ihn gewaltig.<\/p>\n<p>Deshalb haben sich von der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts an Regierungen \u00fcberlegt, wie man das \u00e4ndern kann. Eine Weltregierung wollte niemand, sie war damals auch gar nicht in Sicht. Also gr\u00fcndete man erst den V\u00f6lkerbund und dann, nach dessen Scheitern, die UNO und zahlreiche andere internationale Organisationen, denen allen eines vorschwebt: Regeln aufzustellen, mit denen Krieg unwahrscheinlicher und Handel einfacher wird. <\/p>\n<p>Diese Regeln machen Krieg nicht unm\u00f6glich und belasten den Handel oft mit zus\u00e4tzlicher B\u00fcrokratie \u2013 aber sie machen die internationale Politik auch berechenbarer und sorgen daf\u00fcr, dass beim Handel alle \u00e4hnliche Bedingungen vorfinden, ein \u201elevel playing field\u201c, wie \u00d6konomen sagen. In der UNO verpflichten sich Staaten, auf Gewalt gegen andere zu verzichten (au\u00dfer zur Verteidigung), in der WTO verpflichten sie sich zu bestimmten Standards beim Handel und dazu, bestimmte Prozeduren einzuhalten und in Konfliktf\u00e4llen nicht gleich Vergeltung zu \u00fcben, sondern erst einmal die Vermittlung zu bem\u00fchen und eines der gerichtsartigen \u201ePanels\u201c der Welthandelsorganisation anzurufen. Verst\u00f6\u00dfe gegen bilaterale Vertr\u00e4ge sollen vor dem Internationalen Gerichtshof entschieden werden und nicht auf dem Schlachtfeld oder durch Handelskriege. Und wenn es hart auf hart kommt, entscheidet der UNO-Sicherheitsrat \u00fcber Krieg und Frieden.<\/p>\n<p>Nichts davon hat f\u00fcr Donald Trump irgendeinen besonderen Wert. Er zieht sich aus einer internationalen Konferenz (z. B. \u00fcber Klima und Plastik) zur\u00fcck oder sabotiert die Schlussfolgerungen, zahlt in die UNO nur soviel ein, wie notwendig ist, um sein Stimmrecht zu behalten, droht mit Krieg und Annexionen, obwohl die UNO-Charta das verbietet und zerschl\u00e4gt selbst die von den USA mitgegr\u00fcndete nordamerikanische Freihandelszone. <\/p>\n<p>Das hat seine innere Logik: F\u00fcr eine Supermacht, die keine Verb\u00fcndeten braucht und sich selbst gegen jeden anderen wehren kann, ist eine anarchische Welt ohne Regeln kein Horrorszenario. Die Gro\u00dfen kommen darin ganz gut zurecht, solange sich nicht zwei oder drei andere Gro\u00dfe gegen einen von ihnen verb\u00fcnden. Multilateralismus ist etwas f\u00fcr Kleine, Schwache und Staaten, die kein Geld f\u00fcr ihre Verteidigung ausgeben wollen oder glauben, alle Menschen k\u00f6nnten \u00fcber Nacht Br\u00fcder und Schwestern werden und aufh\u00f6ren, \u00fcbereinander herzufallen. Das ist etwas f\u00fcr Idealisten, aber nicht f\u00fcr Realisten. Deshalb nannten sich die Anh\u00e4nger dieser kalten Trump-Welt schon lange vor Trumps erster Amtszeit \u201eRealisten\u201c und die Anh\u00e4nger des Multilateralismus \u201eIdealisten\u201c. Das sind die zwei wichtigsten, miteinander rivalisierenden Schulen der Internationalen Beziehungen. Dass auch in eigentlich idealistischen Konzepten eine Menge Realismus steckt, zeigt die EU: Sie hat Europa eine historisch ungew\u00f6hnlich lange Friedenszeit verschafft, indem sie ihre Mitglieder daran hinderte, gegeneinander Krieg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Paradoxe an Trumps Denken beruht darin, dass er drauf und dran ist, dem Multilateralismus den Garaus zu machen, aber immer noch daran glaubt, dass Abmachungen zwischen Regierungen wie innerstaatliche \u201eDeals\u201c funktionieren. Dabei gibt es in den internationalen Beziehungen nichts, was Staaten dazu zwingen k\u00f6nnte, Abmachungen einzuhalten. Das Wenige, was die Kosten f\u00fcr abtr\u00fcnnige Staaten in die H\u00f6he treibt und Vertragsverletzungen berechenbarer macht, ignoriert Trump ja stets. Welchen Wert haben Abmachungen also k\u00fcnftig \u00fcberhaupt noch? Nur soviel, wie ein m\u00e4chtiger Staat, ein Hegemon, in der Lage ist, mit Gewalt durchzusetzen. Das k\u00f6nnen die USA dank ihrer milit\u00e4rischen Macht. Im Welthandel ist das nicht so. Betrachtet man den Anteil am globalen Handel, stehen die USA auf Platz drei der Weltrangliste, nach der EU und China. Die kann Trump nicht zwingen, in Handelsfragen Konzessionen zu machen. Sie k\u00f6nnen sich revanchieren; dann verlieren wieder alle, aber die USA mehr als die anderen. Was also verleitet Trump dazu, zu glauben, ein Abkommen mit der EU werde Bestand haben?<\/p>\n<p>Paradoxerweise ist daran nicht nur seine Illusion Schuld, er bewege sich auf der Weltb\u00fchne wie auf dem US-Real-Estate-Markt. Auch seine Gegner (fr\u00fcher sagte man Handelspartner) in Europa best\u00e4tigen ihn in diesem Glauben \u2013 obwohl es daf\u00fcr keinen Anlass gibt. Ursula von der Leyen, ihre EU-Kommissare, unsere Unternehmer und Politiker \u2013 sie alle glauben fest an die Best\u00e4ndigkeit von internationalen Abmachungen, weil sie (die Politiker) entweder Multilateralisten sind oder sie (die Unternehmer) sich keinen Markt vorstellen k\u00f6nnen, auf dem keiner f\u00fcr die Einhaltung der Regeln und das \u201elevel playing field\u201c sorgt.<\/p>\n<p>Genau das ist der Fehler.<\/p>\n<p><strong>Anarchie ist machbar \u2013 aber nicht angenehm<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In den kommenden Wochen werden die Unterh\u00e4ndler auf beiden Seiten des Atlantiks mit gro\u00dfer Energie und Akribie daran gehen, den Trump-von der Leyen-Deal in ein formelles, detailliertes Abkommen zu verwandeln. Die USA werden dann praktisch zollfrei in die EU exportieren, w\u00e4hrend die EU mit 15 Prozent Zoll f\u00fcr Exporte in die USA belastet wird (mit bestimmten Ausnahmen). Nehmen wir weiter an, dass sich dieses Abkommen f\u00fcr bestimmte Branchen als nachteilig erweist, diese dann die \u00d6ffentlichkeit mobilisieren und so unsere Politiker unter Druck setzen. Die Zolls\u00e4tze f\u00fcr die USA zu erh\u00f6hen, w\u00e4re ein flagranter Versto\u00df gegen das Abkommen und w\u00fcrde sofort eine Rache-Reaktion Trumps ausl\u00f6sen. <\/p>\n<p>Die internen Umwelt-, Klima- und konsumentenschutzrechtlichen Standards in der EU anzuheben und damit die Importe aus den USA zu verteuern w\u00e4re weit weniger flagrant. Das Abkommen umfasst solche \u201enicht-tarif\u00e4re Handelshemmnisse\u201c wom\u00f6glich gar nicht. Dann kann Trump die WTO anrufen und jahrelang auf einen Schiedsspruch warten, oder er kann wieder einmal mit 30 Prozent Zoll drohen, wenn diese Hemmnisse nicht sofort abgeschafft werden. Dann schafft die EU sie ab, f\u00fchrt aber sofort neue Sozial-Standards oder b\u00fcrokratische Auflagen (darin ist die EU Weltmeister) ein, die US-Exporteuren genauso das Leben schwer machen. Man kann das Spielchen ewig weiter treiben. Es gibt kein Gericht, das die USA oder die EU daran hindern kann, sich auf diese Art und Weise zu piesacken. Und pl\u00f6tzlich haben wir es wieder, das Level Playing Field: Jede Seite macht nur das, was f\u00fcr sie vorteilhaft ist. Taucht ein Nachteil auf, wird er sofort von der benachteiligten Seite eingeebnet.<\/p>\n<p>Trumps Anarchie ist dann zwar immer noch unberechenbar \u2013 aber sie ist f\u00fcr beide Seiten gleich unberechenbar. Es gibt dabei aber \u2013 mehrere Aber. Das erste liegt auf der Hand: In einer solchen Welt gibt es keine bindenden Abkommen mehr. Trump kann die 15 Prozent jederzeit auf 30 erh\u00f6hen, die EU kann jederzeit \u00e4hnliche Z\u00f6lle einf\u00fchren. <a href=\"https:\/\/www.wto.org\/english\/thewto_e\/whatis_e\/tif_e\/fact2_e.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">WTO-Regeln<\/a> verbieten \u201eDiskriminierung\u201c und verlangen \u201eGegenseitigkeit\u201c und \u201eMeistbeg\u00fcnstigung\u201c \u2013 selbst die Umrisse des von der Leyen \u2013 Trump-Deals, die bisher bekannt sind, versto\u00dfen dagegen. Ein Beispiel: Nehmen wir an, die EU importiert k\u00fcnftig Hummer zollfrei aus den USA hat aber mit Vietnam ein Handelsabkommen, das einen F\u00fcnfprozentzoll f\u00fcr Hummer vorsieht. Nach WTO-Regeln m\u00fcsste sie das wegen der Meistbeg\u00fcnstigungsklausel ebenfalls auf Null setzen. Das Beispiel ist fiktiv, tats\u00e4chlich verlangt die EU schon jetzt keinen Zoll auf vietnamesischen Hummer. Aber es zeigt: Zugest\u00e4ndnisse an die USA k\u00f6nnen zu Verwerfungen mit anderen Handelspartnern f\u00fchren \u2013 es sei denn auch die EU beginnt, die WTO-Regeln zu ignorieren. Dann kehren wir zur\u00fcck zur Anarchie des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p><strong>Wenn die Elefanten k\u00e4mpfen, leidet das Gras<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das zweite Aber sieht so aus: Solange beide Streith\u00e4hne etwa gleich m\u00e4chtig sind und sich gegenseitig etwa gleich schaden k\u00f6nnen, wirkt sich Anarchie nicht zum Nachteil eines Staates aus. Problematischer wird\u2019s dagegen f\u00fcr kleine Staaten, wenn die Bremsmechanismen von UNO, WTO und anderen Organisationen verschwinden. Beispiel Schweiz: der st\u00fclpte Trump einen Zollsatz von 39 Prozent \u00fcber, denn sie kann nicht zur\u00fcckschlagen. Daf\u00fcr ist der schweizerische Markt zu klein und der US-amerikanische zu gro\u00df. Aber das Beispiel zeigt auch gleichzeitig einen m\u00fchsamen, aber gangbaren Weg, wie Staaten, die das wollen, sich von den Fallstricken befreien k\u00f6nnen, in die Trumps Anarchie sie getrieben hat. W\u00fcrde die Schweiz morgen der EU beitreten, betr\u00fcge ihr Zollsatz nur noch 15 Prozent. Man kann daraus eine globale Regel machen.<\/p>\n<p>Trump hat bis jetzt mit seiner Zoll-Ultimatum-Strategie nur Erfolg, weil er mit den Staaten einzeln verhandelt und sich die jeweilige Asymmetrie zu seinem Vorteil auswirkt. Die USA sind ein wichtigerer Markt f\u00fcr Japan, als Japan das f\u00fcr die USA ist. S\u00fcd-Korea ist f\u00fcr die USA nicht so wichtig, wie die USA es f\u00fcr S\u00fcdkorea sind. Und so weiter. Nur in Europa hat das nicht funktioniert \u2013 die EU ist ein gemeinsamer Markt mit eigenen Institutionen und keine blo\u00dfe Freiheitshandelszone wie NAFTA, deren Mitglieder Kanada und Mexiko Trump gegeneinander ausspielen konnte.<\/p>\n<p>Wie aber ginge ein Duell zwischen Trump und einem gemeinsamen Markt (oder einer koh\u00e4renten institutionalisierten Freihandelszone) aus, wenn sich an letzterer die EU, Kanada, Australien, S\u00fcdkorea, Japan, gro\u00dfe Teile S\u00fcdamerikas, S\u00fcdafrika, Nigeria und Teile Asiens beteiligen w\u00fcrden? Mein Tipp: sie k\u00f6nnte den USA fast jedes handelspolitische Zugest\u00e4ndnis abverlangen. Experten des Kieler <a href=\"https:\/\/www.ifw-kiel.de\/publications\/news\/eu-should-lead-a-strategic-coalition-to-counter-us-trade-threats\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft<\/a> haben so etwas vorgeschlagen. So einfach, wie sie es darstellen, ist es aber nicht.<\/p>\n<p><strong>Ein Handelsblock gegen die USA?<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">In jeder internationalen Organisation, von der Freihandelszone bis zum Milit\u00e4rb\u00fcndnis, gibt es ein Problem, das sich aus der anarchischen internationalen Ordnung ergibt: Wie bringt man Mitglieder dazu, sich auch dann an die Regeln zu halten, wenn es gerade einmal f\u00fcr einzelne Mitglieder nachteilig ist? Das geschieht entweder durch einen Hegemonen, der den Preis f\u00fcr diese Art von \u201eSchwarzfahren\u201c so in die H\u00f6he treiben kann, dass es sich nicht mehr lohnt. Aber was, wenn alle Mitglieder gleich m\u00e4chtig sind? Dann m\u00fcssen sie eine Institution gr\u00fcnden, die einzelne Mitglieder f\u00fcrs \u201eSchwarzfahren\u201c bestraft. In der EU sind das die Europ\u00e4ische Kommission, die abtr\u00fcnnige Mitgliedsstaaten vor den Europ\u00e4ischen Gerichtshof bringen kann, dessen Strafen so hoch sein k\u00f6nnen, dass sie die Vorteile des Schwarzfahrens aufwiegen. <\/p>\n<p>Ein solcher Handelsblock m\u00fcsste \u00e4hnliche Mechanismen haben, damit seine Mitglieder bei der Stange bleiben und sich von Trump nicht gegeneinander ausspielen lassen. Ganz nebenbei: Das w\u00fcrde sie nat\u00fcrlich auch davor sch\u00fctzen, von China auseinanderdividiert zu werden. Innerhalb eines solchen Blocks w\u00fcrden die alten Regeln des Multilateralismus dann wieder gelten und dank der Gr\u00f6\u00dfe des Blocks lie\u00dfen sie sich auch gegen\u00fcber vielen Drittstaaten durchsetzen, selbst dann, wenn die USA sich nicht mehr daranhielten. Sie w\u00e4ren dann in etwa da, wo China war, bevor es in die WTO aufgenommen wurde.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: So etwas braucht viel Zeit, denn die beteiligten Staaten m\u00fcssten f\u00fcr die Gr\u00fcndung eines solchen Blocks auf einen Teil ihrer Souver\u00e4nit\u00e4t verzichten (wie die Europ\u00e4er das ja auch f\u00fcr die EU tun mussten) und dazu ihre Verfassungen \u00e4ndern. Das dauert lange, w\u00e4hrend ein Tweet mit einem Strafzoll-Ultimatum von Trump in ein paar Sekunden fertig ist. Das ist Trumps gro\u00dfer Vorteil: Er ist schneller.<\/p>\n<p>Das ist aber auch der Punkt, an dem klar sein m\u00fcsste, dass Trump (vermutlich v\u00f6llig unbeabsichtigt) der Welt und dem Welthandel eigentlich einen Gefallen tut: Er zwingt den Rest der Welt dazu, sich gegen ihn zusammenzuschlie\u00dfen, um den regelbasierten, berechenbaren Welthandel gegen die vollkommene Anarchie zu verteidigen, die er dabei ist, wieder einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Donald Trumps neue Zolltarife sind gerade in Kraft getreten und Unternehmen beklagen bereits, dass sie selbst ein geringeres&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":332427,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,548,663,158,3934,3935,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-332426","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europaeische-union","13":"tag-europe","14":"tag-european-union","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115001308439108648","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/332426","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=332426"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/332426\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/332427"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=332426"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=332426"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=332426"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}