{"id":332735,"date":"2025-08-10T02:03:13","date_gmt":"2025-08-10T02:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/332735\/"},"modified":"2025-08-10T02:03:13","modified_gmt":"2025-08-10T02:03:13","slug":"ein-leben-voller-missverstaendnisse-musik-in-dresden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/332735\/","title":{"rendered":"Ein Leben voller Missverst\u00e4ndnisse &#8211; Musik in Dresden"},"content":{"rendered":"<p>Am 9. August 1975 ist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch gestorben.\u00a0 Auf den Tag genau ein halbes Jahrhundert danach erinnern wir an Leben und Nachwirken des Komponisten. <\/p>\n<p><img width=\"713\" height=\"1070\" data-tgpli-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/DSCH-AW-2025-713x1070.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-19018\" style=\"width:500px\" data-tgpli-  data-tgpli-inited=\"\" data-tgpli-image-inited=\"\" id=\"tgpli-6897fddec9eec\"\/>Zeichnung: Anders Winter (Archiv MiD)<\/p>\n<p>Dmitri Schostakowitsch, Russe aus Petersburg, mutierte zum Sowjetb\u00fcrger, wohl kein Komponist hatte so eine schwierige und komplexe Beziehung zu denen, die seine Heimat regierten. Eine be- und ger\u00fchmte, vielfach aber auch umstrittene K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit. In seiner Heimat gefeiert, br\u00fcskiert und gef\u00e4hrdet, im Ausland gefeiert, verkl\u00e4rt, und beleidigt. Ein Leben voller Missverst\u00e4ndnisse?<\/p>\n<p>Schulstoff ist er gewesen im Ostblock, was zu unverdienter Ablehnung f\u00fchrte, vor und nach der Wende. Nach seinem sehr fr\u00fchen Erfolg mit der von den Leningrader Philharmonikern uraufgef\u00fchrten 1. Sinfonie, die den nur 19j\u00e4hrigen Komponisten in k\u00fcrzester Zeit weltber\u00fchmt gemacht hatte (nur ein Jahr sp\u00e4ter brachte Bruno Walter Schostakowitschs Diplomarbeit in Berlin heraus, es folgten Auff\u00fchrungen in den USA unter Leopold Stokowski und Arturo Toscanini), h\u00e4tte er einen ununterbrochenen k\u00fcnstlerischen Siegeszug antreten k\u00f6nnen. Allein, es kam anders. Seine 4. Sinfonie zog er \u2013 nach den Erfolgen der bekenntnishaften Sinfonien Nr. 2 und 3 \u2013 1936 aufgrund von Formalismusvorw\u00fcrfen zur\u00fcck; sie ist erst Ende 1961 von Kiril Kondraschin in Moskau uraufgef\u00fchrt worden. Knapp zwei Jahre sp\u00e4ter brachte die Staatskapelle Dresden das Werk als Deutsche Erstauff\u00fchrung heraus, ebenfalls unter Kondraschin.<\/p>\n<p>War dies der Grundstein f\u00fcr eine besondere Schostakowitsch-Pflege in Sachsen? Mitnichten. Bruno Walter brachte die 1. Sinfonie bereits 1929 nach Leipzig, wo Franz Konwitschny dies sp\u00e4ter aufgriff und in einer intensiven Besch\u00e4ftigung mit diesem bedeutungsvollen Werk fortsetzte. Zum 1. Bachfest 1950 \u2013 Anlass war der 200. Todestag von Johann Sebastian Bach \u2013 ist\u00a0 Dmitri Schostakowitsch in Leipzig zu Gast gewesen und wurde insbesondere durch den Zyklus des Wohltemperierten Klaviers zu seinen eigenen 24 Pr\u00e4ludien und Fugen angeregt. Uraufgef\u00fchrt wurde dieses Opus 87 bereits 1952 in Leningrad, just durch Tatjana Nikolajeva, deren Leipziger Interpretation der Bachschen Vorlage derart inspirierend gewesen ist, dass sie damit den Bach-Wettbewerb gewann und beim Jury-Mitglied Schostakowitsch die kompositorische Initialz\u00fcndung ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>1960 sollte er in Dresden die Filmmusik zum Propaganda-Streifen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cxfCGhUxMIE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">\u00bbF\u00fcnf Tage \u2013 F\u00fcnf N\u00e4chte\u00ab<\/a> komponieren, einer fr\u00fchen Koproduktion von Defa und Mosfilm, und logierte dazu im j\u00fcngst errichteten G\u00e4stehaus des DDR-Ministerrates im Kurort Gohrisch. Drei schaffensreiche Tage sind das gewesen, in denen allerdings keine Filmmusik, sondern das 8. Streichquartett c-Moll op. 110 entstanden ist. Sein vielleicht biografischstes Werk und zugleich die einzige nicht in seinem Heimatland geschaffene Komposition. 1972 kehrte Schostakowitsch noch einmal nach Gohrisch zur\u00fcck, diesmal mit seiner Ehefrau Irina. Noch in den 1970er Jahren startete der langj\u00e4hrige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur in Leipzig die weltweit erste Auff\u00fchrung aller 15 Schostakowitsch-Sinfonien in einem vielbeachteten Zyklus. Erst im Fr\u00fchjahr 2025 kn\u00fcpfte Andris Nelsons als heutiger Gewandhauskapellmeister und Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra zum Leipziger Schostakowitsch-Festival mit seinen beiden Klangk\u00f6rpern daran an. <a href=\"https:\/\/www.musik-in-dresden.de\/2025\/05\/19\/schostakowitsch-festival-leipzig\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ein fulminanter Erfolg!<\/a><\/p>\n<p>Kurz darauf setzten die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch in ihrem 16. Jahrgang einen weiteren Meilenstein in der <a href=\"https:\/\/www.musik-in-dresden.de\/2025\/06\/02\/schostakowitsch-festival-leipzig-2\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">s\u00e4chsischen Schostakowitsch-Pflege<\/a>. Zur Gr\u00fcndung dieses weltweit einzigen Festivals, das sich konsequent mit Leben und Werk von Dmitri Schostakowitsch besch\u00e4ftigt, kam 2010 der Dirigent Michail Jurowski in die S\u00e4chsische Schweiz. Er ist dem Komponisten bereits im Kindesalter begegnet und konnte von sich sagen \u00bbEr kannte mich fr\u00fcher als ich ihn.\u00ab Damit bezog er sich auf fr\u00fches vierh\u00e4ndiges Klavierspiel mit Schostakowitsch im Hause seines Vaters Wladimir Jurowski, der ebenfalls Komponist war. Sp\u00e4ter haben Michail Jurowskis S\u00f6hne Wladimir und Dmitri \u2013 beide sind\u00a0 ebenfalls herausragende Dirigentenpers\u00f6nlichkeiten und leiten namhafte Klangk\u00f6rper \u2013 diese in einzigartiger Weise auf pers\u00f6nliche Bez\u00fcge zur\u00fcckgehende Musikpflege fortgesetzt. So war der 1979 geborene Dmitri Jurowski bei den j\u00fcngsten Schostakowitsch-Tagen erneut zu Gast und brillierte nicht zuletzt mit Bearbeitungen von Schostakowitsch-Kompositionen aus eigener Hand. Seines Vaters Fu\u00dfstapfen, erz\u00e4hlt er, \u00bbwaren immer schon irrsinnig gro\u00df, vor allem in den letzten drei Jahren, seit er nicht mehr da ist. Ich sp\u00fcre seine Anwesenheit noch intensiver als vorher.\u00ab Die famili\u00e4ren Erinnerungen an Schostakowitsch seien so intensiv gewesen, dass er mitunter das Gef\u00fchl gehabt habe, den vier Jahre vor seiner Geburt verstorbenen K\u00fcnstler pers\u00f6nlich zu kennen. Dabei war es sein Gro\u00dfvater, der Komponist Wladimir Jurowski, der w\u00e4hrend der Evakuierung im Zweiten Weltkrieg in Kuibischew quasi T\u00fcr an T\u00fcr mit Schostakowitsch gelebt hatte. \u00bbDas war nat\u00fcrlich eine extreme Zeit, eine sehr intensive Zeit, in der dann auch die Leningrader Symphonie entstanden ist.\u00ab<\/p>\n<p>In sp\u00e4teren Werken hat Dmitris Vater Michail Jurowski bereits als Assistent mitgewirkt, so bei der Urauff\u00fchrung der 15. Sinfonie. M\u00f6glicherweise konnte im Fr\u00fchsommer 2025 ein Kreis geschlossen werden, als Dmitri Jurowski in Gohrisch Schostakowitschs Bearbeitung der Oper \u00bbRothschilds Geige\u00ab von Benjamin Fleischmann in einer eigenen Kammerfassung auf Deutsch herausbrachte und zudem die von Rudolf Barschai instrumentierte Kammersinfonie op. 110 a auff\u00fchrte, die auf das in Gohrisch entstandene Streichquartett op. 110 zur\u00fcckgeht und am selben Ost bereits von Michail Jurowski aufgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Doch die Geschichte geht weiter. Wie soll, wie darf heute mit der Musik von Dmitri Schostakowitsch umgegangen werden? Russlands Diktator missbraucht dieses Werk in eklatanter Weise, die von Putins Regime \u00fcberfallene Ukraine hingegen verzichtet einstweilen ausdr\u00fccklich auf diese Musik. Dmitri Jurowski liefert die passende Erkl\u00e4rung zu diesem v\u00f6llig kunstfernen Ph\u00e4nomen: \u00bbIch glaube, dass Schostakowitschs Idee immer gewesen ist, die aktuellen Ereignisse, die auf der Welt passieren, in seiner Musik auszuleben und durch die Musik seine eigene Meinung dazu kundzutun. Seine Sorge war immer, dass seine Werke immer aktuell bleiben.\u00ab Ein Paradox? Jurowski verneint: \u00bbEr hatte nicht die Sorge, irgendwann in Vergessenheit zu geraten. Er hatte eher die Sorge, dass die Werke aktuell bleiben. Und wie die heutige Zeit zeigt, waren die Sorgen berechtigt, leider. Was momentan in den verschiedensten Ecken der Welt an schrecklichen Dingen passiert und auch die Zukunft f\u00fcr Gefahren bereith\u00e4lt, da ist es ganz wichtig, Schostakowitsch zu h\u00f6ren, weil er wirklich alles M\u00f6gliche erlebt hat und weil f\u00fcr ihn um das Volk ging, um Menschen, nicht um Regierungen und irgendwelche politischen Ideen.\u00ab<\/p>\n<p>Die sowjetische Regierung bescherte dem K\u00fcnstler 1975 dennoch ein Staatsbegr\u00e4bnis. Die finale Farce nach einem bewegten Leben voller Missverst\u00e4ndnisse? Leider nein. Im auf den Krieg eingeschworenen Russland von heute, das all sein grauenhaftes Morden und Zerst\u00f6ren seit 2022 als \u00bbmilit\u00e4rische Spezialoperation\u00ab\u00a0verschwurbeln l\u00e4sst, werden die anma\u00dfenden Fehldeutungen fortgesetzt. Zugleich, so wissen es Kenner des heutigen Musiklebens in Russland aus erstbester Hand, sei die Wertsch\u00e4tzung von Schostakowitsch unbestritten und \u00bbwom\u00f6glich noch gr\u00f6\u00dfer ist als zu sowjetischen Zeiten.\u00ab<\/p>\n<p>Um Dmitri Schostakowitsch und das Werk dieses vielleicht gr\u00f6\u00dften Sinfoniker des 20. Jahrhunderts zu verstehen, bed\u00fcrfe es \u00bbvielerlei Grundkenntnisse, wie diese Musik zustande kam und was in ihr tats\u00e4chlich steckt.\u00ab Andris Nelsons bringt es so auf den Punkt: \u00bbF\u00fcr mich ist er einer der ganz Gro\u00dfen \u2013 neben Richard Strauss, Gustav Mahler oder Ludwig van Beethoven. Ich verehre ihn seit meiner fr\u00fchen Jugend. Keine Note \u00fcberfl\u00fcssig, keine Note langweilig. All seine Musik ist tief menschlich, sie ber\u00fchrt einen unmittelbar!\u00ab<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t<img data-tgpli-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Ernst-256x256.jpg\" width=\"100\" height=\"100\" data-tgpli- alt=\"Michael Ernst\" class=\"avatar avatar-100 wp-user-avatar wp-user-avatar-100 alignnone photo\" data-tgpli-inited=\"\" data-tgpli-image-inited=\"\" id=\"tgpli-6897fddec9f4e\"\/><\/p>\n<p>Michael Ernst \/ \u00dcber den Autor<\/p>\n<p>Michael Ernst widmet sich privat, im Rundfunk sowie in Printmedien Literatur, Musik und Theater. Er ist an Opernh\u00e4usern und Musikfestspielen sowie als freier Autor t\u00e4tig gewesen und schreibt seit 2009 f\u00fcr \u00bbMusik in Dresden\u00ab.<\/p>\n<p>\t\t\t\t<a href=\"https:\/\/www.musik-in-dresden.de\/author\/michael\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mehr Beitr\u00e4ge von Michael Ernst<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 9. 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