{"id":334235,"date":"2025-08-10T16:10:16","date_gmt":"2025-08-10T16:10:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/334235\/"},"modified":"2025-08-10T16:10:16","modified_gmt":"2025-08-10T16:10:16","slug":"der-berliner-architekt-hinrich-baller-ist-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/334235\/","title":{"rendered":"Der Berliner Architekt Hinrich Baller ist gestorben."},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer in den Neunzigerjahren in Hamburg Architektur studierte, konnte erleben, was passierte, wenn der aus Berlin angereiste Architekt Hinrich Baller den Raum betrat und die meist sehr quadratischen Modelle anschaute, die die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Studenten\" data-rtr-id=\"391dad4250817ad4159be05366cbefa4442c4f1f\" data-rtr-score=\"10.716862640299306\" data-rtr-etype=\"keyword\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/karriere-hochschule\/thema\/studenten\" title=\"Studenten\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Studenten<\/a> bei seinen Kollegen entworfen hatten, die in Hamburg und Berlin sehr quadratische H\u00e4user errichteten. Baller betrachtete die Kisten, schaute die Studenten verhangen am\u00fcsiert an und sagte \u201eDas habt ihr also entworfen\u201c, und h\u00e4tte Baller das nicht auf eine im Kern sehr herzliche und menschenfreundliche Art gesagt, h\u00e4tte es wie ein Vorwurf oder sogar ein bisschen h\u00e4misch klingen k\u00f6nnen, denn es war klar, dass Baller all die sch\u00fcchternen Kisten ganz und gar nicht gefielen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Aber er war nicht h\u00e4misch, er liebte es, mit den Studenten zu diskutieren: Warum steht deine Kiste so steif da, so verklemmt, bist doch selbst gar nicht so? W\u00e4hrend er erkl\u00e4rte, wie das Haus anders, komplexer, lebendiger, offener aussehen k\u00f6nnte und dabei gestikulierte, legten sich die weiten Zipfel seiner Hemd\u00e4rmel auf das Modell wie Mantarochen, die auf einem Riff pausieren \u2013 und schon sah das eckige Modell nach einem typischen Baller-Entwurf aus: wilder, mit auskragend schwingenden Balkonen und bewegten, ineinanderflie\u00dfenden R\u00e4umen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Baller sah seinen Geb\u00e4uden auf eine interessante Weise \u00e4hnlich: Lange Haare, Ledermantel, Hemden mit r\u00fcschenartigen Zipfeln, eher Barock-Impressario denn asketischer Rollkragen-Minimalist, eher Jugendstil als Funktionalismus. Baller war gepr\u00e4gt vom Berliner Revoltengeist der sp\u00e4ten Sechzigerjahre. In der Architektur bedeutete das auch: Kritik an den Funktionalisten in den Baubeh\u00f6rden, die in Berlin einen Altbau nach dem anderen wegrei\u00dfen lie\u00dfen, um an ihrer Stelle die trostlosen Wohnkartons des sozialen Wohnungsbaus zu errichten.<\/p>\n<p>Zeigen, das es anders geht<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der 1936 im damals ostpreu\u00dfischen Stargard geborene Baller und seine sechs Jahre j\u00fcngere Frau Inken, mit der er von 1966 bis 1989 in Berlin ein gemeinsames B\u00fcro betrieb, zeigten, dass es anders geht. Sie setzen sich f\u00fcr behutsame Renovierung und Stadtreparatur ein, retteten einen Taut-Bau am Kottbusser Damm und bauten die Stadt spielerisch weiter.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Baller hatte nicht nur Architektur, sondern auch Musik studiert, und das sah man seinen Entw\u00fcrfen an. Er hasste rechte Winkel und wollte Schwingungen bauen. Er wollte die organische Moderne von Taut, Scharoun und Hermkes weiterdenken und die Belebungsenergien des Jugendstils neu erwachen lassen: Das Ergebnis waren H\u00e4user, die sofort als \u201etypischer Baller\u201c zu erkennen sind \u2013 mit wild aufschwingenden Balkonen, spitzen Ecken, viel Verglasung und tiefen Fenstern. Sie h\u00e4tten \u201eimmer das Au\u00dfen mitgedacht\u201c, sagte seine damalige Frau Inken einmal, \u201eden Bezug zur Stra\u00dfe, denn so wurde ja in Berlin viel gebaut, mit Balkonen und Erkern\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Seine Berliner Bauten stechen ins Auge: Hinrich und Inken Ballers Torhaus am Fraenkelufer Ecke Admiralstra\u00dfe verf\u00fcgt \u00fcber Luftgeschosse und nach oben gebogene, spitze Balkone\" height=\"2046\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/seine-berliner-bauten-stechen.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Seine Berliner Bauten stechen ins Auge: Hinrich und Inken Ballers Torhaus am Fraenkelufer Ecke Admiralstra\u00dfe verf\u00fcgt \u00fcber Luftgeschosse und nach oben gebogene, spitze Balkonedpa<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Man kann tats\u00e4chlich sagen, dass die Ballers mit Bauten wie der Wohnanlage in Charlottenburgs Schlossstra\u00dfe die verlorengegangene Opulenz der Berliner Gr\u00fcnderzeitbauten mit ihren ornamentierten Fassaden, vorspringenden Erkern und durchlichteten R\u00e4umen neu interpretiert haben. Dass das trotz enger Budgets auch im sozialen Wohnungsbau m\u00f6glich ist, zeigte ihr Baukomplex f\u00fcr 193 Familien in Lichtenberg. Was dem Erfinder des Massenwohnungsbaus, dem Sozialutopiker Charles Fourier vorschwebte, ein opulenter Palast f\u00fcr die Arbeiter, war auch ein Anliegen der Ballers: Gro\u00dfz\u00fcgigkeit f\u00fcr alle.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Au\u00dfer dem Philosophischen Institut der Freien Universit\u00e4t, zwei Kitas, zwei Sporthallen und etlichen Wohnbauten, mit denen das Paar die Architektur Berlins pr\u00e4gte, gilt das Haus am Kreuzberger Fraenkelufer, der f\u00fcr die Internationale Bauausstellung 1984\/87 entstand, als Ballers Meisterwerk. Seine Balkone erinnerten die einen an Tragfl\u00e4chen, die anderen an schwebende Fl\u00fcgel \u2013 jedenfalls waren es Balkone, die \u00fcberhaupt an mehr erinnern konnten als an eine aus der Fassade herausgezogene Schublade, in der rauchende Menschen sitzen k\u00f6nnen. Die Kr\u00fcmmung der Balkone war dann aber doch funktionalistischer, als sie aussah, denn die vorzackende Auskragung sorgte f\u00fcr einen viel besseren Sichtschutz nach unten.<\/p>\n<p>Alles ist Bewegung in seinen Bauten<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Typisch Baller waren auch die mintgr\u00fcnen Balkongitter, deren feine Linien mal wie aus filigranen \u00c4sten gelegt wirkten und mal so, als habe sie das Paar in einer l\u00e4ngeren Session auf den Zeichenblock getanzt. Alles war Bewegung in diesen Bauten, nichts durfte eckig oder kartoniert wirken. Nicht jeder mochte die extrovertierte Mischung aus Jugendstil, Eurythmie und Beatkultur, aber unbestritten hat das Innere dieser Bauten gro\u00dfe Qualit\u00e4ten. Die gro\u00dfen Fenster lassen viel Licht ins Haus, gl\u00e4serne Innenw\u00e4nde leiten es tief ins Innere. K\u00fcchen und Grundrisse sind offen, die Raumfolgen entwickeln sich oft \u00fcber mehrere Etagen als flexibel nutzbare Wohnlandschaften, durch die man wie durch einen Wald \u00fcber Lichtungen spaziert und \u00fcber kleine Treppen klettert.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die neuen Baufunktionalisten, die in Panik trostlose Wohnkuben auf Baufelder w\u00fcrfeln, um das Plansoll zu erf\u00fcllen, sollten sich einmal anschauen, wie opulent und menschenfreundlich sozialer Wohnungsbau sein konnte. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Hinrich Baller am 23. Juli im Alter von 89 Jahren gestorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer in den Neunzigerjahren in Hamburg Architektur studierte, konnte erleben, was passierte, wenn der aus Berlin angereiste Architekt&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":334236,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-334235","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115005346845348646","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=334235"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334235\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/334236"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=334235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=334235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=334235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}