{"id":334389,"date":"2025-08-10T17:32:12","date_gmt":"2025-08-10T17:32:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/334389\/"},"modified":"2025-08-10T17:32:12","modified_gmt":"2025-08-10T17:32:12","slug":"andrea-sawatzkis-mutter-tochter-buch-wuehlt-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/334389\/","title":{"rendered":"Andrea Sawatzkis Mutter-Tochter-Buch w\u00fchlt auf"},"content":{"rendered":"<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Um es gleich vorneweg zu sagen: Der franz\u00f6sische Badeort Biarritz spielt in Andrea Sawatzkis gleichnamigem Roman kaum eine Rolle, zumindest nicht als Schauplatz. In ihrer Geschichte weht einem nicht die salzige Brise der Atlantikk\u00fcste um die Nase, sondern der muffige Geruch eines bayerischen Pflegeheims.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Biarritz ist ein Traum, ein verf\u00fchrerisches Symbol f\u00fcr einen kurzen Moment der Freiheit und Lebensfreude, den die alte verwirrte Frau im Seniorenheim einmal in ihrer Jugend genie\u00dfen durfte. Diese Frau ist die Mutter der Erz\u00e4hlerin Hanna und das schwierige, ambivalente Verh\u00e4ltnis von Mutter und Tochter das zentrale Thema des Romans.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">In gewisser Weise ist \u201eBiarritz\u201c eine Fortsetzung oder Erg\u00e4nzung zu \u201eBrunnenstra\u00dfe\u201c, Sawatzkis viel beachtetem vorherigen Roman. Darin erz\u00e4hlte die Schauspielerin fiktional, aber doch sehr nah an der Realit\u00e4t, von ihrer bis dahin wenig bekannten alptraumhaften Kindheit.<\/p>\n<blockquote class=\"Quote_quote__blockquote__sryI6\">\n<p class=\"Quote_quote__paragraph__SLHdn\">Doch der Traum vom Familiengl\u00fcck erf\u00fcllte sich nicht. Der Vater wurde vorzeitig dement, machte hohe Schulden und die Mutter musste als Krankenschwester in Nachtschichten diese Schulden abarbeiten.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Bis zu ihrem achten Lebensjahr hatte sie allein mit ihrer Mutter gelebt. Ihr viel \u00e4lterer Vater, ein Journalist, war mit einer anderen Frau verheiratet. Erst als diese starb, wurden sie eine Familie.<\/p>\n<p>Trauma: schwer kranke Eltern<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Doch der Traum vom Familiengl\u00fcck erf\u00fcllte sich nicht. Der Vater wurde vorzeitig dement, machte hohe Schulden und die Mutter musste als Krankenschwester in Nachtschichten diese Schulden abarbeiten, w\u00e4hrend die Tochter auf den schwer kontrollierbaren, kranken Vater aufpasste. Eine traumatische \u00dcberforderung f\u00fcr das Kind.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Man muss \u201eBrunnenstra\u00dfe\u201c nicht gelesen haben, um \u201eBiarritz\u201c zu verstehen. In R\u00fcckblicken wird die Geschichte wieder aufgenommen, allerdings mit Mutter Emmi im Zentrum. Diese verlor fr\u00fch ihre Eltern, musste die Schule abbrechen und entwickelte wegen ihres geringen Bildungsgrads einen Minderwertigkeitskomplex.<\/p>\n<p>Andrea Sawatzki: \u201eBiarritz\u201c, Piper Verlag, 160 Seiten, 22 Euro.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Nach einem Unfall behielt sie eine schiefe Nase zur\u00fcck und empfand sich deshalb als unattraktiv f\u00fcr M\u00e4nner. Wenn sich wirklich einmal einer f\u00fcr sie interessierte, setzte sie \u00fcbertriebene Erwartungen in ihn. Das f\u00fchrte schlie\u00dflich auch zum Bruch mit ihrer besten Freundin Marianne. Denn ihr gemeinsamer Bekannter Heinz entschied sich f\u00fcr diese.<\/p>\n<p>Biarritz ist Gl\u00fcck und Leichtigkeit<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Nach Jahrzehnten treffen sich die beiden Frauen im Altenheim wieder. Doch die demente Emmi erkennt ihre fr\u00fchere Freundin nicht mehr. Marianne aber erinnert sich an die unbeschwerte junge Emmi von einst und wie sie einmal eine gemeinsame Reise nach Biarritz unternahmen. Drei Wochen der Leichtigkeit und des Gl\u00fccks, um die sie alle beneideten.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Sawatzki zeigt Emmi als Mutter, die zerrissen ist zwischen der Liebe zur Tochter und dem Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung. Ihr Wunsch, Hanna unbedingt einen Vater und damit einen Status zu verschaffen, f\u00fchrt letztlich ins Ungl\u00fcck. Bei dem mit dem kranken Vater \u00fcberforderten Kind entwickelt sich unstillbarer Hass: \u201eDer Hass flutete mich. Wie ein Fluss riss er mich mit sich. Es war mir nicht m\u00f6glich, mich ihm zu entziehen. Diesen Hass zu empfinden, dem\u00fctigte mich zutiefst.\u201c<\/p>\n<blockquote class=\"Quote_quote__blockquote__sryI6\">\n<p class=\"Quote_quote__paragraph__SLHdn\">Sawatzki zeigt Emmi als Mutter, die zerrissen ist zwischen der Liebe zur Tochter und dem Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Nun, als erwachsene Frau sp\u00fcrt die Tochter zu ihrem Entsetzen wieder diesen Hass, diesmal auf die demente Mutter, \u201eweil sie es wagte, mich genau in die gleiche Situation zu bringen, die ich mit meinem Vater durchgemacht hatte\u201c.<\/p>\n<p>Der Roman ist hervorragend komplex gebaut<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Auch die damaligen Gewaltfantasien kehren zur\u00fcck, der Wunsch, die Mutter m\u00f6ge tot sein und gleichzeitig die Scham und das Erschrecken, \u201edas Wissen dar\u00fcber, dass du b\u00f6se bist und schlecht\u201c.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Sawatzki gelingt es, in ihrem d\u00fcsteren Roman, die komplexe Beziehung zwischen Mutter und Tochter in all ihren Ver\u00e4stelungen, Schattierungen und der Ambiguit\u00e4t darzustellen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass sich die beiden Frauen lieben, auch wenn sie sich zwischenzeitlich piesacken, mit Vorw\u00fcrfen traktieren, ja vielleicht manchmal sogar hassen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wort.lu\/kultur\/hartes-austeilen-um-eine-buchkritik-tonnars-facebook-post-loest-debatte-aus\/80304610.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__awFnD RelatedTeaser_related-teaser--image__oZDce read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"80304610\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:Hartes Austeilen um eine Buchkritik: Tonnars Facebook-Post l\u00f6st Debatte aus<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Beim Lesen empfindet man Groll. Denn es wird nur allzu deutlich, dass Mutter und Tochter vor allem Opfer einer Gesellschaft sind, die sie in einer fast ausweglosen Situation, der Pflege des kranken Mannes und Vaters, allein lie\u00df. Beiden wurde viel zu viel abverlangt.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Mit dieser trostlosen Erkenntnis entl\u00e4sst die Autorin ihre Leser allerdings nicht. Nicht umsonst hei\u00dft der Roman \u201eBiarritz\u201c. Und so steht der flirrende Badeort am Ende doch noch f\u00fcr einen letzten hoffnungsvollen Aufbruch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Um es gleich vorneweg zu sagen: Der franz\u00f6sische Badeort Biarritz spielt in Andrea Sawatzkis gleichnamigem Roman kaum eine&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":334390,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-334389","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115005668886993267","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=334389"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334389\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/334390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=334389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=334389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=334389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}