{"id":336885,"date":"2025-08-11T17:20:12","date_gmt":"2025-08-11T17:20:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/336885\/"},"modified":"2025-08-11T17:20:12","modified_gmt":"2025-08-11T17:20:12","slug":"friedensdeal-zwischen-aserbaidschan-und-armenien-zum-vorteil-der-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/336885\/","title":{"rendered":"Friedensdeal zwischen Aserbaidschan und Armenien (zum Vorteil der USA)"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es war ein Bild, das noch vor wenigen Monaten undenkbar schien: Im Wei\u00dfen Haus im Beisein des Hausherren Donald Trump unterzeichnen Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan und Aserbaidschans Staatschef Ilham Alijew ein Friedensabkommen und beenden damit offiziell einen der langlebigsten Territorialkonflikte der postsowjetischen \u00c4ra.<\/p>\n<p>Freilich bleibt es zun\u00e4chst offen, ob diese Vereinbarung tats\u00e4chlich den historischen Bruch mit Jahrzehnten wechselnder Waffenruhen, Scharm\u00fctzeln und Gro\u00dfoffensiven markiert. Geopolitisch ist jedoch klar: Die USA haben den S\u00fcdkaukasus aus Moskaus Schatten gel\u00f6st und sich selbst als neuer Schiedsrichter in einer Region etabliert, die lange als \u201enat\u00fcrlicher Hinterhof\u201c des Kremls galt.<\/p>\n<p><strong>Trump Route for International Peace and Prosperity<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Der lange Weg zu diesem Tag begann auf den Schlachtfeldern der Jahre 2020 und 2023. In zwei kurzen, aber intensiven Kriegen verlor Armenien zun\u00e4chst die milit\u00e4rische Kontrolle \u00fcber Teile der international nicht anerkannten Republik Bergkarabach \u2013 einer mehrheitlich von Armeniern bewohnten, seit 1991 abtr\u00fcnnigen Region Aserbaidschans. In einer Blitzoffensive 2023 brachte Aserbaidschan den gesamten Landstrich unter seine Hoheit. \u00dcber 100.000 ethnische Armenier wurden zur Flucht gezwungen und die jahrzehntelang verfahrene Territorialfrage wurde faktisch milit\u00e4risch entschieden.<\/p>\n<p>Was blieb, war im Wesentlichen ein ungel\u00f6ster Restkonflikt um den von Baku eingeforderten Sangesur-Korridor, eine Transitverbindung durch die armenische Region Sjunik zur aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan. F\u00fcr Baku ist diese Route ein strategisches Kernziel, f\u00fcr Jerewan ein innenpolitisches Tabuthema. Nun soll die Verbindung nicht nur Realit\u00e4t, sondern soll als \u201eTrump Route for International Peace and Prosperity\u201c auch weltpolitisch aufgeladen werden. Wie Financial Times berichten, m\u00f6chten sich die USA exklusive Entwicklungsrechte sichern und planen eine multimodale Infrastruktur \u2013 Eisenbahn, \u00d6l- und Gasleitungen sowie Glasfasertrassen. Washington tritt damit nicht mehr nur als Konfliktmediator auf, sondern etabliert sich als wirtschaftliche Dauerpr\u00e4senz im Herzen des S\u00fcdkaukasus.<\/p>\n<p><strong>Fortschreitende Schw\u00e4chung des Iran<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Pikanterweise ist die armenische Region Sjunik von zentraler geostrategischer Bedeutung: Die Provinz stellt den einzigen Landkorridor zwischen Armenien und dem Iran dar \u2013 eine Lage, die sowohl f\u00fcr Baku als auch f\u00fcr Teheran sensibel ist. F\u00fcr den Iran ist der geplante \u201eTrump-Korridor\u201c ein geopolitisches Menetekel: Er r\u00fcckt einen von den USA dominierten Handels- und Energiepfad direkt an die iranische Nordgrenze. Aus Teherans Sicht birgt dies drei Risiken \u2013 die wirtschaftliche Schw\u00e4chung eigener Nord-S\u00fcd-Transitrouten, die vertiefte Einbindung Aserbaidschans in westliche Sicherheits- und Nachrichtendienstnetzwerke sowie die St\u00e4rkung des t\u00fcrkischen Einflusses im S\u00fcdkaukasus. Wahrscheinlich wird Teheran darauf mit einer Doppelstrategie reagieren: rhetorischer Ablehnung gepaart mit pragmatischer Anpassung, etwa durch Investitionen in Armenien oder engere Abstimmung mit Russland. Doch jede iranische Gegenstrategie wird durch die physische Pr\u00e4senz der USA im Korridor strukturell geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\"><strong>T\u00fcrkei<\/strong><strong> als zentraler <\/strong><strong>Regionalakteur<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Auch die T\u00fcrkei ist in diesem Kontext ein Schl\u00fcsselfaktor: Ankara ist seit Jahrzehnten Bakus engster Verb\u00fcndeter und gilt als politischer Garant f\u00fcr Aserbaidschans regionale Ambitionen. Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan spielte im Vorfeld der armenisch-aserbaidschanischen Friedensabkommens eine aktive Rolle als Vermittler.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">F\u00fcr Ankara bietet der \u201eTrump-Korridor\u201c eine doppelte Chance: Er kann als Br\u00fccke dienen, um die seit 1993 geschlossene Grenze zu Armenien zu \u00f6ffnen \u2013 eine Geste, die innenpolitisch kalkuliert und au\u00dfenpolitisch als Schritt zur regionalen Normalisierung verkauft werden k\u00f6nnte. Gleichzeitig st\u00e4rkt der Korridor die t\u00fcrkische Position als zentrale Transitnation f\u00fcr Energieressourcen und Handel zwischen Zentralasien, dem Kaukasus und Europa.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Nicht zuletzt erh\u00e4lt die T\u00fcrkei durch die enge Verzahnung von US-Pr\u00e4senz und t\u00fcrkischem Einfluss in Aserbaidschan eine indirekte Rolle im US-amerikanisch gepr\u00e4gten Ordnungsmodell des S\u00fcdkaukasus \u2013 ein sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Zugewinn, der auch gegen\u00fcber Russland Signalwirkung hat.<\/p>\n<p><strong>Ein Schlag gegen Moskau<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Doch nicht nur f\u00fcr den Iran, sondern auch f\u00fcr Russland ist das Friedensabkommen ein geopolitisches Fanal. Moskau hatte nach 1991 die Rolle des sicherheitspolitischen Ordnungsfaktors im S\u00fcdkaukasus \u00fcbernommen, gest\u00fctzt auf milit\u00e4rische Pr\u00e4senz und ein faktisches Vermittlungsmonopol. Seit der Niederlage Armeniens 2020 und dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine jedoch ist diese Autorit\u00e4t erodiert. Armenien orientiert sich zunehmend westw\u00e4rts und lockert gezielt die Bindungen an das Russland-dominierte regionale Verteidigungsb\u00fcndnis OVKS (Organisation des Vertrages \u00fcber kollektive Sicherheit), doch auch Aserbaidschan sucht pragmatisch neue Partner. Die Aufl\u00f6sung der OSZE-Minsk-Gruppe, die jahrzehntelang ohne nennenswerten Durchbruch verhandelte, besiegelt das Ende russisch dominierter Konfliktformate in der Region. F\u00fcr den Kreml ist die geplante US-\u00dcbernahme des Sangesur-Korridorprojekts doppelt bitter: Sie verdr\u00e4ngt Moskau aus einer Schl\u00fcsselregion, schw\u00e4cht seinen politischen Einfluss und entzieht ihm ein zentrales Druckmittel \u2013 die Kontrolle \u00fcber Verkehrswege und Energieinfrastruktur zwischen Kaspischem Raum und Europa.<\/p>\n<p><strong>Energiepolitik als Machtinstrument<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die strategische Bedeutung des Sangesur-Korridors ersch\u00f6pft sich potentiell nicht im regionalen Handel. Er wird Teil eines energiewirtschaftlichen Netzwerks, das Ankara, Baku und Washington gezielt ausbauen m\u00f6chten. Aserbaidschan exportiert bereits Gas \u00fcber die TANAP- und TAP-Pipelines nach Europa \u2013 ein Projekt, das in Br\u00fcssel als Schl\u00fcssel zur Verringerung der Abh\u00e4ngigkeit von russischen Lieferungen gilt. Der \u201eTrump-Korridor\u201c k\u00f6nnte diese Str\u00f6me absichern und erweitern, etwa durch parallele Leitungen f\u00fcr \u00d6l und Gas, die abseits geostrategisch verwundbarer Routen verlaufen. F\u00fcr die T\u00fcrkei bedeutet dies eine Festigung ihrer Rolle als Energie-Drehscheibe zwischen Kaspischem Raum und EU \u2013 ein Hebel, der \u00f6konomisch wie politisch wirkt. F\u00fcr Washington wiederum ist der Korridor mehr als ein Infrastrukturprojekt: Er verankert die USA physisch in einer f\u00fcr Europas Energieversorgung essenziellen Verbindungslinie \u2013 eine Pr\u00e4senz, die sich nicht durch diplomatische Kurswechsel oder Regierungswechsel in Frage stellen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Trump als <\/strong><strong>pragmatischer <\/strong><strong>Friedensstifter<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dass Trump diesen Erfolg ins Zentrum seiner Selbstdarstellung r\u00fcckt, \u00fcberrascht nicht. Die Ank\u00fcndigung von Nobelpreis-Nominierungen aus Kambodscha, Israel und in Zukunft wohl auch aus dem S\u00fcdkaukasus liefern ihm die ideale Kulisse f\u00fcr die ersehnte Inszenierung als globaler Friedensstifter; insbesondere mit Blick auf das international umstrittene Treffen mit Wladimir Putin in Alaska am 15. August 2025. Doch hinter Trumps Eitelkeit stecken nicht nur diplomatische \u00dcberlegungen, sondern auch knallhartes strategisches Kalk\u00fcl: Mit dem \u201eTrump-Korridor\u201c verankert Washington US-amerikanische Wirtschaftsinteressen in einer Schl\u00fcsselregion, schw\u00e4cht gleichzeitig die Position Russlands und Irans und schafft neue Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr die \u00d6ffnung der t\u00fcrkisch-armenischen Grenze \u2013 eine geopolitische Win-Win-Win-Situation.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Risiken bleiben jedoch betr\u00e4chtlich. In Armenien k\u00f6nnte die innenpolitische Opposition das Abkommen als Kapitulation deuten und w\u00e4re damit anf\u00e4llig f\u00fcr gezielte Einflusskampagnen aus Moskau, das seit Jahren \u00fcber politische Netzwerke, Medien und NGO-Strukturen versucht, Armeniens Westorientierung zu bremsen. Bereits w\u00e4hrend der Proteste gegen Premierminister Paschinjan nach der Niederlage 2020 nutzte der Kreml eine Kombination aus prorussischen Parteien, Boulevardmedien und Social-Media-Kampagnen, um Druck auf die Regierung auszu\u00fcben und deren sicherheitspolitische \u00d6ffnung zum Westen zu untergraben.<\/p>\n<p><strong>Ein Friedensschluss mit offenem Ende<\/strong><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Auch wenn die Inszenierung im Wei\u00dfen Haus den Eindruck endg\u00fcltiger Vers\u00f6hnung erweckt, bleiben die Bruchstellen sichtbar: Bakus Forderung, Armenien solle die in seiner Verfassung verankerten Bez\u00fcge auf fr\u00fchere Gebietsanspr\u00fcche \u2013 insbesondere den Hinweis auf die \u201eErkl\u00e4rung \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit\u201c in der Pr\u00e4ambel \u2013 streichen, bleibt ein potenzieller Konfliktherd. Ebenso unklar ist, ob Ankara die Grenz\u00f6ffnung tats\u00e4chlich vollzieht und ob Teheran das wachsende US-Einflussgebiet an seiner Nordgrenze stillschweigend hinnimmt. Das Abkommen ist daher weniger ein Schlusspunkt als ein machtpolitisch geschickt gesetzter Zwischenakkord. Washington nutzte den Moment, in dem beide Seiten bereit f\u00fcr US-Vermittlung waren und Russland keine Kraft zur Gegenwehr hatte. Ob der \u201eTrump-Korridor\u201c als Beginn einer stabilen Friedensordnung oder als kurzer Abschnitt auf dem Weg zu neuen Spannungen in die Geschichtsb\u00fccher eingeht, h\u00e4ngt nicht von den j\u00fcngsten Unterschriften allein ab, sondern vor allem von der praktischen Umsetzung und dem realen Ausbau dieser strategischen Verbindung.<\/p>\n<p>Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war ein Bild, das noch vor wenigen Monaten undenkbar schien: Im Wei\u00dfen Haus im Beisein des Hausherren&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":336886,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3977],"tags":[331,332,13,14,15,12,4017,4018,4016,64,4019,4020],"class_list":{"0":"post-336885","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-usa","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-schlagzeilen","14":"tag-united-states","15":"tag-united-states-of-america","16":"tag-us","17":"tag-usa","18":"tag-vereinigte-staaten","19":"tag-vereinigte-staaten-von-amerika"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115011284135672392","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/336885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=336885"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/336885\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/336886"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=336885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=336885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=336885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}