{"id":337928,"date":"2025-08-12T03:31:14","date_gmt":"2025-08-12T03:31:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/337928\/"},"modified":"2025-08-12T03:31:14","modified_gmt":"2025-08-12T03:31:14","slug":"kaska-brylas-roman-aus-dem-fernen-jahr-2020-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/337928\/","title":{"rendered":"Ka\u015bka Brylas Roman aus dem fernen Jahr 2020 \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Das Leben erz\u00e4hlt seine Geschichten. Aber wie erz\u00e4hlen wir uns diese Geschichten? H\u00f6ren wir zu, wenn sie uns erz\u00e4hlt werden? Oder verpassen wir sie, weil wir unsere Eltern nicht zu fragen trauen? Oder weil sie nicht \u00fcber das Schlimme sprechen wollen, das sie erlebt haben? Dass wir uns diesen Geschichten oft nicht zu n\u00e4hern trauen, davon erz\u00e4hlt Ka\u015bka Brylas neuer Roman, der auch noch mitten in Leipzig handelt. Im fernen Jahr 2020, als eine Pandemie das ganze Leben seltsam machte.<\/p>\n<p>Und bedrohlich. Auch das geh\u00f6rt dazu. Denn die Erz\u00e4hlerin hat es schon im Fr\u00fchjahr 2020 erwischt, als die Pandemie auch Leipzig erreichte. Der Bauwagen, in dem sie auf einem Connewitzer Wagenplatz lebt, wird fast zur Einsiedelei. Noch wei\u00df niemand wirklich, was dieses Virus anrichtet. Selbst die \u00c4rzte sind \u00fcbervorsichtig. Und dann wird aus der Infektion bei ihr auch noch das, was wir heute Long Covid nennen. Noch Monate lang hat die Erz\u00e4hlerin unter den Folgen zu leiden, ist schnell ersch\u00f6pft, ihre Lungen sind nicht mehr so leistungsf\u00e4hig.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/e1f643d59c964f0bbba8b3524e76a5e8.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/08\/1\"\/><\/p>\n<p>Es ist auf diese Weise wohl der erste Roman, der Long Covid aus der Perspektive einer Betroffenen erz\u00e4hlt. Nicht wehleidig. Das w\u00e4re auch nicht <a href=\"http:\/\/www.kaskabryla.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ka\u015bka Brylas<\/a> Stil. Dazu nimmt sie auch als Autorin das Leben zu sehr als Herausforderung. Wer sich h\u00e4ngen l\u00e4sst, lebt sein eigenes Leben nicht. Und das wiederum hat viel mit ihrem Vater zu tun, der elf Jahre zuvor gestorben ist. Einige seiner Erinnerungen sind auf Tontr\u00e4gern gespeichert. Es ist h\u00f6chste Zeit, sie anzuh\u00f6ren, denn die Frau im Bauwagen will endlich die Geschichte ihres Vaters schreiben.<\/p>\n<p>Bloodlands<\/p>\n<p>Es ist eine harte Geschichte, eine, wie sie so viele Menschen in jenem Raum erlebt haben, den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Timothy_Snyder\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Timothy Snyder<\/a> 2010 in seinem Weltbestseller \u201eBloodlands\u201c nannte. Es ist jener geografische Raum, in dem sich im Zweiten Weltkrieg die gr\u00f6\u00dften Gemetzel abspielten, in denen die Armeen Hitlers und Stalins w\u00fcteten. In dem der ukrainische Holodomor stattfand und die vielen Pogrome und Vernichtungsaktionen gegen die Juden.<\/p>\n<p>Und auch die Balten und Polen gerieten in die Vernichtungsmaschine. Auch der Vater in dieser Geschichte, der als Jugendlicher den \u00dcberfall auf Polen 1939 miterlebte und die folgenden Jahre in der polnischen Untergrundarmee aktiv war. Und mit Finesse, Gl\u00fcck und der oft unerwarteten Hilfe wildfremder Menschen \u00fcberlebte.<\/p>\n<p>Sein Drama begann erst nach dem Kriegsende, als Stalin sich den Westteil Polens aneignete, Millionen Polen vertrieben wurden und einige \u2013 wie dieser junge Mann \u2013 in die F\u00e4nge des sowjetischen Geheimdienstes gerieten und nach einer fadenscheinigen Anklage in den sowjetischen Gulag deportiert wurden, wo die Chancen auf ein \u00dcberleben denkbar gering waren, die Lebens- und Arbeitsbedingungen geradezu t\u00f6dlich.<\/p>\n<p>Es ist eine Geschichte aus einem vergessenen Raum. Jenem europ\u00e4ischen Raum, der aus westlicher Perspektive fast immer ignoriert wurde, weil er irgendwie nicht dazuzugeh\u00f6ren schien. Was all die von den \u00dcbergriffen der jeweiligen Imperien betroffenen V\u00f6lker geradezu ins Abseits r\u00fcckte. Die gro\u00dfen M\u00e4chte konnten w\u00fcten, wie sie wollten, es fand kein Echo in den Medien Westeuropas.<\/p>\n<p>Und die heillose Liebe einiger heutige Politiker zum Potentaten in Moskau zeigt nun einmal auch, dass viele, viele Menschen nichts, aber auch gar nichts wissen \u00fcber die blutige Herrschaftspraxis Russlands, unter der alle, wirklich alle Nachbarv\u00f6lker litten.<\/p>\n<p>Darunter immer wieder auch die Polen. Und es war immer wieder ganz knapp, dass der Vater der Erz\u00e4hlerin den Aufenthalt im sowjetischen Gulag \u00fcberlebte und nach einigen Jahren nach Polen entlassen wurde. Auch wenn es nicht das Polen war, f\u00fcr das er gek\u00e4mpft hatte.<\/p>\n<p>Denn ein demokratisches Polen gab es erst 40 Jahre sp\u00e4ter. Was dazu f\u00fchrte, dass immer auch Wien Lebensmittelpunkt f\u00fcr ihn und seine Tochter war. Wien, das in dieser Geschichte schier unerreichbar fern zu sein scheint, auch wenn Skype wenigstens ab und zu Gespr\u00e4che mit der fernen Freundin Estha erm\u00f6glicht, die scheinbar nur eins im Kopf hat: Dass die Erz\u00e4hlerin endlich das Buch \u00fcber ihren Vater schreibt.<\/p>\n<p>Karl<\/p>\n<p>Und auch wenn sie sich durch den hei\u00dfen Sommer qu\u00e4lt und manchmal tagelang zu kaum etwas f\u00e4hig ist, scheint sie das Buch dennoch zu schreiben. Mit dem schlechten Gewissen der Autorin, die wei\u00df, dass Schreiben auch ihren Lebensunterhalt bedeutet.<\/p>\n<p>Aber es ist nicht nur die ferne Estha, die ihr immer wieder Dampf macht, jetzt nicht locker zu lassen. Auch wenn sie manchmal zweifelt an der Solidarit\u00e4t der Wagenplatzbewohner, sind es gerade die Frauen, die ihr beistehen, unvermutet auftauchen, helfen beim Einkauf, Essen vorbeibringen oder einfach da sind zum Quatschen und Tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>Und noch eine ist da: die junge Kr\u00e4he Karl, die der Wagenplatzgemeinschaft just mit Beginn der Pandemie und des ersten Lockdown in die H\u00e4nde f\u00e4llt. Sie p\u00e4ppeln ihn, helfen ihm zu \u00fcberleben. Und wie selbstverst\u00e4ndlich rutscht Karl nach und nach in die Betreuung der kranken Autorin in ihrem Bauwagen, entsteht ein intensives Verh\u00e4ltnis, in dem Karl sich verw\u00f6hnen l\u00e4sst, aber auch \u2013 sp\u00e4t erst \u2013 das Fliegen lernt. Karl hat es sogar aufs Cover geschafft.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich ist er in vielen Situationen das quicklebendige Gesch\u00f6pf, das die Autorin herausfordert, ihr das Gef\u00fchl gibt, nicht allein zu sein, wenn die Telefongespr\u00e4che mit Estha zu knapp und gesch\u00e4ftig ausfallen, die M\u00fcdigkeit alles zu verschlingen droht.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich dauert es lange, bis die Erz\u00e4hlerin wieder Zutrauen fasst zu ihrem K\u00f6rper, wieder ungetr\u00fcbte Freude empfinden kann. Dazwischen h\u00f6rt sie nicht nur die alten Aufzeichnungen ihres Vaters an, abgespeichert in den Tagen vor seinem Tod, als auch das nicht ganz einfache Verh\u00e4ltnis zwischen Vater und Tochter gekl\u00e4rt ist. Denn f\u00fcr den alten Mann war es ein durchaus harter Brocken zu verstehen, dass seine Tochter lesbisch war.<\/p>\n<p>Das war nicht das, was er mit einem freien, demokratischen Polen verband. Und das haben auch viele Polen bis heute nicht verstanden, dass es Freiheit f\u00fcr alle nur gibt, wenn man auch und gerade Minderheiten respektiert und ihnen dieselben Rechte der Selbstbestimmung zugesteht. Da geht es den Polen wie den Deutschen. Und stellenweise wird der Roman deshalb nat\u00fcrlich politisch.<\/p>\n<p>Weil alles Politische immer auch konkret wird und jeden pers\u00f6nlich betrifft, der nicht in das Bild eines \u201ehomogenen Volkes\u201c passt. Wer nicht passt, sp\u00fcrt sehr schnell, wo Argwohn, Missgunst und Ausgrenzung passieren. Wo unter der Maske des Friedens die Gewalt und die Diskriminierung lauern. Und wann verbissene Politiker die alten, nicht verarbeiteten Vorurteile immer wieder reaktivieren, um Streit und Hass zu s\u00e4en.<\/p>\n<p>Freiheit und Selbstbehauptung<\/p>\n<p>Und so werden die Gespr\u00e4che, die die Autorin mit ihrem toten Vater in Gedanken f\u00fchrt, auch eine Erkundung jener Gemengelage, aus der der immer wieder gesch\u00fcrte Hass gegen Minderheiten entsteht. Ein Hass, mit dem Politik gemacht wird. Und blutige Metzeleien in Gang gebracht werden, die sich immer gegen die Schw\u00e4cheren richten. Immer. Und das ist nicht vorbei. Die Autorin wei\u00df es.<\/p>\n<p>Und wird am Ende eher nach Wien zur\u00fcckkehren, als nach Polen, das ihr in mancher Hinsicht fremd geworden ist. Ein Land, in dem sie wohl ihr Anderssein wieder kaschieren m\u00fcsste, sich verkleiden m\u00fcsste, weil die uralten Vorurteile gegen Andersliebende wieder mit aller Macht gesch\u00fcrt werden.<\/p>\n<p>Wenn man das so aufz\u00e4hlt, merkt man erst, wie vielschichtig der Roman geworden ist, obwohl er eigentlich nur Tag um Tag das Leben in diesem Sommer 2020 schildert, das Aufwachen und Kaffeekochen im Bauwagen, die Besch\u00e4ftigung mit der anh\u00e4nglichen Kr\u00e4he Karl und den dann doch nach und nach abgeh\u00f6rten Aufzeichnungen des Vaters, von dem die Autorin wei\u00df, dass sie von ihm auf jeden Fall den Drang zur Freiheit, den unbedingten Willen zur Selbstbehauptung geerbt hat.<\/p>\n<p>Manchmal entdeckt man so etwas erst im Nachhinein, merkt, wie vertraut einem der andere Mensch eigentlich war. Auch jenseits der kindlichen Verehrung. Und man merkt, wie diese St\u00e4rke des bewunderten Vaters auch im eigenen Leben tr\u00e4gt. Manchmal kaum wahrnehmbar. Und dann ist es doch die Kraft, die in diesem Fall die Autorin auch die lange Long-Covid-Zeit durchstehen l\u00e4sst und einen Roman beginnen, von dem ihre Freundin Estha schon ahnt, dass er stark werden wird.<\/p>\n<p>Also so ungef\u00e4hr wie dieses sehr pers\u00f6nliche Buch, das Ka\u015bka Bryla jetzt vorgelegt hat und das sich wegliest, als h\u00e4tte sie tats\u00e4chlich nur einen Sommer gebraucht, es zu schreiben, so leicht flie\u00dft das. Aber wenn etwas leicht flie\u00dft, kann man als Leser sicher sein, dann stecken wirklich drei Jahre harter Arbeit drin. Jahre, die sich gelohnt haben. Entstanden ist ein Buch, das die Leserinnen und Leser eben auch in einen Sommer mitnimmt, der heute schon fernste Geschichte zu sein scheint. Obwohl wir damals alle nicht wussten, ob das gut ausgeht.<\/p>\n<p><strong>Ka\u015bka Bryla <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783701718108@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eMein Vater, der Gulag, die Kr\u00e4he und ich\u201c<\/a><\/strong> Residenz Verlag, Salzburg 2025, 26 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Leben erz\u00e4hlt seine Geschichten. Aber wie erz\u00e4hlen wir uns diese Geschichten? 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