{"id":338372,"date":"2025-08-12T07:43:13","date_gmt":"2025-08-12T07:43:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/338372\/"},"modified":"2025-08-12T07:43:13","modified_gmt":"2025-08-12T07:43:13","slug":"fuenf-jahre-harrys-bude-harry-pfau-ein-unermuedlicher-fair-teiler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/338372\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf Jahre Harrys Bude: Harry Pfau \u2013 ein unerm\u00fcdlicher Fair-teiler"},"content":{"rendered":"<p>Der Lebensmittelretter Harry Pfau hat aus einem alten Container eine soziale Anlaufstation gemacht. An diesem Mittwoch wird seine \u201eBude\u201c f\u00fcnf Jahre alt.<\/p>\n<p>Nie h\u00e4tte er gedacht, dass er einmal sein w\u00fcrde, was er heute ist: stadt- und landesweit bekannter Lebensmittelretter und in Anerkennung dessen: Tr\u00e4ger des Verdienstordens des Landes, der h\u00f6chsten Auszeichnung, die Baden-W\u00fcrttemberg zu vergeben hat. Nie h\u00e4tte er sich ausgemalt, dass er zusammen mit einem Team von 50 Freiwilligen eine Bude, Harrys Bude, betreiben w\u00fcrde, die in f\u00fcnf Jahren 15 000 Stunden ihrer Lebenszeit aufbringen w\u00fcrden, um in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> 300 000 Menschen mit 1000 Tonnen \u201egeretteten Lebensmitteln\u201c zu versorgen. Kostenlos, ohne Bed\u00fcrftigkeitsnachweis und Ansehen der Person. Und er h\u00e4tte auch nicht vermutet, dass jetzt, zum f\u00fcnfj\u00e4hrigen Bestehen seiner wenige Quadratmeter gro\u00dfen Bude, die einmal ein Container war, ein Flyer erscheinen w\u00fcrde, in dem all diese Zahlen aufgef\u00fchrt sind und der sein stilisiertes Konterfei tr\u00e4gt \u2013 das von ihm, von Harry Pfau, hohe Stirn, wei\u00dfer Vollbart, Augen, die ganz bei der Sache sind. Denn lange schien doch alles in eine ganze andere Richtung zu gehen. Ins Nichts . . . <\/p>\n<p>13 Jahre lang lebte Harry Pfau selbst auf der Stra\u00dfe  <\/p>\n<p>Die Geschichte von Harry Pfau ist die eines Stuttgarters, 1961 in Zuffenhausen geboren, der zehn Jahre im Heim verbrachte, sp\u00e4ter als Maler und Ger\u00fcstbauer arbeitete und dem dann das Leben entglitt. Irgendwann fand er sich auf der Stra\u00dfe wieder, wo er 13 Jahre festhing mit Alkohol als Begleiter. Eine gescheiterte Existenz scheinbar ohne Perspektive. Doch das war nicht das Ende seiner Geschichte. Nach einem Wochenende, an dem er sich wieder \u201eabgeschossen\u201c hatte, schaute er in den Spiegel und fragte sich: \u201eWas tust Du da eigentlich?\u201c Das war der Wendepunkt. Von einem Tag auf den anderen machte er Schluss mit dem Alkohol und arbeitete sich zur\u00fcck ins Leben. Wie er das geschafft hat? Mit Willen! Neudeutsch w\u00fcrde man von Selbstwirksamkeit sprechen. \u201eDas h\u00e4tte auch schief gehen k\u00f6nnen\u201c, sagt er. Doch es ging gut. <\/p>\n<p>Denn pl\u00f6tzlich taten sich Chancen auf. Harry Pfau traf auf Menschen, die mit ihm ein <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Foodsharing\" title=\"Foodsharing\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Foodsharing<\/a>-Projekt anpacken wollten: die Sozialarbeiterin Conny Krieger, Liam, ein Student, und Steffen Vogt, der damalige Pfarrer von St. Maria in der T\u00fcbinger Stra\u00dfe. Im August 2020 richteten sie den Container ein, der an die Kirche grenzt. Das Projekt war ein Versuch, nur auf drei Monate angelegt. Jetzt sind es f\u00fcnf Jahre \u2013 und vielen Leuten, Harry Pfau eingeschlossen, kommt es so vor, als gebe es Harrys Bude schon weitaus l\u00e4nger. Vielleicht, weil dieser Hoffnungsort aus der City nicht mehr wegzudenken ist. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.5b286752-2bf5-42b7-a478-09f014d30dbb.original1024.media.jpeg\"\/>     R\u00fcckblick auf f\u00fcnf Jahre Harrys Bude: Harry Pfau und die Mitarbeiterinnen Florence Carrasco (rechts) und Birgit Honikel-Gresser (links) sortieren Bilder und Zeitungsausschnitte.    Foto: Jan Sellner    <\/p>\n<p>Gleichwohl hat sich rund um Harrys Bude vieles ver\u00e4ndert. Angefangen bei Harry Pfau selbst. Der jetzt 64-J\u00e4hrige mit der charakteristischen orangefarbenen, \u00e4rmellosen Weste strahlt eine Klarheit, Pr\u00e4senz und Entschlossenheit aus, die dem Gegen\u00fcber Respekt abn\u00f6tigt. Heute ist er jemand, um den man keinen Bogen mehr macht, sondern dessen N\u00e4he man sucht. Cem \u00d6zdemir hat Harrys Bude besucht, als er Bundeslandwirtschaftsminister war, das S\u00fcdwestfernsehen widmete ihm ein Filmportr\u00e4t, er erhielt den B\u00fcrgerpreis der B\u00fcrgerstiftung und den von den beiden Stuttgarter Zeitungen und der Volksbank Stuttgart gestifteten Ehrenamtspreis \u201eStuttgarter des Jahres\u201c. Seit es Harrys Bude gibt, ist Harry Pfau ein Aush\u00e4ngeschild geworden, eine Marke, ein Botschafter des Foodsharing-Gedankens und des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements in der Stadt. Sollte man aktuell zehn Dinge nennen, die Stuttgart besonders machen, dann w\u00e4re Harrys Bude mit Sicherheit dabei.<\/p>\n<p>Das Thema Lebensmittelrettung ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen <\/p>\n<p>Rund um den Container in der Anmutung eines Marktstandes, versehen mit Papst-Zitaten gegen die Verschwendungssucht, hat sich in den vergangenen f\u00fcnf Jahren ein Netzwerk gebildet. Dazu geh\u00f6rt die B\u00fcrgerstiftung mit ihrem Foodsharing-Projekt \u201eSupp-optimal\u201c. Es hat erreicht, dass der Gedanke des \u201eFair-teilens\u201c, der die verschiedenen Akteure verbindet, in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Harry Pfau und die anderen Freiwilligen haben heute keine M\u00fche mehr, Lebensmittel zu bekommen, die sonst auf dem M\u00fcll landen w\u00fcrden. \u201eManchmal wurde nur ein Logo ver\u00e4ndert oder die Ware falsch verpackt\u201c, sagt er. \u201eSuperm\u00e4rkte oder B\u00e4cker kommen inzwischen direkt auf uns zu. Auch die H\u00e4ndler am Wochenmarkt geben gerne und reichlich\u201c, erz\u00e4hlt er, w\u00e4hrend per Lastenrad gerade frische Lebensmittel eintreffen. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.24b7725b-f5b8-4fcf-94a5-cf30f673caf9.original1024.media.jpeg\"\/>     Plakat an Harrys Bude    Foto: Jan Sellner    <\/p>\n<p>Florence Carrasco, eine Mithelferin der ersten Stunde, war gerade auf Tour. \u201eSch\u00f6ne Ausbeute\u201c, sagt jemand beim Anblick der mitgebrachten Auberginen. Fast gleichzeitig rollt eine andere Helferin einen vollgepackten Einkaufswagen heran: Joghurt, Salat, Br\u00f6tchen, Hafermilch. Ein Umstehender kann es kaum erwarten, sich zu bedienen. Doch erst einmal m\u00fcssen die Waren in der Container-Auslage platziert werden. Harry Pfau bittet um Zur\u00fcckhaltung. Dazu braucht es nicht viele Worte. Er ist eine Autorit\u00e4t. Auf einem Schild an seiner Bude steht: \u201ePreis: Freundlichkeit und Geduld.\u201c Er selbst macht vor, wie das geht. <\/p>\n<p>Zugleich ist er ein Seismograf des Sozialen in der Stadt. Hier, vor Harrys Bude, deutet sich fr\u00fch an, wenn sich etwas verschiebt. Anfangs seien viele einsame \u00c4ltere und Studenten gekommen, berichtet Pfau; es war die Zeit des ersten Lockdowns, und es gab nur wenige \u00f6ffentliche Orte, an denen sich Menschen noch begegnen konnten. Die Bude blieb ge\u00f6ffnet, anders als etwa die Tafell\u00e4den, und wurde zu einem sozialen Treffpunkt. Auch die Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine waren an Harrys Bude zu sp\u00fcren. Zur Klientel z\u00e4hlten nun auch Fl\u00fcchtlinge. Heute ist die Kundschaft bunt gemischt. Im Umgang mit den Leuten sp\u00fcrt Pfau, wo Not ist und entsteht. Nicht nur die Not, die ins Auge sticht, wenn Obdachlose nach einem Schlafsack fragen. Er kennt Stuttgarter, \u201edie normal zur Arbeit gehen und in ihren Autos \u00fcbernachten, weil sie sich keine Wohnung leisten k\u00f6nnen\u201c. Manche erz\u00e4hlen ihm ihre Geschichte. Er, der Lebensmittelretter, ist auch Vertrauensperson geworden.<\/p>\n<p> Harry Pfau denk im Stile eines Start-up-Unternehmers  <\/p>\n<p>Ausruhen will er sich auf all dem nicht. Pfau sieht sich als jemanden, der fortgesetzt Dinge bewegt und ausprobiert \u2013 ganz im Stile eines Start-up-Unternehmers. Ihm schwebt vor, dass es bald in allen Stuttgarter Stadtteilen Buden wie seine gibt. \u201eDer Bedarf ist gro\u00df\u201c, sagt er als ein Mann der Basis und der unmittelbaren Anschauung. In wohlhabenderen Stadtteilen k\u00f6nnte es dann weniger um Verteilung als um das Thema Lebensmittelrettung gehen \u2013 seinem Kernanliegen. \u201eZum Teil werden immer noch 30 Prozent der Backwaren weggeworfen\u201c, sagt er. Diese Thema tr\u00e4gt er gezielt auch an Sch\u00fcler heran, \u201edie ja noch offen sind f\u00fcr Ver\u00e4nderung\u201c. Dazu haben die B\u00fcrgerstiftung und er mit \u201eHarrys Lab\u201c ein eigenes Projekt gestartet. <\/p>\n<p>Und wie jeder Start-up-Gr\u00fcnder w\u00fcnscht er sich, dass die Verwaltung unb\u00fcrokratisch reagiert und ihn seine Ideen ausprobieren l\u00e4sst. Warum sollte es nicht m\u00f6glich sein soll, solche Buden im \u00f6ffentlichen Raum aufzustellen?, fragt er sich; bei St. Maria steht der Container auf Kirchengrund. \u00dcberhaupt w\u00fcnscht er sich eine Haltung, die Dinge \u201eerm\u00f6glicht und nicht bremst\u201c. Einen prominenten F\u00fcrsprecher f\u00fcr sein gemeinn\u00fctziges Unternehmertum d\u00fcrfte er haben: \u201eHarry Pfau hat seine pers\u00f6nliche Geschichte gewandelt \u2013 und gibt heute Hoffnung und konkrete Hilfe weiter\u201c, sagte Ministerpr\u00e4sident Winfried Kretschmann, als er ihm im Mai den Verdienstorden des Landes \u00fcberreichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Lebensmittelretter Harry Pfau hat aus einem alten Container eine soziale Anlaufstation gemacht. 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