{"id":339217,"date":"2025-08-12T15:25:13","date_gmt":"2025-08-12T15:25:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/339217\/"},"modified":"2025-08-12T15:25:13","modified_gmt":"2025-08-12T15:25:13","slug":"wim-wenders-die-ausstellung-zum-80-der-himmel-ueber-bonn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/339217\/","title":{"rendered":"Wim Wenders \u2013 die Ausstellung zum 80. &#8211; Der Himmel \u00fcber Bonn"},"content":{"rendered":"<p>Bonn ehrt den Regisseur Wim Wenders mit einer Retrospektive, die viel \u00fcber das heutige Berlin verr\u00e4t. Der K\u00fcnstler selbst erz\u00e4hlt, wie er im Nachkriegsdeutschland in Tr\u00fcmmern aufgewachsen ist \u2013 und in dieser Zeit den Hauptantrieb seines Lebens fand.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Filme haben es im Museum nicht immer leicht. Gewohnt zu wandeln und wie ein J\u00e4ger nach visueller Beute Ausschau zu halten, muss der Rezipient f\u00fcr das bewegte Bild l\u00e4ngere Zeit sitzenbleiben, auf einer harten Bank, oder, wenn man Gl\u00fcck hat, in einem Sitzsack, der einem die K\u00f6rperspannung einer Qualle verleiht und entsprechend unvorteilhaft aussehen l\u00e4sst. Es fehlt die H\u00f6hle, es fehlt die Gemeinschaft der Kinog\u00e4nger, es fehlt auch das Popcorn. Wenn man Film als Kunst zeigen will, geht das eigentlich nur im Kino. <\/p>\n<p>Trotzdem hat sich die Bundeskunsthalle entschlossen, den sehr bekannten Regisseur Wim Wenders zum Achtzigsten mit einer klassischen Ausstellung zu ehren. Er selbst f\u00fchrt hindurch, als Stimme im Audioguide, sodass man gleich mehrere Ebenen von Wenders \u00fcbereinander geschichtet pr\u00e4sentiert bekommt \u2013 die Vorarbeiten und Paraphernalien des Drehs, Fotos vom Set, Filmausschnitte, seine und andere Kommentare, die Einordnung durch Wandtexte, die Rezeption und im hintersten Raum die Troph\u00e4en und Preise.<\/p>\n<p>In einer immersiven Installation kann man sich Ausschnitte aus 24 Filmen auf Sitzkissen ansehen. Die Schau, konzipiert von der Bundeskunsthalle mit dem Deutschen Filminstitut &amp; Filmmuseum in Frankfurt am Main und der Wim Wenders Stiftung, geht im Gro\u00dfen und Ganzen chronologisch vor, mit einer Ausnahme. Schon zu Anfang, noch vor den noch nicht gezeigten Jugendbildern und Fr\u00fchwerken von Wim Wenders ist die Szene zu sehen, in der Bruno Ganz und Otto Sander als Engel im schwarz-wei\u00dfen Berlin des Jahres 1987 in langen M\u00e4nteln nebeneinander hergehen.<\/p>\n<p>Der Sog der Zeit<\/p>\n<p>\u201eDer Himmel \u00fcber Berlin\u201c ist sicher der bekannteste Film von Wenders, und er f\u00e4ngt etwas ein, das wichtig ist. Gleich nebenan sieht man Aufnahmen aus einem Hubschrauber, der \u00fcber West-Berlin und entlang der Mauer fliegt, gechartert von der britischen Armee, denn private Fl\u00fcge durfte es in der vom Kalten Krieg eingekapselten Stadt nicht geben. Man sieht den Mauerstreifen, die Berliner H\u00f6fe und die Mietskasernen, die ja immer noch da sind, nur mit anderen Menschen darin, und dann passiert etwas Seltsames. Es ist, als w\u00fcrde sich auf der Wand ein Abgrund auftun und mit einem unwiderstehlichen Sog alles an sich rei\u00dfen \u2013 Otto Sander und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article188954627\/Bruno-Ganz-Der-Emotionalclown-die-Tulpen-und-der-Wut-Fuehrer.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article188954627\/Bruno-Ganz-Der-Emotionalclown-die-Tulpen-und-der-Wut-Fuehrer.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bruno Ganz<\/a>, die mittlerweile tot sind, die grauen H\u00e4user, den Potsdamer Platz. <\/p>\n<p>Es ist der Sog der Zeit, der aus diesen Bildern herausgreift, und dann wird einem bewusst, dass das ja alles hier l\u00e4ngst vergangen und niemals wiederzubeschaffen ist: die mit der Schreibmaschine getippten Skripte und die Kindheitserinnerungen aus der Tr\u00fcmmerzeit, der ungebrochene Glaube an Gef\u00fchl und Ausdruck, an Rock\u2019n\u2019Roll, Sinnsuche und Selbsterfahrung, die Sehnsucht nach Amerika und Frankreich. Der klassische deutsche Nachkriegsweltschmerz ist dabei auszusterben, mitsamt seinen Bluesgitarren, 35mm-Kopien und den sch\u00f6nen alten Autos. Wim Wenders hat fr\u00fch einen Sinn f\u00fcr Orte bewiesen, die bald darauf verschwinden w\u00fcrden, wie das West-Berlin des Jahres 1987. <\/p>\n<p> \u201eIch kann den Potsdamer Platz nicht finden\u201c, sagt der damals 86-j\u00e4hrige Curt Bois, als er \u00fcber die W\u00fcstenei des von der Mauer zerschnittenen, abger\u00e4umten einstigen Lebensknotens einer Metropole wandert. \u201eDas kann er doch nicht sein.\u201c Der Witz ist, dass man den Potsdamer Platz aus dem Film heute auch nicht mehr finden kann. Verg\u00e4nglichkeit ist ein Hauptmotiv des Regisseurs und Fotografen Wim Wenders, der sich f\u00fcr Palermo, Lissabon, Havanna begeistert. Es sind nostalgische St\u00e4dte. In Berlin ist die Ver\u00e4nderung so extrem, dass \u201eDer Himmel \u00fcber Berlin\u201c paradigmatisch f\u00fcr die von Schocks und Umw\u00e4lzungen gekennzeichnete deutsche Geschichte stehen mag. <\/p>\n<p>Geboren wurde der Arztsohn Wim Wenders in D\u00fcsseldorf am 14. August 1945, drei Monate nach Ende des Krieges in Europa, eine Woche nach den Atombombenabw\u00fcrfen auf Hiroshima und Nagasaki, wie er bei der Pressekonferenz zu seiner Retrospektive betont. \u201eD\u00fcsseldorf war zu neunzig Prozent zerst\u00f6rt\u201c, erinnert er sich, \u201e\u00fcberall nur noch Kamine und Tr\u00fcmmer.\u201c Die ersten Lebensjahre verlebte Wenders in den Hinterzimmern der Apotheke des Gro\u00dfvaters, die halbwegs intakt geblieben war. \u201eIch bin in Ruinen aufgewachsen und fand aus den Zeitungen meines Vaters und der Enzyklop\u00e4die meines Gro\u00dfvaters heraus, dass die Welt nicht \u00fcberall so aussieht wie bei uns. Das war eine gro\u00dfe Entdeckung und der Hauptantrieb meines Lebens.\u201c <\/p>\n<p>Fremdes Deutschland<\/p>\n<p>Hier kommt er her, der Durst nach fremder Luft. In Paris will Wenders zum Maler werden (die Schau zeigt einige Bilder), rezipiert ein Jahr lang in tausend Streifen die Filmgeschichte in der Cin\u00e9mat\u00e8que fran\u00e7aise und geh\u00f6rt zu den ersten Studenten der Hochschule f\u00fcr Film und Fernsehen in M\u00fcnchen. Mit anderen Regisseuren des Neuen Deutschen Films gr\u00fcndet Wenders 1971 den Filmverlag der Autoren. Drei Jahre sp\u00e4ter gelingt ihm der k\u00fcnstlerische Durchbruch mit \u201eAlice in den St\u00e4dten\u201c. 1984 gewinnt er f\u00fcr \u201eParis, Texas\u201c die Goldene Palme von Cannes \u2013 als einziger Deutscher neben Volker Schl\u00f6ndorff, bis heute. <\/p>\n<p>Wenders hat auch in Deutschland gedreht, doch dieses Deutschland sieht immer fremd aus, w\u00e4hrend das Ausland bei ihm etwas Vertrautes bekommt. Wenders-Filme spielen in Texas, Japan, Sizilien, New York, Australien, China, Japan, Kuba, in W\u00fcsten und in Metropolen. Wenders ist der Regisseur der Reise, der Roadtrips, der Wanderungen und des Verlorengehens. Er ist zugleich auch einer der ganz wenigen deutschen Regisseure, die weltweite Anerkennung gefunden haben. In Deutschland ist oft bem\u00e4ngelt worden, dass diese sch\u00f6nen, malerischen Wim-Wenders-Filme manchmal auch etwas Peinliches haben.<\/p>\n<p>Sein Film \u00fcber einen Toilettenmann in Tokio, \u201ePerfect Days\u201c von 2023, begeisterte die Kritik, dem mit Wenders Freund Campino von den Toten Hosen besetzten K\u00fcnstlerkrisenfilm \u201ePalermo Shooting\u201c attestierte der Kritiker R\u00fcdiger Suchsland 2008 eine \u201eerb\u00e4rmliche Dialogqualit\u00e4t\u201c. Wenders <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article247730436\/Wim-Wenders-ueber-Anselm-Kiefer-Anselm-jetzt-oder-nie.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article247730436\/Wim-Wenders-ueber-Anselm-Kiefer-Anselm-jetzt-oder-nie.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anselm-Kiefer-Portr\u00e4<\/a>t von 2023 wurde von der \u201eFAZ\u201c als \u201ehoch pathetisch\u201c kritisiert, seine Dialoge mehrmals als pseudophilosophisch bekrittelt. <\/p>\n<p>Und ja, da ist ein Hang zum Erhabenen und Nostalgischen auszumachen, ganz besonders in dieser Schau, die sich tief vor dem nun bald Achtzigj\u00e4hrigen verbeugt und wenig andere Weggef\u00e4hrten in eigener Stimme zu Wort kommen l\u00e4sst. Das weiche Licht, die leeren Stra\u00dfen, die sinnenden M\u00e4nner, die handgemachte Musik, es scheint schon manchmal aus der Zeit gefallen. Aber was ist auch dagegen zu sagen? Ry Cooder, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article253742478\/Nick-Cave-in-Berlin-Heimkehr-eines-Traumataenzers.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article253742478\/Nick-Cave-in-Berlin-Heimkehr-eines-Traumataenzers.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nick Cave<\/a>, Pina Bausch, Lou Reed, Francis Ford Coppola \u2013 dass so viele gute K\u00fcnstler mit ihm zusammenarbeiten wollten, muss etwas bedeuten.<\/p>\n<p>Und jetzt ist Wenders also in Bonn angekommen, am Anfang. Zwei Polaroidaufnahmen des Rheins beschlie\u00dfen den Parcours durch Leben und Werk. \u201eIch bin ja auch am Rhein aufgewachsen\u201c, sagt Wenders, \u201ehabe den Fluss jeden Tag gesehen, kenne jede Burg mit Namen\u201c. Die beiden kleinformatigen Bilder sind verwunschen sch\u00f6n mit ihren dunstigen H\u00fcgeln und dem hohen Wasserstand. Sie entstanden in Vorbereitung f\u00fcr den Film \u201eFalsche Bewegung\u201c, einer Adaption von \u201eWilhelm Meisters Lehrjahre\u201c, die dessen Lehren umkehrt, wie Wenders erkl\u00e4rt. \u201eW\u00e4hrend bei Goethe die Reisebewegung quer durch Deutschland noch eine ist, bei der Wilhelm Meister viel lernt, lernt er bei uns \u00fcberhaupt nichts. Er kommt am Schluss auf der Zugspitze an und wei\u00df weniger als am Anfang\u201c.<\/p>\n<p>\u201eW.I.M. Die Kunst des Sehens\u201c ist bis zum 11. Januar 2026 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bonn ehrt den Regisseur Wim Wenders mit einer Retrospektive, die viel \u00fcber das heutige Berlin verr\u00e4t. 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