{"id":34076,"date":"2025-04-15T14:34:14","date_gmt":"2025-04-15T14:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/34076\/"},"modified":"2025-04-15T14:34:14","modified_gmt":"2025-04-15T14:34:14","slug":"freikirche-in-muenchner-club-zieht-tausende-an-was-das-icf-muenchen-so-erfolgreich-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/34076\/","title":{"rendered":"Freikirche in M\u00fcnchner Club zieht Tausende an: Was das ICF M\u00fcnchen so erfolgreich macht"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gebet, begleitet von atmosph\u00e4rischer Live-Musik. Ein professionell produzierter Werbefilm zur Spendenkampagne. Eine Predigerin, die sich \u2013 inspiriert von der biblischen K\u00f6nigin Ester \u2013 selbst eine Krone aufsetzt. Dazu eine durchdachte PowerPoint-Pr\u00e4sentation zum Thema Fasten und eine eingespielte Tonspur eines weinenden Babys, das sinnbildlich f\u00fcr unsere nach Gott d\u00fcrstenden Seelen stehen soll.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne des ICF M\u00fcnchen geschieht viel \u2013 immer wieder erz\u00e4hlen Menschen von ihren pers\u00f6nlichen Erlebnissen mit Gott und dem Thema der Predigt. Es ist ein Gottesdienst, den man wohl am treffendsten als &#8222;actionreich&#8220; bezeichnen kann.<\/p>\n<p>Die sogenannten &#8222;Celebrations&#8220; im ICF unterscheiden sich deutlich von dem, was man aus den klassischen Gottesdiensten der Landeskirchen kennt, jeden Sonntag finden mehrere Gottesdienste zu verschiedenen Uhrzeiten statt.<\/p>\n<p>Aber was steckt dahinter? Ist ICF nur eine hippe Verpackung f\u00fcr altbekannte Inhalte \u2013 oder wirklich eine neue Art von Kirche?<\/p>\n<p>ICF M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Das &#8222;International Christian Fellowship&#8220;, kurz ICF, ist eine freikirchliche Bewegung, die ihren Ursprung in der Schweiz hat. In den 1990er-Jahren gegr\u00fcndet, ist sie inzwischen weltweit vertreten. Ihr Markenzeichen: moderne Musik, professionelle B\u00fchnen\u00e4sthetik, eine jugendnahe Sprache \u2013 und eine Theologie, die klare Orientierung schaffen will.<\/p>\n<p>In Deutschland gibt es mittlerweile \u00fcber 20 ICF-Standorte, darunter auch das ICF M\u00fcnchen. &#8222;Ich glaube die Annahme, wir w\u00e4ren besonders was f\u00fcr junge Menschen, stammt noch aus der Anfangszeit. Mittlerweile sind alle Atersgruppen im ICF M\u00fcnchen vertreten, vom S\u00e4ugling bis zum Greis&#8220;, meint Konstantin Fritz, Pressesprecher und Leiter der M\u00e4nnerarbeit im ICF M\u00fcnchen zu sonntagsblatt.de.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.icf-muenchen.de\/de\/willkommen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Auf seiner Webseite<\/a> beschreibt sich das ICF M\u00fcnchen selbst als\u00a0&#8222;eine \u00fcberkonfessionelle Freikirche auf biblischer Grundlage, die aus dem Traum entstanden ist, Kirche f\u00fcr die Menschen wieder dynamisch, lebensnah und zeitgem\u00e4\u00df zu gestalten.&#8220; Geleitet wird die Kirche seit 2004 von dem Ehepaar\u00a0Tobias und Frauke Teichen.<\/p>\n<p>Und so sitzen Besucher aus unterschiedlichen Alters- und Gesellschaftsgruppen in der bestuhlten Diskothek &#8222;Neuraum&#8220; am ZOB an der Donnersbergerbr\u00fccke in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Ein Sonntagmorgen im Club<\/p>\n<p>&#8222;Achtung, hier ist der Boden noch etwas klebrig von gestern Nacht&#8220;, sagt der Mann vom Welcome-Team lachend, w\u00e4hrend er mich an einem Sonntag Mitte M\u00e4rz durch die schummrige Eingangshalle des M\u00fcnchner Technoclubs f\u00fchrt. Wenige Stunden zuvor wurde hier noch getanzt und getrunken, jetzt sinken Gottesdienstbesucher beim Singen von Worship-Liedern und beim Beten auf eben diesen Boden, um ihren Gef\u00fchlen zu Gott Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Beteiligung der Gemeinde in den ICF-Celebrations findet unter anderem auf der emotionalen Ebene statt&#8220;, erkl\u00e4rt Haringke Fugmann: Landeskirchlicher Beauftragter der Evang.-Luth. Kirche in Bayern f\u00fcr geistige und religi\u00f6se Str\u00f6mungen der Gegenwart. Mit dieser Einsch\u00e4tzung bringt er das Erlebte auf den Punkt:<\/p>\n<p>Die Celebrations scheinen darauf ausgelegt, intensive emotionale Erfahrungen zu erzeugen \u2013 Momente von Erhabenheit oder Euphorie w\u00e4hrend des Lobpreises, von innerer R\u00fchrung oder Erm\u00e4chtigung im Gebet, von tiefer Sehnsucht nach g\u00f6ttlicher N\u00e4he. Diese emotionalen Hochphasen k\u00f6nnen \u2013 je nach pers\u00f6nlicher Deutung \u2013 als spirituelle Erfahrungen gelesen werden.<\/p>\n<p>Doch Fugmann mahnt zur Differenzierung: &#8222;Nicht alles, was sich gut anf\u00fchlt, ist auch automatisch richtig. Emotionen k\u00f6nnen ein Teil religi\u00f6ser Erfahrung sein, aber sie ersetzen keine theologische Reflexion. Genau da hat Theologie eine wichtige Korrekturfunktion.&#8220;<\/p>\n<p>Glaubensrichtung des ICF<\/p>\n<p>Die theologische Ausrichtung von ICF verortet Dr. Haringke Fugmann zwischen evangelikal und charismatisch. Evangelikale Traditionen betonen vor allem die pers\u00f6nliche Beziehung zu Jesus Christus sowie die hohe Autorit\u00e4t der Bibel. Charismatische Einfl\u00fcsse zeigen sich insbesondere in der emotional gepr\u00e4gten Anbetungskultur, in ausgedehntem Lobpreis und in spirituellen Ph\u00e4nomenen wie Zungenrede.<\/p>\n<p>Zentral ist f\u00fcr Fugmann die &#8222;bibelfundamentalistische Wortauslegung&#8220;, wie sie im ICF praktiziert wird \u2013 also die Neigung, die Bibel eher w\u00f6rtlich auszulegen. Diese Haltung, so erkl\u00e4rt er, f\u00fchre nicht selten zu konservativen moralischen Werten, etwa in der Bewertung von Homosexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch das Glaubensverst\u00e4ndnis innerhalb von ICF ist stark individualisiert \u2013 zumindest auf den ersten Blick. Die pers\u00f6nliche Beziehung zu Gott steht im Mittelpunkt, ebenso wie der Weg dorthin. Dieser ist in drei Phasen unterteilt: &#8222;Explore&#8220;, &#8222;Get Free&#8220; und &#8222;Impact&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Es geht zun\u00e4chst darum, Gott kennenzulernen, sich von inneren Blockaden und Verletzungen zu l\u00f6sen, und schlie\u00dflich das eigene Leben so zu gestalten, dass es anderen dient und Gottes Wirken sichtbar macht&#8220;, so ICF-Sprecher Fritz am Anschluss an die Celebration in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Zentrales Gottesbild der Freikirche<\/p>\n<p>Das Gottesbild von ICF ist dabei klar umrissen: Gott liebe jeden Menschen bedingungslos. Doch durch die Entscheidung des Menschen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen \u2013 der S\u00fcndenfall \u2013, sei eine Trennung von Gott entstanden. Jesus, so die ICF-Lehre, habe all das Negative auf sich genommen, sei durch diese zerst\u00f6rerische Kraft selbst gestorben, aber auferstanden, weil er selbst Gott ist. So weit, so gut.<\/p>\n<p>Das Entscheidende bei ICF ist allerdings, worauf sie sich konzentrieren: Auf diese Entfremdung von Gott, auf diese pers\u00f6nliche, eigene Beziehung, die es zu reparieren und immer mehr zu verbessern gilt.<\/p>\n<p>Zentrales Mittel zur Wiederherstellung der Gottesbeziehung ist das Gebet \u2013 es wird als Kraftquelle verstanden, durch das Heilung und Ver\u00e4nderung m\u00f6glich werden.<\/p>\n<p>Die Wichtigkeit des Gebets wird schon in den ersten Minuten der Celebration klar, als ein Mann auf der B\u00fchne im ersten Gebet zun\u00e4chst anf\u00fchrt, dass selbst das schlechte Gewissen, unter der Woche zu wenig gebetet zu haben, nicht l\u00e4hmen, sondern im Gegenteil zum Antrieb f\u00fcr noch hingebungsvolleren Lobpreis werden soll.<\/p>\n<p>Doch der Landeskirchen-Beauftragte Fugmann sieht auch hier Grenzen: Die propagierte Individualit\u00e4t innerhalb des Glaubens sei seiner Meinung nach nur so lange erw\u00fcnscht, wie sie zur &#8222;Corporate Identity&#8220; von ICF passe \u2013 also zu dem Gesamtbild, das die Kirche nach au\u00dfen hin vermitteln m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Corporate Identity<\/p>\n<p>Das Gesamtbild ist klar. Wer das ICF betritt, betritt eine durchinszenierte Glaubenswelt. Alles wirkt durchdacht \u2013 aber nicht distanziert, sondern einladend. Es ist eine Kirche, die zugleich Heimat und B\u00fchne sein will.<\/p>\n<p>Und dieses gro\u00dfe Ganze funktioniert nur, weil unz\u00e4hlige einzelne daran mitarbeiten. Ehrenamt ist hier nicht ein unterst\u00fctzendes Extra, sondern das R\u00fcckgrat des gesamten Systems. Laut Aussage ihrer Webseite sind sie der gr\u00f6\u00dfte ehrenamtliche Betreiber M\u00fcnchens. Und wie ich in dem Gottesdienst gemerkt habe, ist es mehr als eine Behauptung.<\/p>\n<p>Ich sitze in der ersten Reihe neben einem kleinen M\u00e4dchen. Vielleicht gerade einmal zehn Jahre alt. Auf dem T-Shirt, das sie tr\u00e4gt, steht in gro\u00dfen Buchstaben &#8222;Technik &amp; Logistik&#8220;. Auf dem Kopf tr\u00e4gt sie ein Headset, auf dem Scho\u00df liegt eine Video-Kamera, die sie konzentriert auf die B\u00fchne richtet. Sie ist voll dabei \u2013 Teil des Teams, Teil der Show, Teil der Gemeinschaft.<\/p>\n<p>ICF ist eine Community mit klarem Wertesystem, einem hohen Ma\u00df an Zugeh\u00f6rigkeit und einem starken Drang, sich einzubringen. Und es ist genau diese Mischung, die funktioniert: Eine einfache, strikte Orientierung durch eine theologisch klar umrissene Lehre \u2013 und ein moderner, professioneller, emotional aufgeladener Auftritt, der das Ganze attraktiv verpackt.<\/p>\n<p>Jeden Sonntag zieht die Kirche so laut eigenen Angaben tausende Besucher in die umfunktionierte Diskothek. &#8222;Das sind die zwei Pull-Faktoren \u2013 klare Lehre und zeitgem\u00e4\u00dfe Inszenierung&#8220;, so Fugmann.<\/p>\n<p>Zwischen Spiritualit\u00e4t und Show \u2013 ist das neu?<\/p>\n<p>Dass Kirchen versuchen, sich emotional erfahrbar zu machen, sei keineswegs neu, erkl\u00e4rt Fugmann. Schon in der Barockzeit setzten katholische Kirchen beispielsweise auf pr\u00e4chtige Inszenierung: goldverzierte Alt\u00e4re, Weihrauch, Orgelspiel.<\/p>\n<p>Die Verbindung von Glaube und Gef\u00fchl, von Liturgie und Erleben, ist also keinesfalls ein Alleinstellungsmerkmal von ICF. Auch andere Freikirchen, charismatische Bewegungen oder moderne Gro\u00dfstadtgemeinden nutzen l\u00e4ngst B\u00fchnenlicht und Beamer, um die Botschaft zu vermitteln.<\/p>\n<p>ICF ist also nicht einzigartig \u2013 aber vielleicht besonders konsequent. Es zieht die moderne \u00c4sthetik bis in die kleinste Faser durch, es inszeniert Glauben wie ein Lifestyle-Event, ohne das Wort &#8222;Inszenierung&#8220; negativ zu meinen. Und was die Wertevorstellungen angeht \u2013 nun ja, da sollte man sich von den Scheinwerferlichtern nicht blenden lassen und selbst bewerten, wie man dazu steht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Gebet, begleitet von atmosph\u00e4rischer Live-Musik. 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