{"id":342525,"date":"2025-08-13T21:34:17","date_gmt":"2025-08-13T21:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/342525\/"},"modified":"2025-08-13T21:34:17","modified_gmt":"2025-08-13T21:34:17","slug":"warum-max-goldt-gegen-die-ehe-fuer-alle-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/342525\/","title":{"rendered":"Warum Max Goldt gegen die Ehe f\u00fcr alle ist"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Seit \u00fcber zehn Jahren hat Max Goldt kein richtiges Buch mehr ver\u00f6ffentlicht. Dabei lechzen seine Fans danach wie Durstende in der W\u00fcste. Max Goldt ist einer, der Ordnung in die Sprache und die Diskurse brachte. Und vielleicht ist die Schreibblockade, die er in raren Selbstaussagen auf seinen Perfektionismus schiebt, auch der Tatsache geschuldet, dass einige Diskussionen in unserer Gesellschaft immer unvers\u00f6hnlicher und durchgedrehter werden.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Trotzdem hat Goldt genau jetzt, auf einem Hoch der Durchgedrehtheit, ein neues Buch ver\u00f6ffentlicht: In \u201eAber?\u201c geht es zum Beispiel um Frauenfu\u00dfball, Blasenbildung, das <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/genderdebatte\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gendern<\/a>, die Islamisierung des Abendlands oder die Frage, ob die <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/rundfunk\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00f6ffentlich-rechtlichen Medien<\/a> l\u00fcgen. Schwei\u00dftreibende Drahtseil-Themen also, an denen sich der Meister der kurzen Form wie immer h\u00f6chst am\u00fcsant abarbeitet.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In der Sprachkritik ist Max Goldt noch ganz bei sich, hat es leicht: In \u201eDiese wolkenverhangenen Dunkelziffern\u201c, einer von mindestens zwei Texten im neuen Konvolut, die schon fr\u00fcher und anderswo erschienen sind, fegt er aus in den sprachlichen Unreinheiten des Tagesjournalismus: \u201eIn jeder News-Redaktion sollte einer wach genug sein, S\u00e4tze wie \u201aJe l\u00e4nger die Suche dauert, desto geringer ist die Chance, in den Tr\u00fcmmern noch \u00dcberlebende zu finden\u2018 beherzt und ersatzlos zu streichen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Aus gleichem Holz geschnitzt ist die Top-Banalit\u00e4t des deutschen Nachrichtenwesens, die immer zum Einsatz kommt, wenn von unerfreulichen Zahlen die Rede ist, etwa von Drogentoten oder Sexualstraftaten. Wie viele hundert Male h\u00f6rte ich nicht schon, da\u00df hinzugef\u00fcgt wurde: \u201aDie Dunkelziffer d\u00fcrfte jedoch wesentlich h\u00f6her liegen.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Max Goldt pr\u00e4sentiert sich als weltoffener Strukturkonservativer<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Der 66-j\u00e4hrige Autor formuliert solche Kritik wie immer pr\u00e4gnant, aber \u00fcber am\u00fcsanteste Umwege in andere Ecken der absurden Welt. Er formuliert sie in alter Rechtschreibung und ohne zu Gendern, pr\u00e4sentiert sich als weltoffener Strukturkonservativer, aber l\u00e4sst sich selten allzu tief in die Karten blicken. Immer bleibt ein Rest Unklarheit in der Frage: Wie meint er das denn jetzt eigentlich?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In zwei Texten wird er allerdings untypisch deutlich \u2013 wenn es um konkrete Kritik an Berichterstattung des \u00f6ffentlichen Rundfunks und des Magazins Der Spiegel geht: Im Text \u201eMorrissey vs. Der Spiegel\u201c behandelt er ein Interview mit dem ehemaligen S\u00e4nger von The Smith, das 2017 einige Wellen geschlagen hat, weil der sich darin angeblich f\u00fcr den Brexit ausgesprochen und Harvey Weinstein in Schutz genommen habe.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Max Goldt macht sich die M\u00fche, beispielhaft eine Frage der \u201ebedenklich jungen Dame aus Deutschland\u201c zu transkribieren, der man den sich heroisch eigensinnig gebenden Mann aus Gro\u00dfbritannien aussetzte: \u201eYeah, like cos in Germany there were two things like, like watching the news we saw it wouldn\u2019t happen like one was like Trump and the other was Brexit but like you said you like be pro-Brexit, is that true?\u201c Das Problem sieht Goldt also weniger in den Antworten als in den Fragen: \u201eZu dem erw\u00e4hnten Aufregerthema sagte Morrissey nichts, was nicht auch in meinem oder jedem anderen Bekanntenkreis h\u00e4tte ge\u00e4u\u00dfert werden d\u00fcrfen \u2013 solide, abw\u00e4gende, nicht auff\u00e4llig extremistische Dinge.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Hier wagt sich Goldt auf d\u00fcnnes Eis, denn nat\u00fcrlich gibt es mittlerweile Bekanntenkreise, in denen die Wellen, die #MeToo geschlagen hat, nicht als zu hoch gebrandmarkt werden d\u00fcrfen, wie Morrissey es implizit tut: \u201eJeder, der mal zu jemand anderem gesagt hat \u201aIch mag dich\u2018, wird auf einmal wegen sexueller Bel\u00e4stigung beschuldigt.\u201c<\/p>\n<p>Nachher l\u00e4uft Max Goldt noch Gefahr, gecancelt zu werden!<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Im Text \u00fcber die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien scheint der Autor sich gezwungen zu sehen, zweierlei festzuhalten: \u201eIch bin \u00fcberzeugt, da\u00df die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien nicht l\u00fcgen.\u201c Und: \u201eUm hingegen den in den letzten Jahren immer wieder erhobenen Vorwurf der Gleichschaltung gerechtfertigt scheinen zu lassen, m\u00fc\u00dfte irgendjemand mit klaren oder gar allzu klaren Vorstellungen an einem Schalthebel sitzen, eine Art Goebbels: Aber dort ist niemand, der klare Vorstellungen hat.\u201c Immerhin scheinen Goldt diese meist aus eher politisch rechts stehenden Kreisen erhobenen Vorw\u00fcrfe umzutreiben. Ihn selbst st\u00f6ren aber vor allem Ungenauigkeiten. In \u201ePetra Gerster vs. David Bowie\u201c nervt ihn, dass die ZDF-Moderatorin den verstorbenen David Bowie als \u201eMaler, Schauspieler, S\u00e4nger\u201c beschrieb \u2013 in dieser unsinnigen Reihenfolge.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Immer wieder gibt es beim Lesen des neuen Goldt Momente, wo man schlucken und genau hingucken muss: Oje, jetzt begibt er sich aber auf ganz d\u00fcnnes Eis! Gleich im Einstiegstext geht es um Frauenfu\u00dfball und die \u201eHomo-Ehe\u201c. Die ersten Schwei\u00dfperlen auf der Stirn beginnt man zu lesen: Er wird sich doch jetzt wohl nicht dagegen aussprechen? Nachher l\u00e4uft er noch Gefahr, gecancelt zu werden! Dann kann ich ihn nicht mehr beim \u00f6ffentlichen Lesen im soziokulturellen Zentrum meines Vertrauens erleben!<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Aber Goldt umschifft elegant allzu turbulente Fahrwasser: \u201eIch bin also gegen die Homo-Ehe, weil ich bereits die Originalversion, die Hetero-Ehe, f\u00fcr falsch und unterw\u00fcrfig halte. Aus dem gleichen Grund bin ich gegen Frauenfu\u00dfball.\u201c Und dass, obwohl er junge Leute, \u201edie gutgelaunt herumwetzen\u201c eigentlich mag.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Viele der kurzen und wie immer \u00e4u\u00dferst kurzweiligen Texte im gut 150 Seiten langen Buch sind Dramolette, von denen einige wohl auf Katz-und-Goldt-Comics oder H\u00f6rbuch-St\u00fccken basieren. Ganz genau ist die Provenienz allerdings auch beim Verlag nicht zu erfragen. In einem Dramolett unternimmt ein junger Vater mit \u201eFjutscherinchen\u201c eine Reise in die deutsche Zukunft und sieht lauter Moscheen: \u201eHatten die Knallk\u00f6ppe der Gegenwart also doch recht.\u201c Die Zukunftsfee beruhigt ihn: \u201eDoch sie werden nicht mehr als Gebetsh\u00e4user genutzt. Eines Tages sind n\u00e4mlich alle Moslems pl\u00f6tzlich friedlich eingeschlafen. Eine Art Gendefekt.\u201c Wieder so ein schwei\u00dftreibender Lesemoment! Bis es ein paar Zeilen weiter hei\u00dft: \u201eWenig sp\u00e4ter allerdings sind die Angeh\u00f6rigen s\u00e4mtlicher anderen Religionsgemeinschaften ebenso friedlich verstorben.\u201c<\/p>\n<p>Max Goldt scheint ihn zu lieben, den Schockmoment f\u00fcr die nerv\u00f6sen Menschen von heute<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Max Goldt scheint ihn zu lieben, den Schockmoment f\u00fcr die nerv\u00f6sen Menschen von heute, die best\u00e4ndig dar\u00fcber nachdenken, was sie eigentlich wie sagen und am besten vorher noch denken sollen. Bei einer Fernsehzeremonie f\u00fcr das \u201eUnwort des Jahres\u201c l\u00e4sst er den J\u00f6rg-Pilawa-artigen Moderator das Wort \u201eFrau\u201c verk\u00fcnden. Das Publikum ist baff, ein \u00e4lterer Journalist verstirbt spontan an einem Herzkasper. Bei einer Diskussionsveranstaltung in den \u201eneuen Bundesl\u00e4ndern\u201c geht es um geschlechtergerechte Sprache, und pl\u00f6tzlich melden sich im Publikum mehrere \u201eStrichjungent\u00f6chter\u201c, um dagegen einzustehen, dass immer nur von \u201eHurens\u00f6hnen\u201c die Rede ist.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Alles ist immer genial und um Haaresbreite an einem Skandal vorbeigeschrieben, hat den Witz desjenigen, der genau hinschauen und doch im Ungef\u00e4hren bleiben will.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Der Buchtitel bezieht sich \u00fcbrigens auf das Gespr\u00e4ch eines \u201eBourgeois\u201c mit einem \u201eKerlchen\u201c aus der Arbeiterklasse. Der Bourgeois sagt: \u201eAn sich bin ich schon ein Mensch, dem es ein ungeheures Anliegen ist, allen Menschen, die auf diesem \u2013 unserem gemeinsamen \u2013 Erdball herumspazieren, erst einmal mit Offenheit und Riesenrespekt zu begegnen, [\u2026] also jedem, der mir seine Hand reicht, ganz klar und unumwunden ins Gesicht zu sagen: Du bist eine wunderbar spannende, richtig wertvolle Mit-, ja, wie soll ich das ausdr\u00fccken, Mit-Gestalt, Mit-Erscheinung, aber\u00a0\u2026\u201c Und \u201eDas Kerlchen\u201c fragt: \u201eAber?\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Max Goldt: \u201eAber?\u201c, dtv Verlag, 158 S., 24 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit \u00fcber zehn Jahren hat Max Goldt kein richtiges Buch mehr ver\u00f6ffentlicht. 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