{"id":342968,"date":"2025-08-14T01:35:27","date_gmt":"2025-08-14T01:35:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/342968\/"},"modified":"2025-08-14T01:35:27","modified_gmt":"2025-08-14T01:35:27","slug":"milaneo-architektur-aussen-trutzburg-innen-konsumkerker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/342968\/","title":{"rendered":"Milaneo-Architektur: Au\u00dfen Trutzburg, innen Konsumkerker"},"content":{"rendered":"<p>Eine der gr\u00f6\u00dften Shopping-Malls Deutschlands ist das Stuttgarter Milaneo. Viele lieben den Ort, manche hassen ihn. Diese architektonische Zumutung l\u00e4sst niemanden kalt, auch gut zehn Jahre nach ihrer Er\u00f6ffnung.<\/p>\n<p>Ein verl\u00e4sslicher Quell des Missvergn\u00fcgens ist es, sich an einem schwitzigen Sommertag auf die Suche nach einem Sitzplatz im Freien begeben zu m\u00fcssen. Ausgerechnet in einer Stadt, die ber\u00fchmt ist f\u00fcr ihre Pl\u00e4tze mit gro\u00dfspurigen Namen, findet der Unkundige auf diesen Pl\u00e4tzen au\u00dfer breiten Spuren f\u00fcr endlose Blechkolonnen nur selten Sonnenschirme mit dezent gekleideten Sitznachbarn, welche die Kunst des leisen Zwiegespr\u00e4chs beherrschen.<\/p>\n<p>Autofrei! Viel Sonne! <\/p>\n<p>Der Winter hat schon sein Gutes. Da gibt\u2019s eben nicht diesen vermaledeiten Sch\u00f6nwetterdruck, an arbeitsfreien Tagen sich unters Volk mischen zu m\u00fcssen. Man kann mit bestem Gewissen fahlgesichtig wie ein Nacktmull im Bett w\u00fchlen und bis zum Sonnenuntergang zweieinhalb Staffeln irgendeiner Netflix-Serie wegglotzen.<\/p>\n<p>Aber Jammern hilft wenig. Also ab zum <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Mail%C3%A4nder_Platz\" title=\"Mail\u00e4nder Platz\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mail\u00e4nder Platz<\/a>. Weil: autofrei! Und viel Sonne! Und wenn man schon dort ist, kann man ja auch noch dieses und jenes einkaufen. Denkt man. So steht man dann auf dem Mail\u00e4nder Platz, vor einem der Haupteing\u00e4nge zur Shopping-Mall.<\/p>\n<p>Jesses. Umgeben von Einkaufs- und Wohnkl\u00f6tzen des <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Milaneo\" title=\"Milaneo\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Milaneo<\/a> f\u00fchlt man sich mit seiner Einkaufsliste wie die Stadtbibliothek von Eun Young Yi \u2013 ein wenig deplatziert. Und muss dabei an die immer noch gute Songzeile \u201eArmer Irrer, null und nichtig, wertlos in der Warenwelt\u201c eines gewissen Jochen Distelmeyer denken. Wie voll das ist hier ist. Zigtausende Teenager. Und Familien. Eine ganze Kleinstadt voller Familien. Tsch\u00fcss Geburtenr\u00fcckgang! Kommen die Leute neuerdings mit angewachsenen Einkaufst\u00fcten auf die Welt?<\/p>\n<p>Doch wider Erwarten funktioniert dieser Platz, er ist tats\u00e4chlich ein Treffpunkt f\u00fcr Menschen, die selbstredend auch schon alle da sind. Alle! Ein Tisch findet sich dennoch. Ein Wunder. Und ein Kellner serviert einen Latte macchiato. Und das: sofort! Und freundlich! Und der Inhalt im Glas ist sogar hei\u00df, der Schaum schaumig. Und das in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> an einem Sommertag. Das ist wie ein F\u00fcnfer im Lotto.<\/p>\n<p>Milaneo ist die Gegenwelt zum Marienplatz <\/p>\n<p>Rammd\u00f6sig schl\u00fcrfend, erkennt man: Der Mail\u00e4nder Platz ist ein eigener Mikrokosmos. Der Ort ist die Gegenwelt zum Marienplatz, wo man sich auch einen Sonnenbrand beim Espresso holen und sich etwas einbilden kann, aber anders. Hipster-Ellies, \u00d6kos, Demonstrierende oder Bobos gibt es hier: so gut wie keine. Was eventuell auch mit der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Architektur\" title=\"Architektur\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Architektur<\/a> zu tun haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das Milaneo ist eines der gr\u00f6\u00dften Einkaufszentren in Deutschland. 2014 er\u00f6ffnet, 43\u2009000\u2009Quadratmeter gro\u00df, 200\u2009Shops. Gigantisch bis Gaga. Au\u00dfen Trutzburg, innen Konsumkerker. \u201eAls Architektur und Stadtraumplanung: ein einziges Desaster\u201c, war letztens vom Architekturkritiker der S\u00fcddeutschen Zeitung zu lesen. Der Kollege hat leider recht. Das Raumgef\u00fchl bleibt trotz der Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse beklemmend, die Wabenstruktur der L\u00e4den mit den zahllosen S\u00e4ulen und Rolltreppen erzeugen Nervosit\u00e4t. Kein Zentrum, keine klare Blickachse, nirgends.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/media.media.c7b0f006-d565-4cac-9b3a-d2e58a9faf8f.original1024.media.jpeg\"\/>     Zehn Jahre Milaneo. Stuttgarts Oberb\u00fcrgermeister Frank Nopper (re.) und Center Manager Dirk Keutzhen mit Jubil\u00e4umstorte im Jahr 2024.    Foto: Lichtgut\/Leif Piechowski    <\/p>\n<p>F\u00fcr Leute, die beim Gehen stets den k\u00fcrzesten Weg mittels einer Geraden suchen, ist das Abschreiten der vielen oval eingeschnittenen Galerien eine echte Herausforderung. Die Orientierung f\u00e4llt schwer, nach zwei Viertele findet man wahrscheinlich nicht mehr den Ausgang.<\/p>\n<p>Alles wiederholt sich, nicht die Architektur strukturiert den Verkaufsraum, sondern einzig die leuchtenden Markenschilder \u00fcber den Gesch\u00e4ften. Genau das aber erh\u00f6ht die Verweildauer. Man kann auch den Geruchssinn aktivieren, das aufdringliche Odeur aus den zahllosen Schnellrestaurants hilft: Im Untergeschoss m\u00fcffelt es tendenziell zwieblig bis knoblauchig, zwei Etagen h\u00f6her bildet das Frittier\u00f6l die Kopfnote.<\/p>\n<p> Stimmung wie auf dem Stuttgarter Volksfest <\/p>\n<p>Ein Ort, perfekt zum Naser\u00fcmpfen. Keiner aus dem Stuttgarter Bekannten- und Freundeskreis geht ins Milaneo einkaufen, zumindest gibt es keiner zu. T\u00e4glich kommen trotzdem unglaublich viele Leute, im Schnitt mehr rund 28\u2009000 pro Tag! Sie finden das okay und scheinen auch total happy zu sein, gerade das Jungvolk.<\/p>\n<p>Ein Ger\u00e4uschpegel und Stimmung wie auf dem Volksfest, vor allem zwischen Primark und Tegut. Ein befreundeter Sozialarbeiter meinte, dass viele Teenager hier ihre Nachmittage verbringen, einfach so, in der Shopping-Mall, auch wenn sie gar kein Geld haben oder ausgeben. Eine Chill-Out-Area zwischen Primark, Aldi und Stradivarius. Bizarr.<\/p>\n<p>Die meisten Milaneo-Fans finden den Weg allerdings per Auto aus dem Stuttgarter Umland, an Wochenenden sieht man Kennzeichen aus ganz Baden-W\u00fcrttemberg. Eher unwahrscheinlich, dass Architekten darunter sind. Diese, wie der j\u00fcngst verstorbene <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.matthias-hahn-verstorben-der-architekt-der-sozialen-stadt.60661870-1d09-4c70-be91-7288f2943a2c.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ehemalige Baub\u00fcrgermeister Matthias Hahn <\/a>richtig sagte, \u201e\u00fcberdimensionierte\u201c Shopping-Mall, ist eine Mischung aus Flughafen und Mega-Kreuzfahrtschiff amerikanischer Machart. Ein station\u00e4rer Freizeitdampfer f\u00fcr alle Freunde von Fast Food, Fast Fashion und Fast-Architektur. Fehlt nur noch ein Riesenrad.<\/p>\n<p>Ach ja, von der Einkaufsliste konnte nix gestrichen werden. Weder gab es in einem der 200 Shops ein frisches Sauerteigbrot noch Gr\u00fcnkohl. Keine passende Kerzen, auch kein Kontaktspray oder eine spezielle Greifhilfe f\u00fcr die alte Mutter. Zum Gl\u00fcck gab es das alles in dieser Stadt namens Stuttgart, die gef\u00fchlt zwei Milchstra\u00dfen weiter zu finden ist. Aber der Latte Macchiato war gut, immerhin.<\/p>\n<p><strong>Dieser Artikel erschien erstmals im April 2025 und wurde im August aktualisiert.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine der gr\u00f6\u00dften Shopping-Malls Deutschlands ist das Stuttgarter Milaneo. Viele lieben den Ort, manche hassen ihn. Diese architektonische&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":50859,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[2250,1793,29,4289,214,30,1794,24381,24380,1441,215],"class_list":{"0":"post-342968","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-architektur","9":"tag-art-and-design","10":"tag-deutschland","11":"tag-einkaufen","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-mailaender-platz","16":"tag-milaneo","17":"tag-stuttgart","18":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115024555276085556","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/342968","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=342968"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/342968\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/50859"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=342968"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=342968"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=342968"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}