{"id":343120,"date":"2025-08-14T03:01:29","date_gmt":"2025-08-14T03:01:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343120\/"},"modified":"2025-08-14T03:01:29","modified_gmt":"2025-08-14T03:01:29","slug":"rezension-von-dominik-grafs-buch-sein-oder-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343120\/","title":{"rendered":"Rezension von Dominik Grafs Buch \u201eSein oder Spielen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mit aneckenden Krimis im deutschen Fernsehen und ambitionierten Kinomelodramen hat sich Dominik Graf von den 1980er-Jahren bis heute einen Namen gemacht. In seinem autobiographischen Buch \u201eSein oder Spielen. \u00dcber Filmschauspielerei\u201c analysiert er lustvoll die Arbeit mit Schauspieler:innen, seziert die Entwicklung des deutschen Kinos \u00fcber die Jahrzehnte und fordert mehr Spielr\u00e4ume f\u00fcr Freiheiten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Wie vermittelt man den Erfahrungsschatz, den man nach 50 Jahren im Filmgesch\u00e4ft angesammelt hat? Man schreibt eine Autobiographie, oder man macht es wie <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/136173\/dominik-graf\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Dominik Graf<\/strong><\/a> in seinem neuen Buch \u201e<a href=\"https:\/\/amzn.to\/4fDDE2P\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Sein oder Spielen<\/strong><\/a>\u201c: ausschweifend im positiven Sinne, \u00fcbersprudelnd mit filmhistorischen Anekdoten, selbstkritisch, abrechnend mit den deutschen Produktionsbedingungen und entlang eines roten Fadens, der den Fokus auf die Arbeit mit Schauspielern und Schauspielerinnen legt. Der Ton der Streifz\u00fcge ist unterhaltsam, ob es sich um verehrte Gr\u00f6\u00dfen wie <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/20647\/robert-mitchum\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Robert Mitchum<\/strong><\/a>, <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/69726\/gene-hackman\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Gene Hackman<\/strong><\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/71747\/isabelle-adjani\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Isabelle Adjani<\/strong><\/a> handelt, oder um Filme, die ihn beeinflusst haben, wie etwa aus dem \u201eNew Hollywood\u201c der 1970er-Jahre. Die vom jeweiligen Zeitgeist abh\u00e4ngigen Regie- und Spielstile spielt Graf variantenreich durch und erkl\u00e4rt sie anschaulich anhand von pr\u00e4gnanten Szenen. Das klingt bei \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/film\/details\/8543\/der-letzte-tango-in-paris\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Der letzte Tango in Paris<\/strong><\/a>\u201c dann so: \u201eFilme dieser Art sind offenbar nur noch als erstarrte Lavaformationen einstiger kultureller Explosionen zu besichtigen. Vernarbte Spuren einer gewaltigen Ver\u00e4nderung an der Erdoberfl\u00e4che des kinematographischen und des K\u00f6rperbewusstseins.\u201c<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0 \u00a0 \u00a0Das k\u00f6nnte Sie auch interessieren:<\/p>\n<p>\u00a0<br \/>\n<strong>Die vielen Fehler eines jungen Regisseurs<\/strong><\/p>\n<p>Neben den h\u00e4ufig von Bildern untermauerten Exkursen in den Filmkosmos anderer Regisseure wie <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/1252\/jim-jarmusch\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Jim Jarmusch<\/strong><\/a>, <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/383\/aki-kaurismaki\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Aki Kaurism\u00e4ki<\/strong><\/a>, <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/3380\/jean-pierre-melville\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Jean-Pierre Melville<\/strong><\/a>, <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/322\/nicolas-roeg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Nicolas Roeg<\/strong><\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/3431\/robert-bresson\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Robert Bresson<\/strong><\/a> spielen seine eigenen Produktionen nat\u00fcrlich eine nicht unwesentliche Rolle, meistens wenn es darum geht, die vielen Fehler aufzuz\u00e4hlen, die einem jungen Regisseur unterlaufen k\u00f6nnen. Graf gibt ganze Dialoge mit <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/67979\/gotz-george\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>G\u00f6tz George<\/strong><\/a> wieder, mit dem er drei Mal gearbeitet hat und der beim Dreh von \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/film\/details\/1425\/die-katze-1987\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Die Katze<\/strong><\/a>\u201c nicht jede seiner Anweisungen befolgen wollte, was zu gegenseitigen Kr\u00e4nkungen und l\u00e4ngeren Kommunikationspausen f\u00fchrten konnte. Immer wieder distanziert er sich von dem Autorenfilm des Neuen Deutschen Films, wenn er etwa sp\u00f6ttisch schreibt: \u201eBis weit in die 90er hinein musste man ja noch f\u00fcrchten, dass der eine oder andere von ihnen eine Herrenduftnote unter seinem Namen auf den Markt bringen w\u00fcrde. \u201aW.W.\u2018 zum Beispiel?\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/343861.webp\" alt=\"Cover zu &#x201E;Sein oder Spielen. &#xDC;ber Filmschauspielerei&#x201C; (&#xA9; C.H. Beck Verlag)\"\/>&#13;<br \/>\nCover zu \u201eSein oder Spielen. \u00dcber Filmschauspielerei\u201c (\u00a9 C.H. Beck Verlag)&#13;<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Gleichzeitig pflegt Graf aber auch eine entwaffnende Selbstironie gegen\u00fcber seinem eigenen Werk, den wiederkehrenden Selbstzweifeln und den Sch\u00fcben von Eitelkeit, die ihn nach Konflikten mitunter dazu brachten, etwa eine gl\u00e4nzende Szene mit <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/131588\/karoline-eichhorn\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Karoline Eichhorn<\/strong><\/a> in \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/film\/details\/516758\/der-felsen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Der Felsen<\/strong><\/a>\u201c bis zur Unkenntlichkeit schneiden zu lassen. Als Kind zweier Schauspieler wagte sich Graf auch einige Male auf die andere Seite der Kamera, etwa in \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/film\/details\/29907\/der-madchenkrieg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Der M\u00e4dchenkrieg<\/strong><\/a>\u201c aus dem Jahr 1977. <a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/person\/details\/68291\/matthias-habich\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Matthias Habich<\/strong><\/a> fiel dabei der Part zu, Graf unangek\u00fcndigt kr\u00e4ftig zu ohrfeigen, um echte Emotionen zu provozieren. F\u00fcr ihn Grund genug, als Regisseur auf solche dem\u00fctigenden \u00dcberraschungseffekte zu verzichten.<\/p>\n<p>Mitunter gibt sich Graf von den eigenen Erinnerungen \u00fcberw\u00e4ltigt. Dann wechselt er gerne das Thema und startet einen Abstecher in technische Details, die Untiefen der Synchronisation, den Einfluss von Pornos auf die Inszenierung von Sexszenen, den Einsatz von Laienschauspielern oder Popstars, die Bedeutung des Castings, der Mimik, oder was auch immer es in dem Metier zu ber\u00fccksichtigen gilt.<\/p>\n<p>\u00a0<br \/>\n<strong>Der Stil des Nicht-Spielens<\/strong><\/p>\n<p>Lebhaft argumentierend positioniert er sich als Anh\u00e4nger des Genrekinos, vom \u201eTatort\u201c bis zu historischen Stoffen, in denen er den Stil des Nicht-Spielens bevorzugt, das Allt\u00e4gliche und Authentische der Nouvelle Vague in Frankreich, wobei er gleich die Gelegenheit nutzt, all diese Begriffe von Echtheit bis Nat\u00fcrlichkeit mit Blick auf die Filmgeschichte in Frage zu stellen. Das deutsche Nachkriegskino seziert er Jahrzehnt f\u00fcr Jahrzehnt, die Abgrenzungen von der vorherigen Generation, die unterschiedlichen Stimmungslagen nach dem Mauerfall. Die Auseinandersetzung mit der Schwemme an Filmen \u00fcber den Baader-Meinhof-Komplex greift er erhellend auf. Florian Henckel von Donnersmarcks \u201e<a href=\"https:\/\/www.filmdienst.de\/film\/details\/526191\/das-leben-der-anderen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Das Leben der Anderen<\/strong><\/a>\u201c von 2006 provoziert ihn dagegen zu abf\u00e4lligen Kommentaren \u00fcber ein staatstragendes Kino, das die beteiligten Schauspieler zwar auf eine internationale B\u00fchne katapultiert hat, aber ohne sie wirklich k\u00fcnstlerisch weiterzubringen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle h\u00e4tte man gerne erfahren, warum Graf selbst es eigentlich nie in Hollywood versucht hat, zumal er gef\u00fchlt pausenlos deutsche Produzenten und TV-Redaktionen kritisiert, die inszenatorischen Mut geradezu verhindern. \u201eAuf was f\u00fcr einem Niveau arbeiten wir eigentlich\u201c, fragt er w\u00fctend, \u201estets bedroht durch kreative Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, die bejubelt wird, und durch immer verbarrikadiertere politische Funktion\u00e4rs-Vorgaben?\u201c Im Kapitel \u00fcber das polnische Kino hinter dem Eisernen Vorhang hei\u00dft es: \u201eDie \u201aDemokratisierung\u2018 des Kinos im Westen unter Filmf\u00f6rderungs-B\u00fcrokraten ist darin weitgehend zielsicher zerst\u00f6rerisch. Sie f\u00fchrt zum Niedergang von k\u00fcnstlerischem Diskurs und gewagtem Experiment \u2013 und oft auch zum Verlust von kommerziellem Erfolg, weil sich niemand mehr f\u00fcr die so quasi verordnet hergestellten, \u201aideologisch korrekten\u2018 Filme interessiert.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/327289.webp\" alt=\"Zuletzt drehte Graf die &#x201E;Polizeiruf 110&#x201C;-Folge &#x201E;Jenseits des Rechts&#x201C; ( &#xA9; BR\/PROVOBIS Gesellschaft f&#xFC;r Film und Fernsehen mbH \/Hendrik Heiden)\"\/>&#13;<br \/>\nZuletzt drehte Graf die \u201ePolizeiruf 110\u201c-Folge \u201eJenseits des Rechts\u201c ( \u00a9 BR\/PROVOBIS Gesellschaft f\u00fcr Film und Fernsehen mbH \/Hendrik Heiden)&#13;<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Umso mehr zeigt er sich fasziniert von der Kompromisslosigkeit zahlreicher polnischer Regisseure und Regisseurinnen gegen\u00fcber den Vorgaben der Diktatur, die nicht wenige der formal und inhaltlich subversiven Produktionen f\u00fcr Jahre im Tresor verschwinden lie\u00df, aber immerhin ihre Entstehung nicht verhinderte. Es gibt in Deutschland nicht viele in derselben Liga wie Graf mitspielende Regisseure und Regisseurinnen, die seit Jahren in Tageszeitungen, Filmmagazinen und B\u00fcchern so kenntnisreich und leichtf\u00fc\u00dfig \u00fcber das Weltkino reflektieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00a0<br \/>\n<strong>Sehnsucht nach einem anderen deutschen Film<\/strong><\/p>\n<p>Bei aller altweiser Vers\u00f6hnung mit dem eigenen Weg schwingt in der F\u00fclle von Stichw\u00f6rtern und filmhistorischen Weichenstellungen auch immer die Sehnsucht nach einem anderen deutschen Film mit, der sich mehr traut und auch seine vielen schauspielerischen Talente nicht verdorren l\u00e4sst. Feste Standpunkte sind f\u00fcr Graf dazu da, um in Bewegung gebracht zu werden. Es ist ein Jammer, dass sie bei den Funktion\u00e4rs-Adressaten chronisch im Quoten-Orkus verhallen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Literaturhinweis<\/strong><\/p>\n<p>Dominik Graf: \u201e<a href=\"https:\/\/amzn.to\/45vLmYd\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Sein oder Spielen. \u00dcber Filmschauspielerei<\/strong><\/a>\u201c. Verlag C.H. Beck, M\u00fcnchen. 392 Seiten, 28 Euro. Bezug: in jeder Buchhandlung oder <a href=\"https:\/\/amzn.to\/45vLmYd\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>hier<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit aneckenden Krimis im deutschen Fernsehen und ambitionierten Kinomelodramen hat sich Dominik Graf von den 1980er-Jahren bis heute&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":343121,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,95987,29,214,78063,30,95,80,15,78064,215],"class_list":{"0":"post-343120","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-das-sich-mehr-traut","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-filmkultur-teaser","14":"tag-germany","15":"tag-kino","16":"tag-kultur","17":"tag-news","18":"tag-startseite","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115024893333469354","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343120","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=343120"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343120\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/343121"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=343120"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=343120"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=343120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}