{"id":343222,"date":"2025-08-14T03:57:10","date_gmt":"2025-08-14T03:57:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343222\/"},"modified":"2025-08-14T03:57:10","modified_gmt":"2025-08-14T03:57:10","slug":"40-jahre-blaue-karawane-bremen-und-die-psychiatriereform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343222\/","title":{"rendered":"40 Jahre Blaue Karawane: Bremen und die Psychiatriereform"},"content":{"rendered":"<p> \u201eIn der Wohnung von Klaus Pramann geht es zu wie bei einem mittleren Reiseb\u00fcro. St\u00e4ndig klingelt das Telefon, Ferngespr\u00e4che nach Italien, M\u00fcnchen oder Kopenhagen d\u00fcrften der Post erfreuliche Einnahmen bescheren\u201c, berichtete am 31. Juli 1985 der WESER-KURIER \u00fcber die Vorbereitungen f\u00fcr ein Vorhaben, das bundesdeutsche Psychiatriegeschichte schreiben sollte \u2013 die \u201eBlaue Karawane\u201c. Der Waller Psychiater Klaus Pramann war damals 38 Jahre alt und arbeitete als Facharzt in der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg. Er geh\u00f6rte zu den Initiatoren des Protestzuges, in dessen Folge sp\u00e4ter unter anderem das Blaumeier-Atelier in Walle gegr\u00fcndet wurde und das inklusive Wohnprojekt Blauhaus in der \u00dcberseestadt entstand.<\/p>\n<p>Wer waren die rund 60 Bremerinnen und Bremer, die sich im August 1985 als erste Blaue Karawane mit einer viereinhalb Meter hohen Stadtmusikantenskulptur aus Pappmach\u00e9 in Triest mit einer italienischen Gruppe trafen, um sich dann gemeinsam in Richtung Bremen auf den Weg zu machen? Was wollten sie mit der Protestaktion erreichen, was haben die Mitglieder dieser ungew\u00f6hnlichen Reisegesellschaft unterwegs erlebt und wie oft ist die Karawane im Laufe der Jahre eigentlich schon losgezogen? Antworten auf diese und andere Fragen gibt es an diesem Sonntag, 17. August, auf dem Bremer Marktplatz. Dann n\u00e4mlich werden dort 40 Jahre Blaue Karawane gefeiert. Als besonderen Clou haben sich die Organisatoren einen Live-Filmdreh vorgenommen: Vor laufender Kamera spricht die Waller Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Musikerin Frauke Wilhelm mit ehemaligen Psychiatriepatienten, \u00c4rzten, Betreuern und K\u00fcnstlerinnen, die 1985 beziehungsweise bei den daran anschlie\u00dfenden Karawane-Aktionen dabei waren.<\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt mit Kloster Blankenburg<\/p>\n<p>\n    Blau ist die Farbe der Sehnsucht \u2013\u2009\u2009in diesem Fall nach einer Welt ohne geschlossene Anstalten. Die Geschichte der Blauen Karawane beginnt mit der Aufl\u00f6sung der Bremer Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg ab 1981. Verantwortlich daf\u00fcr war Bremens damaliger Gesundheitssenator Herbert Br\u00fcckner. \u201eIm ehemaligen Kloster Blankenburg bei Oldenburg waren auch Patienten aus Bremen untergebracht. Von einem Besuch kam ich wie bet\u00e4ubt zur\u00fcck. Mir war klar: Das m\u00fcssen wir \u00e4ndern\u201c, <a class=\"linked-story\" href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/ex-senator-brueckner-schreibt-erinnerungen-doc7nxyejahlqw119b1x9my\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">schilderte Br\u00fcckner 2022 in einem Interview im WESER-KURIER<\/a>. \u201eDie psychisch Kranken waren damals alle entm\u00fcndigt, wir wollten sie wieder selbstst\u00e4ndiger machen. Wir haben sie in kleinen H\u00e4usern in der Stadt zusammengelegt, immer f\u00fcnf bis zehn Personen mit einem Pfleger. Zehn Jahre hat es gedauert, bis alles abgeschlossen war. Mit \u00adHenning Scherf als Sozialsenator war diese \u00adAufgabe gut zu bew\u00e4ltigen.\u201c\n<\/p>\n<p>Die bremischen Anf\u00e4nge der Psychiatrie-Reform waren vielversprechend und zogen Fachpersonal von au\u00dferhalb nach Bremen \u2013 Engagierte, die unbedingt bei der Geburtsstunde einer neuen Psychiatrie mit dabei sein wollten und Pramann zufolge darauf hofften, \u201ean einem Prozess der Aufl\u00f6sung der Strukturen einer von Unterdr\u00fcckung und Hospitalismus gepr\u00e4gten Anstaltspsychiatrie beteiligt zu sein.\u201c Bald zogen die ersten Patienten in Wohngemeinschaften um und es wurde ein Tr\u00e4ger f\u00fcr betreutes Wohnen \u2013\u2009die Initiative zur sozialen Rehabilitation\u2009\u2013 gegr\u00fcndet. Patienten, Betreuer und Freunde kn\u00fcpften Kontakte zum italienischen Triest, wo in den 1970er-Jahren die psychiatrische Anstalt &#8222;San Giovanni&#8220; komplett aufgel\u00f6st worden war.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den Anstalten im Rest Deutschlands alles weitgehend beim Alten blieb, sei der Reformprozess in Bremen dann leider bald in eine andere Richtung gelaufen, als von ihm und seinen Mitstreitern auf der &#8222;Rehabilitationsstation&#8220; von Kloster Blankenburg erhofft, erz\u00e4hlt Pramann. \u201eWir wollten es wie in Triest, aber von der Bremer Klinikleitung war keine Orientierung am Triestiner Modell gew\u00fcnscht. Und f\u00fcr die Zukunft der Blankenburger Patientinnen und Patienten waren nicht mehr Wohnungen, sondern neue Heimeinrichtungen geplant.&#8220;<\/p>\n<p>Dies habe das Ende der Tr\u00e4ume von einem Prozess der \u201eDeinstitutionalisierung\u201c bedeutet, so Pramann: \u201eAber die Tr\u00e4umer hatten eine Idee.\u201c So sei im Auto auf der R\u00fcckfahrt von einem ihrer Triest-Besuche die Idee einer Karawanenreise von S\u00fcden nach Norden durch deutsche psychiatrische Krankenh\u00e4user entstanden: \u201eAls Protestzug gegen die Klinikpsychiatrie, und zwar sowohl in der Form ihrer alten, h\u00e4sslichen Anstalten als auch in ihrem modernisierten, neuen Kleid.\u201c Die Spitze der Karawane sollten das international bekannte gro\u00dfe blaue Pferd Marco Cavallo als Befreiungssymbol der italienischen Psychiatriebewegung und die <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/bremer-stadtmusikanten-q112015\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bremer Stadtmusikanten<\/a> bilden.<\/p>\n<p>Vier Wochen durch die Bundesrepublik gezogen<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" data-w=\"1200 1 Portrait\" alt=\"Den Pappmach\u00e9-Esel, mit dem die Karawane 1985 loszog \u2013 und nat\u00fcrlich auch Hund, Katze und Hahn\u2009\u2013 gibt es bis heute. 1994 l\u00f6ste das riesige blaue Kamel W\u00fcna die Stadtmusikanten als Symbolfigur ab.\" class=\"inline-gallery__image withsrc\" style=\"width:auto;max-height:none;object-fit:cover;\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Portraitwes-berseestadt-40-jahre-blaue-karawane.webp.webp\"\/><\/p>\n<p>Den Pappmach\u00e9-Esel, mit dem die Karawane 1985 loszog \u2013 und nat\u00fcrlich auch Hund, Katze und Hahn\u2009\u2013 gibt es bis heute. 1994 l\u00f6ste das riesige blaue Kamel W\u00fcna die Stadtmusikanten als Symbolfigur ab. <\/p>\n<p>                    Foto:<br \/>\n     Roland Scheitz <\/p>\n<p>Schon bald fingen also Patientinnen und Patienten an, gemeinsam mit K\u00fcnstlern, arbeitslosen Lehrern und Studenten an der Uni Oldenburg die Bremer Stadtmusikanten aus Pappmach\u00e9 nachzubauen, schildert Pramann: \u201eDas haben wir als Besch\u00e4ftigungstherapie getarnt.\u201c Am 1. August 1985 startete ein 40-Tonnen-Lkw mit den vier Figuren an Bord in Richtung Italien. Vier Wochen lang zog nun die Karawane, die von zwei Fernsehteams begleitet wurde, quer durch die Bundesrepublik. Dabei besuchte sie psychiatrische Anstalten beziehungsweise Kliniken in M\u00fcnchen, Wiesloch, Herborn, Bonn, G\u00fctersloh, Bethel, Hamburg-Ochsenzoll, Blankenburg und Bremen-Ost, um dort mit Patienten und Personal ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/p>\n<p>\n    Zur\u00fcck in Bremen organisierte die Karawane unter dem Motto &#8222;Gesellschaft ohne Irrenhaus&#8220; einen internationalen Kongress im Schlachthof und gr\u00fcndete in einer ehemaligen Bonbonfabrik an der Travem\u00fcnder Stra\u00dfe das Blaumeier-Atelier. &#8222;Oben haben wir ein Caf\u00e9 gemacht und unten war Theater. Da war t\u00e4glich was los&#8220;, erinnert sich Anne Pramann. Viele Jahre lang war sie das Gesicht des Caf\u00e9 Blau, das 2003 mit dem frisch gegr\u00fcndeten Verein Blaue Karawane in Klaus H\u00fcbotters Speicher XI umzog. Immer wieder machte sich die Karawane in den darauffolgenden Jahren auf den Weg, um zum Nachdenken dar\u00fcber anzuregen, wie die Gesellschaft solidarischer und bunter werden kann \u2013 <a class=\"linked-story\" href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/stadtteil-walle\/wuena-30-jahre-blaues-kamel-der-blauen-karawane-in-bremen-walle-doc7wt1zof3ev610mkxodpm\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">seit 1994 mit dem riesigen blauen Kamel \u201eW\u00fcna\u201c als Symbolfigur<\/a>.\n<\/p>\n<p>                Info<\/p>\n<p>40 Jahre Blaue Karawane \u2013 das wird am Sonntag, 17. August, von 14.30 bis 17 Uhr auf dem Bremer Marktplatz gefeiert. Dort erz\u00e4hlen beim Filmdreh von \u201eWir schaffen das Ma(h)l\u201c verschiedene Beteiligte von ihren pers\u00f6nlichen Erlebnissen mit der Blauen Karawane. Dazu gibt es Quark und Kartoffeln.<\/p>\n<p>                        <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/\" id=\"home\" class=\"button primary-primary font-size-15_1 m-0a customEvent\" data-layer-event-name=\"customEvent\" data-layer-trigger=\"click\" data-layer-category=\"artikelscoring\" data-layer-action=\"startseite_button\" data-layer-label=\"doc81x36265mb61k8o16cnf\" data-layer-value=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/stadtteil-walle\/1\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eIn der Wohnung von Klaus Pramann geht es zu wie bei einem mittleren Reiseb\u00fcro. 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