{"id":343386,"date":"2025-08-14T05:28:10","date_gmt":"2025-08-14T05:28:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343386\/"},"modified":"2025-08-14T05:28:10","modified_gmt":"2025-08-14T05:28:10","slug":"duesseldorf-vom-truemmerkind-zum-weltbuerger-wim-wenders-wird-80-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343386\/","title":{"rendered":"D\u00fcsseldorf | Vom Tr\u00fcmmerkind zum Weltb\u00fcrger: Wim Wenders wird 80"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext\">D\u00fcsseldorf (dpa) &#8211; Als Wim Wenders zum ersten Mal die Augen \u00f6ffnete, war die Welt voller Tr\u00fcmmer. Wenige Tage zuvor waren zwei Atombomben auf Japan abgeworfen worden. In seiner Heimat D\u00fcsseldorf war der Krieg zwar schon zu Ende, die Stadt aber in weiten Teilen zerst\u00f6rt. Vielleicht fing dort dieser Blick f\u00fcr das Gro\u00dfe im Kleinen &#8211; und f\u00fcr besondere Orte &#8211; an.<\/p>\n<p>Der kleine Wim fand die Ruinen, in denen andere nur den Krieg erkannten, jedenfalls toll. \u00abAls Zwei- und Dreij\u00e4hriger war ich in jedem Kellerloch und auf jeder Tr\u00fcmmerhalde\u00bb, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Er war ein kleiner Junge, er kannte auch nichts anderes. \u00abDas waren f\u00fcr mich Abenteuerspielpl\u00e4tze. Wir Kinder durften sie zwar nicht betreten &#8211; aber sind trotzdem reingeklettert\u00bb, sagt er. \u00abAls ich dann allm\u00e4hlich verstand, dass es woanders sch\u00f6ner war, war das erstmal ein Schock.\u00bb<\/p>\n<p>Heute gilt Wim Wenders, der heute 80 Jahre alt wird, als Regisseur mit Weltruhm &#8211; und als ein Spezialist f\u00fcr Filme, in denen Orte eine bedeutungsvolle Rolle einnehmen. Man muss die Filme daf\u00fcr nicht einmal gesehen haben, es reicht, die Titel zu lesen &#8211; etwa \u00abParis, Texas\u00bb oder \u00abDer Himmel \u00fcber Berlin\u00bb. Orte sind ihm wichtig.\u00a0<\/p>\n<p>Im Podcast \u00abHotel Matze\u00bb sagte er den lustigen Satz: \u00abDamit beginnt mein kreatives Leben: Nach Neuss, wo man nicht hinkommt, trotzdem hinkommen.\u00bb Neuss, nicht unbedingt Nabel der Kunstwelt, liegt auf der gegen\u00fcberliegenden Rheinseite D\u00fcsseldorfs.<\/p>\n<p>Eine Art Lichtgestalt<\/p>\n<p>Wie weit Wenders gekommen ist, l\u00e4sst sich aktuell in Bonn sehen. Die Bundeskunsthalle widmet ihm zum Geburtstag eine gro\u00dfformatige Ausstellung, die ihn nicht nur als Filmemacher, sondern als eine Art Lichtgestalt adelt.<\/p>\n<p>Manchem K\u00fcnstler wird eine derartige Aufarbeitung erst nach Lebzeiten zuteil. Wenders ist aber noch voll im Gesch\u00e4ft &#8211; 2026 k\u00f6nnte sein n\u00e4chster Film in die Kinos kommen, ein Dokumentarfilm in 3D \u00fcber den Architekten Peter Zumthor. Im vergangenen Jahr war er abermals f\u00fcr einen Oscar nominiert (mit \u00abPerfect Days\u00bb). K\u00fcrzlich erschien der Kurzfilm \u00abSchl\u00fcssel der Freiheit\u00bb, den er f\u00fcr das Ausw\u00e4rtige Amt drehte.\u00a0<\/p>\n<p>Die Mutter hoffte auf einen \u00abrichtigen\u00bb Beruf<\/p>\n<p>Eigentlich wollte er Maler werden. Wenders kommt 1945 in D\u00fcsseldorf zur Welt, 1949 zieht die Familie erst nach Boppard, dann nach Oberhausen. Die ersten Bilder, die er sieht, sind Kunstdrucke von Vincent van Gogh und Camille Corot. Bald zeichnet er selbst. In der Bonner Ausstellung ist eine Kinder-Zeichnung von ihm zu sehen, auf der ein Ritter mit einem Drachen k\u00e4mpft. Wer sie dereinst aufgehoben hat, wei\u00df er selbst nicht. Seine Mutter hat er nicht im Verdacht.<\/p>\n<p>\u00abSie hat eher dazu geneigt, gnadenlos alles zu entsorgen, was sie fand\u00bb, sagt er. Die Eltern seien anfangs gar nicht begeistert von den k\u00fcnstlerischen Ambitionen gewesen. \u00abMeine Mutter hat noch lange insgeheim gehofft, dass aus mir doch mal noch &#8222;was Richtiges&#8220; werden w\u00fcrde\u00bb, sagt Wenders.<\/p>\n<p>Anfangs sah es &#8211; aus Sicht der Mutter &#8211; auch gar nicht schlecht aus. Wenders studiert Medizin und Philosophie. 1966 bricht er das aber ab und geht nach Paris, um Maler zu werden. Der wichtigste Ort f\u00fcr ihn dort wird die Cin\u00e9math\u00e8que fran\u00e7aise &#8211; ein Filminstitut, in dem ab 14 Uhr bis in die Nacht Filmklassiker laufen. Angeblich sieht Wenders mehr als 1000 Filme in einem Jahr. Heute w\u00fcrde man wohl Binge Watching dazu sagen.<\/p>\n<p>Filme mit Fernweh und Tiefgang<\/p>\n<p>Der Film wird schlie\u00dflich seine Kunstform. Ab 1967 geh\u00f6rt er zum ersten Jahrgang der Hochschule f\u00fcr Film und Fernsehen (HFF) in M\u00fcnchen. Mit der Verfilmung von Peter Handkes Roman \u00abDie Angst des Tormanns beim Elfmeter\u00bb (1972) wird er zum Aush\u00e4ngeschild des \u00abNeuen Deutschen Films\u00bb. Das melancholische \u00abParis, Texas\u00bb (1984) gilt bald als Meisterwerk und gewinnt die Goldene Palme in Cannes. \u00abDer Himmel \u00fcber Berlin\u00bb (1987) ist eine ikonische Meditation \u00fcber die damals noch geteilte Stadt.<\/p>\n<p>Wenn es ein Genre gibt, mit dem man ihn bis heute in Verbindung bringt, dann sicherlich das Roadmovie &#8211; im Reisen kommen die Menschen bei Wilhelm Ernst Wenders, so sein b\u00fcrgerlicher Name, oft zu sich. Auch bei ihm selbst greift dieser Mechanismus. Das Weggehen und Kennenlernen von anderen Orten sei f\u00fcr ihn das gr\u00f6\u00dfte Thema geworden, schon als Kind, aber dann noch mehr als Heranwachsender, sagt er. \u00ab&#8220;Woanders zu sein&#8220;, das wurde mein Thema\u00bb, sagt er. \u00abUnd das habe ich dann auch \u00fcber das Filmemachen als Thema behalten.\u00bb<\/p>\n<p>Drehbuch? Lieber ohne<\/p>\n<p>Das Reise-Prinzip zieht sich bei Wenders durch, selbst beim Umgang mit Drehb\u00fcchern. Auch da f\u00e4hrt er am liebsten auf Sicht. \u00abDie meisten Drehb\u00fccher habe ich vom ersten Tag des Drehs an nicht mehr angeguckt. Ich musste sie auch nicht mehr angucken\u00bb, sagt er. \u00abNach Drehbuch zu drehen, ist eher ein Reproduzieren als ein Produzieren. Viele Filme sind deswegen nur Flie\u00dfbandarbeit. Und das macht mir keinen Spa\u00df.\u00bb<\/p>\n<p>Man m\u00fcsse schlicht nicht wissen, wie es am n\u00e4chsten Tag weitergehe, sagt Wenders. \u00abVielen Leuten macht diese Vorstellung Angst, mir aber nicht.\u00bb Ihn habe im Gegenteil immer das Gef\u00fchl befreit, dass es ins Offene gehe.<\/p>\n<p>Bewegung ist f\u00fcr ihn essenziell. Vielleicht auch deshalb wirft er die Stirn in Falten, wenn man ihn nach neueren Kommunikationsmitteln fragt. \u00abIch finde es \u00e4u\u00dferst wichtig, dass man sich als Jugendlicher Dingen aussetzt. Im Internet kann ich mich auch aussetzen, aber das ist eine v\u00f6llig andere Form, das ist virtuell und nicht tats\u00e4chlich\u00bb, sagt Wenders. \u00abMan kann durch das Internet auch \u00fcberall hinreisen, ohne wirklich dort zu sein\u00bb, sagt er. \u00abDas ist f\u00fcr mich eine Horrorvorstellung.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Dann lieber Abenteuerspielplatz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"D\u00fcsseldorf (dpa) &#8211; Als Wim Wenders zum ersten Mal die Augen \u00f6ffnete, war die Welt voller Tr\u00fcmmer. 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