{"id":343843,"date":"2025-08-14T09:50:12","date_gmt":"2025-08-14T09:50:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343843\/"},"modified":"2025-08-14T09:50:12","modified_gmt":"2025-08-14T09:50:12","slug":"berlin-tag-macht-faellt-lars-das-klingbeil-ueber-den-kanzler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/343843\/","title":{"rendered":"Berlin Tag &#038; Macht: F\u00e4llt Lars das Klingbeil \u00fcber den Kanzler?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bierzelt, Boyband und Berliner Koalitionsblues. Von Merz\u2019 Einknick-Hymnen \u00fcber S\u00f6ders Bierzelt-Physik bis zu Klingbeils &#8222;Bravo&#8220;-tauglicher Machtstrategie: Warum die Bundesregierung politisch wackelt &#8211; aber popkulturell in der Champions League spielt.<\/strong><\/p>\n<p>Gew\u00e4hlte Politikerinnen und Politiker gelten gemeinhin, da ist sich zumindest der mehrheitlich auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fu\u00dfende Teil dieser Welt einig, als Volksvertreter. Besagtes Volk w\u00e4hlt allerdings nicht nur gelegentlich seine Vertreter, es spricht auch. Das nennt man dann landl\u00e4ufig: den Volksmund. Und der bietet oftmals zweifelsfrei zutreffende Weisheiten. Eine Schwalbe etwa macht tats\u00e4chlich noch keinen Sommer. Aber der Volksmund kennt auch zahlreiche Einlassungen, deren Wahrheitsgehalt zu Recht angezweifelt werden darf. Nach kontempor\u00e4rer Navigationswissenschaft beispielsweise f\u00fchren gar nicht alle Wege nach Rom. Wohin die Wege der aktuellen Bundesregierung f\u00fchren? Ebenfalls unklar. Nach Rom jedenfalls h\u00f6chstens zum Staatsbesuch.<\/p>\n<p>Den Schulterblick auf die vergangene Polit-Woche mit einem Querverweis auf den Volksmund zu beginnen, ist \u00fcbrigens kein intro-m\u00fcder Taschenspielertrick. Es ist logische Konsequenz. Denn unser Land wird von einer Koalition aus CDU\/CSU und SPD gef\u00fchrt. Alle sind &#8211; jedenfalls Stand heute &#8211; weiterhin Volksparteien. Selbst wenn tagesaktuelle Volksbefragungen ein unerfreulich ern\u00fcchterndes Bild der einstigen Parteien-Leuchtt\u00fcrme der politischen Bundesrepublik zeichnen.<\/p>\n<p>Mit der Arbeit des Kanzlers sind mit 29 Prozent heute n\u00e4mlich nur noch weniger als ein Drittel der B\u00fcrger zufrieden. F\u00fcr so ein Ergebnis h\u00e4tte Angela Merkel fr\u00fcher nicht mal einen Hosenanzug rausgelegt. Gleichzeitig, aber ebenso demokratieverheerend, kann Friedrich Merz das Unions-SUV momentan nur noch auf Platz zwei der st\u00e4rksten Parteien einparken. Die Pole-Position hat ihm ausgerechnet die AfD abgenommen, die er 2019 noch eigenh\u00e4ndig halbieren wollte. Nun hat er sie nach 100 Tagen als Bundeskanzler halt versehentlich st\u00e4rker gemacht. Unangenehm. Nicht nur anhand dieser Entwicklung zeigt sich: Gegen das, was aus den Ank\u00fcndigungen von Friedrich Merz am Ende h\u00e4ufig wird, war selbst Walter Ulbrichts Satz &#8222;Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten&#8220; ein prognostischer Jahrhundert-Volltreffer.<\/p>\n<p>Kann ich Armin Laschet noch mal sehen?<\/p>\n<p>Inzwischen fragt sich die CDU-Basis vermutlich vermehrt, ob sie Armin Laschet noch mal sehen k\u00f6nnte. Oder nicht sogar Markus S\u00f6der die bessere Wahl gewesen w\u00e4re. Wobei ich hinsichtlich der Prophezeiungen von Foodblogger S\u00f6der (Codename: Das Orakel von Selfie) eher verhalten optimistisch w\u00e4re. Mitunter wird bei seiner Bewertung unterschlagen: Er ist der einzige deutsche Spitzenpolitiker, der jederzeit zu jedem politischen Thema jede denkbare Position einnehmen kann. Notfalls sogar innerhalb von einer Woche. Der neutrale Politik-Beobachter wartet im Prinzip nur noch auf den Tag, an dem S\u00f6ders offizielle Korrespondenz mit &#8222;Liebe Freund*innen, der Genderstern muss weg!&#8220; beginnt.<\/p>\n<p>Plakativstes Beispiel f\u00fcr diese besondere Form der Selektivstringenz ist sein Meisterst\u00fcck: &#8222;Schr\u00f6dingers Atomausstieg&#8220;. Ein \u00fcber die letzten Jahre in die Geschichtsb\u00fccher gemei\u00dfeltes Musical dar\u00fcber, wie S\u00f6der sich jahrelang als den Vater der \u00fcberf\u00e4lligen AKW-Abschaltungen hat feiern lassen, nur um anschlie\u00dfend in jedem verf\u00fcgbaren Bierzelt Bayerns den Gr\u00fcnen die Schuld f\u00fcr den v\u00f6llig unn\u00f6tigen und un\u00fcberlegten Atomausstieg zu geben. Und daher die sofortige Reaktivierung von AKWs zu fordern.<\/p>\n<p>Aber auch der kleine Koalitionspartner SPD ist inzwischen umfrageschwei\u00dfgebadet aus dem Euphorie-Rausch erwacht. Der Post-Bundestagswahl-Enthusiasmus, mit einem Ergebnis von weniger als 17 Prozent heute etwa 80 Prozent der Bundespolitik zu bestimmen, ist schneller verflogen als die Ekstase der Boulevard-Journaille \u00fcber das neue Crossover-Traumpaar Julia Kl\u00f6ckner und J\u00f6rg Pilawa. Verst\u00e4ndlich. Die SPD kam in den 1970er Jahren regelm\u00e4\u00dfig auf 45 Prozent. Selbst um die Jahrtausendwende lag man noch stets um die 40 Prozent. Heute stabilisiert man sich bei 13 Prozent. F\u00fcr stolze Sozialdemokraten eine politische Privatinsolvenz. H\u00e4tte Merz statt der AfD die SPD halbiert, w\u00e4re das f\u00fcr die noch ein Upgrade.<\/p>\n<p> Nicht alles, was nicht gl\u00e4nzt, ist Schrott<\/p>\n<p>Womit wir wieder beim Thema Volksmund w\u00e4ren. Der sagt ja auch: Nicht alles, was gl\u00e4nzt, ist Gold. Und das ist zutreffend. Die Frontz\u00e4hne von Stefan Raab beispielsweise: kein Gold. Gleichzeitig muss aber auch die sogenannte Kehrseite der Medaille betrachtet werden. Ja, nicht alles, was gl\u00e4nzt, ist Gold. Aber auch nicht alles, was nicht gl\u00e4nzt, ist Schrott. Und nicht jede Koalition, die wackelt, f\u00e4llt. Die aktuelle Bundesregierung steht in vielem deutlich besser da als das \u00f6ffentliche Stimmungsbild vermuten lie\u00dfe. Popkulturell etwa rangiert das Berliner Regierungsviertel definitiv in der Weltspitze.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: W\u00e4hrend Donald Trump sich regelm\u00e4\u00dfig Abmahnungen von Weltstars wie Bruce Springsteen, Rihanna, Adele oder Elton John abholt, die ihm die Nutzung ihrer Songs untersagen, sollen sich die Fantastischen Vier geehrt f\u00fchlen, dass Friedrich Merz ihr Werk zum Leitbild seiner Kanzlerkarriere gemacht hat. Vor allem die Songs \u00fcber seine Haltungs-Purzelb\u00e4ume beim Thema Staatsr\u00e4son (&#8222;Ich bin der Einknicker. Kein Schei\u00df, Mann! Jeder wei\u00df, Mann!&#8220;) und seine politische Reputation (&#8222;Jetzt ist sie weg, weg, und ich bin wieder allein, allein&#8220;) wirken wie Tagebucheintr\u00e4ge aus dem Kanzleramt. <\/p>\n<p>Der Kanzlerfl\u00fcsterer <\/p>\n<p>Und der Juniorpartner? Vizekanzler Lars Klingbeil? Der trug sogar mal Augenbrauen-Ring. Die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung bezeichnete ihn daf\u00fcr als den &#8222;Reichstagsrocker &#8211; Gepierced im Parlament&#8220;. Der Mann, der den Ton in der SPD angibt, spielte fr\u00fcher n\u00e4mlich in Bands. Heute sind dann aber Talkshows, nicht Rock-Festivals, seine B\u00fchne. Darum gibt es auch keinen &#8222;Bravo&#8220;-Starschnitt von ihm. Obwohl er einen verdient h\u00e4tte. Immerhin h\u00e4lt man ihn f\u00fcr den Justin Bieber der SPD, seit ihm gelungen ist, woran alle SPD-Chefs bisheriger GroKos scheiterten: Koalitions-Erfolge selbst verbuchen, Niederlagen an den Koalitionspartner auslagern.<\/p>\n<p>Um die SPD-Position zu Waffenlieferungen an Israel durchzusetzen, wirft Klingbeil Merz, ohne mit der (mittlerweile nicht mehr gepiercten) Wimper zu zucken, seiner eigenen Partei zum Fra\u00df vor. Und streicht derweil den Jubel der &#8222;Israel begeht Genozid&#8220;-V\u00f6lkerrechtsexperten aus den Uni-H\u00f6rs\u00e4len ein. L\u00e4uft eine SPD-Idee aber schief, etwa die geplante Ernennung von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin, wer badet dann den anschlie\u00dfenden Shitstorm aus? Genau: ebenfalls Friedrich Merz.<\/p>\n<p>Lars Klingbeil ist kein Rockstar. Er ist Parteichef der SPD. Ohne ihn kann politisch keine wichtige Weiche f\u00fcr Deutschlands Zukunft gestellt werden. Gut, Justin Bieber ist auch kein Rockstar, aber andere Geschichte. Interessanter ist: Was hat Klingbeil so machtpolitisch abgezockt werden lassen? Als Regierungsviertel-Sachverst\u00e4ndige gehe ich da auf Spurensuche: Klingbeil w\u00e4chst in Munster auf. Sein Vater ist Berufssoldat. Unteroffizier. Seine Mutter betreibt einen Freibad-Kiosk. Er lebt meinen Traum &#8211; w\u00e4chst mit Pommes und bunten T\u00fcten auf. Nebenbei fahren seine Eltern Taxi, um ihren Kindern bestm\u00f6glichen Zugang zu Bildung zu erm\u00f6glichen. Als New York und die Welt am 11. September 2001 durch die Anschl\u00e4ge auf das World Trade Center ersch\u00fcttert werden, lebt Lars Klingbeil in Manhattan. Er ist Praktikant der Friedrich-Ebert-Stiftung und bekommt diesen Terroranschlag hautnah mit.<\/p>\n<p>Atemlos durch die Macht<\/p>\n<p>Hat ihn diese Erfahrung gepr\u00e4gt? Obwohl &#8211; dann w\u00e4re seine Position zum Nahostkonflikt vermutlich etwas modifizierter. Also doch die Popkultur? Der Hip-Hop? Vielleicht. Als der junge Neu-Abgeordnete Klingbeil 2005 mit Piercing in Berlin ankommt, bringt das eine vermeintliche Exotik (Vorsicht: nicht Erotik!) in den angestaubten Politbetrieb, die skurrile Bl\u00fcten tr\u00e4gt. In einem seiner allerersten TV-Interviews geht es darum, ob der Musiksender Viva nachmittags Musik von Sido zeigen darf.<\/p>\n<p>Als von den Medien zum Quoten-Rebellen stilisierter Punkrocker wird Klingbeil seiner Rolle gerecht und vertritt die damalige Minderheitsposition: Er ist dagegen, Sido-Texte zu verbieten. Als Belohnung fragt ihn die Journalistin am Ende, ob er dann jetzt nicht noch ein bisschen Hip-Hop tanzen k\u00f6nne. Sind es wom\u00f6glich die Nachbeben der Fassungs- und Hilflosigkeit \u00fcber diesen Vorschlag, die ihn heute phasenweise brutal ergebnisorientiert wirken lassen? Sein Fanta 4 Song jedenfalls w\u00e4re wohl &#8222;Popul\u00e4r&#8220;. Darin hei\u00dft es: &#8222;Feinde oder Freunde, es gibt viele Stars &#8211; Sterben kannst du nicht, wenn du in aller Leute K\u00f6pfe warst!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bierzelt, Boyband und Berliner Koalitionsblues. 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