{"id":34395,"date":"2025-04-15T17:21:09","date_gmt":"2025-04-15T17:21:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/34395\/"},"modified":"2025-04-15T17:21:09","modified_gmt":"2025-04-15T17:21:09","slug":"avantgarde-gestern-und-heute-yoko-ono-in-berlin-das-prinzip-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/34395\/","title":{"rendered":"Avantgarde gestern und heute \u2013 Yoko Ono in Berlin: Das Prinzip Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img304387\" src=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/img\/jpeg\/640\/304387\" alt=\"Yoko Ono mit einem Hammer aus Glas: \u00bbHalf-a-Wind Show\u00ab, Lisson Gallery, London, 1967\"\/><\/p>\n<p>Yoko Ono mit einem Hammer aus Glas: \u00bbHalf-a-Wind Show\u00ab, Lisson Gallery, London, 1967<\/p>\n<p>Foto: Clay Perry \/ Kunstwerk \u00a9 Yoko Ono<\/p>\n<p>Wer Lust auf eine \u00dcberdosis Yoko-Ono-Kunst hat, erh\u00e4lt in Berlin die gute Chance, sich diese gleich an drei Orten zu holen: im Gropius-Bau, in der Neuen Nationalgalerie und im Neuen Berliner Kunstverein (NBK). In diesen Institutionen ist das Werk der 1933 in Japan geborenen und mittlerweile in Upstate New York zur\u00fcckgezogen lebenden Fluxus-K\u00fcnstlerin retrospektiv bis in den Sommer hinein zu sehen.<\/p>\n<p>Die von der Tate Modern und der Kunstsammlung NRW organisierte und bereits 2024 in London und D\u00fcsseldorf gezeigte Ausstellung \u00bbMusic of the Mind\u00ab macht nun Station im Gropius-Bau. \u00dcber dem prunkvollen Lichthof h\u00e4ngt ein gro\u00dfes Transparent mit dem Slogan \u00bbPeace is Power\u00ab. Auch wenn es aktuell an vielen Orten der Welt nicht nach Beendigung von Kriegen und Befriedung aussieht, zieht sich der obsessive Einsatz Yoko Onos f\u00fcr Frieden \u2013 schlie\u00dflich erlebte sie als Kind die Auswirkungen der Atombombenabw\u00fcrfe der USA 1945 in Hiroshima und Nagasaki \u2013 mit k\u00fcnstlerischen Mitteln beharrlich durch ihr gesamtes Werk.<\/p>\n<p>Die Antizipation des noch nicht Realisierten und noch zu Erk\u00e4mpfenden, das nur als Hoffnung und Traum existiert, spielt eine riesige Rolle in ihren Arbeiten und erinnert an Ernst Blochs \u00bbPrinzip Hoffnung\u00ab. 1969 propagierte Ono zusammen mit ihrem dritten Ehemann <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1145475.john-lennon-der-tag-an-dem-die-beatles-starben.html?sstr=yoko|ono\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">John Lennon<\/a> auf dem H\u00f6hepunkt des Vietnam-Krieges mittels Projektion und Plakatierung unter anderem im Westberliner Bezirk Kreuzberg sowie international in ganzseitigen Anzeigen, nicht nur in der \u00bbNew York Times\u00ab: <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1161742.pazifismus-lasst-uns-in-frieden-die-hippies-hatten-recht.html?sstr=yoko|ono\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00bbWar is over. If you want it\u00ab<\/a>. Jede\/r ist gefragt, seine Stimme gegen den Krieg zu erheben. Eine sehr sinnvolle Aktion mit einer Botschaft, die heute nicht aktueller sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dass Kunst allerdings wirklich die Welt ver\u00e4ndern kann, wie die demn\u00e4chst aus dem Amt scheidende Bundesbeauftragte f\u00fcr Kultur und Medien Claudia Roth (Gr\u00fcne) in ihrer eigenwilligen Mischung aus zur Schau gestellter Empathie und Hysterie bei einer Vorbesichtigung f\u00fcr geladene G\u00e4ste behauptete, muss bezweifelt werden. Unter Ausblendung der Tatsache, dass gerade ihre Partei auf Militarismus und <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1190184.zwangsdienste-gruenen-idee-unter-zwang-der-freiheit-dienen.html?sstr=gr\u00fcne\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00bbKriegst\u00fcchtigkeit\u00ab<\/a> setzt und die Friedensbewegung denunziert, zitierte Roth den Text von \u00bbImagine\u00ab, ohne zu bemerken, dass es nicht nur aus feministischer Sicht etwas peinlich anmutet, Onos Werk mit einem Song von Lennon zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Yoko Ono hatte sich schon vor dem weltweiten Erfolg der Beatles im Kunstbereich einen internationalen Namen gemacht, als sie 1966 bei einer Einzelausstellung in der Indica Gallery in London den kunstaffinen John Lennon kennenlernte. Eines ihrer Werke bestand aus einer wei\u00dfen Leinwand, einem Hammer und einem Gef\u00e4\u00df mit N\u00e4geln. Der Titel lautete \u00bbPainting to hammer a nail\u00ab (Gem\u00e4lde, um einen Nagel einzuschlagen). Lennon kam auf sie zu und fragte, \u00bbob es okay sei, wenn er einen imagin\u00e4ren Nagel einschl\u00fcge\u00ab, erinnerte sich Ono sp\u00e4ter an diese Szene. \u00bbIch dachte, da habe ich wohl einen Kerl kennengelernt, der dasselbe Spiel spielt wie ich\u00ab, nachzulesen im begleitenden Katalog zur Ausstellung im Gropius-Bau.<\/p>\n<p>Im Vergleich zur vorangegangenen Station der Ausstellung im K20 in D\u00fcsseldorf im vergangenen Jahr werden die ephemeren und zarten Arbeiten Onos in den R\u00e4umen des Gropius-Baus viel gro\u00dfz\u00fcgiger und einnehmender pr\u00e4sentiert. Bereits der erste Raum ist irritierend leer, und es dauert eine Weile, die zarten und kleinen Textzeilen mit den auf den ersten Blick mysteri\u00f6sen und philosophischen Botschaften zu entdecken.<\/p>\n<p>Mit \u00bbMany rooms, many dreams, many countries in the same space\u2009\u2026\u00ab verweist Ono auf die erwartbare Diversit\u00e4t des Publikums, das aus vielen Individuen bestehend, virtuell seine eigenen R\u00e4ume beanspruchen und in sich tragen soll. \u00dcberhaupt wendet sie sich mit ihren Haiku-artigen Sentenzen \u2013 viele stammen aus ihrem legend\u00e4ren B\u00fcchlein \u00bbGrapefruit\u00ab aus dem Jahr 1964 \u2013 direkt an das Publikum. Es sind meist poetische Aufforderungen und Handlungsanweisungen, sich der unmittelbaren Nachbarschaft, der Gemeinschaft und auch der Natur und der Welt bewusst zu werden und f\u00fcr Frieden einzusetzen.<\/p>\n<p>Der immaterielle Charakter vieler ihrer Werke setzt auf das Entstehen von imagin\u00e4ren R\u00e4umen beim Publikum. Das ist vielleicht eine der st\u00e4rksten Eigenschaften von Onos Kunst. Doch auch ihre experimentellen Videofilme sind wichtig, gerade wenn sie bahnbrechende Performances festhalten. Das \u00bbLightning Piece\u00ab mit der Instruktion, ein Streichholz zu entz\u00fcnden und es bis zum Verl\u00f6schen zu beobachten, geh\u00f6rt dazu. 1966 entz\u00fcndete sie eines auf Einladung von George Macunias, dem Begr\u00fcnder der Fluxus-Bewegung, was der Fotograf und Kameramann Peter Moore filmte, und zwar mit 2000 statt nur 24\u2005Bildern pro Sekunde, was einen extrem langsamen Film generiert, der nun im Gropius-Bau zu sehen ist. Ebenso die \u00bbCut Piece\u00ab-Performance, mit der sich Yoko Ono sehr fr\u00fch als feministische K\u00fcnstlerin bewies. Nachdem sie schon in Kyoto, Tokio und New York das Publikum aufgefordert hatte, St\u00fccke aus ihrer Kleidung auszuschneiden, w\u00e4hrend sie stoisch auf einer B\u00fchne sa\u00df, wurde sie 1966 in London dabei gefilmt, beim \u00bbDestruction in Art Symposium\u00ab, organisiert von Gustav Metzger.<\/p>\n<p>Damit begab sie sich in die Rolle des passiven Opfers und machte das damals \u00fcberwiegend m\u00e4nnliche Publikum symbolisch zu T\u00e4tern. Es ist ein Spiel und zugleich ein Blaupausen-Test auf Sexismus, Voyeurismus und Machismo. Bei einem Reenactment mit der 70-j\u00e4hrigen Ono reagierte das Publikum wesentlich feinf\u00fchliger als in den 60er Jahren. F\u00fcr die K\u00fcnstlerin ist es allgemein \u00bbeine Form des Gebens und Nehmens\u00ab. Der partizipative Ansatz war schon lange Bestandteil ihrer Kunst, bevor dies in den 90er Jahren en vogue wurde.<\/p>\n<p>Hierauf konzentriert sich auch die Neue Nationalgalerie bei ihrer \u00bbDream together\u00ab benannten Ono-Ausstellung, w\u00e4hrend der NBK sein traditionsreiches Plakatwand-Projekt diesmal Yoko Ono widmet und ihre Aufforderung \u00bbTouch\u00ab (Ber\u00fchre) in schwarzen Lettern auf wei\u00dfem Fond an der Kreuzung Friedrich-, Ecke Torstra\u00dfe pr\u00e4sentiert. Vom Falten von Kranichen aus Papier in der Origami-Tradition als Metapher f\u00fcr Gl\u00fcck und langes Leben \u00fcber das Zusammenkleben zerbrochenen Geschirrs bis hin zum Schachspiel mit ausschlie\u00dflich wei\u00dfen Figuren ist in der Neuen Nationalgalerie das Publikum zu aktiver Gestaltung aufgefordert.<\/p>\n<p>Das Spiel mit den wei\u00dfen Schachfiguren erfordert h\u00f6chste Konzentration, da es die visuelle Gegnerschaft verweigert. Auch das nat\u00fcrlich die intendierte Message von Yoko Ono: Wenn wir uns alle mit Respekt und Liebe begegneten, w\u00e4re eine Einteilung in Freund und Feind obsolet, und wir h\u00e4tten die paradiesische Situation eines Weltfriedens.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Yoko Ono: \u00bbMusic of the Mind\u00ab, Gropius-Bau, Berlin, bis 31.8., Katalog 48\u2005\u20ac.<br \/>&#13;<br \/>\nYoko Ono: \u00bbTouch\u00ab, Neuer Berliner Kunstverein, Plakatwand bis 31.8.<br \/>&#13;<br \/>\nYoko Ono: \u00bbDream Together\u00ab, Neue Nationalgalerie, Berlin, bis 14.9.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Yoko Ono mit einem Hammer aus Glas: \u00bbHalf-a-Wind Show\u00ab, Lisson Gallery, London, 1967 Foto: Clay Perry \/ Kunstwerk&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":34396,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,11393,16756,30],"class_list":{"0":"post-34395","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-feminismus","11":"tag-friedensbewegung","12":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114343135478160808","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34395","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34395"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34395\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34395"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34395"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}