{"id":344205,"date":"2025-08-14T13:06:11","date_gmt":"2025-08-14T13:06:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/344205\/"},"modified":"2025-08-14T13:06:11","modified_gmt":"2025-08-14T13:06:11","slug":"vor-alaska-gipfel-die-angst-dass-indien-umkippt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/344205\/","title":{"rendered":"Vor Alaska-Gipfel: Die Angst, dass Indien umkippt"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Europa sich vor dem Gipfeltreffen in Alaska mit Trump zu koordinieren versucht, greift auch Putin zum H\u00f6rer. In Telefonaten mit Xi und Modi will er sich R\u00fcckendeckung holen. Die US-Z\u00f6lle gegen Indien sieht Moskau als goldene Gelegenheit f\u00fcr eine Allianz. Doch so einfach ist das nicht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Wenige Tage vor dem Gipfel mit Donald Trump am Freitag in Alaska griff Wladimir Putin zum Telefon. Der russische Machthaber sprach in dieser Woche mit Chinas Staatschef Xi Jinping, Indiens Premierminister Narendra Modi und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Offiziell ging es um bilaterale Beziehungen und \u201estrategische Koordination\u201c. <\/p>\n<p>Inoffiziell ist klar: Moskau sucht R\u00fcckendeckung, bevor es sich in Verhandlungen mit Washington begibt \u2013 und sondiert, wie seine Partner reagieren w\u00fcrden, sollte der US-Pr\u00e4sident in Sachen Ukraine die Geduld verlieren.<\/p>\n<p>Der geopolitische Hintergrund ist brisant: Zwischen China und Russland ist in den vergangenen Jahren eine strategische Achse entstanden, die offen gegen die Dominanz westlicher Institutionen arbeitet \u2013 mit Peking als wirtschaftlich-technologischem F\u00fchrer und Moskau als milit\u00e4risch erfahrenem, aber \u00f6konomisch geschw\u00e4chtem Partner. <\/p>\n<p>Indien hingegen vermied es bislang, sich klar auf die Seite Moskaus zu stellen. W\u00e4hrend Neu-Delhi seit Jahren gute Energie- und R\u00fcstungsbeziehungen zu Russland unterh\u00e4lt, arbeitete man eng mit dem Westen zusammen \u2013 auch in Sicherheitsfragen, etwa im \u201eQuadrilateral Security Dialogue\u201c mit den USA, Japan und Australien. <\/p>\n<p>Zuletzt hatte sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Neu-Delhi und Washington abgek\u00fchlt, nachdem Trump Indien wegen seines fortgesetzten Kaufs von sanktioniertem russischem \u00d6l neue Strafz\u00f6lle aufgebrummt hatte. Sie belaufen sich nun auf 50 Prozent \u2013 bestehend aus dem urspr\u00fcnglichen Zoll in H\u00f6he von 25 Prozent und einer zus\u00e4tzlichen Erh\u00f6hung um weitere 25. China dagegen wurde vorerst geschont, der US-Pr\u00e4sident verl\u00e4ngerte die Frist im Zollstreit um 90 Tage. Solange bleibt nur der bereits geltende Aufschlag von 30 Prozent in Kraft. <\/p>\n<p>Treibt Trump Indien, das bislang zwischen Ost und West hin und her geschaukelt ist, nun in die Arme Russlands und Chinas? So einfach ist das nicht, wie ein \u00dcberblick \u00fcber die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zeigt.<\/p>\n<p>Die chinesisch-russische Allianz<\/p>\n<p>Am 4. Februar 2022, nur wenige Wochen vor Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, erkl\u00e4rte Xi Jinping bei einem Treffen mit Putin in Peking am Rande der Olympischen Winterspiele, die Partnerschaft zwischen beiden L\u00e4ndern kenne \u201ekeine Grenzen\u201c. Seither haben sie ihre strategische Kooperation systematisch ausgebaut. <\/p>\n<p>Russland ist dabei in eine immer gr\u00f6\u00dfere Abh\u00e4ngigkeit geraten: Chinas Unternehmen kaufen gro\u00dfe Mengen russischen \u00d6ls und Gases, oft zu deutlich reduzierten Preisen, und liefern im Gegenzug Maschinen, Elektronik und andere G\u00fcter, die Russland wegen westlicher Sanktionen nicht mehr aus Europa oder den USA beziehen kann. <\/p>\n<p>Auch im Finanzsektor st\u00fctzt sich Moskau st\u00e4rker auf das chinesische Zahlungssystem CIPS und den Yuan als Handelsw\u00e4hrung. Hinzu kommt Pekings politische R\u00fcckendeckung \u2013 etwa durch Vetos im UN-Sicherheitsrat oder als Gastgeber von Foren wie der BRICS-Runde (bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China, S\u00fcdafrika und weiterer aufstrebender Schwellenl\u00e4nder). <\/p>\n<p>Das Ziel dieser Achse ist eine Weltordnung, in der westliche Institutionen wie Nato, EU oder der Internationale W\u00e4hrungsfonds an Einfluss verlieren. Peking und Moskau arbeiten aktiv daran, Parallelstrukturen aufzubauen \u2013 von alternativen Zahlungssystemen bis hin zu Energie- und R\u00fcstungsabkommen, die westliche Sanktionen unterlaufen. F\u00fcr China ist der Krieg in der Ukraine auch ein strategisches Werkzeug: Er bindet den Westen milit\u00e4risch, wirtschaftlich und politisch \u2013 und verschafft Peking Zeit, im Schatten der Aufmerksamkeit seine Position im S\u00fcdchinesischen Meer und in anderen strategisch wichtigen Regionen auszubauen.<\/p>\n<p>Indiens Balanceakt<\/p>\n<p>Wie eng Modi und Putin pers\u00f6nlich verbunden sind, zeigte sich im Juli 2024 in der russischen Stadt Kasan, wo ein Gipfel der BRICS stattfand. Putin empfing den indischen Premier mit demonstrativer Herzlichkeit. \u201eUnsere Beziehungen sind so eng, dass ich davon ausging, du verst\u00fcndest mich ohne \u00dcbersetzung\u201c, witzelte der Kremlchef. Modi lachte laut und schrieb sp\u00e4ter auf X, die Beziehung zwischen Indien und Russland sei \u201etief verwurzelt\u201c.<\/p>\n<p>Diese N\u00e4he hat historische Gr\u00fcnde. Seit den 1960er-Jahren ist Russland \u2013 damals noch die Sowjetunion \u2013 einer der wichtigsten Partner Indiens, vor allem als Waffenlieferant. Zwischen 2010 und 2019 kamen zeitweise bis zu 70 Prozent der indischen R\u00fcstungsg\u00fcter aus Russland. <\/p>\n<p>Zwar hat Neu-Delhi in den vergangenen Jahren verst\u00e4rkt Waffen aus den USA, Frankreich und Israel gekauft, um die Abh\u00e4ngigkeit zu verringern, doch bei zentralen Systemen bleibt Russland unverzichtbar. Deshalb vermeidet Indien es, sich klar gegen Moskau zu positionieren, enth\u00e4lt sich etwa bei Abstimmungen im Rahmen der Vereinten Nationen. Doch klar f\u00fcr Moskau spricht man sich auch nicht aus. Ungeachtet der herzlichen Begr\u00fc\u00dfung in Kasan ermahnte Modi den russischen Machthaber vor laufenden Kameras, Konflikte \u201eauf friedliche Weise\u201c zu l\u00f6sen. <\/p>\n<p>Dass sich Indien komplett auf Russlands \u2013 und Chinas \u2013 Seite schlagen k\u00f6nnte, halten Experten daher f\u00fcr unrealistisch. \u201eIndien war nie und wird niemals antiwestlich sein\u201c, sagt Amrita Narlikar, Politikwissenschaftlerin und Expertin beim indischen Thinktank Observer Research Foundation. Indien habe formale Allianzen stets gescheut, \u201edie Vorstellung einer Allianz, insbesondere zwischen Indien und China, ist daher abwegig\u201c. Nach f\u00fcnf Jahren voller Konflikte und tiefen Misstrauens taue die Beziehung zu Peking inzwischen etwas auf, doch bleibe Indien aus vielen Gr\u00fcnden vorsichtig \u2013 <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256093402\/Kaschmir-Zwei-Atommaechte-ein-historischer-Konflikt-und-die-Frage-wann-ein-Krieg-ausbricht.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256093402\/Kaschmir-Zwei-Atommaechte-ein-historischer-Konflikt-und-die-Frage-wann-ein-Krieg-ausbricht.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nicht zuletzt wegen der chinesischen Unterst\u00fctzung des Erzfeinds Pakistans.<\/a><\/p>\n<p>Stattdessen f\u00e4hrt Neu-Delhi eine Doppelstrategie. Besonders klar zeigte sich diese im Sommer 2022, nur wenige Monate nach Beginn des Ukraine-Krieges. Damals nahm eine kleine indische Delegation am russischen Milit\u00e4rman\u00f6ver \u201eWostok\u201c in Ostsibirien teil \u2013 Seite an Seite mit China und anderen Verb\u00fcndeten Moskaus. Fast zeitgleich \u00fcbten indische Piloten im Rahmen des Luftwaffenman\u00f6vers \u201ePitch Black\u201c in Australien mit westlichen Partnern, darunter Deutschland und die USA. <\/p>\n<p>\u201eIndiens historische Freundschaft mit Russland hat es nie daran gehindert, zugleich wertvolle strategische Partnerschaften mit der EU, Deutschland oder Frankreich zu pflegen \u2013 genau das bedeutet Multi-Alignment und strategische Autonomie\u201c, sagt Narlikar. Dazu passt, dass Indien Projekte wie \u201eBRICS Pay\u201c unterst\u00fctzt, ein alternatives Zahlungssystem zu SWIFT, das den Dollar schw\u00e4chen k\u00f6nnte. F\u00fcr Neu-Delhi sind solche Initiativen vor allem wirtschaftlich interessant und passen ins Bild einer multipolaren Welt, in der kein Staat eine alleinige Vormachtstellung innehat.<\/p>\n<p>Dass schon eine vorsichtige Ann\u00e4herung an China im Westen als Beginn einer antiwestlichen Allianz gewertet wird, sage mehr \u00fcber die Verunsicherung Europas und der USA aus als \u00fcber die tats\u00e4chliche Lage im Osten, meint Narlikar. Die indische Politikwissenschaftlerin kennt sowohl Deutschland als auch Indien. Von 2014 bis 2024 leitete sie das renommierte-GIGA Forschungsinstitut (German Institute for Global and Area Studies) in Hamburg. Demokratien unter Druck, wirtschaftliche Probleme und Differenzen bei der Verteidigungspolitik lie\u00dfen im Westen die Angst vor neuen Machtbl\u00f6cken wachsen.<\/p>\n<p>\u201eEuropa braucht heute besonders gute Freunde\u201c, sagt Narlikar. Die Expertin h\u00e4lt den Zeitpunkt f\u00fcr g\u00fcnstig, die Beziehungen mit Indien zu vertiefen, etwa das EU-Indien-Freihandelsabkommen zu beschleunigen. So k\u00f6nne Neu-Delhi seine Abh\u00e4ngigkeit von russischen Waffen weiter verringern und m\u00fcsse f\u00fcr wirtschaftliche Kooperation nicht nach China ausweichen. <\/p>\n<p>Das Treffen in Alaska wird daher auch in Neu-Delhi und Peking genau beobachtet. Sollte Trump Russland Zugest\u00e4ndnisse machen, ohne die Ukraine und Europa einzubinden, w\u00e4re das nicht nur ein diplomatischer Triumph f\u00fcr den Kreml \u2013 es w\u00fcrde auch China R\u00fcckenwind auf dem Weg zu einer \u201ealternativen\u201c Weltordnung verleihen. Noch ist eine \u201eantiwestliche Allianz\u201c im erweiterten Sinne mehr Gespenst als Realit\u00e4t. W\u00e4hrend Russland und China l\u00e4ngst eine ungleiche, aber stabile Partnerschaft gegen den Westen aufgebaut haben, spielt Indien sein eigenes Spiel \u2013 mit dem Potenzial, die Weltordnung zu seinen Gunsten zu beeinflussen.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/christina-zur-nedden\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/christina-zur-nedden\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Christina zur Nedden<\/b><\/a><b> ist China- und Asienkorrespondentin. Seit 2020 berichtet sie im Auftrag von WELT aus Ost- und S\u00fcdostasien.  <\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"W\u00e4hrend Europa sich vor dem Gipfeltreffen in Alaska mit Trump zu koordinieren versucht, greift auch Putin zum H\u00f6rer.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":344206,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,3115,54962,114,13,88637,93352,14,96215,15,111,4043,4044,850,307,15725,115,12,113,112],"class_list":{"0":"post-344205","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-alaska","11":"tag-china-politik","12":"tag-donald-geb-1946","13":"tag-headlines","14":"tag-indien-politik","15":"tag-modi","16":"tag-nachrichten","17":"tag-narendra","18":"tag-news","19":"tag-putin","20":"tag-russia","21":"tag-russian-federation","22":"tag-russische-foederation","23":"tag-russland","24":"tag-russland-politik","25":"tag-russland-ukraine-krieg-24-2-2022","26":"tag-schlagzeilen","27":"tag-trump","28":"tag-wladimir"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115027272258474202","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/344205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=344205"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/344205\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/344206"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=344205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=344205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=344205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}