{"id":344803,"date":"2025-08-14T18:37:18","date_gmt":"2025-08-14T18:37:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/344803\/"},"modified":"2025-08-14T18:37:18","modified_gmt":"2025-08-14T18:37:18","slug":"putins-oekonomie-des-todes-sterben-ist-in-russland-profitabler-als-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/344803\/","title":{"rendered":"Putins \u00d6konomie des Todes: Sterben ist in Russland profitabler als Leben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einigt sich Wladimir Putin in Alaska nicht mit Donald Trump, kann er den Ukraine-Krieg beruhigt fortsetzen. Moskau hat einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil: Zehntausende Russen st\u00fcrzen sich weiter bereitwillig in den Tod. Als Kanonenfutter sind sie mehr wert als lebendig.<\/strong><\/p>\n<p>Als Michail sich im vergangenen Sommer entschloss in den Krieg zu ziehen, hatte er daf\u00fcr eigentlich wenige gute Gr\u00fcnde. Seine Frau Xenia arbeitete in einem Sch\u00f6nheitssalon, er hatte einen guten Job als Lagerist in einem Warenhaus. Gemeinsam lebten sie ein russisches Mittelklasseleben, mit einem Hund und zwei Katzen, in einem Apartment in der Millionenmetropole Sankt Petersburg. Doch als der 27-j\u00e4hrige eines Tages mit dem Bus zur Arbeit fuhr, ersp\u00e4hte er auf einem gro\u00dfen Werbeplakat der russischen Armee ein Argument, das ihn \u00fcberzeugte.<\/p>\n<p>Ob er die Arbeit echter M\u00e4nner verrichten wolle, hie\u00df es darauf. Die Anwerbepr\u00e4mie lag bei 2 Millionen Rubel, mehr als 20.000 Euro, und damit mehr als 20 Mal so hoch wie sein Monatsgehalt. Michail hatte Schulden, und obwohl ihn Xenia bekniete, nicht zu gehen, unterschrieb er. Er dachte, er d\u00fcrfte in den hinteren Linien dienen und sei in drei Monaten wieder zu Hause, hat Michail dem &#8222;Wall Street Journal&#8220; (WSJ) erz\u00e4hlt. Nun sitzt er in einem ukrainischen Kriegsgefangenenlager und bereut: &#8222;Wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich das Geld zur\u00fcckgeben&#8220;. Beim Angriff auf ein zerschossenes Industriegebiet in Wowtschansk fielen fast alle der etwa 100 M\u00e4nner in seiner Einheit. Michail kam gerade so mit dem Leben davon.<\/p>\n<p>So wie ihm geht es zehntausenden russischen Soldaten. Viele von Ihnen schlie\u00dfen sich auch mehr als drei Jahre nach Wladimir Putins \u00dcberfall dem Krieg gegen die Ukraine immer noch freiwillig an. Mindestens 50.000 unterschreiben laut Putin selbst jeden Monat einen Vertrag mit der Armee. Auch westliche Quellen gehen von mindestens 30.000 monatlich aus. Dabei ist es selbst im Reich der Putin-Propaganda kein gro\u00dfes Geheimnis mehr, was sie erwartet.<\/p>\n<p>Rund eine Million russische Soldaten sind laut westlichen Sch\u00e4tzungen bislang verwundet oder get\u00f6tet worden. Ihre eigenen Kommandeure behandeln sie wie Wegwerfsoldaten, als entbehrliche Ressource, die in Putins erbarmungslosem Abnutzungskrieg genauso kaltbl\u00fctig verbraucht wird wie Patronen, Granaten und Panzer. In menschenverachtenden Wellenangriffen werden sie f\u00fcr ein paar Meter Gel\u00e4ndegewinn brutal verheizt. Viele werden von Drohnen zerfetzt, noch bevor sie \u00fcberhaupt einen Schuss abgeben k\u00f6nnen. Und wenn sie sich weigern vorzur\u00fccken, werden sie von den eigenen Kameraden misshandelt, gefoltert oder hingerichtet.<\/p>\n<p>&#8222;Es war ihnen egal, ob wir leben oder sterben&#8220;, sagt Michail dem &#8222;WSJ&#8220; \u00fcber seine Befehlshaber. Warum wollen M\u00e4nner wie er trotzdem weiter Kanonenfutter des Kremls sein? Warum ist es f\u00fcr sie ein erstrebenswertes Ziel, im Fleischwolf von Bachmut, Awdijiwka oder Pokrowsk zu enden? Die erschreckende Antwort sagt viel \u00fcber das heutige Russland aus. In Putins perfider \u00d6konomie des Todes lohnt es sich f\u00fcr viele M\u00e4nner eher zu sterben, als zu leben. \u00d6konomisch gesehen ist das ein unschlagbarer Wettbewerbsvorteil im Kampf mit dem Westen. Auch er erkl\u00e4rt, warum Putin keinen Frieden schlie\u00dft. <\/p>\n<p>Millionen Todeswillige f\u00fcllen Putins Reihen<\/p>\n<p>&#8222;Die Haltung gegen\u00fcber der eigenen Bev\u00f6lkerung als Verbrauchsmaterial zog sich durch die gesamte Geschichte Russlands&#8220;, konstatiert der russische Philosoph Nikolai Karpizki auf dekoder.org. Schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg warfen der Zar und Generalissismus Josef Stalin ihre Truppen in brutalen Massenangriffen hastig an die Front. In der russischen Armee werden neue Rekruten immer noch von Altgedienten geschlagen, schikaniert und gequ\u00e4lt &#8211; das Regiment der Dedowtschina, ein Relikt aus Sowjetzeiten. Und in der russischen Gesellschaft herrscht eine Macho-Kultur und in vielen Regionen eine Perspektivlosigkeit, die eine &#8222;gesellschaftliche Akzeptanz f\u00fcr sinnlosen Tod&#8220; bef\u00f6rdere, schreibt Karpizki. <\/p>\n<p>&#8222;Keine oder nur mies bezahlte Arbeit, zu Hause st\u00e4ndig Streit und Sorgen, und f\u00fcr die Gesellschaft ein Niemand&#8220; &#8211; in einer solch &#8222;nekrophilen&#8220; Gesellschaft verblasse der Selbsterhaltungstrieb, &#8222;der Tod wird nicht mehr als \u00dcbel wahrgenommen. In Russland gibt es Millionen solcher Menschen. Daher wird der Zustrom von Freiwilligen nicht enden.&#8220;<\/p>\n<p>Putins Pr\u00e4mien fallen bei ihnen auf fruchtbaren Boden. Die Rekrutierungsb\u00fcros in Moskau werben heute offiziell mit Milit\u00e4rvertragsdienst ab 5,2 Millionen Rubel &#8222;garantiertem Einkommen&#8220; im ersten Jahr &#8211; rund 55.000 Euro, etwa das 55-Fache des offiziellen russischen Durchschnittsgehalts. Allein die Anwerbepr\u00e4mie betr\u00e4gt inzwischen umgerechnet rund 25.000 Euro. Dazu kommen noch Kitapl\u00e4tze und mehr als 200 Euro monatliches Taschengeld f\u00fcr jedes Kind, kostenlose Berufsausbildung f\u00fcr den Ehepartner und Unterst\u00fctzung bei der Pflege der Eltern. Sogar die Tickets nach Moskau werden bezahlt. <\/p>\n<p>&#8222;Leben darauf reduziert, dass dich eine Kugel trifft&#8220;<\/p>\n<p>Und falls sie fallen, geht der Geldregen weiter. Mehrere zehntausend Euro bekommen Angeh\u00f6rige, wenn ihr Vater oder Ehemann get\u00f6tet wird. &#8222;Sarggeld&#8220; nennt der russische Volksmund die Hinterbliebenenpr\u00e4mien l\u00e4ngst. F\u00fcr manche russische Frauen ist es inzwischen ein Gesch\u00e4ftsmodell, einen Soldaten kennenzulernen, auf seinen Tod zu warten und die Entsch\u00e4digung vom Staat zu kassieren. <\/p>\n<p>Die hohen Zahlungen verzerren inzwischen sogar die Immobilienm\u00e4rkte in kleinen St\u00e4dten. Denn mit dem Krieg flie\u00dft in r\u00fcckst\u00e4ndige Regionen wie Tuwa oder Burjatien in Sibirien zum ersten Mal richtig Geld. Der russische \u00d6konom Wladislaw Inosemzew hat errechnet, dass die Familie eines 35-j\u00e4hrigen, der ein Jahr in der Ukraine k\u00e4mpft und stirbt, mit umgerechnet 150.000 Euro rechnen kann &#8211; mehr als er als Zivilist in 60 Arbeitsjahren in Russland mancherorts verdient. <\/p>\n<p>\u00d6konomisch sei das &#8222;profitabler als sein weiteres Leben&#8220;, zitiert das &#8222;WSJ&#8220; Inosemzew. &#8222;Dein ganzes Leben ist nur darauf reduziert, dass dich eine Kugel trifft&#8220;, sagt auch der Sohn eines gefallenen Kreml-Soldaten in einer k\u00fcrzlich erschienenen Arte-Doku. <\/p>\n<p>Putins \u00d6konomie belohnt den Tod<\/p>\n<p>Putins \u00d6konomie des Todes funktioniert nur mit geringem Wachstum, Armut und Rechtlosigkeit. Ein Land, in dem ganze Regionen im Krieg die einzige Chance auf wirtschaftlichen Aufstieg sehen. &#8222;Manche Menschen leben kaum, und wenn sie sterben, durch Wodka oder was auch immer, ist nicht klar warum&#8220;, belehrte Putin im November 2022 die Mutter einen gefallenen Soldaten. &#8222;Aber ihr Sohn hat gelebt, verstehen Sie? Er hat sein Ziel erreicht.&#8220;<\/p>\n<p>Die brutale Logik hat eine perverse Konsequenz: dass russisches Leben so entbehrlich ist, verschafft Moskau einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil bei der Produktion von Soldaten &#8211; und treibt Putins Milit\u00e4rmaschine an. Sie brummt schlicht, weil ihr wichtigster Rohstoff spottbillig ist. Abgesehen von \u00d6l und Gas wird Russland damit auf lange Sicht nur ein einziges wirkliches Exportprodukt haben: Krieg.<\/p>\n<p>Der Oxford-\u00d6konom Paul Collier hat die strukturellen Faktoren solcher Todes\u00f6konomien in seinem Buch &#8222;Die unterste Milliarde&#8220; statistisch dokumentiert: Halbiert sich die Wirtschaftsleistung eines Landes, verdoppelt sich das Kriegsrisiko. &#8222;Wenn die Realit\u00e4t des t\u00e4glichen Lebens ohnehin trostlos ist, muss die Aussicht auf Erfolg nicht besonders gro\u00df sein, um verlockend zu wirken&#8220;, schreibt Collier \u00fcber die wirtschaftliche Rekrutierungslogik. &#8222;Selbst die geringe Chance auf ein gutes Leben\u201c im Krieg sei \u201etrotz der hohen Gefahr des Todes&#8220; das Risiko wert. &#8222;Weil die Aussicht auf den Tod kaum schlimmer erscheint als die Aussicht auf ein Leben in Armut.&#8220; Solange sich das in Putins Reich nicht \u00e4ndert, wird Russland in der Kriegsfalle gefangen bleiben. Und ganz Europa mit ihm. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Einigt sich Wladimir Putin in Alaska nicht mit Donald Trump, kann er den Ukraine-Krieg beruhigt fortsetzen. 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