{"id":345187,"date":"2025-08-14T22:07:18","date_gmt":"2025-08-14T22:07:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345187\/"},"modified":"2025-08-14T22:07:18","modified_gmt":"2025-08-14T22:07:18","slug":"erfolgsautor-thomas-melle-macht-mit-haus-zur-sonne-erneut-seine-bipolare-stoerung-zum-thema","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345187\/","title":{"rendered":"Erfolgsautor Thomas Melle macht mit \u201eHaus zur Sonne\u201c erneut seine bipolare St\u00f6rung zum Thema."},"content":{"rendered":"<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Es ist wieder passiert: Der namenlose Ich-Erz\u00e4hler hatte eine manische Phase, die vierte. Diesmal intensiver und l\u00e4nger denn je. Zwei Jahre lang hat er \u2013 tats\u00e4chlich wie im Wahn \u2013 sein Leben gr\u00fcndlich und in allen Belangen zerst\u00f6rt. Die Wohnung: eine runtergerockte M\u00fcllhalde. Freunde und Familie: nachhaltig vergrault. Der K\u00f6rper: ein Wrack. Das Ansehen als Schriftsteller: ruiniert. Die Schulden: turmhoch. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Und auf die Manie folgt \u2013 typisch f\u00fcr eine bipolare St\u00f6rung \u2013 die Depression. Mit der Erkenntnis kommen Scham, Selbstekel, Isolation, Selbstaufgabe. Der Ich-Erz\u00e4hler ist ganz unten angekommen, so weit unten, dass er es noch nicht mal schafft, den Wunsch, seinem Dasein ein Ende zu setzen, in die Tat umzusetzen.<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Das ist der Ausgangspunkt von Thomas Melles Roman \u201eHaus zur Sonne\u201c. Der Autor, der im M\u00e4rz 50 Jahre alt geworden ist, hat seine eigene bipolare St\u00f6rung bereits in der Vergangenheit autofiktional verarbeitet und seither auch in Interviews immer wieder offen dar\u00fcber gesprochen. Eine fr\u00fche Version von \u201eHaus zur Sonne\u201c wurde 2006 als Theaterst\u00fcck ver\u00f6ffentlicht. Breite Aufmerksamkeit f\u00fcr das Thema erzielte Melle dann mit seinem Roman \u201eDie Welt im R\u00fccken\u201c (2016), der anschlie\u00dfend ebenfalls f\u00fcr die B\u00fchne adaptiert wurde. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Doch die Hoffnung, mit Coming-out und Selbstreflexion \u201edieses Monstrum von Krankheit vielleicht auf irgendeine Weise domestiziert zu haben\u201c, wie Melle nun auf den ersten Seiten von \u201eHaus zur Sonne\u201c schreibt, hat sich nicht erf\u00fcllt. \u201eIch hatte mich bei der Niederschrift des Buches noch einmal mit aller Kraft gegen die Krankheit gestemmt \u2013 und verloren. Mein Talent kam gegen die Krankheit nicht an, sie war st\u00e4rker gewesen, am Ende.\u201c<\/p>\n<p>Thomas Melle: \u201eHaus zur Sonne\u201c (Kiepenheuer &amp; Witsch), 320 Seiten, 24 Euro.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Was also bleibt einem derart zerst\u00f6rten Ich? Da ist Ella, eine alte, unm\u00f6glich gewordene Liebe, die auf wundersame Weise immer noch da ist, ein letzter Halt. Und da ist die Sachbearbeiterin im Jobcenter, eine junge, strenge Gouvernante. Als der Erz\u00e4hler diese aufsucht, um das w\u00fcrdelose Gesuch nach einer Soforthilfe hinter sich zu bringen, st\u00f6\u00dft er zum ersten Mal auf das \u201eHaus zur Sonne\u201c. \u201eSo nicht weiter?\u201c, wirbt ein Flyer f\u00fcr die Einrichtung. \u201eWir machen es anders! Das Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung.\u201c <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Selbstabschaffung. Von Beginn an l\u00e4sst Melle keinen Zweifel daran, worum es im \u201eHaus zur Sonne\u201c geht: das Finale. Ein letztes Gl\u00fcck und dann \u2013 das Ende. Eigentlich also das, was der Erz\u00e4hler sich sehnlichst w\u00fcnscht. Bezahlt wird das alles vom Staat. \u201eWas er nicht mehr an jahrzehntelanger Sozialhilfe beisteuern muss, investiert er in den letzten Traum\u201c, gibt Herr von Radowitz, der Leiter der Einrichtung, seinem neuen Klienten mit auf den Weg. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.aachener-zeitung.de\/instagram\/der-schlaechter-literatur-podcast-zu-joyce-carol-oates\/80561444.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__awFnD RelatedTeaser_related-teaser--image__oZDce read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"80561444\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:\u201eDer Schl\u00e4chter\u201c: Literatur-Podcast zu Joyce Carol Oates<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Man ahnt: Es wird absurd. Doch w\u00e4hrend \u2013 der Vergleich sei gestattet \u2013 Heinz Strunk seine Leser in \u201eZauberberg 2\u201c auf einen eher klamaukigen Selbsterfahrungstrip ins Sanatorium mitnimmt, wird es bei Melle d\u00fcster kafkaesk. Im \u201eHaus zur Sonne\u201c geht es ans Eingemachte. Die Klienten werden in Watte gepackt, bekommen n\u00fcchterne, aber sch\u00f6ne Zimmer, Essen und Schlaf nach Gusto, Fitness- und Wellness-Angebote, Medikamente und Drogen, alles unter psychologischer Begleitung. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Vor allem aber k\u00f6nnen sie ihren Tr\u00e4umen und W\u00fcnschen in sogenannten Simulationen nachgehen \u2013 alles ist m\u00f6glich. Dazu wird ihnen ein Stecker am Hinterkopf implantiert, \u00fcber den sie verkabelt werden. Bis zum Schluss wei\u00df der Leser nicht, was dieses \u201eHaus zur Sonne\u201c eigentlich sein soll. Psychiatrie? Sanatorium? Selbstoptimierungsinstitut? Sterbehilfeklinik oder gar Euthanasieanstalt?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.aachener-zeitung.de\/kultur\/sylvie-schenk-schreibt-ueber-liebe-tod-und-houellebecq\/77912857.html\" class=\"RelatedTeaser_related-teaser__awFnD RelatedTeaser_related-teaser--image__oZDce read-more_withImage__1YJa_\" data-article-id=\"77912857\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Lesen Sie auch:Sylvie Schenk schreibt \u00fcber Liebe, Tod und Houellebecq<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">So begibt sich der Ich-Erz\u00e4hler auf eine Reise zu den gro\u00dfen Fragen: Wieso ist mein Leben so verlaufen, wie es verlaufen ist? Wie w\u00e4re es verlaufen, wenn ich mich an bestimmten Punkten anders entschieden h\u00e4tte, wenn ich geheiratet und Kinder bekommen h\u00e4tte? Was sind eigentlich meine W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume? Wie w\u00e4re ich gerne? Was macht mich gl\u00fccklich? Letztlich sind all dies nicht Fragen des \u2013 wenn auch freiwillig beschlossenen \u2013 Todes, sondern des Lebens. Gibt es doch noch Hoffnung?<\/p>\n<p>Schriftsteller, Dramatiker und \u00dcbersetzer<\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Thomas Melle, geboren 1975 in Bonn, gilt als einer der herausragenden deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Bereits vor Erscheinen seines Deb\u00fctromans \u201eSickster\u201c (2011), der es gleich auf die Longlist f\u00fcr den Deutschen Buchpreis schaffte, nahm er 2006 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Die beiden Folgewerke \u201e3000 Euro\u201c (2014) und \u201eDie Welt im R\u00fccken\u201c (2016) standen auf der Shortlist f\u00fcr den Deutschen Buchpreis. Neben inzwischen f\u00fcnf Romanen hat Melle auch mehrere Theaterst\u00fccke verfasst. Mit der B\u00fchnenadaption von \u201eDie Welt im R\u00fccken\u201c wurde er 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen, mit \u201eVersetzung\u201c und \u201eOde\u201c 2018 und 2020 zu den M\u00fchlheimer Theatertagen. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Melle hat seine bipolare St\u00f6rung im Zuge der Ver\u00f6ffentlichung von \u201eDie Welt im R\u00fccken\u201c \u00f6ffentlich gemacht und sein Leben damit seither auch immer wieder in Interviews thematisiert. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Bipolare St\u00f6rungen sind etwa drei Prozent der Bev\u00f6lkerung im Laufe ihres Lebens von der Krankheit betroffen, was etwa 2,5 Millionen Menschen entspricht. Ihnen gibt Thomas Melle erneut eine Stimme. Es ist schon eine gro\u00dfe literarische Leistung, wie der Autor die introspektive Auseinandersetzung mit seiner Krankheit und seinem Sein und Wesen mit den gro\u00dfen Lebensfragen und dem fast Science-Fiction-artig anmutenden und immer absurder werdenden Setting des \u201eHauses zur Sonne\u201c verbindet. <\/p>\n<p class=\"Paragraph_root__xJSDF Paragraph_default-lg-default__txMNQ articleParagraph\">Aber es ist auch ein hartes, schonungsloses Buch, das seinen Leserinnen und Lesern einiges abverlangt. So nahe wie bei Melle kommt man als Nicht-Betroffener einer bipolaren St\u00f6rung sonst wohl kaum. Dennoch kann man eine Menge aus dem Buch ziehen, denn die Frage nach dem Gl\u00fcck betrifft wohl jeden. Sie ist allerdings unbequem. Es w\u00e4re eine \u00dcberraschung, wenn Melle mit dem Roman nicht \u2013 wie bereits mit \u201eSickster\u201c (2011), \u201e3000 Euro\u201c (2014) und \u201eDie Welt im R\u00fccken\u201c \u2013 f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominiert w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist wieder passiert: Der namenlose Ich-Erz\u00e4hler hatte eine manische Phase, die vierte. 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