{"id":345831,"date":"2025-08-15T04:14:23","date_gmt":"2025-08-15T04:14:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345831\/"},"modified":"2025-08-15T04:14:23","modified_gmt":"2025-08-15T04:14:23","slug":"trump-trifft-putin-europas-ukraine-kalkuel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345831\/","title":{"rendered":"Trump trifft Putin \u2013 Europas Ukraine-Kalk\u00fcl"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img310071\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/310071.jpeg\" alt=\"Berechnende Br\u00fcderschaft: Bundeskanzler Friedrich Merz und der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch in Berlin\"\/><\/p>\n<p>Berechnende Br\u00fcderschaft: Bundeskanzler Friedrich Merz und der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch in Berlin<\/p>\n<p>Foto: DPA\/AFP\/John Macdougall<\/p>\n<p>Am Freitag treffen sich die Pr\u00e4sidenten der USA und Russlands, um \u00fcber einen Frieden in der Ukraine zu sprechen. Im Vorfeld hatte es zwar ein Online-Treffen zwischen Donald Trump und den europ\u00e4ischen Regierungen gegeben. Von einer abgestimmten Strategie jedoch kann nicht die Rede sein. In den Unstimmigkeiten zwischen den USA und Europa \u00fcber den Ukraine-Krieg und sein m\u00f6gliches Ende verdichten sich tiefer liegende transatlantische Konflikte.<\/p>\n<p>Vor allem die von der US-Regierung ins Spiel gebrachte Idee eines Gebietstausches zur Beendigung des Ukraine-Krieges wurde im Vorfeld des US-russischen Treffens als Angriff auf ukrainische und europ\u00e4ische Interessen gewertet. Unmittelbar vor der Schalte mit dem US-Pr\u00e4sidenten am Mittwochnachmittag hatten sich die europ\u00e4ischen Regierungen darauf verst\u00e4ndigt, dass die Ukraine k\u00fcnftig bei Verhandlungen zugegen sein und ein Waffenstillstand am Anfang aller Friedensbem\u00fchungen stehen muss. Zudem m\u00fcssten die Verhandlungen Sicherheitsgarantien f\u00fcr die Ukraine umfassen und Teil einer gemeinsamen transatlantischen Strategie sein. Auch solle die Ukraine nicht entwaffnet werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>All dies sind bekannte europ\u00e4ische Positionen \u2013 allerdings ist offiziell eine neue hinzugekommen: Die Ukraine ist nun zu Verhandlungen \u00fcber territoriale Forderungen bereit, sofern deren Ausgangspunkt die reale Frontlinie ist und eine juristische Anerkennung der russischen Besatzungen nicht zur Debatte steht. Letzteres hatte in den Tagen zuvor bereits der Nato-Generalsekret\u00e4r Mark Rutte ins Gespr\u00e4ch gebracht.<\/p>\n<p>Mit dem Nachgeben in der zentralen Frage der territorialen Forderungen Russlands haben die europ\u00e4ischen Regierungen versucht, noch an einem m\u00f6glichen Verhandlungsprozess \u00fcber die Beendigung des Ukraine-Krieges beteiligt zu werden. Und w\u00e4hrend des Online-Meetings mit Trump am Mittwochnachmittag kam eine weitere Konzession hinzu: Die Frage von Sicherheitsgarantien f\u00fcr die Ukraine wurde laut Bundeskanzler Friedrich Merz mit Trump gar erst nicht besprochen.<\/p>\n<p>Gefangenenaustausch vor dem Gipfel<\/p>\n<p>Einen Tag vor dem Treffen zwischen US-Pr\u00e4sident Donald Trump und dem russischen Staatschef Wladimir Putin laufen in Washington und Moskau die Vorbereitungen. Putin sprach am Donnerstag in Moskau von \u00bbaufrichtigen Anstrengungen\u00ab der US-Regierung, ein Ende der K\u00e4mpfe in der Ukraine zu erreichen. Der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj suchte derweil in London den Schulterschluss mit dem britischen Premierminister Keir Starmer.<br \/>&#13;<br \/>\nEbenfalls am Donnerstag tauschten Russland und die Ukraine erneut Gefangene aus. Nach Angaben aus Moskau kehrten bei dem von den Vereinigten Arabischen Emiraten vermittelten Tausch auf beiden Seiten 84 Soldaten in ihre Heimat zur\u00fcck.<br \/>&#13;<br \/>\nDie russische Armee setzte derweil ihren Vormarsch im Osten der Ukraine fort. Die Truppen nahmen nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau die D\u00f6rfer Iskra und Schtscherbyniwka in der Region Donezk ein. Zuvor hatte die russische Armee bereits deutliche Gel\u00e4ndegewinne gemeldet.<br \/>&#13;<br \/>\nIm S\u00fcden Russlands wurden nach Beh\u00f6rdenangaben am Donnerstag 13 Menschen bei einem ukrainischen Drohnenangriff get\u00f6tet, zwei von ihnen Kinder. Die Drohnen besch\u00e4digten demnach etwa zehn Wohngeb\u00e4ude in der Stadt Rostow am Don. Die russische Luftabwehr fing in den vergangenen 24 Stunden nach eigenen Angaben 268 Drohnen und vier Gleitbomben aus der Ukraine ab.<br \/>&#13;<br \/>\nBisherige Bem\u00fchungen um einen Waffenstillstand in der Ukraine nach dreieinhalb Jahren Krieg blieben ergebnislos. Moskau verlangt von Kiew, die vier von Russland teilweise besetzten ostukrainischen Regionen Saporischschja, Donezk, Luhansk und Cherson sowie die von Russland annektierte Halbinsel Krim vollst\u00e4ndig abzutreten und zudem auf westliche Milit\u00e4rhilfe und einen Nato-Beitritt zu verzichten. Die Ukraine weist diese Forderungen als unannehmbar zur\u00fcck und fordert westliche Sicherheitsgarantien.\u2003 AFP\/nd<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Merz das Gespr\u00e4ch zweckoptimistisch bewertete, kann nichts \u00fcber das offensichtliche Fehlen transatlantischer Abstimmung hinwegt\u00e4uschen. Und die grundlegenden Differenzen zwischen trumpistischer Au\u00dfenpolitik und den Interessen der EU-Regierungen wiegen noch schwerer. W\u00e4hrend die US-Regierung kein Interesse mehr am Ukraine-Krieg zeigt, betrachten die europ\u00e4ischen Regierungen ihn als einen Krieg um die Zukunft des Kontinents. Erschwerend kommt f\u00fcr sie hinzu, dass die US-Au\u00dfenpolitik zwischen der Option einer \u00bbEurop\u00e4isierung\u00ab des Krieges \u2013 bei der EU-Regierungen in den USA Waffen f\u00fcr die Ukraine kaufen d\u00fcrfen und sollen \u2013 und einem raschen Ende des Krieges bei gro\u00dfen Konzessionen an Russland schwankt.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>Europas st\u00e4ndiger Verweis auf das V\u00f6lkerrecht ist nicht idealistisch, sondern interessengeleitet.<\/p>\n<p>&#13;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Die sich abzeichnende Option eines \u00bbGebietstausches\u00ab versch\u00e4rft die Spannungen zwischen den europ\u00e4ischen Staaten und den USA dabei nicht nur prinzipiell, weil dieser droht, \u00fcber die K\u00f6pfe der Ukraine und Europas hinweg verhandelt zu werden. Auch real materiell h\u00e4tte ein \u00bbGebietstausch\u00ab Konsequenzen: Sehr wahrscheinlich w\u00fcrde er aus Sicht der USA bedeuten, dass Russland Teile des eroberten Territoriums abgeben soll, damit es andere eroberte behalten darf. Aus Sicht der EU-Regierungen w\u00e4re dies weit mehr als eine Verletzung der territorialen Souver\u00e4nit\u00e4t der Ukraine. Eine Verschiebung der Grenzen stellt die De-Jure-Legitimierung eines schwerwiegenden V\u00f6lkerrechtsbruchs dar, der unmittelbar die Ordnung auf dem Kontinent ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Weltmacht USA, die unter Trump eine verregelte Weltordnung als Einschr\u00e4nkung der eigenen Handlungsf\u00e4higkeit betrachtet,<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1189578.aufruestung-europas-regierungen-in-die-klemme.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> basiert die Souver\u00e4nit\u00e4t der EU-Mitglieder im internationalen Staatensystem wesentlich auf dieser Ordnung<\/a>. Die europ\u00e4ische Integration hatte sich \u00fcber Jahrzehnte komplement\u00e4r zur US-Hegemonie und ihrem Institutionensystem entwickelt, dies gilt auch f\u00fcr die Wirtschafts- und Handelsordnung. Ein von und mit den USA abgesicherter Globalisierungsprozess samt multilateral verankerter Welthandelsordnung schuf die Voraussetzungen f\u00fcr europ\u00e4ische Exporterfolge und f\u00fcr das wirtschaftspolitische Gewicht der EU im Weltma\u00dfstab. Das transatlantische B\u00fcndnis und ihr sicherheitspolitischer Multilateralismus waren immer eine von mehreren S\u00e4ulen der US-Hegemonie, an welcher die EU-Staaten subaltern, aber doch privilegiert beteiligt waren. Diese S\u00e4ulen brechen nun reihenweise weg, ohne dass die EU die Kapazit\u00e4t hat, eine eigene multilaterale Ordnung im Weltma\u00dfstab zu errichten. Deswegen hat die EU einen st\u00e4rker normativ-institutionalistischen Blick auf die Ordnung in Europa \u2013 als die schw\u00e4chere Akteurin braucht sie eine solche Ordnung st\u00e4rker als die USA.<\/p>\n<p>Ins Mark tr\u00e4fe die europ\u00e4ische Seite daher ein von den USA mit Russland ausgehandelter Friedensschluss, der Grenzverschiebungen legalisiert, die auf dem Bruch der UN-Charta basieren. Denn er entspr\u00e4che einer Legalisierung des Bruchs einer Ordnung, die sie selbst nicht garantieren kann. Daher ist der best\u00e4ndige europ\u00e4ische Verweis auf das V\u00f6lkerrecht nicht idealistisch, sondern interessengeleitet. Zwar r\u00fcsten die EU-Staaten inzwischen f\u00fcr konventionelle Kriege und nicht mehr prim\u00e4r \u00fcberseeische Auslandseins\u00e4tze. Doch bis sich das machtpolitisch materialisieren kann, geht Zeit ins Land. Hinzu kommt die Tatsache, dass die konfrontative US-Zollpolitik das Exportmodell wichtiger europ\u00e4ischer Staaten und damit sehr unmittelbar die materiell-\u00f6konomische Fundierung m\u00f6glicher europ\u00e4ischer Macht angegriffen hat.<\/p>\n<p>Diese Verschr\u00e4nkungen zwischen normativen v\u00f6lkerrechtlichen Prinzipien in Verbindung mit dem konkreten europ\u00e4ischen Interesse an mehr Multilateralismus im westlichen Lager macht den Kern der transatlantischen Krise aus, die sich in vielen Feldern zeigt \u2013 vom Welthandel bis zum Ukraine-Krieg. Die EU steht vor der Wahl, entweder normativ eine Ordnung zu verteidigen, die sie selbst nicht garantieren kann, oder gute Beziehungen zu einem Hegemon zu pflegen, der selbst die Ordnung nicht garantieren m\u00f6chte und dessen Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber Europa zweifelhaft ist.<\/p>\n<p>Die USA hingegen agierten in den letzten Wochen in der Gewissheit, nun einen starken Hebel gegen Russland gefunden zu haben: Ihre zollpolitische Macht, die effektiven Druck auf ihre B\u00fcndnispartner aus\u00fcben soll. Doch ist fraglich, ob diese US-Rechnung aufgeht. Inzwischen hat Trump seine Zolldrohungen gegen russische Handelspartner relativiert. Auch die davon unabh\u00e4ngigen Strafz\u00f6lle gegen China wurden einmal mehr um 90 Tage verschoben \u2013 w\u00e4hrend die EU erst im Juli einen \u00fcberaus schlechten Zolldeal mit den USA geschlossen hat.<\/p>\n<p>Nicht untersch\u00e4tzen sollte man allerdings die Kapazit\u00e4ten der EU zur Unterst\u00fctzung der Ukraine: Europas kumulierte R\u00fcstungsbeschaffungen haben inzwischen mit 35,1 Milliarden Euro jene der USA um 4,4 Milliarden Euro \u00fcberholt. Nachdem vom Sp\u00e4tsommer 2023 an US-Milit\u00e4rhilfen wegen der republikanischen Blockade im Repr\u00e4sentantenhaus monatelang auf Eis lagen, wurde \u00fcber einen Zusammenbruch der Ukraine spekuliert \u2013 der blieb aber aus. Auch das Zur\u00fcckhalten von US-Milit\u00e4rhilfen nach Antritt der Trump-Administration hat die Ukraine bislang \u00fcberstanden. Mit der sich best\u00e4ndig ausweitenden milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung der Ukraine versuchen die EU-Regierungen Kiew in die Lage zu versetzen, nicht jeden Vertrag mit Russland unterzeichnen zu m\u00fcssen. Damit st\u00e4rken sie nicht zuletzt auch ihr eigenes Gewicht gegen\u00fcber den USA.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berechnende Br\u00fcderschaft: Bundeskanzler Friedrich Merz und der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch in Berlin Foto: DPA\/AFP\/John Macdougall&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":345832,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,106,548,663,158,3934,3935,13,14,15,307,12,317,64,65260],"class_list":{"0":"post-345831","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-donald-trump","11":"tag-eu","12":"tag-europa","13":"tag-europaeische-union","14":"tag-europe","15":"tag-european-union","16":"tag-headlines","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-russland","20":"tag-schlagzeilen","21":"tag-ukraine","22":"tag-usa","23":"tag-voelkerrecht"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115030842899772131","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345831","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=345831"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345831\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/345832"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=345831"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=345831"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=345831"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}