{"id":345909,"date":"2025-08-15T05:01:24","date_gmt":"2025-08-15T05:01:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345909\/"},"modified":"2025-08-15T05:01:24","modified_gmt":"2025-08-15T05:01:24","slug":"monk-in-pieces-filmdoku-ueber-eine-meisterin-der-klangsprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345909\/","title":{"rendered":"\u201eMonk in Pieces\u201c: Filmdoku \u00fcber eine Meisterin der Klangsprache"},"content":{"rendered":"<p>Der Musiker David Byrne erz\u00e4hlt, wie ihn die Kompositionen von Meredith Monk zu einer Erkenntnis brachten: Texte sind in Liedern letztlich nur eine Ausdrucksm\u00f6glichkeit unter vielen. Wer geschickt mit Melodie, Rhythmus, Harmonie und Klangfarbe arbeitet, braucht eigentlich gar keine Worte. Das trifft auf die meisten St\u00fccke der New Yorker Musikerin, Choreographin und Regisseurin Monk zu, weil der Gesang dort zwar eine zentrale Rolle einnimmt, man als Zuh\u00f6rer aber zumindest im herk\u00f6mmlichen Sinn wenig versteht.<\/p>\n<p>Oft bestehen die Kompositionen nur aus sehr simplen, sich stetig wiederholenden Tonfolgen, w\u00e4hrend die Stimme in einen mitunter oktaven\u00fcbergreifenden Singsang verf\u00e4llt, der an Babysprache oder Tierlaute erinnert. Treffend hei\u00dft es im Dokumentarfilm \u00bbMonk in Pieces\u00ab einmal, die Musik von Meredith Monk sei in ihrer Unvergleichlichkeit zwar avantgardistisch, durch ihre assoziationsreiche, keinerlei Vorwissen ben\u00f6tigende Einfachheit aber auch \u00e4u\u00dferst zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Die Regisseure David C. Roberts und Billy Shebar widmen sich der Klang- und B\u00fchnenwelt Monks wie auch den ihnen vorausgehenden Ideen und Probenprozessen anschaulich und nuancenreich. Da ein gr\u00f6\u00dferer erz\u00e4hlerischerer Bogen diese eigenwillige Musikerin nur wie ein Korsett einengen w\u00fcrde, setzt \u00bbMonk in Pieces\u00ab auf fragmentarische Kapitel, die letztlich zwar ein sehr reichhaltiges, aber eben kein ersch\u00f6pfendes Portr\u00e4t ergeben. Interviews mit Weggef\u00e4hrten, in denen sich Dokumentationen \u00fcber K\u00fcnstler einer vergangenen \u00c4ra h\u00e4ufig verlieren, machen hier lediglich einen kleinen Teil aus.<\/p>\n<p>Songs und Inszenierungen<\/p>\n<p>Stattdessen gibt es gro\u00dfe Mengen an vielf\u00e4ltigem und klug eingesetztem Archivmaterial, das Einblicke in das von ungebrochener Kreativit\u00e4t und Experimentiergeist gepr\u00e4gte New York der 1970er- und 1980er-Jahre gew\u00e4hrt und dabei Monks bekannteste Songs und Inszenierungen unterbringt, ohne in lieblos chronologisches Aufz\u00e4hlen zu verfallen.<\/p>\n<p class=\"u-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p>Faszinierend an Monks B\u00fchnenwerken und Filmen ist, wie gut ihre nonverbale und lautmalerische Erz\u00e4hlweise funktioniert. \u00bbQuarry\u00ab (1976) handelt etwa von den Folgen des Holocausts, \u00bbEllis Island\u00ab (1981) von der Ankunft osteurop\u00e4ischer Migranten in New York und \u00bbBook of Days\u00ab (1988) von der Pest-Paranoia im Mittelalter, die hier jedoch vor allem als Kommentar auf die AIDS-Krise zu verstehen ist.Luftig, naiv und verspielt<\/p>\n<p>Selbst wenn die Themen bleischwer sind, bewahrt sich Monks Stil in diesen historisch stilisierten Settings seinen luftigen, naiven und verspielten Charakter. Klang und Bewegung wirken dabei wie aus einem Guss, so als w\u00fcrden die hypnotischen Melodien die K\u00f6rper mit ihren bed\u00e4chtig minimalistischen Gesten in Schwung versetzen.<\/p>\n<p>Dynamische Montage<\/p>\n<p>W\u00e4hrend \u00bbMonk in Pieces\u00ab die Vergangenheit Revue passieren l\u00e4sst, wirft er Schlaglichter auf unterschiedliche Aspekte in Monks Leben und Schaffen. Die k\u00fcnstlerisch fruchtbare Beziehung zum Choreographen Ping Chong wird ebenso behandelt wie das angespannte Verh\u00e4ltnis zur Mutter; einer professionellen S\u00e4ngerin, die auch Werbejingles vertonte. Au\u00dferdem geht es um das Verh\u00e4ltnis zur T\u00e4nzerin Mieke van Hoek, die 2002 verstarb, um den Einfluss auf j\u00fcngere K\u00fcnstler wie Bj\u00f6rk, die den Song \u00bbGotham Lullaby\u00ab in Gedenken an die Opfer des 11. Septembers coverte, sowie um Monks ambitioniertestes Projekt, dessen abenteuerliche Entstehung der Film nachzeichnet: die Oper \u00bbAtlas\u00ab (1991).<\/p>\n<p>\u00bbMonk in Pieces\u00ab bleibt konsequent lebendig, weil er sich kreativ immer wieder aufs Neue selbst befeuert. Statt lediglich nachzuerz\u00e4hlen, kreisen die verschiedenen Fragmente jeweils um einen anderen visuellen Einfall. Mal wird ein surrealer Traum der Musikerin mit einem kleinen Animationsfilm illustriert, der wie eine Inszenierung Monks aussieht, dann entwirft der Film in Kacheln eine Collage mit Interviews aus unterschiedlichen Jahrzehnten, in denen die K\u00fcnstlerin jedes Mal bei demselben Gedanken landet; jedoch immer leicht variiert und so, als h\u00e4tte sie diese Erkenntnis gerade zum ersten Mal.Der Blick auf die Musik hat sich ver\u00e4ndert<\/p>\n<p>Auch sonst verbindet die dynamische Montage des Films regelm\u00e4\u00dfig verschiedene Zeiten. Etwa, wenn Monk in der Gegenwart mit einer jungen T\u00e4nzerin eines ihrer St\u00fccke probt. Die Musik ist \u00fcber die Jahrzehnte im Kern die gleiche geblieben, es ist eher der Blick auf sie, der sich ver\u00e4ndert hat. Musste Monk fr\u00fcher noch verdutzten TV-Moderatoren ihre Arbeit erkl\u00e4ren oder wurde von s\u00fcffisanten Kritikern bel\u00e4chelt, wurde sie 2015 im Wei\u00dfen Haus von Pr\u00e4sident Barack Obama mit der \u00bbNational Medal of Arts\u00ab ausgezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Musiker David Byrne erz\u00e4hlt, wie ihn die Kompositionen von Meredith Monk zu einer Erkenntnis brachten: Texte sind&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":345910,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[573,574,1778,29,214,30,411,570,576,95,572,80,1777,14,16,575,215,571],"class_list":{"0":"post-345909","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-berichte","9":"tag-blogs","10":"tag-cinema","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-israel","15":"tag-juedische-allgemeine","16":"tag-juedisches-leben","17":"tag-kino","18":"tag-kommentare","19":"tag-kultur","20":"tag-movie","21":"tag-nachrichten","22":"tag-politik","23":"tag-religion","24":"tag-unterhaltung","25":"tag-wochenzeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115031027596789265","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345909","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=345909"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345909\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/345910"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=345909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=345909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=345909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}