{"id":345930,"date":"2025-08-15T05:09:11","date_gmt":"2025-08-15T05:09:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345930\/"},"modified":"2025-08-15T05:09:11","modified_gmt":"2025-08-15T05:09:11","slug":"vier-jahre-taliban-herrschaft-ich-fuehle-mich-wie-im-gefaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/345930\/","title":{"rendered":"Vier Jahre Taliban-Herrschaft: &#8222;Ich f\u00fchle mich wie im Gef\u00e4ngnis&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"metatextline\">Stand: 15.08.2025 05:27 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Unter den Taliban lebt fast die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung Afghanistans in Armut. Die Lage der Frauen hat sich dramatisch verschlechtert. Doch die Isolierung der Taliban beginnt zu br\u00f6ckeln &#8211; vier Jahre nach ihrem Sieg. <\/strong>\n    <\/p>\n<p>                                        <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/amler-102.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                                            <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Franziska Amler\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/1755234551_436_amler-100.jpg\"\/><br \/>\n                                        <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nFatema holt ein Glas mit schwarzem losen Tee aus dem Regal. Ihr rotes Kopftuch leuchtet in der wei\u00dfgekachelten K\u00fcche in Kabul, das Gesicht verborgen hinter einem schwarzen Mundschutz. Als die Taliban vor vier Jahren an die Macht kamen, war sie in der neunten Klasse.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nFatema ist nicht ihr echter Name, sie will zur Sicherheit lieber anonym bleiben. Ihr Traum, erz\u00e4hlt die 18-J\u00e4hrige dem ARD-Studio Neu-Delhi, sei es gewesen, internationale Beziehungen zu studieren &#8211; ihr Lieblingsfach. Au\u00dferdem habe sie als Kickboxerin trainiert und vom Medaillengewinn f\u00fcr Afghanistan getr\u00e4umt. Heute sagt sie: Nichts davon sei noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nFrauen wie Fatema sind aus dem \u00f6ffentlichen Leben weitgehend verschwunden. Weiterf\u00fchrende Schulen und Universit\u00e4ten sind f\u00fcr sie verboten, ebenso viele Berufe. Ein aktueller Erlass der Taliban untersagt Frauen sogar, sich \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern oder zu singen &#8211; das sei ein &#8222;moralisches Vergehen&#8220;.<\/p>\n<p>    Von den Versprechen ist nichts geblieben<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDabei hatten die Taliban 2021 noch zugesichert, Frauenrechte, zumindest im Rahmen der Scharia, zu respektieren. Heute zeigt sich: Das Gegenteil ist der Fall.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nVeronika Staudacher von der Hilfsorganisation Caritas, die in Afghanistan unter anderem Frauen und M\u00e4dchen medizinisch versorgt, berichtet, dass die sogenannte Sittenpolizei ihre Kontrollen zuletzt massiv versch\u00e4rft habe. An manchen Tagen seien mehr als hundert Frauen auf der Stra\u00dfe festgenommen worden, etwa wegen &#8222;unangemessener&#8220; Kleidung oder weil sie ohne m\u00e4nnliche Begleitung unterwegs gewesen seien.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAuch die Arbeit der Caritas werde zunehmend erschwert. Afghanische Mitarbeiterinnen d\u00fcrfen weiterhin nicht f\u00fcr ausl\u00e4ndische Organisationen t\u00e4tig sein.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Taliban versuchten gezielt, die Arbeit der Hilfsorganisationen zu beeinflussen, berichtet Staudacher. Es gebe starke Einschr\u00e4nkungen, langwierige b\u00fcrokratische Prozesse und immer wieder massive Verz\u00f6gerungen. Die Hilfe vor Ort erfordere st\u00e4ndige Verhandlungen mit den Taliban, sagt Staudacher.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nLaut den Vereinten Nationen haben die Taliban seit ihrer R\u00fcckkehr an die Macht rund 100 Dekrete erlassen, die gezielt Frauenrechte einschr\u00e4nken. Zur\u00fcckgenommen wurde bislang keines. Mehr als 78 Prozent der afghanischen Frauen sind weder in Ausbildung noch beruflich aktiv.<\/p>\n<p>    Mehr Sicherheit durch Ende des B\u00fcrgerkrieges<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAuf dem Mandawi-Markt, dem gr\u00f6\u00dften Basar Kabuls, scheint das Leben indes normal weiterzugehen. H\u00e4ndler preisen H\u00fclsenfr\u00fcchte, Gew\u00fcrze und N\u00fcsse an. Die Taliban behaupten, sie h\u00e4tten das Land stabilisiert.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nHamdullah Fetrat, stellvertretender Sprecher des Islamischen Emirats, sagte der ARD, die Arbeitslosigkeit sei eines der Hauptprobleme gewesen, die man geerbt habe. Durch wirtschaftliche Programme und Strategien habe man neue Jobs geschaffen. Auch Wechselkurs und Marktpreise w\u00fcrden kontrolliert &#8211; Preissteigerungen seien nicht erlaubt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEinige Ladenbesitzer stimmen zu. Mansoorudin Azizi, 53 Jahre alt, lobt die aktuelle Sicherheitslage. Fr\u00fcher h\u00e4tten sie ihre Gesch\u00e4fte schon um 19 Uhr geschlossen, weil Diebe unterwegs gewesen seien. Heute k\u00f6nnten sie l\u00e4nger ge\u00f6ffnet bleiben. Etwa 80 Prozent der Waren w\u00fcrden inzwischen im Land selbst produziert &#8211; Joghurt, Saft oder K\u00e4se seien g\u00fcnstiger als die importierten Produkte.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Die Taliban sagen, die wirtschaftliche Lage stabilisiere sich. Doch mehr als 20 Millionen Menschen im Land sind auf Hilfe angewiesen.\n                    <\/p>\n<p>    Millionen auf Hilfe angewiesen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAber die Realit\u00e4t vieler Menschen sieht anders aus. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele bewerben sich um Jobs im Ausland. Fast die H\u00e4lfte der afghanischen Bev\u00f6lkerung, rund 23 Millionen Menschen, ist laut Hilfsorganisationen auf humanit\u00e4re Hilfe angewiesen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nNasir Ahmad, Vater von sechs Kindern, sagt, er habe nie um Geld gebettelt, aber zeitweise dar\u00fcber nachgedacht, jemanden zu finden, der ihn \u00fcberf\u00e4hrt, nur damit seine Kinder als Waisen besser versorgt werden. &#8222;Sie haben mich um Dinge gebeten, aber ich konnte ihnen nichts kaufen. Nur Allah war noch bei mir&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nVersch\u00e4rft wird die Lage auch durch eine gro\u00dfe Zahl abgeschobener Afghaninnen und Afghanen aus Pakistan und dem Iran. Allein in diesem Jahr hat Afghanistan etwa zwei Millionen Menschen aus den beiden Nachbarl\u00e4ndern aufgenommen. Gleichzeitig ist mit dem Ende der amerikanischen Entwicklungshilfe-Agentur USAID ein erheblicher Teil der internationalen Hilfe weggefallen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nVeronika Staudacher von der Caritas spricht von verheerenden Folgen: Viele Hilfsorganisationen h\u00e4tten ihre Arbeit einstellen oder Projekte abbrechen m\u00fcssen. Nicht nur die USA h\u00e4tten ihre Mittel gek\u00fcrzt, auch die deutsche Unterst\u00fctzung sei weltweit um etwa 50 Prozent reduziert worden. Zwar sei ihre Organisation bislang verschont geblieben, doch ihr B\u00fcro erhalte vermehrt Anfragen, auch in anderen Bereichen Hilfe zu leisten.<\/p>\n<p>    Mehr diplomatische Beziehungen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nInternational erkennen die meisten L\u00e4nder die Taliban weiterhin nicht formell an. Doch die internationale Isolation beginnt zu br\u00f6ckeln. Laut dem International Institute for Strategic Studies haben 17 Staaten ihre Vertretungen in Kabul wiederer\u00f6ffnet.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Taliban selbst unterhalten nach eigenen Angaben 39 Botschaften und Konsulate weltweit. Im Juli hat Russland die Taliban als erstes Land offiziell als Regierung anerkannt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAuch Deutschland weicht seine Haltung allm\u00e4hlich auf, unter anderem, um Abschiebungen durchzusetzen: Zwei Taliban-Vertreter sollen in der afghanischen Botschaft in Berlin akkreditiert werden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAn Deutschland richtet der stellvertretende Sprecher des Islamischen Emirats, Hamdullah Fetrat, eine klare Botschaft: Die Afghanen und das Islamische Emirat wollten mit allen L\u00e4ndern, auch mit Deutschland, gute Beziehungen. Es sei offizielle Politik, dass von Afghanistan keine Bedrohung f\u00fcr andere Staaten ausgehe.<\/p>\n<p>    Die Hoffnung auf ein besseres Morgen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nZur\u00fcck bei Fatema in Kabul: Sie sitzt im Schneidersitz am Fenster. Drau\u00dfen bewegen sich die Bl\u00e4tter im Wind. Ihr Alltag spiele sich fast vollst\u00e4ndig innerhalb ihrer vier W\u00e4nde ab. Nur die Koranschule darf sie noch besuchen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nMeistens liest sie religi\u00f6se Texte oder den Koran. Auch Schulb\u00fccher hat sie noch, aber sie versuche, sie m\u00f6glichst nicht anzuschauen: &#8222;Es tut zu weh.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDas Leben gehe zwar weiter, sagt sie, aber es sei sehr schwer &#8211; f\u00fcr ein M\u00e4dchen, das fr\u00fcher motiviert und voller Hoffnung gewesen sei: &#8222;Ich f\u00fchle mich wie im Gef\u00e4ngnis.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Taliban, sagt sie, h\u00e4tten ihr grundlegende Rechte genommen. Und doch, trotz allem, h\u00e4lt sie an ihrer Hoffnung fest: &#8222;Auch wenn es immer h\u00e4rter wird &#8211; wir k\u00e4mpfen weiter, wir leisten Widerstand. Was auch immer sie denken: Es wird nicht f\u00fcr immer so bleiben. Eines Tages werden wir unsere Ziele erreichen, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 15.08.2025 05:27 Uhr Unter den Taliban lebt fast die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung Afghanistans in Armut. 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