{"id":346127,"date":"2025-08-15T06:56:13","date_gmt":"2025-08-15T06:56:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/346127\/"},"modified":"2025-08-15T06:56:13","modified_gmt":"2025-08-15T06:56:13","slug":"muslimbrueder-panik-in-frankreich-politik-zwischen-feindbild-und-doppelmoral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/346127\/","title":{"rendered":"Muslimbr\u00fcder-Panik in Frankreich: Politik zwischen Feindbild und Doppelmoral"},"content":{"rendered":"<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/master_france-c3b66f76468f16b1.jpeg\"  width=\"1280\" height=\"720\"  alt=\"Demonstranten in Paris 2016 gegen die Regierung von Abdel Fattah el-Sisi in \u00c4gypten.\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"caption akwa-caption__text\">Proteste in Paris 2016 gegen die Regierung von Abdel Fattah el-Sisi in \u00c4gypten. <a href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/image-photo\/paris-france-october-28-2016-people-506129509\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener nofollow\">Bild<\/a>: Shutterstock.com<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">W\u00e4hrend Paris Katar hofiert, wird die Angst vor islamistischen Netzwerken politisch aufgeladen \u2013 oft losgel\u00f6st von der Realit\u00e4t. Hintergrund.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Innenpolitik hat einen neuen gef\u00e4hrlichen Feind entdeckt, in Gestalt der Muslimbr\u00fcder und ihres behaupteten oder tats\u00e4chlichen Einflusses.<\/p>\n<p>Was \u00fcbrigens teilweise im Widerspruch dazu steht, dass die \u00f6konomische Macht und Investitionen des Golfstaats Qatar in Frankreich \u2013 wo ihm unter anderem der Fu\u00dfballverein <a href=\"https:\/\/www.lequipe.fr\/Football\/Article\/-la-cession-du-psg-au-qatar-est-une-reussite-ancien-proprietaire-du-club-sebastien-bazin-analyse-l-evolution-du-paris-saint-germain-version-qsi\/1566159\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">PSG<\/a> geh\u00f6rt &#8211; ausgesprochen willkommen sind.<\/p>\n<p>Qatar als F\u00f6rderer \u2013 und die \u00fcbersch\u00e4tzte Macht der Muslimbr\u00fcder<\/p>\n<p>Qatar wird zwar von keiner Partei regiert, weder von den Muslimbr\u00fcdern noch einer anderen; vielmehr sind s\u00e4mtliche politische Parteien unter der dort regierenden monarchischen Herrscherfamilie verboten. In ihrer Au\u00dfenpolitik tritt die Golfmonarchie, auf der Suche nach regionalem Einfluss, jedoch oft als <strong>F\u00f6rderer der Muslimbr\u00fcder<\/strong> im Mittelmeerraum auf.<\/p>\n<p>Franz\u00f6sische Politiker und Intellektuelle verweisen darauf, die Muslimbr\u00fcder seien eine international t\u00e4tige Struktur mit Ablegern in vielen Staaten, vor allem in Nordafrika und im Mittleren Osten.<\/p>\n<p>Daran ist so viel richtig, dass die Muslimbr\u00fcder eine phasenweise einflussreiche politische Bewegung mit Schwerpunkt \u00c4gypten, doch mit Ablegern in einer Reihe von anderen L\u00e4ndern der Region darstellten \u2013 in Syrien etwa gewannen sie in der Vergangenheit an Einfluss, wurden durch das damalige Regime von Hafez al-Assad mit der Bombardierung der Stadt Hama 1982 brutal niederkart\u00e4scht und waren dann in der B\u00fcrgerkriegsphase ab 2011 Teil der letztendlich siegreichen Opposition.<\/p>\n<p>Dennoch w\u00e4re es absolut falsch, sie als eine kaum aufzuhaltende, von Sieg zu Sieg eilende und deswegen in d\u00e4monischer Weise gef\u00e4hrliche Kraft darzustellen.<\/p>\n<p>Ebenso falsch ist es, unter Verweis auf dschihadistische Gewalt (die nicht von den Muslimbr\u00fcdern ausgeht, sondern von anderen politisch-ideologischen Str\u00f6mungen, etwa einem Teilsegment der Salafisten) zu behaupten, aufgrund gemeinsamer Ideologie bestehe ein Kontinuum, das ohne Br\u00fcche von den Muslimbr\u00fcdern \u00fcber sittenkonservative muslimische Vereinsmacher in franz\u00f6sischen Banlieues bis zu Bombenlegern reiche.<\/p>\n<p>Wie radikal ummaterialistisch das ist \u2013 im Sinne der philosophischen Bedeutung des Begriffs, wonach &#8222;Materialismus&#8220; bedeutet, die historischen, sozio-\u00f6konomischen und politischen Bedingungen der Entstehung einer Idee oder eines Konzepts zu ber\u00fccksichtigen, w\u00e4hrend das Gegenst\u00fcck &#8222;Idealismus&#8220; bedeutet, Ideen als absolut eigene, wie im luftleeren Raum entstehende Gegebenheiten zu betrachten \u2013 belegt eine vergleichende Betrachtung.<\/p>\n<p>Ein riesengro\u00dfer Verlierer<\/p>\n<p>Es ist (was die Muslimbr\u00fcder betrifft) absolut richtig (und notwendig), sich ihrer reaktion\u00e4ren Utopie entgegenzustellen und dem, was ihre Weltsicht insbesondere auch f\u00fcr Frauenrechte beinhaltet \u2013 denn von der Herstellung einer Form von Geschlechtertrennung im \u00f6ffentlichen Raum wird seitens der Muslimbr\u00fcder eine &#8222;moralische Gesundung&#8220; der Gesellschaft erhofft.<\/p>\n<p>Es sticht jedoch gleicherma\u00dfen ins Auge, dass diese politische Bewegung in j\u00fcngerer Zeit international vor allem auch einen riesengro\u00dfen Verlierer darstellt.<\/p>\n<p>Vom langen Aufstieg zur schnellen Niederlage \u2013 das \u00e4gyptische Jahr der Muslimbr\u00fcder<\/p>\n<p>In ihrem Ursprungsland \u00c4gypten, wo die Bewegung 1928 entstanden ist und sich ab den f\u00fcnfziger Jahren aufspaltete \u2013 eine Minderheit schlug einen Weg der dschihadistischen Gewalt ein, eine Mehrheit setzte auf den institutionellen Weg und die allm\u00e4hliche Eroberung von Machtpositionen \u2013, hatte sie \u00fcber achtzig Jahre Zeit, sich auf eine Machteroberung vorzubereiten.<\/p>\n<p>In dieser Zeit wurde sie durch die mit 1952 regelm\u00e4\u00dfig aus dem Milit\u00e4r hervorgegangenen Regierungen mal verfolgt, mal toleriert, mal als Bollwerk gegen die Kr\u00e4fte auf der Linken hofiert. Zugleich gelang es den Muslimbr\u00fcdern, qualifiziertes Personal zu rekrutieren, unter der Regierungszeit von Pr\u00e4sident Hosni Mubarak (1981 bis 2011) gewannen ihre Vertreter etwa regelm\u00e4\u00dfig die Wahlen zu den Vertretungen von \u00c4rzte- und Anwaltskammern.<\/p>\n<p>Mit ihrer Form von politisch motivierter &#8222;Sozialarbeit&#8220;, etwa \u00f6ffentlichen Suppenk\u00fcchen, gewannen sie auch eine Anh\u00e4ngerschaft in \u00e4rmeren Gesellschaftsklassen. Dann kam die Bewegung an die politische Macht, indem sie den Elan der Ver\u00e4nderung infolge des Sturzes von Mubarak durch eine Massenbewegung im Februar 2011 ausnutzte \u2013 eines Sturzes durch einen Massenprotest, den sie nicht ausgel\u00f6st hatte, an den sie sich jedoch opportunistisch anzuh\u00e4ngen verstand, nachdem der Zug einmal rollte.<\/p>\n<p>Ihr Vertreter Mohammed Mursi wurde im Juni 2012 zum Staatspr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Doch dann hielt die Bewegung, die \u00fcber eine Massenbasis verf\u00fcgte und sich Jahrzehnte lang auf die Macht hatte vorbereiten k\u00f6nnen, sich kaum ein Jahr an derselben.<\/p>\n<p>Nach zw\u00f6lf Monaten begann im Juni 2013 die \u2013 seitens der m\u00e4chtigen Armee im Land unterst\u00fctzte, gesch\u00fcrte, aber nicht von ihr allein ausgel\u00f6ste \u2013 Massenbewegung zum Sturz von Pr\u00e4sident Morsi. Denn einerseits existierten starke Gegenkr\u00e4fte zur neuen Herrschaft, andererseits aber hatte diese in k\u00fcrzester Zeit einen Teil ihrer Anh\u00e4nger- oder jedenfalls W\u00e4hlerschaft barsch entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Auch wenn eine Partei sich dabei beruft, angeblich im Namen g\u00f6ttlichen Willens Politik zu betreiben: Die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler wollen im Wesentlichen Ergebnisse sehen, eine konkrete Verbesserung ihrer sozialen Situation und nicht Parolen h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Moral statt Reformen \u2013 und der Sturz in die Bedeutungslosigkeit<\/p>\n<p>Zwar hatten die Muslimbr\u00fcder eine Vision, die &#8222;soziale Gerechtigkeit&#8220; versprach, die jedoch im Wesentlichen auf moralischer Zwangsbegl\u00fcckung der Gesellschaft beruhte. Das Wort al-fassad im Arabischen ist zweideutig: Es bezeichnet die Korruption im materiellen Sinne (d.h. den Diebstahl oder die Aneignung \u00f6ffentlichen Eigentums), aber auch die Korrumpierung der Sitten im Sinne eines angeblich unmoralischen Lebenswandels durch Frauenemanzipation, Geschlechtermischung, Homosexualit\u00e4t u.a.<\/p>\n<p>Von der Durchsetzung einer verbindlichen &#8222;Moral&#8220; von oben her versprachen die Muslimbr\u00fcder sich ein Verschwinden sozialer Probleme, da durch die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Korruption eben mehr f\u00fcr Alle da sei. Aber die Idee, auf diese Weise grundlegende soziale Verteilungsfragen zu l\u00f6sen \u2013 vom Gro\u00dfgrundbesitz bis zu den Auswirkungen des Kapitalismus \u2013, ist auf die Dauer geradezu infantil zu nennen.<\/p>\n<p>Im Juli 2013 jagte die nun wieder die Macht \u00fcbernehmende Armee Mursi aus dem Amt \u2013 unterst\u00fctzt von Massendemonstrationen \u2013, steckte ihn ins Gef\u00e4ngnis (er starb 2019 in Haft), schoss im Juli 2013 auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen in Kairo 600 seiner Anh\u00e4nger zusammen und errichtete eine neue Diktatur unter General-Pr\u00e4sident Abdelfattah Al-Sissi, die bislang erbarmungsloseste.<\/p>\n<p>Seitdem haften den Muslimbr\u00fcdern jedenfalls in ihrem Ursprungsland der Nimbus der historischen Verlierer an. Deswegen sollte man sie als politisch reaktion\u00e4ren Gegner behandeln, nicht aber d\u00e4monisieren oder f\u00fcr tendenziell unbesiegbar behandeln.<\/p>\n<p>Vom Gazastreifen bis Nordafrika \u2013 wie der Kontext den Kurs der Muslimbr\u00fcder pr\u00e4gt<\/p>\n<p>Auf internationaler, jedenfalls regionaler Ebene weisen die von den Muslimbr\u00fcdern inspirierten Parteien unterschiedliche Erfahrungen auf, die aber in der Mehrzahl der F\u00e4lle entweder mit ihrer Unterordnung unter st\u00e4rkere gesellschaftliche Kr\u00e4fte oder ihrer Niederlage endeten.<\/p>\n<p>Gerne wird in Diskussionen darauf verwiesen, die pal\u00e4stinensische Hamas sei ein Ableger der Muslimbr\u00fcder \u2013 diese wurde als Organisation 1987\/88 im Zuge der &#8222;ersten Intifada&#8220; gegr\u00fcndet, als Gegengewicht zu den damals den Ton angebenden s\u00e4kularen Nationalisten der PLO, nachdem die Entstehung dieses Gegengewichts zuvor vor allem im Gazastreifen unter der Hand durch die israelischen Besatzer beg\u00fcnstigt und gef\u00f6rdert worden war, um ihren damaligen Hauptfeind PLO zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Es trifft zu, dass der Kern der Hamas aus den schon Jahre zuvor vor allem im Gazastreifen aktiven Muslimbr\u00fcdern hervorging. Ihre heutige Gestalt als milit\u00e4risch strukturierte Kampforganisation erkl\u00e4rt sich aber auch zuv\u00f6rderst aus dem Kontext von Jahrzehnten der Massenvertreibung (die Bev\u00f6lkerung des Gazastreifens besteht mehrheitlich aus 1948 aus dem sp\u00e4teren israelischen Kernland vertriebenen Pal\u00e4stinensern und ihren Nachkommen), von Besatzung, Krieg und Gewalt.<\/p>\n<p>Denn in anderen L\u00e4ndern der Region schlugen die dortigen, als Ableger der Muslimbr\u00fcder entstandenen und von ihnen inspirierten Parteien v\u00f6llig andere Wege ein. Es ist eben nicht allein die Ideologie, die Parteien und ihre Entwicklung pr\u00e4gt, sondern es ist auch und vor allem ihr gesellschaftlicher Kontext.<\/p>\n<p>En-Nahdha in Tunesien \u2013 Kompromisse zwischen Ideologie und Realpolitik<\/p>\n<p>In Tunesien etwa beteiligte sich die 1987 gegr\u00fcndete, <a href=\"https:\/\/nawaat.org\/2013\/08\/23\/ennahdha-et-les-freres-musulmans-le-mythe-de-la-filiation\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">von den Muslimbr\u00fcder inspirierte<\/a> Partei En-Nahdha (Wiedergeburt, Renaissance) von 2011 bis 2021 in wechselnder Konstellation an Regierungskoalitionen und ging dabei zahllose Kompromisse ein, bis hin zur jedenfalls formalen Akzeptanz der Verankerung der Gleichheit von Frauen und M\u00e4nnern in der 2014 verabschiedeten Verfassung.<\/p>\n<p>Man muss dieser konservativen und teilweise reaktion\u00e4ren Partei \u2013 die auf einem Kongress 2016 erkl\u00e4rte, sich nicht l\u00e4nger als islamistisch, sondern lediglich &#8222;islamisch inspiriert&#8220; definieren zu wollen \u2013 dabei nicht \u00fcber den Weg trauen, was ihre Liebe f\u00fcr Frauenrechte betrifft: Sie musste es aber hinnehmen, dass sie ihre fr\u00fchere Vision rechtlich nicht durchsetzen konnte.<\/p>\n<p>Die weitgehende, aber nicht vollst\u00e4ndige (es bleibt bis heute bei der Ungleichheit im Erbrecht zwischen S\u00f6hnen und T\u00f6chtern von Verstorbenen) Gleichstellung von M\u00e4nnern und Frauen ist in Tunesien seit dem 1957, kurz nach der Unabh\u00e4ngigkeit und unter der modernisierungsfreudigen Pr\u00e4sidentschaft von Habib Bourguiba, Gesetzeswerk festgeschrieben. Daran kam auch En-Nahdha, Ideologie hin oder her, nicht vorbei.<\/p>\n<p>In dieser Phase ihres Aufr\u00fcckens in die Regierung setzte \u00fcbrigens auch die damalige franz\u00f6sische Au\u00dfenpolitik auf En-Nahdha als stabilisierenden Faktor, im Kontext der aufgew\u00fchlten politischen und sozialen Situation nach dem Sturz der Diktatur von Zine el-Abidine Ben Ali (Staatspr\u00e4sident von 1987 bis 2011).<\/p>\n<p>Frankreichs seinerzeitiger konservativer Au\u00dfenminister Alain Jupp\u00e9 <a href=\"https:\/\/www.rfi.fr\/fr\/afrique\/20111109-tunisie-diplomatie-francaise-rechauffe-relations-leaders-ennahda\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">hofierte En-Nahdha in diesem Kontext 2011 als Partner<\/a>.<\/p>\n<p>Dies geschah weder aus Liebe zu den Nahdha-Leuten noch aus der zu Ver\u00e4nderungen, sondern ganz im Gegenteil aus der Hoffnung heraus, aufgrund ihrer im Kern konservativen Ideologie m\u00f6gen diese Partei die anstehenden Ver\u00e4nderungen nach dem Ende der Ben Ali-Diktatur eind\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Heute wird En-Nahdha unter der seit 2021 durch Staatspr\u00e4sident Ka\u00efs Sa\u00efed errichteten neuen Diktatur polizeilich und juristisch verfolgt, wie mehrere andere politische Parteien auch.<\/p>\n<p>Marokko: Die PJD \u2013 vom Muslimbr\u00fcder-Erbe zur pragmatischen Regierungspartei und zur\u00fcck in die Opposition<\/p>\n<p>Weiter westlich, in Marokko, ging die von 2011 bis 2021 an der Spitze einer heterogenen Koalition regierende Partei PJD (Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung) historisch ebenfalls aus dem Dunstkreis der Muslimbr\u00fcder hervor.<\/p>\n<p>Jedenfalls geh\u00f6rte ihr sp\u00e4teres F\u00fchrungspersonal, darunter ihre beiden Premierminister w\u00e4hrend der zehnj\u00e4hrigen Regierungszeit \u2013 Abdelilah Benkirane und Saad Dine El Otmani \u2013, in den Siebzigerjahren der &#8222;Islamischen Jugend&#8220; an, die 1969 gegr\u00fcndet und stark durch die Ideologie der \u00e4gyptischen Muslimbr\u00fcder beeinflusst war.<\/p>\n<p>Diese wurde im Dezember 1975 verboten, nachdem ihr zugeh\u00f6rige Islamisten den linken Gewerkschafter <a href=\"https:\/\/journals.openedition.org\/mots\/21509\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Omar Benjelloun ermordet<\/a> hatten. Danach vollzog eine Mehrheit der Organisation einen m\u00e4\u00dfigenden Kurswechsel.<\/p>\n<p>In die Regierungszeit des PJD f\u00e4llt die Unterzeichnung eines \u2013 durch die damalige US-Administration Trump vermittelten \u2013 <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Nordafrika-Regionalpolitische-Fronten-in-Bewegung-5001715.html?seite=all\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">bilateralen Abkommens mit Israel<\/a> von Ende 2020 sowie die Legalisierung von Cannabis.<\/p>\n<p>Das entspricht nun nicht eben dem, was man von einer islamistischen Partei gemeinhin erwartet h\u00e4tte. Dass die Partei dann bei den Parlamentswahlen im September 2021 haushoch verlor und vom Platz der st\u00e4rksten auf den der achtst\u00e4rksten politischen Partei in Marokko abrutschte \u2013 dabei b\u00fc\u00dfte sie 90 Prozent ihrer vorherigen Parlamentssitze ein \u2013, h\u00e4ngt mit der &#8222;Abnutzung&#8220; jeder Partei in der Regierung und der Entt\u00e4uschung \u00fcber ihre sozio-\u00f6konomische Bilanz zusammen, aber auch mit der Frustration von Teilen ihrer Basis \u00fcber die zu enge Anlehnung an Israel.<\/p>\n<p>Letztere betreffend, hat die Partei, nunmehr in der Opposition, 2023 offiziell einen Kurswechsel vollzog und kritisiert nun das bilaterale Abkommen, das die Interessen der Pal\u00e4stinenser ausgeklammert habe.<\/p>\n<p>Warum das Kontinuums-Narrativ zu Islamismus und Gewalt in die Irre f\u00fchrt<\/p>\n<p>Dieser Blick auf unterschiedliche Situationen, in denen sich jeweils aus dem Umfeld der Muslimbr\u00fcder hervorgegangene Parteien \u2013 von der pal\u00e4stinensischen Hamas bis zum marokkanischen PJD \u2013 so denkbar unterschiedlich entwickelten, zeigt auf, dass die Ideologie eben doch nicht alles ausmacht.<\/p>\n<p>Historische Umst\u00e4nde, institutionelle Entwicklungen, die soziale Situation ihrer Anh\u00e4nger und der internationale Kontext sind in Wirklichkeit auf Dauer doch weitaus entscheidender, als ihre ideologischen Grundlagen es sind.<\/p>\n<p>Anzunehmen, solche politischen Kr\u00e4fte seien unwandelbar und w\u00fcrden ein f\u00fcr allemal allein durch ihre ideologische Matrix bestimmt, ist ahistorisch und einf\u00e4ltig \u2013 seien es nun islamistische Anh\u00e4nger, die solches glauben, oder ihre ideologischen Gegner und Feinde.<\/p>\n<p>Ideologie hat ihr Eigenleben, das ist richtig, aber die konkrete Politik von ideologisch ausgerichteten Organisationen wird immer auch durch ihr gesellschaftliches Umfeld bestimmt.<\/p>\n<p>Das trifft auch und gerade auf islamistische Parteien zu, auch wenn diese selbst das Gegenteil behaupten werden und sich darauf berufen, angeblich direkt mit einem g\u00f6ttlichen Willen zu korrespondieren.<\/p>\n<p>Deswegen sind aber auch die Behauptungen eines ununterbrochenen Kontinuums von sozialkonservativen Muslimen \u00fcber parteif\u00f6rmig organisierte Islamisten bis zu gewaltt\u00e4tigen Jihadisten schlicht Quatsch. Solcher Unfug darf politisches Handeln nicht bestimmen.<\/p>\n<p>Gewaltt\u00e4tige IS-Anh\u00e4nger sind ein Problem f\u00fcr Polizei, Justiz und Gef\u00e4ngnisverwaltung. Muslimbr\u00fcder dagegen \u2013 dort, wo es sich um solche handelt, und nicht einfach um religi\u00f6s konservativ eingestellte Muslime \u2013 stellen politische Gegner jedenfalls f\u00fcr Linke und Liberale dar (und f\u00fcr Konservative eher Konkurrenten).<\/p>\n<p>Es sind Gegner, die politisch und ideologisch zu bek\u00e4mpfen sind, und deren Ziele es nicht zu romantisieren gilt. Nicht weniger und nicht mehr.<\/p>\n<p>Eine Generalvollmacht f\u00fcr die administrative G\u00e4ngelung von Zivilgesellschaften, Vereinen oder Einwanderern, wie sie derzeit von Regierungs- wie von rechten Oppositionspolitikern in Frankreich gesucht wird, rechtfertigen, kann es nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Proteste in Paris 2016 gegen die Regierung von Abdel Fattah el-Sisi in \u00c4gypten. 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