{"id":34707,"date":"2025-04-15T20:05:20","date_gmt":"2025-04-15T20:05:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/34707\/"},"modified":"2025-04-15T20:05:20","modified_gmt":"2025-04-15T20:05:20","slug":"so-recherchierte-joerg-pfeifer-sein-buch-ueber-den-leipziger-moerder-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/34707\/","title":{"rendered":"So recherchierte J\u00f6rg Pfeifer sein Buch \u00fcber den Leipziger M\u00f6rder \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Fall z\u00e4hlt zu den ersch\u00fctterndsten der Leipziger Kriminalgeschichte: Im Nachtleben von Lindenau lernte Dovchin D. zwei Frauen kennen, die er mit zu sich nach Hause nahm, sie t\u00f6tete, die Leichen zerteilte und wie Unrat wegwarf. Wegen Mordes und Totschlags kam der heute 46-J\u00e4hrige lebenslang hinter Gitter. In seinem Buchdeb\u00fct \u201eSoKo Br\u00fccke\u201c setzt sich der Filmemacher J\u00f6rg Pfeifer mit dem T\u00e4ter und den Ermittlungen auseinander.<\/p>\n<p><b>Transparenzhinweis:<\/b> Der Autor dieses Beitrags wird mit seiner Berichterstattung zum Strafprozess auch im Buch von J\u00f6rg Pfeifer namentlich aufgegriffen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/591e4ebb5a26461e940bb3130dc9caba.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/faelle-unfaelle\/2025\/04\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/faelle-unfaelle\/2025\/04\/1\"\/><\/p>\n<p>Als die Polizei Ende Februar 2017 auf verscharrte Leichenteile einer vermissten Frau in Lindenau stie\u00df und mit Dovchin D. ein Verd\u00e4chtiger aus der Nachbarschaft gefasst wurde, der gleich zwei T\u00f6tungsdelikte gestand, verfolgte J\u00f6rg Pfeifer aufmerksam die Entwicklung. Er wohnte damals selbst nahe am Tatort. Und fragte sich, was hinter all dem stecken mag: Satanismus? Okkulte Riten? Ein Wahnsinniger? Pfeifer ahnte zu dieser Zeit noch nicht, dass ihn der Fall sp\u00e4ter noch besch\u00e4ftigen wird.<\/p>\n<p>\u00dcber allem schwebt die Frage nach dem \u201eWarum?\u201c<\/p>\n<p>Der 60-j\u00e4hrige Journalist, Filmemacher und Doku-Regisseur arbeitet viel f\u00fcr den MDR. Von der Sendung \u201eDie Spur der T\u00e4ter\u201c erhielt er den Auftrag, den Fall aus Lindenau zu erz\u00e4hlen, gedreht wurde 2021. Nicht nur Tatumst\u00e4nde und Fahndung, sondern auch die ewige Frage nach dem \u201eWarum?\u201c und deren Folgen treiben ihn um, sagt Pfeifer. Wohl wissend, dass es die ultimative Antwort niemals geben wird.<\/p>\n<p>Aber man kann recherchieren, sich ann\u00e4hern. Pfeifer grub sich ein, las viel, besuchte Originalschaupl\u00e4tze, sprach mit Beteiligten, die T\u00e4ter und Opfer kannten, mit Rechtsmedizinern, Staatsanwalt und Ermittlern. Freilich gilt gerade die Welt der Polizeibeamten als diskret. Nicht alles wollen und d\u00fcrfen sie preisgeben. Aber: \u201eWenn sie Vertrauen haben, erz\u00e4hlen sie auch mal ein bisschen mehr drumherum\u201c, wei\u00df Pfeifer aus langj\u00e4hriger Erfahrung.<\/p>\n<p>Seine Kontakte halfen, als er nach dem 2022 ausgestrahlten Film zusagte, <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/04\/soko-bruecke-wie-leipzigs-polizei-2016-2017-zwei-aufsehenerregende-frauenmorde-aufklaerte-622017\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ein True-Crime-Buch zu schreiben<\/a>, bei dem es nochmal um Dovchin D. gehen sollte: den Frauenm\u00f6rder aus Lindenau, der im Fr\u00fchjahr 2016 die 43-j\u00e4hrige Portugiesin Maria D. in seiner Wohnung erw\u00fcrgte, Monate sp\u00e4ter Anja B., eine 40 Jahre alte Mutter aus Leipzig.<\/p>\n<p>Der T\u00e4ter zerst\u00fcckelte die Leichen. \u00dcberreste von Maria D. schmiss er in die Wei\u00dfe Elster, wo sie im April entdeckt wurden. K\u00f6rperteile von Anja B. fand man im Keller des Mietshauses, wo Dovchin D. wohnte, und im nahen, heute abgerissenen Apostelhaus. Der Mann, dem man \u00fcber verd\u00e4chtige Telefondaten auf die Spur kam und der erst nur als Zeuge galt, war sofort gest\u00e4ndig, als die Kripo klingelte. Ohne nach einem Anwalt zu verlangen, sprudelte alles aus ihm heraus.<\/p>\n<p>Spirale des sozialen Abstiegs<\/p>\n<p>Als der Prozess begann, wollten viele den sehen, der zu solch einer Grausamkeit f\u00e4hig ist \u2013 und <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/faelle-unfaelle\/2017\/11\/Prozessauftakt-gegen-mutmasslichen-Frauenmoerder-197775\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">erlebten ab Ende 2017<\/a> vor dem Landgericht Leipzig einen kleinen Mann, jungenhaft, unauff\u00e4llig. Der Mongole war 1999 mit 20 Jahren in die Bundesrepublik gekommen. Hier hoffte er auf gr\u00f6\u00dfere Chancen, beruflich und privat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dovchin-D.-2019-im-Landgericht.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-622204 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dovchin-D.-2019-im-Landgericht.jpg\" alt=\"Angeklagter mit Anwalt.\" width=\"2000\" height=\"1500\"  \/><\/a>Dovchin D. (heute 46, r.), hier 2019 im Leipziger Landgericht mit seinem Anwalt Dr. Stefan Wirth: Wegen einer Revision der Verteidigung musste zweimal nachverhandelt werden. Die lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld ist seit Ende 2021 rechtskr\u00e4ftig. Foto: Lucas B\u00f6hme<\/p>\n<p>Was er aber erlebte, war eine schwierige Beziehung, deren einziger Lichtblick f\u00fcr Dovchin D. die geliebte kleine Tochter war, es gab Vorw\u00fcrfe h\u00e4uslicher Gewalt, schlie\u00dflich die Trennung. Dazu ein gescheitertes Studium, zeitweise Arbeitslosigkeit, Spielsucht, eine Spirale des Abstiegs, mit der Endstation Trinkermilieu. Eine Welt, in die Dovchin D. gar nicht passte. Ein entglittenes Leben. Kann man da Mitleid haben? Bis zu einem Punkt empfand er dies schon, als er sich die Vita des T\u00e4ters anschaute, und auch der bleibe ein Mensch, so Pfeifer.<\/p>\n<p>Aber: Seine Verbrechen seien mit normalem Ma\u00dfstab nicht greifbar, zumal die Meisten in schwieriger Lage trotzdem nie zum T\u00e4ter werden. \u201eEr konnte anders entscheiden. Das hat er nicht getan. Das ist der Punkt, wo man sagt: Das ist das Unerkl\u00e4rliche. Wie weit muss man Empathie und Gef\u00fchl ausschalten, um so etwas begehen zu k\u00f6nnen?\u201c <\/p>\n<p>Befriedigend erkl\u00e4ren l\u00e4sst sich das nie. Fest steht: Dovchin D. hat zwei Frauen get\u00f6tet, unfassbares Leid verursacht und mit der Beseitigung der K\u00f6rper noch danach die Opferw\u00fcrde mit F\u00fc\u00dfen getreten, wie das Schwurgericht hervorhob.<\/p>\n<p>Autor schrieb auch dem T\u00e4ter ins Gef\u00e4ngnis<\/p>\n<p>Der heute 46-J\u00e4hrige sitzt lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld, was eine Haftentlassung nach 15 Jahren unwahrscheinlich macht. F\u00fcr das Buch h\u00e4tte Pfeifer gern mit ihm gesprochen. An Dovchin D. schrieb er ins Gef\u00e4ngnis, der zeigte erst Interesse, sagte dann ab. Auch sein Anwalt wollte sich nicht mehr \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Stacheldraht-an-Gefaengnis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-622245 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Stacheldraht-an-Gefaengnis.jpg\" alt=\"Stacheldraht an Haftanstalt.\" width=\"1200\" height=\"800\"  \/><\/a>Dovchin D. sitzt wegen Mordes und Totschlags lebenslang in Haft, es wurde eine besondere Schwere der Schuld festgestellt (Symbolbild). Foto: Lucas B\u00f6hme<\/p>\n<p>Daf\u00fcr hatte Pfeifer schon beim Filmdreh in der Kneipenszene Menschen getroffen, die M\u00f6rder und Opfer kannten, viel \u00fcber die banale Allt\u00e4glichkeit erfahren, dar\u00fcber, wie sich T\u00e4ter, Opfer und ihr Umfeld verhielten. Sein Buch w\u00fcrde diesen Geist atmen, sagt Pfeifer, der sich s\u00e4mtliche \u00d6rtlichkeiten genau anschaute.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem standen ihm Ermittler der SoKo, Kriminaltechnik und Rechtsmedizin geduldig Rede und Antwort: Wer ist bei einer Obduktion dabei? Was wird besprochen? Wann werden Handschuhe \u00fcbergestreift? Was ist der erste Schritt? Wie erfolgt eine Zeugenvorladung? Welche Farbe haben die polizeilichen Briefumschl\u00e4ge? Wo wird das Dienstauto nach einem Leichenfund geparkt? Wird sofort abgesperrt? Welche Rufzeichen gibt es? <\/p>\n<p>Massenhafte Details, die f\u00fcr ein Buch unverzichtbar sind, um ein authentisches Bild im Kopf zu erzeugen. \u201eIch habe dabei wahnsinnig viel gelernt\u201c, meint Pfeifer. Etwa sechs Monate hat er geschrieben, ohne Vorschuss. Erst bei Erreichen eines gewissen Absatzes verdient der 60-J\u00e4hrige Geld mit dem Projekt. Ein Risiko, das der Wahl-Leipziger in Kauf nahm: \u201eIch wollte es ehrlich gesagt auch einfach mal ausprobieren.\u201c<\/p>\n<p>T\u00e4ter, Ermittler und Fahndung stehen im Vordergrund<\/p>\n<p>Dass Recherche an Grenzen st\u00f6\u00dft, geh\u00f6rt dazu. Es gab Personen, die ein Gespr\u00e4ch mit Pfeifer ablehnten oder zumindest nicht sichtbar werden wollten. Und auch \u00fcber die get\u00f6teten Frauen, Maria D. und Anja B., hat Pfeifer im Buch bewusst nur verarbeitet, was als Fakt gesichert ist. Gerade \u00fcber das erste Opfer ist wenig bekannt, und Pfeifer wollte weder Verstorbenen noch Hinterbliebenen etwas andichten. <\/p>\n<p>Auch das ist ein Grund, warum Maria D. und Anja B. in \u201eSoKo Br\u00fccke\u201c zwar eine Kontur haben, tats\u00e4chlich aber T\u00e4ter, Ermittler und Fahndung im Vordergrund stehen, nicht die Frauen: \u201eWeil man die auch sch\u00fctzen will\u201c, betont Pfeifer. \u201eEs hat nichts damit zu tun, dass man sie ignoriert.\u201c<\/p>\n<p>Ob ihm das Buchdeb\u00fct gelungen ist, muss die Leserschaft entscheiden. Die erste Resonanz auf der Buchmesse, so J\u00f6rg Pfeifer, sei jedenfalls schon mal positiv ausgefallen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dieser Fall z\u00e4hlt zu den ersch\u00fctterndsten der Leipziger Kriminalgeschichte: Im Nachtleben von Lindenau lernte Dovchin D. zwei Frauen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":34708,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,16740,2183,215],"class_list":{"0":"post-34707","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-lindenau","14":"tag-mord","15":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114343780262360563","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34707"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34707\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34708"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}