{"id":348202,"date":"2025-08-16T02:05:15","date_gmt":"2025-08-16T02:05:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/348202\/"},"modified":"2025-08-16T02:05:15","modified_gmt":"2025-08-16T02:05:15","slug":"neues-kochbuch-wie-kafka-in-dresden-zum-vegetarier-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/348202\/","title":{"rendered":"Neues Kochbuch: Wie Kafka in Dresden zum Vegetarier wurde"},"content":{"rendered":"<ul>\n<li>Der Schriftsteller Franz Kafka wurde 1903 durch ein <a href=\"#Kochbuch\">Kochbuch aus Dresden<\/a> zum Vegetarier, das nun neu herausgegeben wird.<\/li>\n<li>Vegetarisches Essen war f\u00fcr Kafka nicht nur ein Gesundheitsaspekt, sondern auch eine Waffe im <a href=\"#Familie\">Kampf gegen seine Familie<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"#Rezepte\">Die Rezepte<\/a> \u00fcberraschen mit kreativen Namen, Saisonalit\u00e4t oder Regionalit\u00e4t und funktionieren auch f\u00fcr die heutige K\u00fcche.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"text\">\n<strong>MDR KULTUR: Denis Scheck, Sie haben &#8222;Kafkas vegetarische Verwandlung in 544 Rezepten&#8220; oder kurz &#8222;Kafkas Kochbuch&#8220; herausgegeben, zusammen mit der literaturbegeisterten \u00c4rztin Eva Gritzmann. Ein vegetarisches Kochbuch, das Kafka 1903 in die Hand gedr\u00fcckt bekam und das sein Leben ver\u00e4ndern sollte. Wie kam das Buch zu Kafka und Sie wiederum zu diesem Buch?\u00a0<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n<a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/kultur\/buchmesse\/denis-scheck-buch-roman-biografie-tipps-druckfrisch-106.html\" title=\"Urlaubslekt\u00fcre 2025: 32 Must-Reads f\u00fcr den perfekten Sommerurlaub\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Denis Scheck<\/a>: Das ist sozusagen unser Schliemann-Moment, unser literaturhistorisches Troja. Eva und ich haben beide in dieser dreib\u00e4ndigen Kafka-Biografie von Reiner Stach einen Nebensatz gelesen, der ist uns sofort ins Auge gestochen, wonach Kafka eben ein vegetarisches Kochbuch besa\u00df. Reiner Stach ist diesem Hinweis nicht weiter nachgegangen, aber wir haben alles, Himmel und H\u00f6lle in Bewegung gesetzt, uns in den Besitz dieses Kochbuchs aus dem 19. Jahrhundert zu setzen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nWir haben nat\u00fcrlich einige uns bekannte Antiquariate angeschrieben, aber tats\u00e4chlich wurden wir sehr schnell f\u00fcndig, als wir endlich den richtigen Titel und die richtige Autorin hatten. Dann hatten wir auch ganz schnell eine Auflage dieses Kochbuchs in H\u00e4nden \u2013 die Auflage, die vermutlich auch Kafka besa\u00df.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Am Ende eines jeden Aufenthaltes in Dr. Lahmanns Dresdner Sanatorium bekam jeder Gast ein Kochbuch in die Hand gedr\u00fcckt mit den vegetarischen Rezepten.<\/p>\n<p>Denis Scheck<br \/>\nLiteraturkritiker<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\n<a name=\"Kochbuch\">Die<\/a> Autorin ist Elise Starker, die Chefk\u00f6chin von Dr. Lahmanns Sanatorium auf dem Wei\u00dfen Hirsch in Dresden. Das war damals ein unglaublich exklusives, elit\u00e4res Wellnessresort. Man kann das vielleicht vergleichen mit Schloss Elmau in den Alpen heute oder dem Waldhaus in Sils-Maria in der Schweiz.\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAlso ein mond\u00e4ner Ort, ein Ort, wo die Sch\u00f6nen und die Reichen verkehren. Dort ging man hin, um sich zu erholen, um andere Leute kennenzulernen. Kafkas Eltern haben ihm 1903 zur Belohnung f\u00fcr sein bestandenes juristisches Staatsexamen einen vermutlich 14-t\u00e4gigen Aufenthalt in diesem Luxusresort geschenkt.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDort wurde ganz im Geist der Lebensreformbewegung der damaligen Zeit schon vegetarisch gekocht. Am Ende eines jeden Aufenthaltes in Dr. Lahmans Dresdner Sanatorium bekam jeder Gast ein Kochbuch in die Hand gedr\u00fcckt mit den vegetarischen Rezepten.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSo ist es auch mit Kafka gekommen: Der ging zur\u00fcck nach Prag und dr\u00fcckte dort seiner Mutter dieses Kochbuch in die Hand. Die reichte es weiter \u2013 die Familie Kafka war ja schon ziemlich b\u00fcrgerlich, die hatten eine K\u00f6chin \u2013 an eben diese K\u00f6chin und sagte: &#8222;Mein Sohn m\u00f6chte in Zukunft so ern\u00e4hrt werden.&#8220;\u00a0\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Diese K\u00fcche von Elise Starker isst sich eigentlich so, als h\u00e4tte Yotam Ottolenghi zusammen mit Jamie Oliver heute ein vegetarisches Kochbuch geschrieben.<\/p>\n<p>Denis Scheck<br \/>\nLiteraturkritiker<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\n<a name=\"Familie\"><strong>Kafka<\/strong><\/a><strong> hat ja versucht, so ein bisschen seine Familie zu missionieren.\u00a0Inwiefern war Nahrungsaufnahme Teil seiner Abarbeitung an Hermann Kafka und an seinem Opa?<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nKafka entdeckte Essen als Waffe, als Waffe im Kampf, in der Auseinandersetzung mit seinem Vater Hermann. Der f\u00fcr uns wichtigste Fund war eine Bemerkung, die Franz Kafka seiner Freundin Milena schreibt, n\u00e4mlich dass sein Gro\u00dfvater Schlachter war, j\u00fcdischer Fleischer.\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nEr schreibt Milena: &#8222;Ich muss um so viel weniger Fleisch essen, als er geschlachtet hat.&#8220; Also Kafka hatte eine Idee von einer karmischen Gerechtigkeit. Im Grunde ist es so eine Ying-Yang-Vorstellung: Mein Gro\u00dfvater hat so viel S\u00fcnden auf sich geladen, und ich muss jetzt da einen Ausgleich schaffen, indem ich eben umso weniger Fleisch esse. Ich glaube, in dieser Bemerkung liegt tats\u00e4chlich ein Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis von Kafkas Gesamtwerk, jedenfalls seiner Biografie, insbesondere seiner Ern\u00e4hrungsweise.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Ich muss um so viel weniger Fleisch essen, als er geschlachtet hat.<\/p>\n<p>Franz Kafka \u00fcber den Fleischkonsum seines Vaters<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\n<a name=\"Rezepte\"><strong>Im<\/strong><\/a><strong> Vorwort lernen wir ganz viel von dem kennen, \u00fcber das wir gerade gesprochen haben. Aber kommen wir doch zu den Rezepten und zum Kochbuch. W\u00fcrde man es heute als Di\u00e4t-Kochbuch bezeichnen?<\/strong>\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nIch glaube nicht, dass es ein Di\u00e4t-Kochbuch ist. Wir haben nat\u00fcrlich vieles nachgekocht. Wir waren zun\u00e4chst mal total geflasht, wie modern dieses in der ersten Auflage 1893 erschienene Kochbuch heute daherkommt. Diese K\u00fcche von Elise Starker isst sich eigentlich so, als h\u00e4tte <a href=\"https:\/\/www.brisant.de\/rezept-ottolenghi-130.html\" title=\"Yotam Ottolenghi: Hummus und Kartoffelsalat nach den vegetarischen Rezepten vom Star Koch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Yotam Ottolenghi<\/a> zusammen mit <a href=\"https:\/\/www.brisant.de\/jamie-oliver-rezept-102.html\" title=\"&quot;Together&quot; - Kochen wie Jamie Oliver: Hier gibt&#039;s neue Rezepte vom Starkoch!\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jamie Oliver<\/a> heute ein vegetarisches Kochbuch geschrieben.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nWir haben ganz viel staunen m\u00fcssen und ganz viel erkennen m\u00fcssen, von dem wir uns niemals eine Vorstellung gemacht h\u00e4tten. Zum Beispiel, dass Oliven\u00f6l im deutschen Kaiserreich von Wilhelm dem Zweiten doch schon so verbreitet war, dass diese Zutat gar nicht mehr gro\u00dfartig kommentiert und erw\u00e4hnt wird.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Wir waren verbl\u00fcfft, wie regional und saisonal dort gekocht wird.<\/p>\n<p>Denis Scheck<br \/>\nHerausgeber von Kafkas Rezepten<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\nDas ist eine sehr abwechslungsreiche K\u00fcche.\u00a0Sie hat ja auch einen Jahresspeiseplan aufgestellt. Wir waren verbl\u00fcfft, wie regional und saisonal dort gekocht wird. Dr. Lahmann hat ein eigenes Landgut bei Dresden betrieben, durch das er sein Sanatorium mit frischem Obst und Gem\u00fcse beliefern lie\u00df. Elise Starker, die Chefk\u00f6chin, hat sich dieser Produkte nat\u00fcrlich bedient und dabei Dinge gezaubert, die uns die Augen \u00fcbergehen lie\u00dfen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nWir haben wenige Eingriffe in die Rezepte selbst vorgenommen. Wir haben einige Kommentare angebracht. Aber haupts\u00e4chlich haben wir eines ver\u00e4ndert: Das Wort &#8222;So\u00dfe&#8220; ist f\u00fcr Elise Starke ein schreckliches Fremdwort, das sie durch Beiguss ersetzt. Uns hingegen im 21. Jahrhundert klingt der Beiguss unglaublich altert\u00fcmlich in den Ohren. Deshalb haben wir den Beiguss wieder durch So\u00dfe ersetzt und flux liest sich dieses Kochbuch eigentlich so, als w\u00e4re es fast heute entstanden.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n<strong>Eines der ersten Rezepte ist eine Baumwollsuppe. Da wird nat\u00fcrlich nicht Baumwolle gekocht, sondern so eine Eiermischung in Wasser ger\u00fchrt, so dass es nachher wie Wolle aussieht. Es gibt noch andere kreative Namen f\u00fcr Gerichte, und ich vermute, das hat Ihnen als Literaturkritiker und Literat auch sehr gefallen.<\/strong>\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDa ging mir nat\u00fcrlich das Herz auf. Wer h\u00e4tte nicht gerne solche Gerichte auf dem Teller wie ein &#8222;Herz im Schnee&#8220; oder eine Sauerampfersuppe, gef\u00fcllter Sellerie, gebackener Pastinaken-Spargelpudding. Es gibt unglaublich poetische Formulierungen, die man heute kaum mehr kennt.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nEine ganz wunderbare Eigenart dieses Kochbuchs sind ja die vielen Gem\u00fcsepuddings. Sie macht Pudding aus Spargel, sie macht Pudding aus <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/mdr-garten\/pflanzen\/neuseelaender-spinat-anbauen-pflegen-rezept-zubereiten-100.html\" title=\"Neuseel\u00e4nder Spinat pflanzen, pflegen und zubereiten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Spinat<\/a>, sie kocht mit wunderbaren Salaten, beispielsweise ein &#8222;Kingsford&#8220;- Salat, den wir zu recherchieren versuchten. Sie hat wunderbare Nachspeisen, armer Ritter ist nat\u00fcrlich vertreten, der Ofenschlupfer, einen neuen Lotpudding, Morchelpastetchen \u2013 \u00fcberhaupt, <a href=\"https:\/\/www.brisant.de\/pilze-rezepte-110.html\" title=\"Leckere Rezepte mit Pilzen - gesund, vegetarisch &amp; kalorienarm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pilze<\/a> spielen eine gro\u00dfe Rolle.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Ich prophezeie der K\u00f6lner Schnitte eine gro\u00dfe Zukunft.<\/p>\n<p>Denis Scheck<br \/>\nJournalist und Wahlk\u00f6lner<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\nDie gr\u00f6\u00dfte Entdeckung f\u00fcr mich als Wahlk\u00f6lner war nat\u00fcrlich die K\u00f6lner Schnitte, von der ich noch nie geh\u00f6rt hatte, die sich als \u00fcberaus schmackhafte Gem\u00fcsefrikadelle herausstellt, die man mit einem Mehl zubereitet, das hei\u00dft Gofio.\u00a0Das ist eigentlich eine Spezialit\u00e4t der Kanarischen Inseln. Die r\u00f6sten dort ihr Getreide, bevor sie es zu Mehl verarbeiten, also Gerste oder Weizen oder Mais. Und dieses Gofiomehl hat dadurch einen sehr nussigen Beigeschmack. Als ich zum ersten Mal diese K\u00f6lner Schnitte nachkochte, h\u00e4tte ich fast gewettet, dass in dieser Bulette, in dieser Frikadelle, Fleisch enthalten ist, so \u00fcberzeugend schmeckt sie. Ich prophezeie der K\u00f6lner Schnitte eine gro\u00dfe Zukunft.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Schriftsteller Franz Kafka wurde 1903 durch ein Kochbuch aus Dresden zum Vegetarier, das nun neu herausgegeben wird.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":348203,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1835],"tags":[7718,3364,97001,29,2386,6909,3688,97002,30,2134,96999,97000,66,93,81,1457,859,16172,39410],"class_list":{"0":"post-348202","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-dresden","8":"tag-buchtipp","9":"tag-de","10":"tag-denis-scheck","11":"tag-deutschland","12":"tag-dresden","13":"tag-empfehlung","14":"tag-essen","15":"tag-franz-kafka","16":"tag-germany","17":"tag-interview","18":"tag-kafka","19":"tag-kochbuch","20":"tag-kulturnachrichten","21":"tag-literatur","22":"tag-mdr","23":"tag-rezepte","24":"tag-sachsen","25":"tag-tipp","26":"tag-vegetarisch"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115035997758699102","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/348202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=348202"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/348202\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/348203"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=348202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=348202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=348202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}