{"id":349250,"date":"2025-08-16T12:22:09","date_gmt":"2025-08-16T12:22:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/349250\/"},"modified":"2025-08-16T12:22:09","modified_gmt":"2025-08-16T12:22:09","slug":"buch-zu-ns-staedtebau-mit-der-kriegsindustrie-kam-die-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/349250\/","title":{"rendered":"Buch zu NS-St\u00e4dtebau: Mit der Kriegsindustrie kam die Stadt"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Welche Ber\u00fchrungspunkte gibt es heute zum St\u00e4dtebau des NS? Beim Flanieren \u00fcber den M\u00fcnchener K\u00f6nigsplatz oder an der Strandpromenade von Prora werden sich wohl wenige Menschen Gedanken \u00fcber die Umst\u00e4nde machen, wie diese Bauten entstanden sind.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Wer in Salzgitter wohnt, wei\u00df vielleicht, dass die Gr\u00fcndung der Stadt mit den einstigen Hermann-G\u00f6ring-Werken in direktem Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen der Nazis stand. In Linz werden die Wohnsiedlungen f\u00fcr R\u00fcstungsarbeiter auch heute \u201eHitlerbauten\u201c genannt und bieten noch immer einen begehrten Wohnraum.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Einen umfassenden Einblick will der Band \u201eSt\u00e4dtebau im Nationalsozialismus\u201c geben. Acht Au\u00adto\u00adr*in\u00adnen zeichnen f\u00fcr die Beitr\u00e4ge verantwortlich, Primus inter pares ist Harald Bodenschatz.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Seit mehr als 25 Jahren erforscht und vergleicht der Berliner Stadtplaner und Sozialwissenschaftler den St\u00e4dtebau unter den europ\u00e4ischen Diktaturen, unter Stalin, Mussolini, Salazar, Franco und jetzt unter Hitler.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">\n        <strong>Viele Vorhaben nicht \u00f6ffentlich gemacht<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Ziel dieses Buches ist es, den St\u00e4dtebau im NS nicht nur mit einem kritischen Blick auf <a href=\"https:\/\/taz.de\/NS-Reichsparteitagsgelaende-in-Nuernberg\/!6017338\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die bekannten \u201eBauten des F\u00fchrers\u201c<\/a> zu beleuchten, sondern auch die verdeckten Bauplanungen einzubeziehen. Denn viele Bauvorhaben wurden von den Nazis nicht \u00f6ffentlich gemacht, wenn sie der Militarisierung und Aufr\u00fcstung, der Repression oder Beherrschung der besetzten L\u00e4nder dienten.<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\"><strong>\u201eSt\u00e4dtebau im Nationalsozialismus. Angriff, Triumph, Terror im europ\u00e4ischen Kontext 1933\u20131945\u201c.<\/strong> Herausgeben von Harald Bodenschatz u. a. DOM Publishers, Berlin 2025, 624 Seiten, 128 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Deshalb bezieht der Band auch die \u201eProduktionsbedingungen\u201c des St\u00e4dtebaus mit ein, etwa die gesetzlichen Bestimmungen, und geht ebenso auf die \u201eAkteure und Interessengruppen\u201c ein, die oft in Konkurrenz zueinander standen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">Das Spektrum des NS-St\u00e4dtebaus reicht im Buch von der Staatsarchitektur bis zum Lager- und KZ-System, von den Bauwerken f\u00fcr das Milit\u00e4r bis zu den Heimen der Hitlerjugend. Auch Altstadtsanierungen kommen vor, zum Beispiel die Viertel an der \u201eAlten Waage\u201c in Braunschweig oder <a href=\"https:\/\/taz.de\/Diskussion-um-die-Berliner-Mitte\/!6012095\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der Molkenmarkt in Berlin<\/a>, und der immense Bau neuer Wohnungen: Kleinsiedlungen, Volkswohnungen, Gro\u00dfsiedlungen im Geschossbau und Baracken- und Behelfsbauten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Ebenso beschreiben die Au\u00adto\u00adr*in\u00adnen die vielen Infrastrukturma\u00dfnahmen oder Planungen zu den annektierten und besetzten Gebieten. Vor allem in den Ostgebieten, wo es die Nazis auch auf die Ausbeutung von Ressourcen abgesehen hatten, setzte man die Vertreibung und Ermordung gro\u00dfer Teile der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung voraus.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Wilhelm Hallbauer, der vormalige Stadtbaudirektor von Wilhelmshaven, zum Beispiel, ging f\u00fcr \u0141\u00f3d\u017a\/Litzmannstadt davon aus, dass etwa 300.000 j\u00fcdische und 50.000 polnische Be\u00adwoh\u00adne\u00adr*in\u00adnen vertrieben werden konnten. Ab Februar 1940 wurde der s\u00fcdliche Teil der Stadt ger\u00e4umt und ein Ghetto eingerichtet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">\n        <strong>F\u00fcr wachsende St\u00e4dte angelegt<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Der NS-St\u00e4dtebau, so zeigt das Buch, sollte ausgesprochen wandlungsf\u00e4hig sein. Legte man 1935 noch aus Kostengr\u00fcnden die Gr\u00f6\u00dfe einer Volkswohnung f\u00fcr eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie auf unter 40 Quadratmeter fest, konnte zwei Jahre sp\u00e4ter die Deutsche Arbeitsfront eine 4-Raum-Wohnung als Standard einbringen. Wandlungsf\u00e4hig auch, weil ab Mitte der 1930er Jahre Gro\u00dfst\u00e4dte und Ballungsgebiete wieder wuchsen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Der NS-St\u00e4dtebau kann auch nicht <a href=\"https:\/\/taz.de\/Historiker-ueber-NS-Kultstaetten\/!6087314\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ohne die Propaganda begriffen<\/a> werden. Mit Filmen, Ausstellungen, Publikationen inszenierte das Regime seine Tatkraft und Vormachtstellung \u2013 auch im Vergleich zu Italien und zur Sowjetunion.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Bodenschatz\u2019 Band setzt die Arbeiten etwa von Werner Durth, Hartmut Frank oder Winfried Nerdinger fort, die seit den 1980er Jahren auch die peripheren und unspektakul\u00e4ren Bauprojekte in die Analyse der NS-Architektur und Stadtplanung einbezogen haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"15\">Doch tauchen auch ein paar blinde Flecken im Buch auf. Korrekt weisen die Au\u00adto\u00adr*in\u00adnen zwar darauf hin, dass die Nationalsozialisten gr\u00f6\u00dftenteils in Geb\u00e4ude f\u00fcr Milit\u00e4r und Aufr\u00fcstung investierten, doch unterscheiden sie nur unscharf Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die R\u00fcstungsindustrie von denen des Milit\u00e4rs und des Zweiten Vierjahresplans.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"16\">Auch bleibt au\u00dfen vor, welchen Aufschwung Mitteldeutschland durch Militarisierung, Aufr\u00fcstung und Ausbau der Grundstoffindustrie erfuhr, denkt man etwa an die Entwicklung der Junkerswerke in Dessau: Die Zahl ihrer Besch\u00e4ftigten wuchs von 4.000 (1933) auf 250.000 (1942) an. Allein in Mitteldeutschland gr\u00fcndete man acht Zweigwerke.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">\n        <strong>Neu geplante St\u00e4dte<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">Kurz gehalten ist zudem das Thema Stadtneugr\u00fcndungen. Genannt werden die prominenten Beispiele Wolfsburg oder Salzgitter. Von 1934 bis 1942 planten die Nazis aber viele weitere neue St\u00e4dte oder l\u00e4ndliche Siedlungen, etwa die Trabantenstadt zwischen Warnem\u00fcnde und Rostock f\u00fcr die Heinkel- und Arado-Flugzeugwerke oder im Rahmen des Vierjahresplanes im badischen Blumberg, in Schkopau und Bad Lauchst\u00e4dt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">Und noch ein interessanter Fakt findet nicht gen\u00fcgend Beachtung: Bei gr\u00f6\u00dferen Vorhaben fehlten h\u00e4ufig die finanziellen Mittel. Erst 1938 hatte das Regime zus\u00e4tzliche Gelder bereitgestellt und das Reichsarbeitsministerium mit der Pr\u00fcfung betraut. Auch das Technische Amt des Reichsluftfahrtministeriums konnte manch ein Bauprojekt \u201edurchdr\u00fccken\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"20\">Doch solche M\u00e4ngel kann man den Au\u00adto\u00adr*in\u00adnen verzeihen. Sie legen mit \u201eSt\u00e4dtebau im Nationalsozialismus\u201c eine fundierte Darstellung eines St\u00fccks d\u00fcsterer Architekturgeschichte vor, bis ins planerische Detail.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Welche Ber\u00fchrungspunkte gibt es heute zum St\u00e4dtebau des NS? 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