{"id":350042,"date":"2025-08-16T19:59:55","date_gmt":"2025-08-16T19:59:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/350042\/"},"modified":"2025-08-16T19:59:55","modified_gmt":"2025-08-16T19:59:55","slug":"louis-xiv-und-asterix-volker-reinhardts-kulturgeschichte-frankreichs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/350042\/","title":{"rendered":"Louis XIV. und Asterix: Volker Reinhardts Kulturgeschichte Frankreichs"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Die Prunkfassaden von Versailles, eine Revolution. Aber auch Jeanne d\u2019Arc, Yves Montand und Brigitte Bardot: Frankreich ist verwirrend vielf\u00e4ltig. Volker Reinhardt gibt eine Anleitung, das Land zu verstehen.<\/p>\n<p>   <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Das Pathos der Macht ist nur eine Seite von Frankreichs Selbstverst\u00e4ndnis: \u00abNapoleon Bonaparte beim \u00dcberschreiten der Alpen am Grossen Sankt Bernhard\u00bb von Jacques-Louis David (1802).\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"3181\" height=\"3786\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/6f10678c-3b64-4a6d-b173-1b7ff039a70d.jpeg\" loading=\"eager\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Das Pathos der Macht ist nur eine Seite von Frankreichs Selbstverst\u00e4ndnis: \u00abNapoleon Bonaparte beim \u00dcberschreiten der Alpen am Grossen Sankt Bernhard\u00bb von Jacques-Louis David (1802). <\/p>\n<p>Imago<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikc9q4ap0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Wo und wann soll man anfangen, wenn man eine Kulturgeschichte Frankreichs schreibt? Und woran soll man sich halten? Der deutsche Literaturwissenschafter Ernst Robert Curtius beschwor vor \u00fcber einem Jahrhundert den \u00abFranz\u00f6sischen Geist\u00bb \u2013 und konzentrierte sich dabei auf die grossen Schriftsteller. Thomas Hellmuth orientiert sich in seiner k\u00fcrzlich erschienenen Kulturgeschichte Frankreichs im 19.\u00a0Jahrhundert an Theorien \u00fcber die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, und Johannes Willms n\u00e4herte sich dem Thema \u00fcber die Geschichte der \u00abgrossen M\u00e4nner\u00bb.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. 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Darauf sitzt der K\u00f6nig, der \u00fcber das s\u00fcsse Frankreich (\u2039douce France\u203a) herrscht\u00bb, heisst es in dem um 1100 entstandenen Rolandslied, in dem Volker Reinhardt die erste \u00abSelbstverortung\u00bb des franz\u00f6sischen Selbstbewusstseins sieht.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikcaam0f1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Dass es sich bei dem K\u00f6nig um Karl den Grossen handelt und dass die Pinie nicht in Frankreich, sondern im andalusischen Cordoba steht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist vielmehr der Begriff \u00abdouce France\u00bb, der sich vom Hochmittelalter bis ins Chanson von Charles Trenet gehalten hat \u2013 als Ausdruck eines Selbstverst\u00e4ndnisses, das pr\u00e4gend blieb f\u00fcr die nationale Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Im Spiegelsaal von Versailles<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikcadml31\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Volker Reinhardt n\u00e4hert sich diesem Selbstverst\u00e4ndnis zun\u00e4chst \u00fcber die Entwicklung von der Kultur der H\u00f6fe zur Kultur des Hofes, also \u00fcber die Konsolidierung der Monarchie. Dann \u00fcber die Religionskriege und die Zentralisierung der absolutistischen Monarchie. Dabei entwirft er ein Panorama von der Gotik in Chartres, Paris und Reims \u00fcber die lange ignorierte Geschichte der Katharer und \u2013 sie darf auf keinen Fall fehlen \u2013 von Jeanne d\u2019Arc bis zum Hof und zur Politik Franz\u2019 I. und zu den Schl\u00f6ssern an der Loire.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikcaot3a1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ausfl\u00fcge in die Gedichte des mittelalterlichen Po\u00e8te maudit Fran\u00e7ois Villon und in Fran\u00e7ois Rabelais\u2019 Renaissance-Roman \u00abGargantua und Pantagruel\u00bb geh\u00f6ren ebenso dazu wie Marguerite de Navarres \u00abweiblicher Blick auf die Macht\u00bb. Dass ein grosses Kapitel des Buches der Geistesgeschichte zwischen Descartes und Racine gewidmet ist, stellt eine Hommage an die Zeit dar, die die Franzosen das \u00abgrosse Jahrhundert\u00bb (\u00able Grand Si\u00e8cle\u00bb) nennen, das im Spiegelsaal von Versailles seine Apotheose findet.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikc9q4aq0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Unter dem Titel \u00abDer Tanz auf dem Vulkan\u00bb schildert Reinhardt das 18.\u00a0Jahrhundert als Vorgeschichte der Revolution \u2013 mit einem interessanten Kapitel \u00fcber den Marquis de Sade, dessen bizarre Theorien er als \u00abaristokratischen Extremismus\u00bb versteht. Vielleicht w\u00e4re er mit gleicher Plausibilit\u00e4t als ins Extreme gesteigerte Verk\u00f6rperung des souver\u00e4nen Subjekts zu deuten, das sich in der Aufkl\u00e4rung konstituiert.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikc9q4ar0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Zeit zwischen 1789 und 1871 stellt Reinhardt weniger als Kaskade von Revolutionen bis zur Commune von 1871 und zu deren Niederschlagung dar, vielmehr fokussiert er auf Literatur und Kunst. Auf Stendhal, Balzac und Flaubert, auf G\u00e9ricault und Jules Michelets \u00abGeschichte Frankreichs\u00bb, die das nationale Narrativ tief gepr\u00e4gt hat. Und leitet dann von der Zerreissprobe der Aff\u00e4re Dreyfus \u00fcber zu Themen, die weniger gewichtig, aber f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis ebenso wichtig sind: dem Impressionismus, der Tour de France, der Philosophie von Camus und Sartre und der Umgestaltung von Paris in der \u00c4ra Mitterrand, die ihren markantesten Punkt in der \u00abGrande Arche de la Fraternit\u00e9\u00bb am Ende der Sichtachse der Champs-\u00c9lys\u00e9es gefunden hat.<\/p>\n<p>Das leere Fenster<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikc9q4as0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">\u00abDas grosse leere Fenster auf dem H\u00fcgel von La D\u00e9fense ist so offen wie der Lauf der Geschichte\u00bb, lautet der letzte Satz dieses Buches, das die Entwicklung von zw\u00f6lf Jahrhunderten nachzeichnet und dabei verst\u00e4ndlich macht, wie sich ein nationales Selbstverst\u00e4ndnis bilden konnte, das sich immer auch universal verstand. Nat\u00fcrlich kann man das eine oder andere vermissen: Ist Pierre de Ronsard mit seiner r\u00f6misch gepr\u00e4gten Dichtung nicht essenziell f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der franz\u00f6sischen Renaissance? H\u00e4tte nicht Delacroix\u2019 monumentales Wandbild im Louvre, seine Hommage an die Freiheit, einen prominenten Platz verdient, ebenso wie der Umbruch, den das Stadtbild von Paris durch Napoleons Pr\u00e4fekten Haussmann erlitt?<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikc9q4as1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Das mag sein. Viel wichtiger ist allerdings, dass es Volker Reinhardt gelungen ist, eine Kulturgeschichte Frankreichs zu schreiben, die das kulturelle Selbstverst\u00e4ndnis des Landes auslotet, ohne in die Stereotype zu verfallen, die den deutschen Blick auf Frankreich oft bestimmt haben.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ikcjmvhg1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Historiker Marc Bloch hat einmal geschrieben: \u00abEs gibt zwei Kategorien von Franzosen, die nie die Geschichte Frankreichs begreifen werden: diejenigen, die sich weigern, sich von der Erinnerung an die Kr\u00f6nungsfeiern in Reims anr\u00fchren zu lassen, und diejenigen, die den Bericht \u00fcber das Bundesfest von 1790 ohne innere Anteilnahme lesen.\u00bb Volker Reinhardt spannt den Bogen zwischen beiden, zieht ihn weit dar\u00fcber hinaus und zeigt, was es heissen k\u00f6nnte, die Geschichte Frankreichs zu begreifen: von der Leidenschaft der Troubadoure \u00fcber den philosophischen Esprit von Michel de Montaigne bis zu den Modeateliers der Rive Gauche in Paris.<\/p>\n<p data-team-footnote=\"\" id=\"id-doc-1ikc9qhl30\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"footnote\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent footnote nzzinteraction\">Volker Reinhardt: Esprit und Leidenschaft. Kulturgeschichte Frankreichs. C.-H.-Beck-Verlag, M\u00fcnchen 2025. 656\u00a0S., Fr. 49.90.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Prunkfassaden von Versailles, eine Revolution. 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