{"id":350809,"date":"2025-08-17T03:50:11","date_gmt":"2025-08-17T03:50:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/350809\/"},"modified":"2025-08-17T03:50:11","modified_gmt":"2025-08-17T03:50:11","slug":"percival-everett-james-bond-und-hoehere-mathematik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/350809\/","title":{"rendered":"Percival Everett: James Bond und h\u00f6here Mathematik"},"content":{"rendered":"<p>Nichts ist, wie es scheint. Nehmen wir die Kellnerin in diesem Diner, die alle herzlich begr\u00fc\u00dft mit den Worten: \u201eWas zum Geier wollen Sie essen?\u201c Worauf der Pfarrer, verl\u00e4sslich antwortet: \u201eIch nehm das schei\u00df Chili.\u201c<\/p>\n<p>Kann sein, dass der Pfarrer Atheist und die Kellnerin ein Mathe-Genie ist. M\u00f6glich auch, dass sich brave Kammerdiener als chinesische Spione erweisen, dass Menschen eigentlich Maschinen sind, und ob B\u00f6sewichte die Welt vernichten oder doch retten wollen, ist auch nicht klar. Und dann ist da die Frage: Was, wenn nichts passiert?<\/p>\n<p>Percival Everett erz\u00e4hlt in \u201eDr. No\u201c von einem Mathematikprofessor namens Wala Kitu aus Rhode Island, der an der Brown University unterrichtet und sein Leben mit der Suche nach nichts zubringt. Nach eigener Aussage leidet er an einer Autismus-Spektrum-St\u00f6rung. Sie f\u00fchrt dazu, dass er alles w\u00f6rtlich nimmt und etwa von Drohungen v\u00f6llig unbeeindruckt bleibt. Seine besten Freunde: Eine attraktive Mathematikerin, die noch kl\u00fcger und noch lebensunt\u00fcchtiger ist als er, sowie ein einbeiniger Hund, den er meist in einer um den Bauch geschnallten Babytrage dabei hat. Der Hund ist nat\u00fcrlich der kl\u00fcgste von allen, eine Art Orakel.<\/p>\n<p>Eines Tages taucht ein gewisser John Sill auf, Sohn einer Selfmade-Million\u00e4rin, die unter anderem mit Drogen, Erpressung und Prostitution ihr Verm\u00f6gen gemacht hat. Er will so was \u00c4hnliches wie Goldfinger im gleichnamigen James-Bond-Film: den Tresorraum von Fort Knox ausrauben. Vor allem aber will er Amerika zerst\u00f6ren, aus Rache. Und dazu braucht er die beiden Mathematik-Genies, allen voran Wala Kitu, der nach nichts sucht. Es folgt eine temporeiche 007-Parodie samt U-Boot, Luxusjets und Anwesen in aller Welt. Unterwegs trifft man rassistische Polizisten (die Protagonisten sind so gut wie alle schwarz), die Dunkelh\u00e4utige routinem\u00e4\u00dfig anhalten, kontrollieren und manchmal auch erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Im Zentrum steht selbstverst\u00e4ndlich die Rettung der Welt. In Form der Suche nach nichts. Sie ist zugleich absurd und philosophisch, man denkt etwa an Schr\u00f6dingers Katze \u2013 was ist in der Schachtel? Nichts! Der sprachliche Running Gag, der sich daraus ergibt, zieht sich durch den ganzen Roman. Man sucht nichts, es passiert nichts, man findet nichts. Das wirkt deshalb nicht redundant, weil es auch sehr unheimlich ist. Ziel des B\u00f6sewichts ist es, die Welt tats\u00e4chlich auszul\u00f6schen, zu nichts zu machen. Dazu kommen existenzialistisch-komische Dialoge wie diese: \u201eWollen Sie Sex haben?\u201c\u201eNein.\u201c \u201eOkay. Gute Nacht.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr \u201eJames\u201c, seine gro\u00dfartige \u00dcberschreibung von Mark Twains \u201eHuckleberry Finn\u201c, wurde Percival Everett mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Twain kommt auch hier mehrfach vor. Unter anderem als Teil der ausufernden Bibliothek des M\u00f6chtegern-B\u00f6sewichts, der dort au\u00dferdem die Mona Lisa beherbergt \u2013 das Original. Der Diebstahl sei nie angezeigt worden, man lasse ihn das Bild behalten, weil der Louvre die Welt im Glauben wiegen wolle, ein solches Verbrechen liege au\u00dferhalb jeder Vorstellung.<\/p>\n<p>Im Grunde geht es hier um genau das: Um den Unterschied zwischen dem, was ist und dem, was wir zu sehen glauben. Aber was ist \u00fcberhaupt und was ist, wenn nichts passiert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nichts ist, wie es scheint. 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