{"id":350970,"date":"2025-08-17T05:24:14","date_gmt":"2025-08-17T05:24:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/350970\/"},"modified":"2025-08-17T05:24:14","modified_gmt":"2025-08-17T05:24:14","slug":"warum-so-viele-polen-in-ihr-heimatland-zurueckkehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/350970\/","title":{"rendered":"Warum so viele Polen in ihr Heimatland zur\u00fcckkehren"},"content":{"rendered":"<p class=\"metatextline\">Stand: 17.08.2025 05:50 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren ziehen mehr Polen aus Deutschland zur\u00fcck in ihr Heimatland als umgekehrt. Es lockt mit Wirtschaftswachstum, schlankerer Verwaltung und niedrigeren Abgaben.<\/strong>\n    <\/p>\n<p>                                        <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/korrespondenten\/kartschall-andre-101.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                                            <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Andre Kartschall\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/kartschall-101.jpg\"\/><br \/>\n                                        <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nIm Badezimmer demonstriert Zbyszek Perzyna im Kleinen, was aus seiner Sicht alles schief l\u00e4uft in Deutschland. &#8222;Seit elf oder zw\u00f6lf Jahren haben wir kein kaltes Wasser in der Dusche.&#8220; Die Folge: wenn er oder seine Frau Kamila Gierko duschen wollen, drohen Verbr\u00fchungen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nNat\u00fcrlich ist die Dusche nicht der Grund, warum das Ehepaar mittlerweile mit Deutschland fremdelt und zur\u00fcck nach Polen ziehen will. Aber f\u00fcr die beiden ist die Badezimmerarmatur ein kleines Symbol f\u00fcr Dinge, die hierzulande nicht funktionieren und nicht besser werden.<\/p>\n<p>    Viele kleine Dinge<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Viele kleine Dinge &#8211; alle zusammen: ein gro\u00dfes Problem&#8220;, sagt Perzyna. Es gibt auch noch einen Wasserschaden an der K\u00fcchendecke, eine nicht funktionierende Gegensprechanlage und diverse andere Probleme, um die sich die Hausverwaltung einfach nicht k\u00fcmmere, erz\u00e4hlen die beiden. Und duschen k\u00f6nnten sie bis heute nicht, wenn sie sich nicht selbst geholfen h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Aber ich bin aus Polen&#8220;, sagt er scherzhaft und meint damit, dass er und seine Landsleute ja Meister im Improvisieren sind. &#8222;Ich habe eine Umleitung gebaut, einen speziellen Schlauch f\u00fcr kaltes Wasser.&#8220; Beide sind selbst\u00e4ndig. Gierko als \u00dcbersetzerin, Perzyna organisiert internationale Ausstellungen: Banksy, Leonardo da Vinci oder auch mal etwas \u00fcber Spinnen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nSie sind gut besch\u00e4ftigt &#8211; und verdienen gutes Geld, zahlen bislang in Deutschland Steuern und Abgaben. Dennoch wollen sie zur\u00fcck nach Polen, Gro\u00dfraum Warschau. Im Internet suchen sie nach einem kleinen H\u00e4uschen. &#8222;8.000 Z\u0142oty pro Quadratmeter&#8220;, liest Gierko vor. &#8222;Rund 1.800 Euro&#8220;, erkl\u00e4rt sie. Im Schnitt sind die Preise etwas niedriger als im Speckg\u00fcrtel rund um Berlin, aber es liegen keine Welten dazwischen.<\/p>\n<p>    Leasingvertrag nach acht Minuten<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEinen Kredit zu erhalten, sei kein Problem &#8211; zumindest in Polen. Gierko erz\u00e4hlt, in Deutschland habe sie noch nicht mal einen Leasingvertrag f\u00fcr ein Auto bekommen. Sie sei selbst\u00e4ndig, wirtschaftlich erfolgreich, zahle hohe Steuern und Fixkosten, etwa an die Krankenkasse &#8211; &#8222;und trotzdem habe ich als Antwort bekommen, ich sei nicht kreditw\u00fcrdig&#8220;.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nLeicht ironisch f\u00fcgt sie hinzu: &#8222;Obwohl die Verdienste anscheinend gar nicht so schlecht sind, wenn die Steuern doch relativ ins Eingemachte gehen.&#8220; Einen Leasingvertrag hat sie dann doch noch bekommen &#8211; allerdings nur in Polen. &#8222;Telefonisch, nach sieben, acht Minuten maximal&#8220;, erkl\u00e4rt ihr Ehemann.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Kamila Gierko und Zbyszek Perzyna schauen auf ein Laptop-Display.\n                    <\/p>\n<p>    F\u00fcnf Jahre Berlin waren genug<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nSchon wieder zur\u00fcck in Warschau ist Jacek Dehnel. Nicht einmal f\u00fcnf Jahre hat er es in Berlin ausgehalten. 2020 hatte er Polen verlassen. Wegen der Homophobie in Teilen der Gesellschaft und weil der Kandidat der rechten PiS-Partei die Pr\u00e4sidentenwahl gewonnen hatte.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDehnel ist Schriftsteller, bekennend schwul und hat seinen Partner geheiratet. Beide freuten sich damals auf Berlin und Deutschland. Er sch\u00e4tzte vor allem die liberale Offenheit der Stadt. Das Land aber hat ihn ern\u00fcchtert.<\/p>\n<p>    &#8222;Failed State&#8220; Deutschland?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Ich habe den Eindruck, dass Deutschland in Bezug auf die allt\u00e4gliche Lebensqualit\u00e4t ein &#8218;Failed State&#8216; ist&#8220;, sagt er. Ein &#8222;gescheitertes Land&#8220; also. Ein Begriff, der in Medien \u00fcblicherweise eher f\u00fcr Staaten wie Somalia, den Jemen oder die Demokratische Republik Kongo benutzt wird. Orte, in denen der Staat die Kontrolle \u00fcber sein Hoheitsgebiet verloren hat also.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDen Begriff &#8222;Failed State&#8220; will er leicht ironisch verstanden wissen &#8211; denn in Deutschland habe der Staat im Gegensatz zu den genannten L\u00e4ndern eher zuviel Kontrolle als zu wenig. F\u00fcr alles m\u00fcsse man einen Antrag stellen, die \u00c4mter seien unkooperativ, b\u00fcrokratisch &#8211; und in der Regel nicht digital zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>    &#8222;Der Staat drangsaliert&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEr kann eindr\u00fccklich lange Geschichten aus deutschen Amtsfluren erz\u00e4hlen. Sie enden meist damit, dass nichts gekl\u00e4rt wird &#8211; oder dass die L\u00f6sung darin besteht, denselben Antrag jedes Quartal aufs Neue stellen zu m\u00fcssen. Und wer auf Englisch etwas wolle, werde mitunter einfach direkt abgewiesen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nSein Eindruck sei, &#8222;dass die deutsche Gesellschaft daran gew\u00f6hnt ist, dass der Staat sie auf diese Weise drangsaliert &#8211; und das als normal ansieht.&#8220; \u00c4rger mit irgendwelchen \u00c4mtern sei die Regel, das Steuersystem sei kompliziert. Er konstatiert: &#8222;Und alle nehmen das als selbstverst\u00e4ndlichen Teil des Lebens hin.&#8220;<\/p>\n<p>    M\u00fcdemacher B\u00fcrokratie<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDehnel und sein Mann wollten eigentlich noch abwarten, wie sich Polen politisch weiter entwickelt. &#8222;Aber der Kampf mit der deutschen B\u00fcrokratie war inzwischen so anstrengend, und wir waren so m\u00fcde von alldem, dass wir entschieden haben, nicht mehr zu warten&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nNun sind sie zur\u00fcck. Dehnel sagt, er habe in Polen eher den Eindruck &#8222;eines st\u00e4ndigen Wachstums, der Verbesserung, Modernisierung, Erleichterung und Optimierung des Alltagslebens&#8220;. Mit Deutschland verbinde er angesichts seiner Erfahrungen hingegen &#8222;eine st\u00e4ndige Verkomplizierung, einen schleichenden Verfall&#8220;.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nZahlen best\u00e4tigen den Eindruck &#8211; zumindest was das Wirtschaftswachstum angeht. Seit 2015 hat Polen regelm\u00e4\u00dfig j\u00e4hrliche Zuw\u00e4chse um die f\u00fcnf Prozent hingelegt. Deutschlands Rekordjahr in dieser Dekade: plus 2,7 Prozent. Und das ist auch schon wieder acht Jahre her.<\/p>\n<p>    Ende des Wanderungspfades?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nIm vergangenen Jahr brach den Zahlen zufolge das zusammen, was Demografen und Statistiker einen &#8222;Wanderungspfad&#8220; nennen: einen langen Trend von Einwanderung aus einem bestimmten Land in ein anderes. Einwanderung mit Tradition also, auf einem Pfad, den zuvor schon viele gegangen sind.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nSeit Beginn der 1980er-Jahre hatte Deutschland ein Zuwanderungsplus aus Polen verzeichnet. Nur kurz, Mitte der 1990er-Jahre, ebbte der Zustrom etwas ab. In der Regel aber kamen pro Jahr mehrere Zehntausend Menschen mehr aus Polen nach Deutschland als andersherum. Damit scheint jetzt erst einmal Schluss zu sein: Minus 11.239 Menschen weist das Statistische Bundesamt als Saldo f\u00fcr das vergangene Jahr aus.<\/p>\n<p>    Polen holt auf<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nNils Witte vom Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung sieht darin keinen statistischen Ausrei\u00dfer, eher eine logische Folge der Entwicklung im Nachbarland. Und die ist wirtschaftlich besser als die in Deutschland: &#8222;Das ist ja auch etwas, was in der Europ\u00e4ischen Union eigentlich so gew\u00fcnscht ist, dass sich die M\u00e4rkte nach und nach angleichen&#8220;, sagt Witte. &#8222;Und genau das passiert.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie polnische Wirtschaft holt auf zur deutschen. Und bei genauerer Betrachtung der Zahlen zeigt sich, wie sehr die Attraktivit\u00e4t Deutschlands gelitten hat. Witte stellt fest, &#8222;dass die Anzahl der Personen, die Deutschland Richtung Polen verlassen, konstant geblieben ist. Was sich ver\u00e4ndert hat: es kommen weniger Polen nach Deutschland.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDeutschen Arbeitgebern bereitet das Sorgen, halfen doch die Polen seit Jahren dabei, in vielen Branchen die Unterdeckung an Arbeitskr\u00e4ften zu lindern. In der Pflegebranche, auf dem Bau und in vielen anderen Bereichen.<\/p>\n<p>    Vorbild im Osten?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nIn Brandenburg arbeiten vergleichsweise viele Polen. Manche sind nach Deutschland umgezogen, viele aber pendeln einfach t\u00e4glich zur Arbeit. Doch es werde immer schwieriger f\u00fcr Arbeitgeber, polnische Angestellte anzuwerben, berichtet Andr\u00e9 Fritsche, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der IHK Cottbus.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWenn er vom Nachbarland redet, kann man den Eindruck bekommen, dass er ins Schw\u00e4rmen ger\u00e4t. &#8222;Polen ist weltweit jetzt auf Platz 20 der Weltwirtschaft.&#8220; Das Land sei inzwischen ganz klar &#8222;ein attraktiver Standort f\u00fcr viele, auch wieder zur\u00fcckzugehen&#8220;. Polen klingt bei Fritsche fast wie ein Vorbild f\u00fcr Brandenburg: &#8222;Das ist etwas, was auch wir nat\u00fcrlich hier in der Region wollen: dass die Menschen wieder zur\u00fcckkehren.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nIn Berlin zeigt Zbyszek Perzyna noch einmal auf die defekte Dusche: &#8222;Der letzte Fachmann war vor ungef\u00e4hr zehn, elf Jahren hier, hat sich das angeguckt und gesagt, er muss nochmal etwas aus dem Auto holen&#8220;, erz\u00e4hlt Perzyna und zuckt mit den Schultern. Sie w\u00fcrden noch heute auf ihn warten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mit Material von Magdalena Karpinska, WDR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 17.08.2025 05:50 Uhr Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren ziehen mehr Polen aus Deutschland zur\u00fcck&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":350971,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[29,30,13,14,15,3917,12,10,8,9,11,6781,55],"class_list":{"0":"post-350970","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-polen","14":"tag-schlagzeilen","15":"tag-top-news","16":"tag-top-meldungen","17":"tag-topmeldungen","18":"tag-topnews","19":"tag-vergleich","20":"tag-wirtschaft"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115042442605381072","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/350970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=350970"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/350970\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/350971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=350970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=350970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=350970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}