{"id":351518,"date":"2025-08-17T11:07:20","date_gmt":"2025-08-17T11:07:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/351518\/"},"modified":"2025-08-17T11:07:20","modified_gmt":"2025-08-17T11:07:20","slug":"adichies-dream-count-die-emotionale-wucht-von-verlust-und-neuanfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/351518\/","title":{"rendered":"Adichies &#8222;Dream Count&#8220;: Die emotionale Wucht von Verlust und Neuanfang"},"content":{"rendered":"<p><strong>Chia will Reiseschriftstellerin sein, Zikora Mutter und Omeologor blo\u00df keine Bankerin mehr. Und Kadi m\u00f6chte einfach nur, dass ihre Tochter ein gutes Leben hat. Nach zehn Jahren in den USA schauen die vier Frauen, welche Tr\u00e4ume sich erf\u00fcllt haben und wo es doch ganz anders gekommen ist.<\/strong><\/p>\n<p>Was haben Chiamaka, Omeologor, Zikora und Kadiatou gemeinsam? Sie sind Afrikanerinnen und sie leben ihre Tr\u00e4ume in den USA. Chia reist durch die Welt, verkauft ihre Artikel an Reisemagazine &#8211; und vergisst dabei oft zu erw\u00e4hnen, dass sie ihren Altbau in Washington, D.C. und die Erste-Klasse-Flugtickets ihrem Vater, einem nigerianischen &#8222;Big Man&#8220;, verdankt. <\/p>\n<p>Chias Cousine Omeologor hat das korrupte Bankgesch\u00e4ft in Abuja satt, das sie zur Million\u00e4rin gemacht hat und will sich in den USA den Traum von einer Promotion erf\u00fcllen. Zikora, Chias knallharte beste Freundin und Omeologors ewige Rivalin, lebt einen ganz anderen amerikanischen Traum. Als stets top gestylte Anw\u00e4ltin erklimmt sie die Karriereleiter und sucht nach dem richtigen Mann, nur um sich pl\u00f6tzlich als unverheiratete Single-Mom wiederzufinden. <\/p>\n<p>Und dann ist da noch Kadiatou, genannt Kadi, deren Traum es war, in ihrem guineischen Dorf zu bleiben und ihren Cousin zu heiraten. Kadi, die das Leben nach Amerika sp\u00fclt und die sich pl\u00f6tzlich als Opfer eines Mahlstroms wiederfindet, der ihr Verst\u00e4ndnis von der Welt \u00fcbersteigt. Doch in zehn Jahren kann viel passieren.<\/p>\n<p>Schwarz, aber nicht afroamerikanisch<\/p>\n<p>Doch die Handlung von &#8222;Dream Count&#8220; ist eher zweitrangig, sie m\u00e4andert durch diesen gro\u00dfen, aber auch etwas sperrigen Roman, spoilern kann man ihn kaum. Chimamanda Ngozi Adichie schreibt von starken Familienverb\u00e4nden und belehrenden Aunties. Und der Roman lebt von seinen Nebenfiguren: Zikoras Mutter zieht trotz sozialer Ausgrenzung bei ihrer Tochter ein, um den Jungen gro\u00dfzuziehen, den sie selbst nie bekommen hat. Chias wechselnde Partner erlauben Adichie einen Blick auf moderne M\u00e4nnlichkeit, w\u00e4hrend Chias Vater seine verw\u00f6hnte Tochter auf H\u00e4nden tr\u00e4gt und ihr unkonventionelles Leben duldet und finanziert. <\/p>\n<p>Und Omeologor findet sich nach dem Aus ihres Traumes ausgerechnet bei ihrer Freundin Hauwa wieder, die ihr die Welt der geheimen Sexpartys der reichen Hausfrauen von Abuja zeigt. Wer Adichie kennt, wei\u00df, dass der Autorin immer der zielsichere Griff vorbei am Klisch\u00e9e gelingt. Mit messerscharfer Perfektion beschreibt sie die Br\u00fcche ihrer Protagonistinnen, ihre wei\u00dfen Flecken, Glaubenss\u00e4tze und Untiefen.<\/p>\n<p>Adichies gro\u00dfem Talent und Handwerk ist es zu verdanken, dass sich das nie voyeuristisch liest. Sie kennt sich aus in ihren Welten, in den Igbo-D\u00f6rfern, den glitzernden nigerianischen Weltst\u00e4dten und unangenehmen Doppeldates mit der besten Freundin und ihrer neuen Flamme. Adichie wei\u00df, wie es ist, Schwarz zu sein, aber nicht afroamerikanisch. Sie lebt in den Zwischenwelten, die sie beschreibt und h\u00fcllt einen darin ein, bis man sich ganz geborgen f\u00fchlt, satt von all der Freundschaft und dem Jollof-Reis. Dabei f\u00fchrt sie ihre Figuren immer auch sanft vor, schwarze M\u00e4nner mit Allgemeing\u00fcltigkeitsanspruch und wei\u00dfe Frauen mit performativer Empathie, dazwischen die modernen, reichen Afrikanerinnen, von denen man nie wei\u00df, wo sie stehen, innerhalb der amerikanischen T\u00e4ter-Opfer Dynamik des transatlantischen Sklavenhandels.<\/p>\n<p>Adichie verschont ihre Protagonistinnen aber auch nicht mit der unbequemen Realit\u00e4t unseres Jahrzehnts. W\u00e4hrend Omeologor nach Abuja zur\u00fcckkehrt und die Corona-Pandemie sich im Hintergrund ausbreitet, wird Kadi Opfer eines \u00dcberfalls. Dieser ist dem echten Fall von Dominique Strauss-Kahn nachempfunden, der in einem Hotel ein Zimmerm\u00e4dchen sexuell angegriffen haben soll. <\/p>\n<p>Der echte Dominique Strauss-Kahn wurde zwar freigesprochen, doch Adichie g\u00f6nnt ihren Lesern hier nicht den Luxus des Zweifels. Wir erleben den Vorfall aus Kadis Perspektive, ungesch\u00f6nt, schonungslos und uneitel. Damit reiht sie sich ein in eine wachsende Riege von Autorinnen, die sexuelle Gewalt als Gewalt mit sexueller Dimension beschreiben und &#8211; so viel sei verraten &#8211; ihre Figuren daran weder zerbrechen noch wachsen lassen.<\/p>\n<p>Die Wunde der &#8222;Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit&#8220;<\/p>\n<p>Adichie ist seit ihrem Welthit &#8222;Americanah&#8220;, sp\u00e4testens aber seit sie Beyonc\u00e9 als &#8222;nicht meine Art von Feministin&#8220; bezeichnete, ein Superstar der internationalen Literaturszene und des Feminismus. Sie l\u00e4sst sich nie von einer Seite des politischen Spektrums vereinnahmen und prangert Korruption in Nigeria genauso an wie Rassismus in den USA. Wer einfache Antworten erwartet und solche Br\u00fcche nicht aushalten kann, ist bei ihr falsch. <\/p>\n<p>Die wirkliche Kraft von &#8222;Dream Count&#8220; aber liegt in Adichies Art zu schreiben. Ihre Sprache ist stets einpr\u00e4gsam und wundersch\u00f6n, wenn sie etwa schreibt: &#8222;Ich liebe den Zungenschlag des l\u00e4ndlichen Igbo, die direkten, schnoddrigen Gespr\u00e4che, die keinerlei Geduld mit Dummheit haben.&#8220; Dass diese Sprache auch im Deutschen klingt, dass die Igbo-Sprichw\u00f6rter, der afroamerikanische Slang und die englischen Witze im Deutschen genauso wirken, ist in diesem Fall einem \u00dcbersetzer-Duo zu verdanken. Dem erfahrenen \u00dcbersetzer Jan Sch\u00f6nherr, der auch andere afrikanische Autor*innen wie NoViolet Bulawayo und Scholastique Musonga \u00fcbersetzt, wurde hier die iranisch-deutsche Autorin Asal Dardan an die Seite gestellt.<\/p>\n<p>Und so ist &#8222;Dream Count&#8220; ein Buch nicht nur f\u00fcr eine afrikanische und amerikanische Leserschaft, sondern f\u00fcr alle, die sich schon einmal nicht richtig zugeh\u00f6rig gef\u00fchlt haben, die im komplexen Geflecht von Migration und Privilegien leben. F\u00fcr alle, die manchmal andere um ihren Reichtum beneiden, um ihre Sch\u00f6nheit und f\u00fcr alle, die schon einmal auf der falschen Party waren. Wer ein kluges und tr\u00f6stendes Buch lesen m\u00f6chte, das sich anf\u00fchlt wie ein Gespr\u00e4ch mit den Liebsten am K\u00fcchentisch, wo sich Klatsch und schwere Themen abwechseln, sollte &#8222;Dream Count&#8220; unbedingt eine Chance geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Chia will Reiseschriftstellerin sein, Zikora Mutter und Omeologor blo\u00df keine Bankerin mehr. 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