{"id":353478,"date":"2025-08-18T06:08:15","date_gmt":"2025-08-18T06:08:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/353478\/"},"modified":"2025-08-18T06:08:15","modified_gmt":"2025-08-18T06:08:15","slug":"65-jahre-pille-eine-erfindung-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/353478\/","title":{"rendered":"65 Jahre Pille: Eine Erfindung in der Krise?"},"content":{"rendered":"<p class=\"metatextline\">Stand: 18.08.2025 05:21 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Die Antibabypille feiert ihren 65. Geburtstag. Seit der Einf\u00fchrung auf den Markt gab es neben Lob auch Kritik. In den vergangenen Jahren nahmen immer weniger Frauen die Pille. Woran liegt das?<\/strong>\n    <\/p>\n<p>Von Wiebke Drescher, tagesschau\n                        <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEinst war sie ein Symbol f\u00fcr die Selbstbestimmung der Frau, heute wird sie zunehmend hinterfragt: die Antibabypille. Bis 2018 war sie das meistgenutzte Verh\u00fctungsmittel bei jungen Erwachsenen (18 bis 49 Jahre), doch heute hat das Kondom die Pille abgel\u00f6st. Das zeigen die Ergebnisse einer Befragung der <a href=\"https:\/\/www.bioeg.de\/fileadmin\/user_upload\/PDF\/pressemitteilungen\/daten_und_fakten\/Infoblatt_BZgA-Studiendaten_Verh%C3%BCtungsverhalten_2023.pdf\" title=\"BZgA Studie zu Verh\u00fctungsverhalten\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">Bundeszentrale f\u00fcr gesundheitliche Aufkl\u00e4rung (BZgA) von 2023<\/a>. Ein Hauptgrund f\u00fcr diesen Trend sind demnach ihre Nebenwirkungen.<\/p>\n<p>    Die Geburt der Antibabypille<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Idee, dem K\u00f6rper eine Schwangerschaft vorzut\u00e4uschen, entstand bereits in den 1920er-Jahren. In den 1950er-Jahren gelang es einem Forscherteam um den US-Endokrinologen Gregory Pincus, die Sexualhormone Progesteron und \u00d6strogen k\u00fcnstlich herzustellen. Progesteron unterdr\u00fcckt den Eisprung, w\u00e4hrend \u00d6strogen die Vertr\u00e4glichkeit verbessert.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nNach ethisch umstrittenen Tests an Frauen in Puerto Rico wurde das Produkt &#8222;Enovid&#8220; 1957 in den USA zugelassen. Zun\u00e4chst wurde es jedoch nur als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden f\u00fcr verheiratete Frauen mit mehreren Kindern verschrieben. Die empf\u00e4ngnisverh\u00fctende Wirkung wurde lediglich als Nebenwirkung im Beipackzettel erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAm 18. August 1960 wurde die Pille in den USA als offizielles Verh\u00fctungsmittel zugelassen. Ein Jahr sp\u00e4ter kam &#8222;Anvolar&#8220; in der Bundesrepublik auf den Markt, 1965 folgte das Pr\u00e4parat &#8222;Ovosiston&#8220; in der DDR, wo es 1972 f\u00fcr sozialversicherte Frauen sogar kostenlos war.<\/p>\n<p>    Der Mythos des &#8222;Pillenknicks&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEnde der 1960er-Jahre sank die Geburtenrate in der BRD von durchschnittlich 2,5 auf 1,5 Kinder pro Frau &#8211; der sogenannte Pillenknick. Doch heute wird dieser R\u00fcckgang nicht nur der Pille zugeschrieben. Vielmehr beeinflussten Wohlstand, neue Lebensmodelle wie Selbstverwirklichung und Erwerbst\u00e4tigkeit sowie die fehlende Kinderbetreuung die Familienplanung vieler Frauen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nIn der DDR war der R\u00fcckgang weniger drastisch, da Kinderbetreuung und Familienleistungen besser ausgebaut waren. Die Geburtenrate sank zwar auch hier, jedoch langsamer als im Westen.<\/p>\n<p>    Moralische Bedenken<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAnfangs wurde die Pille in Westdeutschland eher zur\u00fcckhaltend aufgenommen. Besonders die katholische Kirche f\u00fcrchteten eine F\u00f6rderung au\u00dferehelichen Geschlechtsverkehrs &#8211; ein Wertemodell, was nicht in die westdeutsche Gesellschaft passte. Die Medizinhistorikerin Sophia Wagemann von der Charit\u00e9 Berlin erkl\u00e4rt: &#8222;Der Einfluss des Katholizismus und konservative Werte waren in der BRD sehr stark, viele \u00c4rztinnen und \u00c4rzte verschrieben die Pille zun\u00e4chst z\u00f6gerlich.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nZudem sorgte der <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/contergan-urteil-opfer-100.html\" title=\"Neue Hoffnung f\u00fcr potenzielle Contergan-Opfer nach Urteil\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Contergan-Skandal<\/a> f\u00fcr Skepsis gegen\u00fcber neuen Medikamenten, sodass die breite Anwendung erst in den 1970er-Jahren in der BRD begann. In der DDR wurde die Pille positiv propagiert, was zu einer h\u00f6heren Akzeptanz f\u00fchrte.<\/p>\n<p>    Forderung nach Transparenz<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nBereits in den 1970ern und 1980ern wurde medizinisches Expertenwissen zunehmend hinterfragt. Dies f\u00fchrte zu verst\u00e4rkter Kritik an der Pille und der Forderung nach transparenter Aufkl\u00e4rung. Denn: &#8222;Eine gro\u00dfangelegte Studie zu den Nebenwirkungen der Pille zu vollziehen, die fand in der Form in der Bundesrepublik und der DDR in dem Zeitraum bis in die 80er-Jahre nicht statt&#8220;, so Wagemann.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nKritisiert wurden Krebs- und Thromboserisiko sowie psychosomatische Beschwerden. \u00c4hnlich wie heute gab es zudem &#8222;die Kritik, dass es vorschnell verabreicht wird, Nebenwirkungen nicht ernst genommen werden. Da hat sich heute gar nicht so viel ver\u00e4ndert&#8220;, so die Expertin.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAuch heute l\u00e4sst sich diese Skepsis feststellen. Subjektive Erfahrungen mit der Pille werden in sozialen Medien verbreitet, das Absetzen der Pille wird dort als &#8222;Befreiungsschlag&#8220; gefeiert, wie eine <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s00103-021-03431-9\" title=\"Studie: Sexuelle Gesundheitsinformation auf Social Media\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">Studie der TU Ilmenau<\/a> zeigt. Diese Plattformen seien zu einer Hauptquelle f\u00fcr kritische Informationen und pers\u00f6nliche Erfahrungsberichte geworden, hei\u00dft es in der Studie. Aber auch Wissen und Erfahrungsaustausch \u00fcber alternative Verh\u00fctungsmethoden wie die Kupferspirale verbreiten sich \u00fcber soziale Netzwerke.\u00a0<\/p>\n<p>    Die Nebenwirkungen der Hormone<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDas erh\u00f6hte Thromboserisiko ist die am besten untersuchte Nebenwirkung. Mit der Einnahme der Pille verdoppelt sich das Risiko mindestens. &#8222;Das h\u00f6rt sich dramatisch an, deshalb ist es wichtig die absoluten Zahlen zu kennen: Das Thromboserisiko bei Frauen ist gering, es liegt bei zwei bis vier pro 10.000. Eine Verdopplung erh\u00f6ht es &#8217;nur&#8216; auf sechs bis acht pro 10.000&#8220;, sagt Gyn\u00e4kologin Claudia Schumann-Doermer.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDas Risiko variiert je nach Pillenpr\u00e4parat. Die sogenannte Pille der zweiten Generation mit dem Gestagen LNG hat das geringste Thromboserisiko (f\u00fcnf bis sieben von 10.000 Frauen), w\u00e4hrend es bei der neueren vierten Generation bei neun bis 12 von 10.000 liegt. Die Zusammensetzung von \u00d6strogen und Gestagen ist hier entscheidend: \u00d6strogene verbessern zwar die Vertr\u00e4glichkeit, erh\u00f6hen aber das Thromboserisiko. Pillen mit h\u00f6heren Gestagenanteilen sind wiederum nicht so vertr\u00e4glich.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nEin m\u00f6glicher Zusammenhang zwischen der Pille und Depressivit\u00e4t wird ebenfalls diskutiert. Eine <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/epidemiology-and-psychiatric-sciences\/article\/populationbased-cohort-study-of-oral-contraceptive-use-and-risk-of-depression\/B3C611DD318D7DC536B4BD439343A5BD\" title=\"Population-based cohort study of oral contraceptive use and risk of depression\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">d\u00e4nische Kohortenstudie von 2023 <\/a>fand einen deutlichen Zusammenhang bei j\u00fcngeren Frauen, die Ergebnisse seien jedoch kein eindeutiger Beweis, da man die sozialen Umst\u00e4nde der Frauen nicht kenne, sagt Schumann-Doermer. Frauen sollten dennoch vor Einnahme nach depressiven Vorerkrankungen gefragt und eng betreut werden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDoch eine Pille ohne Nebenwirkungen wird es wohl nie geben. &#8222;Wenn man in den hormonellen Zyklus eingreift, dann muss es Nebenwirkungen geben &#8211; sowohl psychisch als auch k\u00f6rperlich. Die k\u00f6nnen positiv und negativ sein&#8220;, sagt Schumann-Doermer.<\/p>\n<p>    Alternativen zur hormonellen Verh\u00fctung<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Pille gilt als sehr sichere Verh\u00fctung. Dennoch suchen viele Frauen zunehmend hormonfreie Alternativen. Deshalb haben Fach\u00e4rztegesellschaften zwei Leitf\u00e4den erstellt, um \u00fcber die <a href=\"https:\/\/register.awmf.org\/de\/leitlinien\/detail\/015-015\" title=\"Leitlinie hormonelle Verh\u00fctungsmittel\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">hormonelle Verh\u00fctung <\/a>sowie <a href=\"https:\/\/register.awmf.org\/assets\/guidelines\/015-095p_S2k_Nicht-hormonelle-Empfaengnisverhuetung_2025-03.pdf\" title=\"Leitfaden hormonfreie Verh\u00fctung\" class=\"textlink--extern js-link-dialog\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\" data-type=\"external\">Alternativen<\/a> zu informieren.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nGyn\u00e4kologin Schumann-Doermer ist selbst Mitglied im Beirat der Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe und hat an der Leitlinie mitgearbeitet. Sie hofft, dass die Empfehlungen auch angenommen werden: &#8222;Ich w\u00fcnsche mir, dass meine Fachgesellschaft akzeptiert, dass M\u00e4dchen und Frauen nach Alternativen zur Pille suchen und sie dann so ber\u00e4t, dass sie mit den Alternativen gut zurechtkommen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 18.08.2025 05:21 Uhr Die Antibabypille feiert ihren 65. Geburtstag. 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