{"id":353495,"date":"2025-08-18T06:18:10","date_gmt":"2025-08-18T06:18:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/353495\/"},"modified":"2025-08-18T06:18:10","modified_gmt":"2025-08-18T06:18:10","slug":"wenzel-und-band-in-dresdner-saloppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/353495\/","title":{"rendered":"Wenzel und Band in Dresdner Saloppe"},"content":{"rendered":"<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Dresden. Furiose Geschichten alter wei\u00dfer Wittenberger M\u00e4nner geh\u00f6ren erz\u00e4hlt. So tu es auch jener Wenzel, der schon im Osten geh\u00f6rig den Apparat stach \u2013 und nun, Ironie des Schicksals, wieder den M\u00e4chtigen nicht passt. Er bewies am Sonnabend \u2013 auf Einladung des Neust\u00e4dter Kultkinos Schauburg just 16 Tage nach seinem 70. Geburtstag \u2013 in der rappelvollen Sommerwirtschaft Saloppe seine unersch\u00f6pfliche wie hehre Bardenkraft und bot einen gelungenen Abend in schwelgender Erinnerung samt akutem Aufruhrbedarf.<\/p>\n<p>Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Als Intro eine Version der neuen Hymne, dann betritt Hans-Eckardt Wenzel, wie ehedem in ranker Gestalt, aber nicht mehr so langhaarig, das Podium f\u00fcr ein Heimspiel besonderer Art. W\u00e4hrend unten in der Stadt Rummel, Purpur und Bummbumm dominierte, ging es hier oben am Elbhang dezent zu, selbst im Fankult, der sich sonst gern in Parolen auf Klamotten spiegelt: hier mal ein Elch und etliche geringelte Matrosenhemden, ansonsten kaum Bekundungen.<\/p>\n<blockquote><p>An meinen Schultern h\u00e4ngt die Nacht<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"Quotestyled__Author-sc-q277fq-1 hfNZxo\">Titel eines Gedichtbandes von Wenzel<\/p>\n<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Gut bewahrte sieben Dekaden Lebenserfahrung, damit ein wenig mehr als der gef\u00fchlte Publikumsdurchschnitt, bedeutet auch f\u00fcr ihn: die kurze DDR-Wendezeit quasi just als eine Art Halbzeitpause zu sehen, was ihn \u2013 den Komponisten, Autor, Regisseur und Liedermacher \u2013 behaupten lie\u00dfe, zwei Systeme erlitten und durchschaut zu haben. Er beschenkte sich selbst mit einem Poesiealbum namens \u201eAn meinen Schultern h\u00e4ngt die Nacht\u201c mit 86 frischen Gedichten und mit einer neuen Scheibe namens \u201eStrandgut der Zeiten\u201c, auf der die Jubil\u00e4umstournee, die am Geburtstagsabend im Ostberliner Admiralspalast startete, fu\u00dft.<\/p>\n<p>Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Es zeigt nicht nur bekannte musikalische Qualit\u00e4ten, sondern die tiefen Wurzeln (\u201eLest Becher und Brecht!\u201c) neben dem \u00c4sthetikabschluss und die ambivalente Sozialisation zwischen Clown und Narr (ohne Hof). Wobei bei Wenzel, hier wieder mit rauchiger Stimme und furiosen, dialektisch ausgebufften Zwischentexten, immer eine gro\u00dfe Melancholie mitsummt, bei der die Klaviatur des Zaubers und der Verg\u00e4nglichkeit von Leben und Liebe (sowie Liebesleben und -leiden) den Ton angibt.<\/p>\n<p>Arbeit mit Steffen Mensching<\/p>\n<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Im Prinzip ist er sich dabei seit 1976, als das Liedertheater Karls Enkel f\u00fcr Furor sorgte, treu. Er war nicht nur einer der (drei) f\u00fchrenden K\u00f6pfe der wichtigen Resolution der DDR-Musiker, was am 18. September 1989 durchaus mutig war, sondern fabrizierte von 1982 bis 1990 mit Steffen Mensching (seit 2008 Intendant in Rudolstadt) Neues, Altes und dann auch \u201eLetztes aus der Da Da eR\u201c, woraufhin diese dann endg\u00fcltig erlosch. 2019 las der Becher- und Heine-Preistr\u00e4ger per \u201eDie misslungene Erziehung des Menschengeschlechts\u201c sogar Lessings Kamenz per Rede die Leviten.<\/p>\n<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Seine K\u00fcnstlerbilanz ist seit der 86er Amiga-Platte \u201eStirb mit mir ein St\u00fcck\u201c derma\u00dfen reich an Perlen, dass man sich darauf konzentrieren kann, was er hier bietet und nun als eine Art Zwischenbilanz als erlesenes Strandgut vibrierend in Hirn und Herz einsickert: eine Version vom Woody-Guthrie-Revival (\u201eDie Geduld der Ozeane\u201c), sein Brecht-Sonett Nr. 19, seine sibirische Speedpolka \u2013 wobei nat\u00fcrlich schon zum Start \u201eDie Hoffnung im Eimer\u201c ist. Am lebhaftesten schwingt die alte haftende Sehnsucht nach einer besseren, also schlicht gerechteren Welt bei \u201eAn den Kindertischen\u201c mit, wo er bei gro\u00dfen Festen sitzen mag, um noch tr\u00e4umen zu d\u00fcrfen. Davor erinnert er sich an sein Bild aus der zweiten Klasse, wo er sich das Jahr 2000 als lichte Zukunft vorstellte \u2013 heute undenkbar.<\/p>\n<p>Wenzel im Dezember wieder hier<\/p>\n<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Wenzels Band, mit Hannes Scheffler und Thommy Krawallo an den Elektrogitarren sowie Manuel Abreu an Trompete sowie Jason Liebert an Posaune und Susaphon gut besetzt, gew\u00e4hrt Schlagzeuger Stefan Dohanetz, vor kurzem noch beim Pankow-Abschied in der Tante JU gefeiert, einen Platz vorn rechts. Und er darf gar bis \u201e\u00f6lf\u201c z\u00e4hlen, ehe die Band millisekundentaktgenau einf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p class=\"Textstyled__Text-sc-1cqv9mi-0 cLyiiX\">Der selbstreferenzielle Pazifistenblues gleicht \u2013 erg\u00e4nzend zu den eloquenten Erz\u00e4hlungen \u00fcber akute Problemzonen menschlicher Vernunft eine Anklage der medialen Hypermoral als Form postmoderner Hybris \u2013 einer Ode an das widerborstige K\u00fcnstlerleben und zeigt: Da ist gar keine Ironie mehr, sondern nur noch Schicksal. Derart kommt Wenzel schon am 12. Dezember wieder nach Dresden, dann direkt in die Schauburg. Aber zuvor, schon am 12. bis 21. September, folgen weitere Heimspiele in der N\u00e4he: in der Leipziger Parkb\u00fchne, der KuFa zu HoyWoy und im Freiberger Tivoli.<\/p>\n<p class=\"Editorialstyled__Editorial-sc-5u8rgl-0 cBUuy\">DNN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dresden. 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