{"id":355560,"date":"2025-08-19T01:36:11","date_gmt":"2025-08-19T01:36:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/355560\/"},"modified":"2025-08-19T01:36:11","modified_gmt":"2025-08-19T01:36:11","slug":"anja-kampmann-schreibt-roman-die-wut-ist-ein-heller-stern-ueber-die-ns-zeit-im-reeperbahn-milieu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/355560\/","title":{"rendered":"Anja Kampmann schreibt Roman &#8222;Die Wut ist ein heller Stern&#8220; \u00fcber die NS-Zeit im Reeperbahn-Milieu"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\n<a name=\"Rotlichtmilieu\">Es<\/a> gibt viele B\u00fccher \u00fcber die Hitlerjahre. Das Besondere am Roman von Anja Kampmann ist die Erz\u00e4hlperspektive, der \u00e4u\u00dferst subjektive, auf Details gerichtete Blickwinkel ihrer ungew\u00f6hnlichen Heldin. Hedda ist im Schausteller- und Rotlichtmilieu des Hamburger Hafenviertels zu Hause. Die Au\u00dfenseiterin, die sich aus gro\u00dfer Armut herausgek\u00e4mpft hat und die sich nicht zurechtstutzen und in vorgegebene Rollenmuster zw\u00e4ngen lassen will, bekommt deutlicher als viele andere den zunehmenden Druck des Naziregimes zu sp\u00fcren.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Ich wollte eine Stimme, die eine gro\u00dfe Lebendigkeit hat.<\/p>\n<p>Anja Kampmann<br \/>\nAutorin von &#8222;Die Wut ist ein heller Stern&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\nHamburg sei nach der <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/geschichte\/weitere-epochen\/weimarer-republik\/goldene-zwanziger-babylon-berlin-100.html\" title=\"So waren die &quot;Goldenen Zwanziger&quot; wirklich\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Weltwirtschaftskrise<\/a> sehr arm gewesen und es habe viele Frauen gegeben, die einfach hungern mussten, berichtet die Autorin Kampmann, &#8222;Und viele von denen haben dann eben das Einzige verkauft, was sie noch hatten, ihren <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/thueringen\/prostitution-sex-gesetz-beratungsstelle-100.html\" title=\"Sexarbeit in Th\u00fcringen: Ein Job zwischen Verboten und Vorurteilen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">K\u00f6rper<\/a>\u201c. Ab 1933 seien diese dann kriminalisiert worden, wurden in Heime gesperrt, zur Arbeit gezwungen und auch <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/geschichte\/ns-zeit\/politik-gesellschaft\/zwangssterilisation-euthanasie-gesetz-zur-verhuetung-erbkranken-nachwuchses-pirna-sonnenstein100.html\" title=\"Nationalsozialsmus: Zwangssterilisation im Dritten Reich \" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zwangssterilisiert<\/a>, so Kampmann. &#8222;Ich wollte eine Stimme finden, die davon erz\u00e4hlt, aber die vor allem eine starke Lebendigkeit hat.\u201c\n<\/p>\n<p><a name=\"Wut\">Wut<\/a> und Wehrlosigkeit im Hamburg der 30er-Jahre<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Autorin ist sehr nah bei ihrer Hauptfigur. Sie erkl\u00e4rt und umschreibt nicht, wie sich Heddas Leben in den Jahren bis 1937 ver\u00e4ndert, welche Alltagssorgen ihr zusetzen. Sie schafft vielmehr einen Raum f\u00fcr die ungemein pr\u00e4zisen Wahrnehmungen der jungen Frau.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Es ist Zeit, dass man diese Frauen mal h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Anja Kampmann<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\nHedda \u00fcberblickt und ahnt nicht, was auf sie zukommt. Sie lebt von Tag zu Tag, angetrieben von Unruhe, Hoffnung und Widerstandsgeist. Naiv ist sie keineswegs. &#8222;Jetzt kommen sie mit ihrem Rasselineal, das sie an alle anlegen&#8220;, sinniert sie. &#8222;Wer jetzt noch bleiben will, muss ein bisschen deutschen Acker in sich tragen. Dumpfes Blut. Die g\u00e4hnende Leere der Marsch.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nHedda empfindet Wut, Bitternis und Wehrlosigkeit \u2013 erst recht als ihr Geliebter, ein Kommunist, von den Nazis ermordet wird. Aber sie ist auch voller Zuneigung, Z\u00e4rtlichkeit und F\u00fcrsorge \u2013 vor allem f\u00fcr Pauli, ihren <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/thueringen\/ost-thueringen\/jena\/ns-euthanasie-opfer-nazi-hitler-uni-jena-forschung-100.html\" title=\"Ermordet und verschwiegen: Jenaer Forschungsprojekt erinnert an Opfer der NS-&quot;Euthanasie&quot; in Th\u00fcringen&#009; \" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">behinderten<\/a> kleinen Bruder, den sie retten will.\n<\/p>\n<p>Bewusster Einsatz von Sprache<\/p>\n<p class=\"text\">\nKampmann hat als Lyrikerin deb\u00fctiert. Ihre Prosa pr\u00e4gt ein hochbewusster Umgang mit Sprache. Der Roman wird nicht durch den Plot bestimmt. Kampmann geht es darum, den Moment einzufangen und zum Leuchten zu bringen. Das gelingt durch knappe und pr\u00e4zise S\u00e4tze, eine oft vieldeutige und emotionale Sprache.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nBeim Schreiben geht es ihr um eine bestimmte Intensit\u00e4t, sagt Kampmann. Sie will nicht detailliert die Inneneinrichtung oder die Verbindungen der Menschen beschreiben, &#8222;dieser erkl\u00e4rende Ton f\u00e4llt weg zugunsten von Bildern, die sehr stark aus der Innensicht dieser Figur kommen, von Hedda kommen\u201c, schildert sie.\n<\/p>\n<p><a name=\"Opfer\">Vergessene<\/a> Opfer der NS-Zeit<\/p>\n<p class=\"text\">\nZu diesen inneren Bildern geh\u00f6rt ein Keiler. Er ist eine Fantasie- und Schreckensgestalt, die \u00fcberall lauert. Das Wildschwein ist die Inkarnation eines Systems, das immer bedrohlicher und raumgreifender wird, das Hedda und ihre Welt immer weiter ins Abseits dr\u00e4ngt und \u2013 so die Angst der Ich-Erz\u00e4hlerin \u2013 schlie\u00dflich in die Vergessenheit.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nEine nur allzu begr\u00fcndete Bef\u00fcrchtung. &#8222;Jetzt, im Jahr 2025, im Februar, wurde das erste Mal ein Antrag im Bundestag gestellt, dass man diese Frauen \u00fcberhaupt als Opfer anerkennt&#8220;, sagt Kampmann. Es macht sie w\u00fctend: &#8222;Sie haben das ihr ganzes Leben lang nicht mehr erlebt. Es ist Zeit, dass man sie mal h\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt viele B\u00fccher \u00fcber die Hitlerjahre. 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