{"id":356026,"date":"2025-08-19T06:24:12","date_gmt":"2025-08-19T06:24:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/356026\/"},"modified":"2025-08-19T06:24:12","modified_gmt":"2025-08-19T06:24:12","slug":"das-verschollene-tagebuch-des-will-quadflieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/356026\/","title":{"rendered":"Das verschollene Tagebuch des Will Quadflieg"},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_kultur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/literatur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"3_literatur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Literatur<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 19.08.2025, 08:02 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/39368147-schauspieler-will-quadflieg-3Yfe.jpg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"619\" width=\"1100\" alt=\"Schauspieler Will Quadflieg\"\/>Will Quadflieg hatte nach dem Zweiten Weltkrieg eine gro\u00dfe Schauspielkarriere &#8211; doch deren Anf\u00e4nge lagen in der NS-Zeit. (Archivbild). \u00a9\u00a0Werner Baum\/dpa<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">Der Schauspieler Will Quadflieg war ein Nachkriegsstar. Seine Karriere aber begann er in der NS-Zeit. Wie passt das zusammen? Seine Tochter sucht Antworten &#8211; in einem neuen Buch.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Berlin &#8211; Alles liegt in Tr\u00fcmmern in jenem Sommer vor 80 Jahren. Deutschlands Diktator hat sich umgebracht, das sogenannte Dritte Reich hat kapituliert nach einem Weltkrieg mit Abermillionen Toten. Die entsetzten Sieger zeigen Bilder von Befreiten aus den NS-Lagern. Hunderttausende Entwurzelte irren durchs Land der Ruinen. Und mitten in diesen Wirren: der ber\u00fchmte Schauspieler Will Quadflieg auf der Suche nach einem Neuanfang.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">\u201eNeues k\u00fcndigt sich an, in vielerlei Weise, und es ist kaum in wenige Worte zu fassen\u201c, schreibt Quadflieg am 8. Juli 1945 im holsteinischen Heiligenhafen in sein Tagebuch. \u201eEs wird wohl hier mitten im \u00e4u\u00dferlichen Zusammenbruch die neue Arbeit beginnen mit dem deutschen Herzdrama: Faust. Ich werde zun\u00e4chst den Mephisto spielen.\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Quadfliegs Tochter Roswitha hat dieses bis dahin unbekannte Tagebuch des Schauspielstars, gef\u00fchrt vom Fr\u00fchjahr 1945 bis zum Herbst 1946, im Nachlass ihrer Mutter entdeckt. \u201eEine kleine Sensation\u201c, findet die in Berlin lebende Schriftstellerin und K\u00fcnstlerin. Sie hat unter anderem Michael Endes Bestseller \u201eDie unendliche Geschichte\u201c illustriert und selbst etwa 20 B\u00fccher verfasst.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/39368148-roswitha-quadflieg-R6BG.jpg\" loading=\"lazy\"   height=\"732\" width=\"1100\" alt=\"Roswitha Quadflieg\"\/>Roswitha Quadflieg, Schriftstellerin, im Sommer 2025 in Berlin. \u00a9\u00a0Katharina Kausche\/dpa<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Beschrieben wird eine Lesereise in den letzten Kriegstagen &#8211; und der scheinbar bruchlose \u00dcbergang in die Zeit danach. Die Tochter nutzt die Vorlage f\u00fcr einen sp\u00e4ten Dialog mit ihrem 2003 im nieders\u00e4chsischen Osterholz-Scharmbeck gestorbenen Vater.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">In ihrem Buch \u201eIch will lieber schweigen\u201c stellt die 75-j\u00e4hrige Autorin die gro\u00dfen Fragen. Wie macht man nach einer solchen Katastrophe \u00fcberhaupt weiter? Wo beginnt Opportunismus? Und was h\u00e4tte ich getan?<\/p>\n<p>\u201eIch wurde gef\u00f6rdert\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Will Quadflieg ist am Kriegsende Anfang 30. Seine gro\u00dfe Zeit kommt erst noch. Ab Ende der 40er Jahre spielt er in Hamburg, Z\u00fcrich oder Wien Goethe, Schiller, Shakespeare. In den 50er Jahren ist er \u201eJedermann\u201c in Salzburg. Er macht Filme, spricht Schallplatten ein, tritt im Fernsehkrimi \u201eDer Kommissar\u201c auf und sp\u00e4ter im Mehrteiler \u201eDer gro\u00dfe Bellheim\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/39368149-goethes-faust-mit-gruendgens-und-quadflieg-O2BG.jpg\" loading=\"lazy\"   height=\"812\" width=\"1100\" alt=\"Goethes &quot;Faust&quot; mit Gr&#xFC;ndgens und Quadflieg\"\/>Kurz nach dem Krieg spielte Will Quadflieg zun\u00e4chst den Mephisto, sp\u00e4ter aber den Faust in Goethes Klassiker. (Archivbild) \u00a9\u00a0Gerd Herold\/dpa<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Begonnen aber hat seine Karriere in der Nazi-Zeit. \u201eEr war einer der aufsteigenden Jungstars\u201c, sagt der Historiker Johannes H\u00fcrter vom M\u00fcnchner Institut f\u00fcr Zeitgeschichte, Leiter eines Forschungsprojekts zum NS-Film. Nach seinem Filmdeb\u00fct 1938 habe Quadflieg schnell Hauptrollen bekommen, oft als sensibler, nachdenklicher junger Mann und Frauenschwarm. Zweimal gibt sich der Darsteller f\u00fcr Propagandafilme her, einer gegen Gro\u00dfbritannien und ein weiterer gegen die Sowjetunion.<\/p>\n<p>Der Vater, eine \u201efremde Person\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Will Quadflieg spricht \u00fcber die NS-Zeit sp\u00e4ter selbstkritisch. \u201eIch musste nicht emigrieren, ich wurde nicht verfolgt, sondern gef\u00f6rdert\u201c, sagt er einmal. Und auch dies: \u201eIch geh\u00f6re auch dazu, auch ich bin ein Mitl\u00e4ufer gewesen.\u201c Diese Selbstreflexion, das schlechte Gewissen, sei f\u00fcr K\u00fcnstler in der Nachkriegszeit ungew\u00f6hnlich gewesen, sagt H\u00fcrter.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Roswitha Quadflieg hinterfragt diese Reue. Sie ist die J\u00fcngste von den f\u00fcnf Kindern Quadfliegs mit der Schwedin Benita von Vegesack. Ihren Vater kannte sie nach eigenen Worten oberfl\u00e4chlich, zumal sich ihre Eltern Anfang der 60er Jahre trennten.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Hatte sie ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu ihm? \u201eIch hatte gar kein Verh\u00e4ltnis\u201c, sagt Roswitha Quadflieg. In ihrer Kindheit spielte der viel reisende Theaterstar kaum eine Rolle. \u201eDieser Vater war ja eine fremde Person.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/39368150-roswitha-quadflieg-PoBG.jpg\" loading=\"lazy\"   height=\"732\" width=\"1100\" alt=\"Roswitha Quadflieg\"\/>Roswitha Quadflieg hat das Buch \u201eIch will lieber schweigen &#8211; Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945\/46 und die Fragen seiner Tochter\u201c \u00fcber ihren Vater Will Quadflieg herausgebracht. \u00a9\u00a0Katharina Kausche\/dpaVater war \u201ekein Nazi\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Klar ist in der Familie, dass der Vater \u201ekein Nazi\u201c war. Das sagt Roswitha Quadflieg bis heute: \u201eDer hat ja nicht gesagt: &#8222;Hitler war super und das war alles toll.&#8220;\u201c Nach eigenem Verst\u00e4ndnis war er unpolitisch, ein K\u00fcnstler, der allen Umst\u00e4nden zum Trotz seinen Beruf aus\u00fcben will.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">In diesem Punkt erinnert die Geschichte an den Regisseur G.W. Pabst, dem der Schriftsteller Daniel Kehlmann seinen Roman \u201eLichtspiel\u201c gewidmet hat. Gefangener und zugleich Nutznie\u00dfer des NS-Regimes, eingebunden von den dunklen M\u00e4chten. \u201eWir k\u00f6nnen uns das nicht vorstellen, diese Mischung aus Repression und Entfaltungsm\u00f6glichkeit\u201c, sagt Historiker H\u00fcrter.<\/p>\n<p>\u201eDiese Denke aufgesogen\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">An Will Quadflieg ging das aus Sicht seiner Tochter nicht spurlos vorbei. \u201eEr hat eben doch diese Denke aufgesogen, diese Nazi-Denke, diese Herabw\u00fcrdigung anderer, also diese Herrenmenschenhaltung\u201c, sagt die Autorin nach Auswertung des Tagebuchs und vieler Briefe. \u201eDas hat mich gewundert.\u201c An einer Stelle l\u00e4sst er vage Bewunderung f\u00fcr die SS erkennen, an einer anderen \u00e4u\u00dfert er sich abf\u00e4llig \u00fcber Polen oder zumindest missverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Und wie viele andere sieht er Deutschland nach den Bombardements und der Zerst\u00f6rung als Opfer der Alliierten. \u201eDie armen Deutschen\u201c, das sei auch die Haltung ihres Vaters gewesen, sagt Roswitha Quadflieg. Als K\u00fcnstler empfand sich Will Quadflieg nach ihrer Einsch\u00e4tzung als \u201eVertreter der Guten\u201c, auf der Seite von deutscher Sprache, Dichtung und Denken: \u201eIch geh\u00f6re ja nicht zu denen da unten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin Minist\u00fcck Zeitgeschichte\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Roswitha Quadflieg ringt mit den Erkenntnissen aus dem Tagebuch und den Briefen ihrer Eltern, die sie mit Hilfe anderer Quellen akribisch nachrecherchiert und verglichen hat. Das Tagebuch ist f\u00fcr sie auch Liebesbrief an ihre Mutter, die sich mit ihren Kindern 1945 zeitweise aus dem kriegszerst\u00f6rten Berlin nach Schweden in Sicherheit gebracht hat. Aber es sei auch ein \u201eMinist\u00fcck Zeitgeschichte, ein winziges St\u00fcck aus dieser gro\u00dfen Torte, die man Geschichte nennt\u201c, sagt Roswitha Quadflieg.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Ihr sei es nicht darum gegangen, ihren Vater vom Sockel seines Ruhms zu holen. \u201eVergolden m\u00fcssen wir den nicht weiter, aber wir m\u00fcssen auch nicht am Lack kratzen\u201c, sagt sie. Es gehe eher um die \u201eKomplementierung einer Figur\u201c: Was steckt alles drin in diesem Menschen?<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">80 Jahre nach jenem ersten Nachkriegssommer will die Tochter auch nicht Besserwisserin sein und ihren Vater aus heutiger Situation anklagen. Sie selbst sei ja auch nicht politisch engagiert, obwohl nicht klar sei, wo jetzt alles hinsteuere. \u201eIch sitze hier auf der Terrasse\u201c, sagt sie in ihrer Dachgeschosswohnung in Berlin-Mitte. \u201eMich fragt niemand, warum ich das hier mache. Mir wirft niemand vor, dass jetzt die Welt brennt, um uns herum.\u201c dpa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Kultur Literatur Stand: 19.08.2025, 08:02 Uhr DruckenTeilen Will Quadflieg hatte nach dem Zweiten Weltkrieg eine gro\u00dfe Schauspielkarriere&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":356027,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-356026","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115054004166836586","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/356026","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=356026"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/356026\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/356027"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=356026"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=356026"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=356026"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}