{"id":357217,"date":"2025-08-19T17:30:30","date_gmt":"2025-08-19T17:30:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/357217\/"},"modified":"2025-08-19T17:30:30","modified_gmt":"2025-08-19T17:30:30","slug":"10-jahre-fluechtlingssommer-die-fehler-duerfen-sich-nicht-wiederholen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/357217\/","title":{"rendered":"10 Jahre Fl\u00fcchtlingssommer: Die Fehler d\u00fcrfen sich nicht wiederholen"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Als der \u201e<a href=\"https:\/\/taz.de\/Neues-Heim-in-Berlin-Marzahn\/!5215745\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Damm<\/a>\u201c brach, war ich gerade zw\u00f6lf Jahre alt. Ich lebte mit meiner Familie in einer mittel\u00adgro\u00dfen deutschen Stadt. Damals, 2015, h\u00f6rte ich von der \u201e<a href=\"https:\/\/taz.de\/Landtagswahlen-im-Osten\/!6029856\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Welle<\/a>\u201c, die auf uns zusteuere: im Fernsehen, im Radio, in der Schule und nicht zuletzt in meiner eigenen Familie. Erst viel sp\u00e4ter verstand ich, dass die \u201eWelle\u201c Menschen waren und der \u201eDamm\u201c die deutsche Grenze.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Als die aus Syrien, Afghanistan und dem Irak fl\u00fcchtenden Menschen die St\u00e4dte und \u00adKommunen erreichten, hatte ich den Eindruck, dass der Spruch <a href=\"https:\/\/taz.de\/Fuenf-Jahre-Wir-schaffen-das\/!5704766\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eWir schaffen das!\u201c<\/a> ziemlich schnell in den Slogan \u201e2015 darf sich nicht wiederholen\u201c m\u00fcndete. Kurzzeitig herrschte Willkommenskultur, ehe recht schnell \u00fcberlegt wurde, wie man die Leute wieder loswerden k\u00f6nne.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Das Bild von der \u201eWelle\u201c pr\u00e4gte die Gespr\u00e4che. Unaufhaltsame Menschenmassen, in denen die deutsche Bev\u00f6lkerung ertrinken k\u00f6nnte. Rechte Diskurse machten die Runde, Gefl\u00fcchtete wollten gar nicht arbeiten und w\u00fcrden den Deutschen gleichzeitig die Jobs wegnehmen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Diese diffuse Furcht drang bis zu meiner, selbst migrantischen Familie durch, stets getreu dem Motto: Wir haben uns die Existenz in Deutschland verdient, die anderen sind blo\u00df Eindringlinge \u2013 2015 darf sich nicht wiederholen.<\/p>\n<p>      Was war richtig, und was falsch?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">In den folgenden Jahren fand ich mich unter Linken wieder, die ihre Solidarit\u00e4t mit den Gefl\u00fcchteten und das Gebot der Menschlichkeit hochhielten. Ich bemerkte aber ein Unbehagen. Es lag die Angst in der Luft, den rassistischen Diskurs zu best\u00e4tigen, und deshalb traute man sich nicht, politische Entscheidungen im Zusammenhang mit der Aufnahme der Menschen zu kritisieren. Dabei w\u00e4re es doch so wichtig, zu diskutieren, was an dem Satz \u201e2015 darf sich nicht wieder\u00adholen\u201c falsch und was daran aber auch richtig ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Das \u00fcberw\u00e4ltigende ehrenamtliche Engagement beispielsweise war sehr richtig. In meiner Schule entstanden neue Klassen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, und in meiner Heimatstadt wurden zahlreiche Hilfsvereine von Freiwilligen gegr\u00fcndet, die nach einem langen Arbeitstag Veranstaltungen und Begegnungsr\u00e4ume f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und Ein\u00adwoh\u00adne\u00adr*in\u00adnen organisierten. Noch bevor Gefl\u00fcchtete Platz in offiziell bereitgestellten Sprachkursen fanden, unterst\u00fctzten Ehrenamtliche in den Kommunen sie bereits beim Deutschlernen, <a href=\"https:\/\/www.proasyl.de\/news\/wie-asylgesetze-und-behoerdenpraxis-ehrenamtliche-fluechtlingshilfe-erschweren\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">wie Pro Asyl<\/a> berichtete.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">Der Eindruck, dass \u00fcberforderte Hel\u00adfe\u00adr*in\u00adnen sich um Ein\u00adwan\u00adde\u00adr*in\u00adnen k\u00fcmmerten, weil es sonst keiner tat, breitete sich auch in meiner Familie aus. Wie konnte es sein, fragten sie sich, dass ein so fortschrittliches Land an der Unterbringung und Versorgung dieser Menschen scheitert? Sie folgerten daraus, die Welle sei einfach zu gro\u00df gewesen. Trotz ihrer eigenen Herkunft gelang es ihnen nicht, Empathie f\u00fcr Mi\u00adgran\u00adt*in\u00adnen aufzubringen. Zu sehr hatten sie sich von der Flut, die vor allem in ihren K\u00f6pfen lebte, mitrei\u00dfen lassen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Statt ihre Entt\u00e4uschung in eine politische Kritik an den Ent\u00adschei\u00addungs\u00adtr\u00e4\u00adge\u00adr*in\u00adnen zu kanalisieren, lehnten sie die Aufnahme von Gefl\u00fcchteten bald kategorisch ab. Hinter ihrem gescheiterten Versuch, Verantwortliche auszumachen, wird eine wichtige Kritik am Staat deutlich, die es, auch von links, auszuformulieren gilt: Im gesamten Bundesgebiet spielten Einzelne aus der Zivilgesellschaft die Rolle des Staates. Sie sprangen ein, wo Politik versagte, wo Strukturen und hauptamtliches Personal fehlten oder \u00fcberlastet waren. Auf Hilfe vom Staat warteten sie in den Kommunen oft vergeblich.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">Dass die Migration 2015 <a href=\"https:\/\/taz.de\/Fluechtlingshelfer-an-der-Belastungsgrenze\/!5237165\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">auf den Schultern von Freiwilligen lastete,<\/a> darf sich auf keinen Fall wiederholen. Die Wut meiner Familie richtet sich heute weiterhin gegen Gefl\u00fcchtete, meine eigene gegen das Versagen der Politik. Eine Perspektive, die sich f\u00fcr die Rettung von Gefl\u00fcchteten einsetzt, darf sich einer Kritik am chaotischen Zustand von 2015 nicht entledigen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"11\">Die Aufarbeitung von 2015 hat ein \u00e4hnliches Problem wie die Aufarbeitung der Coronapandemie. In pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen erlebte ich damals Linke, die am Sinn einzelner Coronama\u00dfnahmen zweifelten. Aber das offen auszusprechen, traute man sich nicht, aus Angst, als Co\u00adro\u00adnal\u00adeug\u00adne\u00adr*in zu gelten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"12\">Die Zur\u00fcckhaltung bei der Kritik staatlicher Ma\u00dfnahmen oder staatlichen Versagens l\u00e4hmt den Diskurs. Eine lautere linke Kritik h\u00e4tte vielleicht nicht verhindert, dass Verschw\u00f6rungstheorien Einzug in die b\u00fcrgerliche Mitte erhalten oder der rassistische Diskurs gegen die Gefl\u00fcchteten so laut werden kann. Aber nur, wenn politische Fehler einger\u00e4umt und sichtbar gemacht werden, kommt die Debatte voran und kann ein Gegenentwurf zur kompletten Abschottung der Grenzen entstehen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"13\">Wer vor Krieg und humanit\u00e4ren Katastrophen flieht, muss in Deutschland weiterhin Zuflucht finden, hier aber auch auf daf\u00fcr ausgebaute Strukturen treffen k\u00f6nnen. Die Fehler von 2015 d\u00fcrfen sich nicht wiederholen, aber schaffen m\u00fcssen wir es trotzdem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als der \u201eDamm\u201c brach, war ich gerade zw\u00f6lf Jahre alt. 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