{"id":358169,"date":"2025-08-20T02:11:33","date_gmt":"2025-08-20T02:11:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/358169\/"},"modified":"2025-08-20T02:11:33","modified_gmt":"2025-08-20T02:11:33","slug":"vergewaltigungsfall-in-frankreich-ein-prozess-aendert-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/358169\/","title":{"rendered":"Vergewaltigungsfall in Frankreich: Ein Prozess \u00e4ndert alles"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">P atrice N. sitzt im Gerichtssaal immer in derselben Reihe. Vierte links, meist allein. Morgens kurz vor neun Uhr, wenn die Angeklagten vor der \u201eSalle Voltaire\u201c auf Einlass warten, unterh\u00e4lt sich der hochgewachsene grauhaarige Mann gerne mit den anderen. Seine Anw\u00e4ltin Caroline Beveraggi beschreibt ihn in ihrem Pl\u00e4doyer so: \u201eHerr N. steht f\u00fcr Freundlichkeit und Arbeit, er hat Sinn f\u00fcr Freunde und Familie.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Patrice N., 55 Jahre alt, geh\u00f6rt zu den 51 M\u00e4nnern, die sich seit 2. September vor dem Strafgericht in Avignon wegen Vergewaltigung von Gis\u00e8le Pelicot verantworten m\u00fcssen. Die heute 72-J\u00e4hrige wurde fast zehn Jahre lang von ihrem Mann Dominique bet\u00e4ubt, der sie dann bewusstlos anderen M\u00e4nnern zum Sex anbot. Etwa 200-mal wurde Gis\u00e8le Pelicot so unter der Regie ihres Mannes vergewaltigt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Patrice N. kam am 24. Februar 2020 ins Einfamilienhaus der Pelicots nach Mazan, rund 30 Kilometer von Avignon entfernt. Am Tag zuvor hatte der geschiedene Vater von zwei erwachsenen Kindern Dominique Pelicot auf der Internetplattform coco.fr kontaktiert, die auch die anderen Angeklagten nutzten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Der Elektriker wollte nach mehreren gescheiterten Beziehungen Sex zu dritt erleben, ein \u201eSpiel\u201c, wie er bei der Verhandlung am 23. und 24. Oktober vor dem Strafgericht Avignon sagt. Im Ehebett fand er allerdings eine schlafende Hausherrin vor. \u201eFrau Pelicot lag da und trug sexy Unterw\u00e4sche\u201c, berichtet er. An das, was folgte, k\u00f6nne er sich nicht mehr genau erinnern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Die Anw\u00e4lte von Gis\u00e8le Pelicot beantragen, das Video zu zeigen, das Dominique Pelicot von Patrice N.s Besuch machte. Der Hausherr filmte alle M\u00e4nner, die sich an seiner Frau vergingen. Die Polizei entdeckte nach seiner Festnahme tausende Videos und Fotos auf seinem Computer. Sie trugen Titel wie \u201ePenis im Mund\u201c, \u201eWunderbar von hinten\u201c oder \u201eDas geht wie von selbst rein\u201c. Zum Prozessauftakt entscheidet Gis\u00e8le Pelicot, den Prozess \u00f6ffentlich zu machen und damit auch die Videos im Gerichtssaal zu zeigen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">\u201eEs geht hier nicht um Mut, sondern um Willen und Entschlossenheit, den Schleier \u00fcber den Vergewaltigungen zu l\u00fcften\u201c, sagt sie vor Gericht. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Pelicot-Prozess-und-Rape-Culture\/!6054069\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eDie Scham soll die Seite wechseln\u201c<\/a>, erg\u00e4nzt ihr Anwalt St\u00e9phane Babonneau.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Der Satz wurde zur Parole von tausenden Menschen, die in den vergangenen Monaten aus Solidarit\u00e4t mit \u201eGis\u00e8le\u201c auf die Stra\u00dfe gingen. Die zierliche Frau mit dem kupferroten Pagenschnitt wurde zu einer Ikone der Frauenbewegung weltweit. Die #MeToo-Bewegung, die 2017 aus den USA nach Frankreich her\u00fcbergeschwappt war, bekam mit ihr neuen Schwung. \u201eSie war \u00fcberzeugt, dass es f\u00fcr einen gesellschaftlichen Wandel n\u00f6tig war, dass die Gesellschaft der Vergewaltigung in ihrer unverf\u00e4lschten Form ins Gesicht schaut\u201c, so Babonneau in seinem Pl\u00e4doyer Ende November.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Es geht hier nicht um Mut, sondern um Willen und Entschlossenheit, den Schleier \u00fcber den Vergewaltigungen zu l\u00fcften<\/p>\n<p class=\"typo-fotocredit pt-xsmall\">\n            Gis\u00e8le Pelicot<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">Wochenlang muss die ehemalige Angestellte des staatlichen Stromkonzerns EDF miterleben, wie die nur wenige Minuten langen Aufzeichnungen auf den drei Bildschirmen im Gerichtssaal als Beweismaterial gezeigt werden. Sie selbst blickt w\u00e4hrenddessen auf ihr Smartphone oder spricht mit der Psychologin, die sie immer begleitet. Zusammen mit ihren Anw\u00e4lten hat sie die Videos bereits vor dem Prozess angeschaut. \u201eIch habe alles gesehen: die Gurke, die Klammern, die Sex-Toys.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Auch Dominique Pelicot schaut zu Boden, wenn seine Videos gezeigt werden. Er fl\u00e4zt sich gegen\u00fcber von seiner Frau, die inzwischen von ihm geschieden ist, in seinen Stuhl. Als Hauptangeklagter sitzt er in einem Glaskasten, bewacht von zwei Polizisten. Seine Schuld hat er bereits gestanden und seine Mitangeklagten gleich mit einbezogen: \u201eIch bin ein Vergewaltiger, wie diese hier in diesem Saal.\u201c Patrice N. habe wie die anderen M\u00e4nner vorab gewusst, dass seine Frau bet\u00e4ubt gewesen sei. \u201eA son insu\u201c \u2013 \u201egegen ihr Wissen\u201c \u2013 hie\u00df sein Forum bei coco.fr.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">Von Patrice N. ist auf zwei Videos ein verschwitzter R\u00fccken zu sehen. Er dringt oral und vaginal in die sichtlich bewusstlose Frau ein, \u00adderen Kopf im schummrigen Licht auf einer wei\u00dfen Bett\u00adw\u00e4sche zu erkennen ist. Als er seinen Penis in ihren Mund f\u00fchrt, sind zwei Schnarchger\u00e4usche zu h\u00f6ren. \u201eDas sind Szenen, die schwer zu vergessen sind\u201c, sagt der Vorsitzende Richter Roger Arata hinterher. \u201eHaben Sie die Zustimmung von Frau Pelicot eingeholt?\u201c \u2013 \u201eNein\u201c, antwortet N. \u201eWar sie in der Lage, zuzustimmen?\u201c \u2013 \u201eNein.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Gis\u00e8le Pelicot sitzt w\u00e4hrend der Befragung von Patrice N. aufrecht hinter ihren beiden Anw\u00e4lten an der Wand. Seit Anfang September h\u00f6rt sie sich t\u00e4glich oft acht, neun Stunden lang an, was die M\u00e4nner ihr antaten. Nur montags fehlt sie, weil sie da Psychotherapie hat. Ansonsten betritt sie das Gerichtsgeb\u00e4ude jeden Morgen sorgf\u00e4ltig geschminkt und elegant gekleidet: mal mit einem bunten Schal, mal mit einer geometrisch gemusterten Jacke als Hingucker. So, als wolle sie ihre Weiblichkeit betonen, trotz allem.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">\u201eWie stehen Sie das durch?\u201c, fragt sie ihr Anwalt im Oktober. \u201eIch halte durch, weil ich Frauen und M\u00e4nner hinter mir wei\u00df\u201c, antwortet sie. Mehrere Dutzend kommen jeden Tag ins Gerichtsgeb\u00e4ude, um in einem extra eingerichteten \u00dcbertragungssaal die Verhandlung zu verfolgen. Sie stehen schon morgens um sieben an, um einen der begehrten Pl\u00e4tze zu ergattern.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Wenn Gis\u00e8le Pelicot mittags oder abends, gefilmt von Kameras aus aller Welt, den Gerichtssaal verl\u00e4sst, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Unterstuetzerin-von-Gisele-Pelicot\/!6054045\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">applaudieren sie ihr minutenlang<\/a>. Danach er\u00f6rtern sie im Foyer die Auftritte der einzelnen Angeklagten. \u201eDie Aussage von Patrice N. war wirklich ein starkes St\u00fcck\u201c, emp\u00f6rt sich Catherine Rocco, eine konservative Stadtr\u00e4tin, die im Oktober extra aus N\u00eemes gekommen ist. \u201eEr beschwerte sich \u00fcber sein eigenes Schicksal, sodass man dachte, er w\u00fcrde gleich losheulen.\u201c Sie bewundere Gis\u00e8le Pelicot f\u00fcr ihren Mut, diesen M\u00e4nnern gegen\u00fcberzutreten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Patrice N. will wie die meisten anderen Angeklagten nicht von Vergewaltigung sprechen. \u201eIch hatte nie die Absicht, sie zu vergewaltigen. Erst jetzt, wenn ich die Bilder sehe, sage ich, dass das eine Vergewaltigung war.\u201c Er sei einfach ein \u201eCon\u201c gewesen \u2013 ein Dummkopf. Es tue ihm leid. Das Haus der Pelicots habe er schnell verlassen, als Dominique Pelicot mit einer Massenvergewaltigung seiner bewusstlosen Frau auf einem Rastplatz prahlte. Ob er \u00fcberlegt habe, zur Polizei zu gehen, wird er gefragt. \u201eIch wollte meine Zeit nicht auf der Polizeiwache verlieren. Ich bin nur ein kleiner Elektriker. Wer h\u00e4tte mir geglaubt?\u201c.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/7422692\/1200\/Pelicot-Prozess-1.jpeg\" data-pswp-width=\"\" data-pswp-height=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Pelicot-Prozess-1.jpeg\" alt=\"Gis\u00e8le Pelicot und ihr Anwalt Stephane Babonneau\" title=\"Gis\u00e8le Pelicot und ihr Anwalt Stephane Babonneau\" height=\"443\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Ihr Mut ist ein Sieg: Pelicot mit ihrem Anwalt Stephane Babonneau Ende November auf dem Weg zum Gerichtsgeb\u00e4ude in Avignon<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nChristophe Simon\/afp<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\">Wirklich verstanden hat Patrice N. bis heute nicht, warum er vor Gericht steht. Im weinerlichen Ton berichtet er, wie sehr seine Festnahme sein Leben durcheinandergebracht habe. Seine Firma machte bankrott, seine Tochter kehrte sich von ihm ab. Dem Sohn rate er, aufzupassen und sich beim Sex nicht filmen lassen. \u201eDamit dir nicht dasselbe passiert wie mir.\u201c \u2013 \u201eEs ist vor allem Frau Pelicot etwas passiert\u201c, erwidert ihr Anwalt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"16\">Der Fall Pelicot k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass die Definition von Vergewaltigung im Strafrecht ge\u00e4ndert wird. Das fehlende Einverst\u00e4ndnis des Opfers k\u00f6nnte als Kriterium mit aufgenommen werden. Frankreich hat bereits 2011 die Konvention von Istanbul unterzeichnet, die genau das vorsieht. Im Gegensatz zu L\u00e4ndern wie Spanien erfolgte allerdings bisher keine \u00c4nderung des Strafrechts, die der Justizminister nun bef\u00fcrwortet. Damit w\u00fcrden dann auch F\u00e4lle als Vergewaltigung anerkannt, bei denen die Opfer wie Gis\u00e8le Pelicot mit Medikamenten bet\u00e4ubt wurden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"17\">Die 72-J\u00e4hrige zeigt kaum eine Regung, wenn es um die sexuelle Gewalt geht, deren Opfer sie war. Auch den Medienrummel von mehr als 160 akkreditierten Journalistinnen und Journalisten nimmt sie gelassen hin. Nur die Ringe um ihre Augen sind in den vergangenen Wochen tiefer geworden. Wie viel Kraft sie die t\u00e4gliche Konfrontation mit ihren 51 Peinigern kostet, ist ihr anzumerken, wenn sie ihren Kopf gegen die Wand hinter sich lehnt \u2013 ein, zwei Minuten lang. \u201eIch bin eine v\u00f6llig zerst\u00f6rte Frau. Ich wei\u00df nicht, wie ich mich davon erholen werde\u201c, sagt sie zur Halbzeit des Verfahrens im Oktober.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"18\">Mit ruhiger Stimme schildert sie an diesem Tag noch einmal den Tsunami, der am 2. November 2020 ihr bisher idyllisches Familienleben hinwegfegte. 50 Jahre lang habe sie eine gl\u00fcckliche Ehe gef\u00fchrt. Drei Kinder und sieben Enkel haben die Pelicots. Ihr Mann habe sie verw\u00f6hnt: Morgens, wenn sie aufstand, war der Fr\u00fchst\u00fcckstisch gedeckt und der Kaffee gekocht. Und am Abend brachte er ihr einen Eisbecher zum Nachtisch \u2013 Himbeere oder Mango, ihre Lieblingssorten: \u201eIch sagte mir, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck ich doch habe.\u201c Pelicots Doppelleben fiel erst im Herbst 2020 auf, als er erwischt wurde, weil er im Supermarkt Frauen unter den Rock filmte. Seine Frau erfuhr am 2. November bei einem Termin auf der Polizeiwache von Carpentras, was er ihr angetan hatte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"19\">Dominique Pelicot bet\u00e4ubte sie mit Schlaf- und Bet\u00e4ubungsmitteln, die er ihr oft ins Eis mischte. Von dem, was danach passierte, merkte seine Frau nichts. Der pensionierte Elektriker hatte die Besucher angewiesen, vor einer wenige Minuten entfernten Schule zu parken. Im Haus angekommen, mussten sie sich in der K\u00fcche ausziehen und die H\u00e4nde \u00fcber der Heizung w\u00e4rmen. Im Schlafzimmer erteilte er seine Anweisungen im Fl\u00fcsterton. Nach dem Besuch, der meist nur eine Viertelstunde dauerte, vergewaltigte er seine Frau oft noch selbst und reinigte sie dann mit einem Feuchttuch. \u201eIch wachte am n\u00e4chsten Morgen in meinem Schlafanzug auf\u201c, berichtet sie.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"20\">Durch die starken Medikamente wurde Gis\u00e8le Pelicot vergesslich: Einmal habe sie ihr Mann, den sie nur noch \u201eMonsieur Pelicot\u201c nennt, zum Fris\u00f6r begleitet. \u201eVom Fris\u00f6rbesuch selbst habe ich keine Erinnerung. Das ist wie ein schwarzes Loch.\u201c Sie irrte von Arzt zu Arzt auf der Suche nach einer medizinischen Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihre Ged\u00e4chtnisl\u00fccken und die M\u00fcdigkeit, die sie manchmal 18 Stunden am St\u00fcck schlafen lie\u00df. Sie f\u00fcrchtete einen Hirntumor, doch die Erkl\u00e4rung lag ganz woanders.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"21\">Gis\u00e8le Pelicot beantwortet die Fragen von Gerichtspr\u00e4sident Arata, den vier beigeordneten Richtern und den Anw\u00e4ltinnen und Anw\u00e4lten geduldig. Wut ist ihr nur anzumerken, wenn sie von der Argumentation einiger Anw\u00e4lte spricht. Einer sagt gleich zu Prozessbeginn: \u201eEs gibt Vergewaltigung und Vergewaltigung. Ohne Absicht ist es keine Vergewaltigung.\u201c Gis\u00e8le Pelicot will das nicht gelten lassen. \u201eSie (die M\u00e4nner) sind dabei, eine bewusstlose Frau zu beschmutzen. Es gibt keine verschiedenen Arten von Vergewaltigung. Das sind Vergewaltiger.\u201c Ihr Anwalt Babonneau spricht sogar von einer \u201eKultur der Vergewaltigung\u201c, die in Frankreich herrsche.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"22\">\u201eDie Angeklagten bilden einen Mikrokosmos der franz\u00f6sischen Gesellschaft\u201c, analysiert Christelle Taraud, Historikerin der Geschichte des Feminismus, im Gespr\u00e4ch mit der taz. Unter den M\u00e4nnern zwischen 26 und 74 Jahren sind Lieferwagenfahrer, Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter, Studenten und Krankenpfleger, die alle aus einem Umkreis von 50 Kilometern rund um Mazan kommen. Viele von ihnen hatten eine schwierige Kindheit. Einige wurden vergewaltigt oder sexuell bel\u00e4stigt. Ihnen gemeinsam ist eine Idee m\u00e4nnlicher Dominanz, die der Kultur der Vergewaltigung zugrunde liegt. Die Verantwortung f\u00fcr ihre Taten schieben sie auf Dominique Pelicot ab, dessen Einverst\u00e4ndnis sie als das der bewusstlosen Ehefrau werteten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"23\">Taraud sieht darin ein \u00dcberbleibsel des \u201eCode Napol\u00e9on\u201c aus dem Jahr 1804, der Frauen Gehorsam gegen\u00fcber den M\u00e4nnern vorschrieb. Dieses patriarchalische Familienbild wurde 1938 zwar reformiert, blieb aber in den K\u00f6pfen vieler M\u00e4nner pr\u00e4sent. Der Anwalt Louis-Alain Lemaire macht sich das in seinem Pl\u00e4doyer zunutze. \u201eDer Mann spricht f\u00fcr die Frau, denn wir sind in einer f\u00fcr einige patriarchalischen Gesellschaft\u201c, argumentiert der \u00fcber 70-J\u00e4hrige, der vier Angeklagte vertritt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-29\" pos=\"24\">Dominique Pelicot sei ein autorit\u00e4rer Typ gewesen, der die anderen Angeklagten unter Druck gesetzt habe, sagt Lemaire. Seine Mandanten, die er \u201eJungen\u201c nennt, seien naiv und unreif gewesen. Au\u00dferdem habe ihnen die Bildung gefehlt, um die Situation zu durchschauen: \u201eSie haben nicht die (Eliteverwaltungshochschule) ENA absolviert und sind auch keine Einsteins\u201c.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Man kann 2024 nicht mehr sagen, dass Pelicot einverstanden war, weil sie nichts sagte<\/p>\n<p class=\"typo-fotocredit pt-xsmall\">\n            Laure Chabaud, Staatsanw\u00e4ltin<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-31\" pos=\"25\">Generalstaatsanw\u00e4ltin Laure Chabaud forderte Ende November ungew\u00f6hnlich hohe Strafen zwischen 4 und 20 Jahren f\u00fcr die Angeklagten. \u201eMan kann 2024 nicht mehr sagen, dass sie (Gis\u00e8le Pelicot) einverstanden war, weil sie nichts sagte. Das geh\u00f6rt in eine andere Zeit.\u201c Eine \u201eunabsichtliche Vergewaltigung\u201c, die viele Angeklagte anf\u00fchrten, gebe es nicht. Das durchschnittliche Strafma\u00df f\u00fcr Vergewaltigung liegt in Frankreich bei 11 Jahren. Allerdings verfolgt die Justiz viele Anzeigen wegen Vergewaltigung \u00fcberhaupt nicht weiter: 94 Prozent werden zu den Akten gelegt \u2013 oft, weil es an Beweisen fehlt.<\/p>\n<p>      Sexuelle Gewalt ist jetzt f\u00fcr 80 Prozent ein Thema<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-33\" pos=\"27\">Deshalb ist der Prozess gegen die Vergewaltiger von Gis\u00e8le Pelicot mit seinen tausenden Videos als Beweismaterial auch so wichtig. Die \u201eAffaire Mazan\u201c, wie das Mammutverfahren in Frankreich genannt wird, hat vielen die Augen ge\u00f6ffnet. \u201eVergewaltigung war lange ein Tabu\u201c, sagt die Historikerin Taraud. \u201eDas Opfer wurde automatisch als schuldig angesehen.\u201c Doch das Verfahren in Avignon brachte die Franz\u00f6sinnen und Franzosen zum Nachdenken: Der Umgang der Gesellschaft mit sexueller Gewalt ist nun einer Umfrage zufolge f\u00fcr 80 Prozent ein Thema. Der Prozess in Avignon k\u00f6nnte so einen \u201eParadigmenwechsel\u201c bewirken, hofft Taraud.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-34\" pos=\"28\">Genau das wollen Anw\u00e4lte wie Lemaire vermeiden. Er wettert gegen den Druck der \u00f6ffentlichen Meinung, dem Generalstaatsanw\u00e4ltin Chabaud gefolgt sei. Dieser Druck zeige sich auch an den Mauern von Avignon, die \u201ebeschmutzt\u201c worden seien. In der einstigen Papststadt h\u00e4ngen \u00fcberall schwarz-wei\u00dfe Papiercollagen, auf denen Feministinnen ihre Solidarit\u00e4t mit Gis\u00e8le Pelicot bekunden. \u201eEine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung\u201c, war beispielsweise wochenlang auf der alten Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert zu lesen. Auf Antrag der Anw\u00e4lte der Angeklagten musste der Spruch entfernt werden, doch in der Stadt blieben die Parolen f\u00fcr \u201eGis\u00e8le\u201c kleben. Die \u00f6ffentliche Meinung habe das Leben der Angeklagten \u201eauf skandal\u00f6se Weise vergiftet\u201c, sagt Lemaire. Er fordert f\u00fcr seine Mandanten den Freispruch.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/7422692\/1200\/Pelicot-Prozess-3.jpeg\" data-pswp-width=\"\" data-pswp-height=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Pelicot-Prozess-3.jpeg\" alt=\"Eine Frau h\u00e4lt ein Schild in die H\u00f6he, darauf ist zu lesen &quot;Je suis Gis\u00e8le&quot;\" title=\"Eine Frau h\u00e4lt ein Schild in die H\u00f6he, darauf ist zu lesen &quot;Je suis Gis\u00e8le&quot;\" height=\"443\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Soli-Protest f\u00fcr Pelicot in Paris, Mitte September<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nSandrine Laure Dippa\/hans Lucas\/afp<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-36\" pos=\"29\">Insgesamt liegen dem Gericht, das sein Urteil voraussichtlich am Donnerstagvormittag verk\u00fcndet, 32 Forderungen nach Freispruch vor. Auch Caroline Beveraggi, die Anw\u00e4ltin von Patrice N., sagt zum Abschluss ihres einst\u00fcndigen Pl\u00e4doyers am 11. Dezember: \u201eDer Platz von Patrice N. ist nicht im Gef\u00e4ngnis.\u201c Der Angeklagte, dem 12 Jahre Haft drohen, holt sein Taschentuch heraus und wischt sich \u00fcber die Augen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-37\" pos=\"30\">Gis\u00e8le Pelicot sieht die Szene nicht: Sie ist an diesem Tag nur eine Viertelstunde im Gerichtssaal. Gegen Ende des Prozesses scheinen sie die Kr\u00e4fte zu verlassen. \u201eFrau Pelicot, Sie haben Ihren Teil der Arbeit geleistet, und zwar deutlich mehr als das, was man von Ihnen erwarten durfte\u201c, w\u00fcrdigt ihr Anwalt Babonneau seine Mandantin in seinem Pl\u00e4doyer. \u201eDieser Prozess und das Urteil, das das Gericht f\u00e4llt, werden Teil des Testaments sein, das wir an zuk\u00fcnftige Generationen weitergeben werden.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-38\" pos=\"31\">Egal, wie das Urteil ausf\u00e4llt: Gis\u00e8le Pelicot hat schon gewonnen. Sie hat den Blick der Gesellschaft auf sexuelle Gewalt f\u00fcr immer ver\u00e4ndert. Un immense merci, Gis\u00e8le!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"P atrice N. sitzt im Gerichtssaal immer in derselben Reihe. Vierte links, meist allein. 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