{"id":358840,"date":"2025-08-20T08:37:11","date_gmt":"2025-08-20T08:37:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/358840\/"},"modified":"2025-08-20T08:37:11","modified_gmt":"2025-08-20T08:37:11","slug":"max-gold-nach-13-jahren-schweigen-neues-buch-aber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/358840\/","title":{"rendered":"Max Gold: Nach 13 Jahren Schweigen \u2013\u00a0Neues Buch \u201eAber?\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Max Goldt ist wieder da! Nun gut, eigentlich war der Schriftsteller nie weg, sondern immer auf Lesereisen. Doch nun gibt es endlich wieder ein Buch mit neuen Texten von ihm, nach ganzen 13 Jahren. Hat sich das Warten gelohnt? Immerhin erf\u00e4hrt man in dem schlicht \u201eAber?\u201c betitelten Band, wie der 1958 in G\u00f6ttingen geborene Stilist seine vielen Lesereisen bew\u00e4ltigt. Die Begegnung mit dem Publikum in freier Wildbahn, vor allem in der Provinz, braucht n\u00e4mlich strenge Regeln und genaue Vorbereitung. Hilft nur nichts, wenn dem Stilisten ein paar impertinent zugekokste Exemplare auf die Pelle r\u00fccken.<\/p>\n<p>Was dem lesenden Autor alles zugemutet wird! Autogrammgierige Zahnarztgattinnen oder ungewaschene Sammlertypen m\u00fcssen bereits durch geschicktes Positionieren des Signiertisches verscheucht werden. Und dann kommt noch diese junge Dame, die eine Widmung f\u00fcr alle M\u00e4nner will, die auf ihrem Klo verweilen \u2013 und der man, weil sie auf solche Zumutungen angesprochen eher pampig reagiert, schon mal ein freundliches \u201eGucken Sie nicht so feministisch!\u201c an den Kopf werfen darf. Das ist Goldts Humor, der einer Welt der Takt- und Schamlosigkeiten mit charmantem Snobismus antwortet.<\/p>\n<p>Alles muss er sich nicht gefallen lassen, daf\u00fcr ist Goldt zu lange im Gesch\u00e4ft. Vor \u00fcber 40 Jahren erschien mit \u201eMein \u00e4u\u00dferst schwer erziehbarer schwuler Schwager aus der Schweiz\u201c sein erster Band mit Texten. Kurz zuvor st\u00fcrmte er mit seiner Band Foyer des Arts bis in die ZDF-\u201eHitparade\u201c, der Neue-Deutsche-Welle-Song \u201eWissenswertes \u00fcber Erlangen\u201c war eine stilpr\u00e4gende Hommage an die bundesrepublikanische Provinz. Bekannt wurde Goldt ab 1989 durch seine <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article563797\/Mein-Leben-war-nicht-arm-an-affigen-Pizzen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article563797\/Mein-Leben-war-nicht-arm-an-affigen-Pizzen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kolumnen<\/a> f\u00fcr die \u201eTitanic\u201c, das Zentralorgan der Neuen Frankfurter Schule und Olymp der humoristischen Gesellschaftskritik.<\/p>\n<p>Goldt z\u00e4hlt zu der Riege von Humoristen oder Satirikern, f\u00fcr die Kabarett ein Schimpfwort ist \u2013 und Schenkelklopferwitze ein Tabu. Stattdessen gilt es, mit feiner Klinge die Gedankenlosigkeiten und Dummheiten des \u00f6ffentlichen Sprach- und damit Vernunftgebrauchs zu denunzieren. Es ist eine Au\u00dfenseiterposition im Mainstream-Diskurs, wie sie Goldt in seinem \u00e4lteren Text \u201eDer Sprachkritiker als gesellschaftlicher Nichtsnutz und Kreuzritter der Zukunftsf\u00e4higkeit\u201c umrissen hat \u2013 und die er bis heute kultiviert. Als Kritiker macht man sich keine Freunde. Aber wer braucht schon Freunde?<\/p>\n<p>Ob das von Goldt gepflegte Einzelg\u00e4ngertum nun mehr Pose oder notwendiger Schutz vor der Betriebsnudeligkeit ist (oder beides), l\u00e4sst sich streiten. Zum Medienrummel h\u00e4lt Goldt jedenfalls seit langem Abstand, Interviews gibt er keine (und selbst das k\u00fcrzlich im \u201eSpiegel\u201c erschienene Portr\u00e4t \u00fcber Goldt fu\u00dft letztlich auf einem Nichtinterview mit viel Wei\u00dfwein). Da \u00fcberrascht es nicht, dass sich Goldt auch in \u201eAber?\u201c \u00fcber die Presse echauffiert \u2013 und zwar v\u00f6llig zu Recht. Oder soll man schweigen, wenn das ZDF aufs D\u00fcmmste und ohne Not bei Wikipedia abschreibt (\u201ePetra Gerster vs. David Bowie\u201c)?<\/p>\n<p>Meist kommt Goldt mit feindosierter Polemik aus, bei \u201eMorrissey vs. \u201aDer Spiegel\u2018\u201c gibt es davon aber eine Prise mehr. \u201eDas F\u00fcrchterliche an dem Interview war die sprachliche Unbedarftheit der jungen Dame, die ohne Sinn und Verstand nach Los Angeles geschickt worden war, um dort ihr kichernd aufgeregtes Desinteresse an ihrem Interviewopfer zu demonstrieren.\u201c Und wer das bereits etwas altv\u00e4terlich intoniert findet (so befand auch die Interviewerin selbst die Kritik als sexistisch), bekommt direkt noch Nachschlag. \u201eEs scheint, als ob die derzeit am meisten wahrgenommene Variante oder vielleicht auch Schwundform des Feminismus\u201c, so Goldt, \u201edie Karrieren von extrovertierten und oft etwas ordin\u00e4ren, auf jeden Fall aber selbstgef\u00e4lligen und stark zur wortreichen Aufgeregtheit neigenden jungen Frauen beg\u00fcnstigt, \u00adzumindest in den Medien.\u201c<\/p>\n<p>Man kann solche Urteile in der Sache richtig oder unachtsam gegen\u00fcber gr\u00f6\u00dferen Ungerechtigkeiten und somit den guten Geschmack verletzend finden. Nur: Goldt nimmt auf bestimmte Befindlichkeiten wenig R\u00fccksicht. Muss er auch nicht. Kunst ist nicht Erziehung, wo jede Kinderzeichnung als \u201esupersch\u00f6n\u201c durchgehen darf, auch wenn es dem Augenschein widerspricht. Goldt w\u00e4re in diesem Bild der fiese Onkel, der die p\u00e4dagogische Blase durchs Realit\u00e4tsprinzip zum Platzen bringt. M\u00f6gen muss man das nicht, unter Erwachsenen sollte das aber auch kein Grund zur Aufregung sein.<\/p>\n<p>\u00dcberall Moscheen<\/p>\n<p>Wer sucht, kann in \u201eAber?\u201c jedoch einige Sachen finden, die auf den ersten Blick wie ein Aufreger aussehen. \u201eDie Homo-Ehe ist genauso nutzlos wie die Hetero-Ehe, und Frauenfu\u00dfball so kl\u00e4glich und trist wie M\u00e4nnerfu\u00dfball, aber noch ein kleines bisschen langweiliger\u201c, hei\u00dft es an einer Stelle. An einer anderen Stelle geht es um eine Zukunft, in der \u00fcberall Moscheen stehen, die aber nicht mehr als Gebetsh\u00e4user genutzt werden, weil alle Moslems wie \u00fcberhaupt alle Religi\u00f6sen sanft entschlafen sind. Und auch in dem Streit, ob \u201eFotze\u201c ein Unterschichtswort ist oder man es gerade deswegen sagt, aus Solidarit\u00e4t mit den Marginalisierten n\u00e4mlich, kann sich keine Seite auf Goldt verlassen. Bei ihm regiert statt blo\u00dfen Gerechtigkeitsreflexen ein humanistischer \u00c4sthetizismus \u00e0 la Oscar Wilde.<\/p>\n<p>Ein Geheimnis l\u00fcftet Goldt auch noch: Was ist eigentlich genau 1991 auf der \u201eSuper-Laser-Abspritz-Show\u201c-Tour mit dem \u201esonderbaren Kollegen, dem Polemiker, Rabauken und professionellen Aufbrauser\u201c Wiglaf Droste passiert, dass lange behauptet wurde, die beiden seien verfeindet? Es ging um einen \u201edummen Satz\u201c: Eine Schlagerparodie von Droste verglich Goldt mit Kunstfurzerei (wird beklatscht, ist aber unter jeder W\u00fcrde). Droste drohte, ihm eine reinhauen, er schlage aber keine Schwulen. Danach ging man getrennte Wege. Seine Version der Dinge hatte Goldt nach Drostes Tod 2019 bereits dem Droste-Biografen Christof Meueler geschildert. Der Text ist keine penible Richtigstellung, sondern ein einf\u00fchlsames Portr\u00e4t, das mit einem \u00fcberraschenden Gest\u00e4ndnis endet.<\/p>\n<p>Zwischen Einblicken in Lesereisen (mit und ohne Kollegen wie Droste) und mehr oder weniger dezenten Hinweisen darauf, wie es um das zeitgen\u00f6ssische Pressewesen, den Feminismus oder \u00fcberhaupt ums von Phrasen zerfr\u00e4ste Sprachzentrum bestellt ist, finden sich in \u201eAber?\u201c wunderbar stilisierte Szenen aus dem Alltag. Doch, Vorsicht! Man spreche nur nicht vom \u201eallt\u00e4glichen Wahnsinn\u201c, von den \u201eBanalit\u00e4ten des Alltags\u201c oder, schlimmer noch, den \u201eAbsurdit\u00e4ten\u201c desselben, das steht n\u00e4mlich auf der Liste der von Goldt f\u00fcr immer ge\u00e4chteten Hohlfloskeln ganz oben. Vor Worth\u00fclsen wird gewarnt.<\/p>\n<p>In \u201eAber?\u201c ist alles Goldt, was gl\u00e4nzt: Sprache und Urteil sind wie immer geschliffen, manchmal so glatt, dass es fast etwas selbstverliebt wirkt. Doch genau daf\u00fcr wird Max Goldt geliebt und verehrt. Und manchmal vielleicht auch ein kleines bisschen gehasst.<\/p>\n<p>Max Goldt: Aber? Dtv, 160 Seiten, 24 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Max Goldt ist wieder da! Nun gut, eigentlich war der Schriftsteller nie weg, sondern immer auf Lesereisen. 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