{"id":359264,"date":"2025-08-20T12:32:16","date_gmt":"2025-08-20T12:32:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/359264\/"},"modified":"2025-08-20T12:32:16","modified_gmt":"2025-08-20T12:32:16","slug":"der-generaldirektor-der-staatsbibliothek-will-den-zettelkatalog-entsorgen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/359264\/","title":{"rendered":"Der Generaldirektor der Staatsbibliothek will den Zettelkatalog entsorgen lassen"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer an Bibliotheken denkt, macht sich meist kaum Gedanken \u00fcber deren Arbeitsmittel. Man gibt im Handy auf der App der jeweiligen Bibliothek in den E-Katalog ein, was man braucht, bestellt oder holt das Werk gleich aus dem Regal. Doch woher kommen die Informationen in diesen wunderbaren elek\u00adtronischen Katalogen? F\u00fcr Werke, die vor der Einf\u00fchrung jener elektronischen Fassung vor etwa drei\u00dfig Jahren angeschafft wurden, im Normalfall aus gigantischen, seither abgeschriebenen \u201eZettelkatalogen\u201c des \u201eAltbestands\u201c. Also von Karteikarten. Ihre streng gereihten Karteik\u00e4sten in riesigen S\u00e4len und engen Fluren sind das gern gezeigte und gefilmte Abbild eines in Jahrhunderten aufgebauten Versuchs, Ordnung in das menschliche Wissen zu bringen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Aber wenn es nach Achim Bonte, dem Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin \u2013 Preu\u00dfischer Kulturbesitz geht, wird der dortige Zettelkatalog bald nicht mehr existieren. Angesichts der immensen Bedeutung, die die \u201eStabi\u201c f\u00fcr die deutsche Wissenschaftsgeschichte und aktuelle Forschung hat, ist das keine lokale Petitesse. Zwar antwortete der Kulturstaatsminister auf eine entsprechende Anfrage der F.A.Z. nicht, und die neue Pr\u00e4sidentin der Stiftung, Monika Ackermann, delegierte die Antwort auf das Thema zur\u00fcck an den Urheber, eben Bonte. Doch nach Meinung seiner Kritiker in der Staatsbibliothek, und derer gibt es inzwischen offenbar viele, droht ein Kahlschlag von historischen Dimensionen.<\/p>\n<p>Die Container sind schon bestellt<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Gespr\u00e4ch mit der F.A.Z. best\u00e4tigte Bonte, dass die Container schon bestellt seien, in denen wortw\u00f6rtlich Millionen von Karteikarten zum Altpapier werden sollen. Er will die Zettelkataloge \u201emakulieren\u201c lassen, in denen alle Erwerbungen ihrer Vorg\u00e4ngerinnen seit 1500 bis 1974 verzeichnet sind, jene, in denen die Deutsche Staatsbibliothek der DDR zwischen 1956 und 1991 ihre Erwerbungen aufnahm, au\u00dferdem die Kartei des Gesamtkatalogs der deutschen Bibliotheken, der von etwa 1905 bis 1943 in Berlin gef\u00fchrt wurde, sowie den nur hier existierenden \u201eErg\u00e4nzungskatalog\u201c dazu. Die Kataloge der Musikalien-, der Ostasiatischen und der Orientalischen Sammlung seien nicht betroffen. Noch nicht, f\u00fcrchten Bontes Kritiker.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es geht l\u00e4ngst nicht nur um eine technische Frage, sondern um die des bibliothekarischen Selbstbewusstseins: Was sind wir, wenn wir die Dokumente unserer Geschichte aufgeben? Und dazu geh\u00f6ren neben den als traditioneller Erfolgsnachweis hochgehaltenen Erwerbungsverzeichnissen \u2013 die auch Bonte erhalten will \u2013 gerade Zettelkataloge. Sie sind das Dokument der Macht von Bibliothekaren, Medien zu sortieren und damit zu bewerten, auch zu sch\u00fctzen etwa vor dem Zugriff der Politik. Der Generaldirektor dagegen betont: Die Titel- und Erwerbungsdaten seien seit vielen Jahren im elektronischen Katalog gesichert. Dieser sei auch mehrfach gedoppelt, um einen Datenverlust durch Hacker, gezielte Angriffe oder technisches Versagen zu verhindern.<\/p>\n<p>Informationen, die nur hier zu finden sind<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Doch auf den Karteikarten der Berliner Staatsbibliothek sind eben nicht nur die n\u00fcchternen Titeldaten, sondern handschriftlich oder mit Stempeln viele Informationen verzeichnet, die beim Abschreiben nicht in den elektronischen Katalog aufgenommen wurden. Sie sind nur noch hier zu finden. Es geht etwa um fr\u00fchere Eigent\u00fcmer, die Folgen von Enteignungen, Zensurvermerke aus der Nazi- und der DDR-Zeit. Wer etwa \u00fcber die Architektur- und Designgeschichte der DDR und ihre Neuorientierung auf den westlichen International Style seit etwa 1960 forscht, kann hier \u2013 und oft nur noch hier \u2013 nachvollziehen, welche Fachb\u00fccher nach dem Mauerbau 1961 in der DDR \u00fcberhaupt noch gelesen werden konnten \u2013 und wer Zugang hatte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch standen diese Kataloge einst \u00fcberwiegend in Ost-Berlin, die Best\u00e4nde der Staatsbibliothek aber weitgehend in West-Berlin. Dass Ost-Bibliothekare West-Bibliothekaren klammheimlich halfen, verborgen vor der Stasi Karteikarten im Haus Unter den Linden abzuschreiben, um zu erfahren, was denn nun Kriegsverlust oder in der Sowjetunion geblieben ist, geh\u00f6rt zu den vielen legend\u00e4ren Wendungen der deutsch-deutschen Bibliotheksgeschichte. Diese Zettelkataloge sind also nicht nur ein einzigartiges Monument der Wissensgeschichte Preu\u00dfens, sondern auch des Kalten Kriegs.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Das Haus Unter den Linden, einer von zwei Standorten der einstmals \u201eK\u00f6niglichen Bibliothek\u201c.\" height=\"2000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/das-haus-unter-den-linden.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Das Haus Unter den Linden, einer von zwei Standorten der einstmals \u201eK\u00f6niglichen Bibliothek\u201c.dpa<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auf den Mikrofiches, die Bonte als weitere Sicherung erw\u00e4hnt, sind solche Vermerke oft kaum oder gar nicht zu lesen. Au\u00dferdem gibt es Mikrofiches nur von einem Teil der Kataloge der SBB. Und sie haben sich als hinf\u00e4llig erwiesen, leiden mit jeder Benutzung, sind teuer im Ersatz.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Bonte betont wie alle Befragten in der Staatsbibliothek, dass der \u201eVerlust\u201c der Zettelkataloge ein \u201etiefer Schmerz\u201c sei. Aber die Karteik\u00e4sten st\u00fcnden seit Jahren im Zentraldepot in Friedrichshagen im Keller. Dort w\u00fcrden sie fast nie genutzt. Allerdings wei\u00df au\u00dferhalb der SBB kaum noch jemand, dass dieses historische Quellenmaterial noch existiert. Er habe trotzdem, so Bonte, seit vergangenem August einer innerbibliothekarischen Arbeitsgruppe die Gelegenheit gegeben, alternative L\u00f6sungen zu suchen. Aber diese habe keine Alternativen vorlegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es geht nur um 100 Quadratmeter Fl\u00e4che<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Doch der Bericht der AG, der der F.A.Z. vorliegt, lehnt nicht nur die Makulierung klar ab. Er zeigt auch bis in Arbeitsstunden und Quadratmeterangaben durchgerechnete Alternativvorschl\u00e4ge, bis hin zur Angabe einzelner R\u00e4ume in den H\u00e4usern der Stabi, in die dieser und jener Teilkatalog gestellt werden k\u00f6nne. M\u00f6glich seien so die schlichte Lagerung, die provisorische Nutzung, aber auch die Reaktivierung. Von au\u00dfen gesehen liest sich das Papier \u00fcbrigens angesichts der gigantischen H\u00e4user, \u00fcber die Bonte verf\u00fcgen kann, durchaus erstaunlich: Gesucht wurden kaum 100 Quadratmeter Stellfl\u00e4che.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Eine weitere Alternative w\u00e4re das Fotografieren der Karteikarten vor der Makulierung, um die Informationen wenigstens digital-bildlich zu sichern. Die Kommission hat das f\u00fcr den Bestand der Medien, die zu DDR-Zeiten erworben worden waren, auch kalkuliert: Ganze 57.000 Euro w\u00fcrde das kosten. Andererseits hat Bonte schon jetzt kein Geld mehr. Die viel zu wenig debattierte radikale Ausgabensperre der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz f\u00fchrt dazu, dass aktuell nicht einmal neue Medien oder Zeitschriftenreihen erworben werden k\u00f6nnen. Da der Bundestag der Staatsbibliothek 1996 unsinnigerweise das Recht auf ein unentgeltliches Pflichtexemplar jeder Publikation in Deutschland entzog, ist selbst diese Erwerbungsquelle versch\u00fcttet.<\/p>\n<p>Bald beginnt die teure Grundsanierung<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Instandhaltungs- und Personalkosten steigen st\u00e4ndig, bald soll die mehr als eine Milliarde kostende Grundsanierung der Neuen Staatsbibliothek am Kulturforum beginnen. Sie muss daf\u00fcr nach Angaben der Bauverwaltung auf etwa zehn Jahre vollst\u00e4ndig geschlossen werden. Noch gibt es keinen Ausweichplatz f\u00fcr Mitarbeiter und Forscher. Es soll aber m\u00f6glichst wenig Raum angemietet werden, auch habe sich, so Bonte, das kostensparende Projekt der Mitnutzung des einstigen Kaufhauses Galeries Lafayette an der Friedrichstra\u00dfe zerschlagen. Hier h\u00e4tte auch die Berliner Zentralbibliothek einen neuen Standort finden k\u00f6nnen, aber die Lokalpolitiker vor allem der SPD zerredeten die in der Fachwelt bejubelte Idee.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Um also die anstehenden R\u00e4umarbeiten zu bew\u00e4ltigen, ben\u00f6tige er, so Bonte, den Platz, den die Kataloge einn\u00e4hmen. Andererseits: Wenn das Milliarden-Umbauprojekt an 100 Quadratmetern Fl\u00e4che scheitern kann, gibt es offenbar ganz andere Probleme als das der Kataloge zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Bonte hat, wie er durchaus stolz erz\u00e4hlt, schon als Direktor der Dresdner Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek und davor in Heidelberg deren Zettelkataloge aufl\u00f6sen lassen. Sollte Makulierung also sein \u201eSignature Move\u201c sein, das Erkennungszeichen einer vornehmlich auf Modernisierung, nicht auch auf Geschichtsbewusstsein angelegten Managementauffassung? Jedenfalls ist dies eine gro\u00dfe Ausnahme, wenn man auf vergleichbare National- und Staatsbibliotheken schaut. Auf Anfrage teilte etwa die Library of Congress in Washington, die gr\u00f6\u00dfte Bibliothek der freien Welt, mit, dass man selbstverst\u00e4ndlich bei aller Raffinesse des Onlinekatalogs auch an den Zettelkatalogen festhalte. \u00c4hnlich die Biblioth\u00e8que Nationale in Paris, die Bayerische Staatsbibliothek, die Deutsche Nationalbibliothek und die Schweizer Nationalbibliothek. Auch in der Schwedischen K\u00f6niglichen Bibliothek zeigt man mit Begeisterung die alten Zettelkataloge vor. Wegwerfen sei undenkbar.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u00dcberall sind die Kernargumente die gleichen: Die in keiner reinen Titelerfassung dokumentierten scheinbaren Nebeninformationen sind so wichtig, dass die physischen Zettelkataloge erhalten bleiben m\u00fcssen. Wir wissen nicht, was die Zukunft f\u00fcr Forschungsfragen bringt, also heben wir das Material auf. Vor allem aber: Die Kataloge zeigen, warum gro\u00dfe Bibliotheken mehr sind als B\u00fccherspeicher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer an Bibliotheken denkt, macht sich meist kaum Gedanken \u00fcber deren Arbeitsmittel. 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