{"id":359278,"date":"2025-08-20T12:39:13","date_gmt":"2025-08-20T12:39:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/359278\/"},"modified":"2025-08-20T12:39:13","modified_gmt":"2025-08-20T12:39:13","slug":"buch-der-gesichter-der-holocaust-ist-fuer-marko-dinic-noch-nicht-auserzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/359278\/","title":{"rendered":"&#8222;Buch der Gesichter&#8220;: Der Holocaust ist f\u00fcr Marko Dini\u0107 noch nicht auserz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<p class=\"teaser\"><strong>In seinem zweiten Roman \u201eBuch der Gesichter\u201c, der aktuell f\u00fcr den Deutschen Buchpreis als bester Roman 2025 nominiert ist, erz\u00e4hlt Marko Dini\u0107 die Geschichte der j\u00fcdischen Gemeinde in Serbien von der Habsburgermonarchie bis zu ihrer praktischen Ausl\u00f6schung im Zweiten Weltkrieg. Dabei schreibt er auch sich selbst und seine Familie mit in diese Geschichte ein.<\/strong><\/p>\n<p>Von <a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/tags\/simonwelebil\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Simon Welebil<\/a><\/p>\n<p>Vielen Autor:innen dient die eigene Geschichte der Familie als Material, in dem sie f\u00fcr ihre Arbeit sch\u00fcrfen. Marko Dini\u0107, der in Wien geboren und in Belgrad aufgewachsen ist, hat bereits in seinem ersten Roman <a href=\"https:\/\/fm4.orf.at\/stories\/2965280\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eDie guten Tage\u201c<\/a> die Biographie seiner Gro\u00dfmutter einflie\u00dfen lassen, ist jetzt in seiner Familiengeschichte auf eine Goldader gesto\u00dfen, oder er m\u00f6chte es uns zumindest glauben lassen. Im letzten Viertel seines aktuellen Romans \u201eDas Buch der Gesichter\u201c pr\u00e4sentiert er uns einen Brief, in dem der Verfasser, ein Verwandter, beschreibt, wie er bei Nachforschungen ein Familiengeheimnis aufgedeckt hat, das so furchtbar ist, dass er es nicht einmal seiner eigenen Frau anvertrauen will: Der verschollene Zwillingsbruder des Gro\u00dfvaters sei w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs in einem Lager zum Massenm\u00f6rder geworden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/marko-dinic-4_1-apollonia-theresa-bitzan.6024938.jpg\" alt=\"Marko Dinic\" title=\"\u00a9 Apollonia Theresa Bitzan\" width=\"800\" height=\"1200\"\/><\/p>\n<p class=\"credit\">Apollonia Theresa Bitzan<\/p>\n<p>Marko Dini\u0107 spricht im <a href=\"https:\/\/sound.orf.at\/podcast\/fm4\/fm4-interview-podcast\/fm4-interview-mit-autor-marko-dinic\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">FM4 Interviewpodcast<\/a> ausf\u00fchrlich \u00fcber seinen aktuellen Roman \u201eBuch der Gesichter\u201c.<\/p>\n<p>\u201eAls ich diesen Brief gefunden habe, beziehungsweise ich w\u00fcrde gar nicht sagen, dass ich ihn gefunden habe, sondern als er zu mir gekommen ist, war es tats\u00e4chlich so, als h\u00e4tte ich einen Schatz gefunden, weil er hat im Grunde dieses Buch zu dem geformt, wie es sich uns heute darstellt.\u201c, sagt Marko Dini\u0107 im Interview, f\u00fcgt aber gleich an: \u201eWas es mit diesem Brief auf sich hat und ob es diesen Brief \u00fcberhaupt gibt, das \u00fcberlasse ich der Interpretation der Leserinnen und Leser.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWeg der \u00e4u\u00dfersten Fiktion\u201c<\/p>\n<p>In \u201eBuch der Gesichter\u201c teilt Marko Dini\u0107 seinem Verwandten, dem Kriegsverbrecher, jedenfalls nur eine Nebenrolle zu. Er will als Nicht-Jude die Geschichte der j\u00fcdischen Gemeinde von Serbien erz\u00e4hlen und w\u00e4hlt daf\u00fcr den \u201eWeg der \u00e4u\u00dfersten Fiktion\u201c, wie er ihn nennt, \u201eeine erfundene Geschichte, die aus vielen wahren Kernen besteht.\u201c Als Protagonist w\u00e4hlt er sich Isak Ras, der als j\u00fcdisches Kind noch in der Habsburgermonarchie aufw\u00e4chst, im Ersten Weltkrieg zun\u00e4chst den Vater und danach die Mutter verliert und anschlie\u00dfend unter einem serbischen Namen von einem anarchistischen Paar aufgezogen wird. Die Namens\u00e4nderung hilft ihm auch den Holocaust im von den Nazis besetzten Serbien zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Isak Ras wird von Marko Dini\u0107 allerdings nicht chronologisch erz\u00e4hlt. Acht Kapitel aus unterschiedlichen Perspektiven drehen sich um die Geschehnisse an einem Tag im Jahr 1942, wobei der Tag selbst nur ein Anker ist, um die unterschiedlichen Erz\u00e4hlungen zusammenzuhalten. \u201eMeine Protagonistinnen und Protagonisten machen eigentlich immer nicht viel. (&#8230;) Sie gehen im Grunde immer von A nach B, immer in einer Suchbewegung.\u201c, meint Dini\u0107. Er will \u201egro\u00dfe Geschichte sch\u00f6n im Hintergrund zittern lassen\u201c und zeigen, wie \u201edie gro\u00dfe Geschichte auf einfache Menschen einwirkt.\u201c<\/p>\n<p>Wer bewahrt diese Geschichten f\u00fcr die Nachwelt?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/artk_ct0_9783552076013_0001.6032220.jpg\" alt=\"Buchcover: Marko Dinic &quot;Buch der Gesichter&quot;\" title=\"\u00a9 Zsolnay Verlag\" width=\"800\" height=\"1301\"\/><\/p>\n<p class=\"credit\">Zsolnay Verlag<\/p>\n<p>\u201eBuch der Gesichter\u201c von Marko Dini\u0107 ist im <a href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/marko-dinic-buch-der-gesichter-9783552076013-t-5720\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zsolnay Verlag<\/a> erschienen.<\/p>\n<p>Seine Figuren hat er dabei so ausgew\u00e4hlt, dass er m\u00f6glichst viel von der j\u00fcdischen Geschichte und Kultur Serbiens erz\u00e4hlen kann, um sie f\u00fcr die Nachwelt zu bewahren. Und als jemand, der in Salzburg j\u00fcdische Kulturgeschichte studiert hat, hat Dini\u0107 auch die Expertise dazu, j\u00fcdische Rituale und Alltagsleben detailliert zu beschreiben. So erfahren wir etwa von einer fr\u00fchen zionistischen Bewegung in Serbien, von vor Belgrad gestrandeten j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlingsschiffen aus \u00d6sterreich, die  zur Todesfalle werden, von der Neuen Synagoge in Belgrad, die unter der Besatzung oder als Laufhaus f\u00fcr deutsche Offiziere genutzt wurde oder die Gr\u00e4uel im Konzentrationslager Jasenovac, die Dini\u0107 von einem Jungen in biblischem Duktus schildern l\u00e4sst: \u201eWisset nur, dass die Erde schwarz vor Blut gewesen &#8230; dass irgendwann der Augenblick kam, da sich das Schwarz meiner Roma mit jenem der Juden, Kroaten und Serben vermischte. So waren wir unter dem Messer des Feindes alle gleich wie zu Lebzeiten nicht!\u201c<\/p>\n<p>Es ist keine leichte Kost, die Dini\u0107 seinen Leserinnen und Lesern vorsetzt, inhaltlich und sprachlich, ein dicht verwobener Zitate-Teppich, den man wohl erst bei mehrmaligem Lesen halbwegs entwirren kann. Dini\u0107 schafft es allerdings, mit einem Spiel aus Fakt und Fiktion und mit der Andeutung von Geheimnissen, die Spannung in \u201eDas Buch der Gesichter\u201c hochzuhalten. Wer sich auf den fast 500 Seiten langen Roman einl\u00e4sst, wird mit neuen Perspektiven belohnt werden, hat danach aber vielleicht mehr Fragen, als vorher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In seinem zweiten Roman \u201eBuch der Gesichter\u201c, der aktuell f\u00fcr den Deutschen Buchpreis als bester Roman 2025 nominiert&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":359279,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-359278","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115061140227987645","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/359278","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=359278"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/359278\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/359279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=359278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=359278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=359278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}