{"id":361636,"date":"2025-08-21T10:21:11","date_gmt":"2025-08-21T10:21:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/361636\/"},"modified":"2025-08-21T10:21:11","modified_gmt":"2025-08-21T10:21:11","slug":"ich-suche-nicht-ich-finde-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/361636\/","title":{"rendered":"\u201eIch suche nicht, ich finde\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>In den sp\u00e4ten Neunzigerjahren machte der Namen Rokytn\u00edk in der europ\u00e4ischen Fotoszene die Runde \u2013 und Jitka Hanzlov\u00e1 schnell bekannt. Heute z\u00e4hlt sie zur Oberliga der Fotokunst. Institutionen in Deutschland, Frankreich und London zeigten ihre fr\u00fchen Bilder, auch die Wiener Fotogalerie im WUK geh\u00f6rte zu den Pionieren. Hier war die von 1990 bis 1994 in Hanzlov\u00e1s nordb\u00f6hmischem Herkunftsdorf entstandene 59-teilige Sammlung\u00a0\u201eRokytn\u00edk\u201c bereits 1996 zu sehen.<\/p>\n<p>Nun kehrte sie nach \u00d6sterreich zur\u00fcck, im Rahmen einer umfassenden, von Walter Moser perfekt kuratierten Personale in der Albertina, gemeinsam mit sp\u00e4teren Zyklen, darunter bekannte wie \u201eFemale\u201c, \u201eHorse\u201c oder \u201eForest\u201c, aber auch \u201eHier\u201c, \u201eThere Is Something I Don\u2019t Know\u201c und als neueste \u201eBohdanka\u201c, eine Langzeitbeobachtung aus Rokytn\u00edk. <\/p>\n<p>Das entscheidende Jahr war 1989. Sieben Jahre vorher war die damals 23-J\u00e4hrige aus der kommunistischen Diktatur nach Deutschland geflohen. In Bochum, wo Hanzlov\u00e1 bis heute lebt, hat sie Visuelle Kommunikation und Fotografie studiert. Durch den Abriss aller Verbindungslinien zu Familie, Sprache und Heimat habe sie sich \u201ewie auf einem Bein\u201c gef\u00fchlt. Doch das hielt sie wach und sch\u00e4rfte den Blick. Als 1989 die \u010cSSR v\u00f6llig unerwartet kollabierte, konnte die Exilantin erstmals wieder zur\u00fcck nach Rokytn\u00edk, mehrmals pro Jahr, um die Menschen und Orte, die sie kannte, wieder und nun neu zu sehen. Ein kleines Dorf abseits der modernen Metropolen und doch zentral in Europa gelegen. In den fr\u00fchen Neunzigerjahren konnte im aus der Zeit gefallenen Rokytn\u00edk wie in einem Brennglas beobachtet werden, wie die Ost-\u00c4rmlichkeit im Verschwinden begriffen war und langsam von ersten Zeichen des West-Kapitalismus \u00fcberlagert wurde. <\/p>\n<p>Der lange Atem des kleinen Gl\u00fccks<\/p>\n<p>Hanzlov\u00e1 agierte als Insiderin, anders als Bildreporter, TV-Teams und Fotoessayisten der Magnum-Schule, die den Systemtransfer auf die Schnelle und mit spektakul\u00e4ren Motiven einfangen wollten. Sie konnte sich Zeit lassen, um zu allen Jahreszeiten Nahaufnahmen von Menschen und ihrem Naturumfeld einzufangen. In Gespr\u00e4chen sagt sie gern: \u201eIch suche nicht, ich finde.\u201c Kein einziges Mal kommt das gesamte Dorf in den Blick, Panoramen sind nicht Sache dieser Fotografin. Neben Kindern, Bauern, alten Leuten, Tieren und einfachen H\u00e4usern finden sich auch Hinweise auf die allt\u00e4glichen Lebensumst\u00e4nde: W\u00e4sche auf der Leine, selbst gebasteltes Spielzeug, alte Skier, der Kessel eines Schnapsbrenners oder ein bl\u00fchender Obstbaum in gr\u00fcner Weite \u2013 der lange Atem des kleinen Gl\u00fccks in schweren Zeiten. Was bildw\u00fcrdig sein k\u00f6nnte, wird intuitiv und subjektiv entschieden. So behutsam und liebevoll Hanzlov\u00e1s Ann\u00e4herung auch ist, so pr\u00e4zise, streng klassisch komponiert, strukturell und reich an Realit\u00e4t sind ihre Funde. <\/p>\n<p>Also ein Gegenmodell zum quasisoziologischen Recherchematerial, mit dem in Kunstinstallationen allzu oft W\u00e4nde und R\u00e4ume wichtigtuerisch und langweilig vollger\u00e4umt werden.\u00a0Ein Geheimnis dieser Fotografien, bei denen gelegentlich auch Witz aufblitzt, ist die zarte, zur\u00fcckgenommene Farbigkeit, wobei im Vordergrund insul\u00e4re Orange- oder Rotakzente als Blickfang dienen. <\/p>\n<p>Komplizenschaft mit fremden Frauen<\/p>\n<p>Anders als das d\u00f6rfliche Poem, n\u00e4mlich mit vorher definiertem Konzept, entstand die Folgeserie \u201eFemale\u201c (1997\u20132000) mit Frauenportr\u00e4ts in gro\u00dfst\u00e4dtischem Umfeld, entstanden in D\u00fcsseldorf, London und Los Angeles. Die Fotografin hat in Parks und Stra\u00dfen Frauen, denen sie zuf\u00e4llig begegnet ist, angesprochen und mit ihnen stille Interaktionen gesucht. Es handelt sich durchwegs um Dreiviertelportr\u00e4ts aus Halbdistanz, die Frauen blicken mit unbewegter Miene und ernst in die Kamera. Chiffren wie Kleidung, Frisur oder Schmuck laden ebenso wie die K\u00f6rpersprache diskret dazu ein, Vermutungen \u00fcber ihre Lebenswelt oder soziale Stellung anzustellen. Hanzlov\u00e1 ging es dabei darum, Individualit\u00e4t und \u201eemotionale Zust\u00e4nde\u201c einzufangen, in einem Katalogtext war von \u201escheuer Komplizenschaft\u201c und einer \u201eIntimit\u00e4t des Unbekannten\u201c die Rede.<\/p>\n<p>Bedrohliche W\u00e4lder<\/p>\n<p>An die Grenzen des Fotografierbaren ging Hanzlov\u00e1, als sie durch W\u00e4lder in der Umgebung ihres Heimatdorfs streifte, auch bei Nacht. Um Pathos und die Stereotypen des zu Tode fotografierten Sujets zu konterkarieren, beschr\u00e4nkte sie sich im Zyklus \u201eForest\u201c auf Atmosph\u00e4risches und extreme Bildaus- und -anschnitte. Wie immer bei Hanzlov\u00e1 kommen einander H\u00e4rte und Sch\u00f6nheit nahe. Was aus gr\u00f6\u00dferem Abstand monochrom finster erscheint, l\u00e4sst im \u201eNahblick\u201c bedrohliches Astgewirr und \u00dcberg\u00e4nge von dunklem Blau in beinahe Schwarz erkennen. Angsteinfl\u00f6\u00dfende Zust\u00e4nde in W\u00e4ldern kenne sie nicht nur aus ihrer Kindheit, erz\u00e4hlt die Fotografin, sondern \u00fcberfielen sie bis heute. Unber\u00fchrt ist die Natur bei Hanzlov\u00e1 nie, so der Schriftsteller John Berger \u00fcber \u201eForest\u201c\u2009\u2013 aber es zeige sich \u201eeine Ahnung von Unendlichkeit\u201c. <\/p>\n<p>F\u00fcr das Au\u00dfergew\u00f6hnliche von Hanzlov\u00e1s \u00fcber das Sichtbare hinausgehende Bildsprache haben sich beliebte Begriffe wie behutsam oder einf\u00fchlend etabliert, kombiniert mit unsentimental und k\u00fchl. Der Spielraum, der das Anschauen so kurzweilig macht, gibt der Schau Gewicht. Man ist von der Albertina gewohnt, knallig mit prominenten Namen zu locken. Doch zeigt sich, dass sich auch ein \u00dcberblick \u00fcber das Werk einer eher als Spezialistin bekannten K\u00fcnstlerin schnell herumspricht und kein Nebenangebot sein muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In den sp\u00e4ten Neunzigerjahren machte der Namen Rokytn\u00edk in der europ\u00e4ischen Fotoszene die Runde \u2013 und Jitka Hanzlov\u00e1&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":361637,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,2076,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-361636","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-ausstellung","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-kunst-und-design","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115066259679850051","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361636","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=361636"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361636\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/361637"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=361636"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=361636"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=361636"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}