{"id":362542,"date":"2025-08-21T18:50:12","date_gmt":"2025-08-21T18:50:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/362542\/"},"modified":"2025-08-21T18:50:12","modified_gmt":"2025-08-21T18:50:12","slug":"unter-den-daechern-von-paris-sebastian-haffners-abschied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/362542\/","title":{"rendered":"Unter den D\u00e4chern von Paris: Sebastian Haffners \u00bbAbschied\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Anfang Oktober 1924, und Walter Hasenclever befindet sich in Paris. Einige Jahre zuvor war der aus Aachen stammende Autor noch einer der erfolgreichsten Dramatiker des deutschen Expressionismus gewesen. Inzwischen hat die Sachlichkeit Einzug gehalten, zusammen mit einer fragilen, angefochtenen, angefeindeten wie auch schwankenden Demokratie. Hasenclever, einst literarischer Vaterm\u00f6rder und Liebhaber des Pathos, legt nun elegante urbane Ironie an den Tag \u2013 wenige Jahre sp\u00e4ter sollten seine kom\u00f6diantischen B\u00fchnenst\u00fccke wie zum Beispiel Ein besserer Herr \u00e4u\u00dferst popul\u00e4r werden, weitere f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wird er dann Fl\u00fcchtling sein.<\/p>\n<p>Aber das wei\u00df der Schriftsteller im Oktober 1924 noch nicht. Da beginnt der enge Freund des Paris liebenden und zur selben Zeit von dort berichtenden Kurt Tucholsky eines seiner ersten Feuilletons, die er f\u00fcr das boulevardeske Berliner \u00bb8 Uhr-Abendblatt\u00ab verfasst, folgenderma\u00dfen: \u00bbIch sitze in einem kleinen Caf\u00e9 auf dem Boulevard St. Michel im Quartier Latin und schreibe Ihnen diesen Brief mit Bleistift. Vor mir steht ein Glas Wermut, gespritzt mit Sodawasser. Das gibt die Stimmung wieder: D\u00e4mmerung. Ich denke zur\u00fcck. Drei Tage bin ich in Paris, genie\u00dfe die Freuden des anonymen Spazierg\u00e4ngers, h\u00f6re Zeitungen ausrufen, die ich nicht zu lesen brauche, schwanke durch bunte Lichtreklamen, taumle durch eine Wolke Parf\u00fcm, die ein Boulevardgesch\u00e4ft auf die Passanten regnen l\u00e4sst, und bin gl\u00fccklich \u00fcber jeden Brieftr\u00e4ger, der mich nicht erreicht.\u00ab<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Immer wieder tauchen schr\u00e4ge Gestalten auf und st\u00f6ren das Paar.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Paris, siebeneinhalb Jahre sp\u00e4ter, Fr\u00fchjahr 1931. Zu dieser Zeit spielt Sebastian Haffners Abschied. Die Atmosph\u00e4re in der Seine-Metropole ist noch so wie bei Hasenclever. Das Leben ist unbeschwert, Flirts liegen in der Luft. Bohemiens gibt es zuhauf. Man hungert, man kommt gerade so \u00fcber die Runden. Raimund aus Berlin verbringt den letzten Tag seines zweiw\u00f6chigen Aufenthalts mit und bei Teddy. Es handelt sich um die junge Frau, in die er verliebt ist, seitdem es bei ihm ein halbes Jahr zuvor in Berlin \u00bbgefunkt\u00ab hatte.<\/p>\n<p>Ein Tag voller Hindernisse<\/p>\n<p>Es ist ein Tag voller Hindernisse. Immer wieder tauchen schr\u00e4ge Gestalten auf und st\u00f6ren. Einer braucht eine Hose, ein anderer will etwas \u00fcbersetzen lassen, man trinkt und isst miteinander, man redet. Teddy und Raimund schaffen es noch \u2013 Pflichttermine in Paris \u2013 in den Louvre, und zwar zur \u00bbVenus von Milo\u00ab. Dann geht es weiter zu El Greco und Cimabue. Und nat\u00fcrlich auf den Eiffelturm. <\/p>\n<p>Abends um zehn Uhr bekommt Raimund, der Rechtsreferendar ist, am Gare du Nord gerade noch seinen nach Berlin abgehenden Zug. Sein Abschiedsgeschenk an Teddy: Sie, die faule Briefschreiberin, brauche ihm nicht zu schreiben. \u00bbIch war furchtbar verliebt in sie\u00ab, hei\u00dft es im Auftakt, den melodi\u00f6s modulierten Alltagstonfall vorgebend, \u00bbund furchtbar b\u00f6se auf sie und sehr verbockt und innerlich kaputt, und eigentlich war es zum Heulen, aber noch mehr war alles gleichg\u00fcltig, und morgen Abend war ja sowieso alles vorbei.\u00ab<\/p>\n<p>Ist das alles nun autobiografisch, weil die Hauptfigur Raimund Pretzel hei\u00dft und sein Sch\u00f6pfer ebenfalls? Ja, das ist es definitiv. Der Schuldirektorensohn, der sp\u00e4ter unter dem Alias Sebastian Haffner schrieb, sollte etwas Richtiges lernen, sich dem Traum vom Journalismus und der Schriftstellerei entsagen. Also wurde es Jura. 1938 aber floh er mit seiner damals hochschwangeren Verlobten aus einer j\u00fcdischen Familie nach London und machte dort Karriere, und das ausgerechnet als Publizist. Unter seinem Alias ver\u00f6ffentichte er ein aufsehenerregendes Deutschland-Buch mit dem Titel Germany: Jekyll &amp; Hyde, das bis heute viel gelesen wird.<\/p>\n<p>Aus Gro\u00dfbritannien nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt<\/p>\n<p>Nachdem der geb\u00fcrtige Berliner 1954 aus Gro\u00dfbritannien nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt war, lie\u00df er sich in West-Berlin nieder, wurde Korrespondent f\u00fcr den Londoner \u00bbObserver\u00ab. 1961 kam es zum Bruch mit der Zeitung, weshalb Haffner sich neu orientierte. Bis 1975 war er dann Kolumnist f\u00fcr den \u00bbStern\u00ab, schrieb Texte f\u00fcr die evangelische Wochenzeitung \u00bbChrist und Welt\u00ab oder f\u00fcr Axel Springers konservative \u00bbWelt\u00ab, aber auch f\u00fcr das weit links stehende Magazin \u00bbkonkret\u00ab. 1999 starb Haffner 92-j\u00e4hrig. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde seine Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914\u20131933, deren Manuskript aus dem Jahr 1939 stammte, zum Bestseller.<\/p>\n<p>Nun, 25 Jahre sp\u00e4ter, hat Haffners in London lebender Sohn etwas zum Druck freigegeben, was das Bild des Zeithistorikers und Publizisten erweitert und erg\u00e4nzt, und zwar leichte wie leichth\u00e4ndige sowie verspielte, von Autobiografischem durchzogene Prosa.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>1931 trifft ein Deutscher eine Franz\u00f6sin, es erscheint unbeschwert.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das deutsche Literaturjahr 1932 hatte es in sich: Es erschien dann Lion Feuchtwangers Der j\u00fcdische Krieg und Treffpunkt im Unendlichen von Klaus Mann, Irmgard Keuns Das kunstseidene M\u00e4dchen und last but not least im November Der 35. Mai oder Konrad reitet in die S\u00fcdsee, das Kinderbuch von Erich K\u00e4stner.<\/p>\n<p>Wie der editorischen Notiz von Abschied zu entnehmen ist, vermerkte Haffner auf der Titelseite des Manuskripts \u00bb18.10.32\u201323.11.32\u00ab, also die Zeit, in der er diese l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung schrieb. Lebendige, vergn\u00fcgliche Dialoge liest man da, f\u00fcr einen Literatur-Novizen \u2013 sein erster Roman erschien 1929 nicht, weil der Verlag in Konkurs ging \u2013 ausnehmend lebensecht zu Papier gebracht. Es gibt allerdings Bemerkungen, gar nicht wenige, die heute erschrecken \u2013 aber ebenfalls klarsichtige Bemerkungen \u00fcber Krieg und Duckm\u00e4usertum. Das Resultat ist eine feine, s\u00fc\u00df-melancholische Trouvaille aus einer t\u00f6nernen Zeit.<\/p>\n<p>Sebastian Haffner: \u00bbAbschied\u00ab. Hanser, M\u00fcnchen 2025, 192 S., 24 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist Anfang Oktober 1924, und Walter Hasenclever befindet sich in Paris. 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