{"id":362697,"date":"2025-08-21T20:13:10","date_gmt":"2025-08-21T20:13:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/362697\/"},"modified":"2025-08-21T20:13:10","modified_gmt":"2025-08-21T20:13:10","slug":"altmark-film-in-die-sonne-schauen-entstaubt-das-kino","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/362697\/","title":{"rendered":"Altmark-Film &#8222;In die Sonne schauen&#8220; entstaubt das Kino"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nEin totes M\u00e4dchen sitzt auf einem Canap\u00e9: strenge blonde Z\u00f6pfe, schwarzes Kleid. Die Fotografie ist verschwommen. Ein Totenbild wie aus dem Gruselfilm &#8222;The Others&#8220;. F\u00fcr die M\u00e4dchen, die sich neugierig davor aufgestellt haben, geh\u00f6rt so etwas zum Alltag.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nEine von ihnen sieht aus wie die Tote \u2013 wie ihre Schwestern auf Plattdeutsch behaupten \u2013 und sie hei\u00dft auch so: Alma. Die Idee, dass auch sie sterben muss, l\u00e4sst die lebendige Alma von nun an nicht mehr los. Und der Tod ist immer da.\n<\/p>\n<p>Film spielt in der <a name=\"Altmark\">Altmark <\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nAlma lebt zur Zeit des Ersten Weltkrieges auf einem <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/sachsen-anhalt\/stendal\/salzwedel\/cannes-wettbewerb-sonne-altmark-mascha-schillinski-kultur-news-100.html\" title=\"Filmfestival in Cannes startet: Film aus Sachsen-Anhalt im Internationalen Wettbewerb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vierseitenhof in der Altmark<\/a>, einer bis heute abgelegenen Region im n\u00f6rdlichen Sachsen-Anhalt. Sie erlebt alles um sich herum mit fiebriger Intensit\u00e4t. &#8222;In die Sonne schauen&#8220; erz\u00e4hlt aber auch von Erika, Angelika und Nelly, die ebenfalls an diesem Ort leben, jedoch nicht zur selben Zeit.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Es geht nat\u00fcrlich in dem Film auch darum, welchen Blicken Frauen ein Jahrhundert lang unterworfen sind. Und die Frauen im Film blicken halt auch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Regisseurin Mascha Schilinski<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\nAngelika beispielsweise ist eine Teenagerin in den 80er-Jahren in der DDR. Ihr Schwimmlehrer ist ihr Onkel, der ihr begehrliche Blicke zuwirft. Ihr Cousin tut das ebenso. Angelika f\u00fchlt sich in die Enge getrieben, w\u00e4hrend sie zugleich ihr eigenes sexuelles Erwachen erlebt.\n<\/p>\n<p>Durch historische <a name=\"Fotografie\">Fotografie<\/a> inspiriert<\/p>\n<p class=\"text\">\nInspiriert wurde der Film durch eine Fotografie, die vor 100 Jahren aufgenommen wurde, erz\u00e4hlt <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/sachsen-anhalt\/stendal\/salzwedel\/filmpreis-cannes-in-die-sonne-schauen-altmark-arendsee-100.html\" title=\"Sensation in Cannes: In Altmark gedrehter Film &quot;In die Sonne schauen&quot; gewinnt Preis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regisseurin Mascha Schilinski<\/a>. Sie und ihre Co-Autorin Louise Peter h\u00e4tten das Bild am sp\u00e4teren <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/sachsen-anhalt\/stendal\/salzwedel\/neulingen-altmark-drehort-cannes-film-100.html\" title=\"Neulingen in der Altmark hofft auf Goldene Palme in Cannes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Drehort<\/a> gefunden: Es zeige drei Frauen unterschiedlichen Alters, die mitten auf einem Hof stehen und direkt in die Kamera blicken \u2013 umgeben von H\u00fchnern, ganz ungestellt, nat\u00fcrlich.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Dieser Blick von diesen drei Frauen, die auch im unterschiedlichen Alter waren, hat uns total ber\u00fchrt&#8220;, sagt die Regisseurin. &#8222;Weil es dieser Blick durch die vierte Dimension war, der uns direkt angeblickt hat.&#8220; Und so gehe es im Film auch darum, welchen Blicken Frauen ein Jahrhundert lang unterworfen waren. &#8222;Die Frauen in diesem Film, k\u00f6nnte man sagen, blicken halt auch zur\u00fcck&#8220;, erkl\u00e4rt Schilinski.\n<\/p>\n<p>Kino-Film, der berauscht<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Frauen im Film stehen durch ihre Blicke miteinander in Verbindung. Es ist, als ob sie durch die Zeit hindurchblickten. Erz\u00e4hlt wird nicht chronologisch, sondern momenthaft und assoziativ. Es ist ein Strom von Bildern, in dem auch Gedanken auftauchen, unterschiedliche Stimmen, Erinnerungsfragmente.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAus der subjektiven Wahrnehmung wird eine intersubjektive Erz\u00e4hlung. Wie das montiert ist, hat eine berauschende Wirkung. Dabei ist es nicht nur das gro\u00dfe Thema der Verg\u00e4nglichkeit, das der Film auf so sinnliche wie unkonventionelle Weise abbildet.\n<\/p>\n<p><a name=\"Zwischen\">Zwischen<\/a> Traumata, Erinnerung und Traum<\/p>\n<p class=\"text\">\nErfahrbar wird durch die Machart auch, wie sich das Leben auf dem Hof innerhalb von hundert Jahren ver\u00e4ndert: von einem strengen, geregelten Arbeitsalltag einer b\u00e4uerlichen Gro\u00dffamilie in der Alma-Geschichte bis zur Berliner-Boh\u00e8me-Familie, die den verlassenen Ort heute entdeckt, um daraus  eine Art Bullerb\u00fc zu machen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Ahnen sind auf ihre Weise dabei immer pr\u00e4sent. Ihre Erfahrungen und Traumata haben sich in dem Ort eingepr\u00e4gt, steuern das Verhalten derer, die folgen \u2013 sogar \u00fcber Familienbanden hinaus. Von einem Schmetterlingseffekt spricht Mascha Schilinski: Ein Fl\u00fcgelschlag reicht, um eine Kettenreaktion anzusto\u00dfen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;In die Sonne schauen&#8220; bildet eine kollektive, vielleicht auch metaphysische Erfahrung ab. Es ist der bemerkenswerte Versuch, das Kino von alten Erz\u00e4hlformen zu entstauben \u2013 zugunsten eines Erz\u00e4hlens, das mehr der Erinnerung und dem Traum \u00e4hnelt. Die Welt hinterl\u00e4sst ihren Abdruck auf der Netzhaut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein totes M\u00e4dchen sitzt auf einem Canap\u00e9: strenge blonde Z\u00f6pfe, schwarzes Kleid. Die Fotografie ist verschwommen. 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