{"id":362986,"date":"2025-08-21T22:51:20","date_gmt":"2025-08-21T22:51:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/362986\/"},"modified":"2025-08-21T22:51:20","modified_gmt":"2025-08-21T22:51:20","slug":"stadt-als-tatort-tageszeitung-junge-welt-21-08-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/362986\/","title":{"rendered":"Stadt als Tatort, Tageszeitung junge Welt, 21.08.2025"},"content":{"rendered":"<p>Neben vielen Fotografien, die die Wandlung Berlins nach dem Mauerfall zeigen, sind auch Bilder der Gro\u00dfbaustelle Potsdamer und Leipziger Platz in den 1990er Jahren in der Ausstellung \u00bbBerlin eins \u2013 Die Neunziger\u00ab im Haus am Kleistpark in Berlin-Sch\u00f6nberg zu sehen. Eine enorm wichtige Ausstellung mit Werken von Andr\u00e9 Kirchner, Nelly Rau-H\u00e4ring und Peter Thieme, die belegt, wie unverzichtbar Stadt- und Stra\u00dfenfotografie ist, um den Gang der Geschichte auch visuell nachvollziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Andr\u00e9 Kirchner kam 1981 aus M\u00fcnchen zum Studium nach Westberlin, entdeckte f\u00fcr sich die Fotografie und h\u00e4ngte das Studium an den Nagel, nachdem er sich autodidaktisch das Fotografieren beigebracht hatte. Er gilt heute als einer der wichtigen Chronisten Berlins. Peter Thieme stammt aus der DDR, studierte an der renommierten Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst in Leipzig. Die Schweizerin Nelly Rau-H\u00e4ring hatte nach dem Bau der Mauer mehrere Jahrzehnte in Westberlin als freie Fotografin gelebt und dort sowie auch in Ostberlin die Menschen in den Stra\u00dfen fotografiert. Sie arbeitete f\u00fcr diverse Zeitungen und Stadtmagazine, bevor sie Berlin den R\u00fccken kehrte und wieder in die Schweiz zog. Das Zusammenwachsen der beiden Stadth\u00e4lften nach dem Fall der Mauer hat alle drei dazu gebracht, diesen Prozess aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu dokumentieren. W\u00e4hrend Andr\u00e9 Kirchner und Peter Thieme ihren Fokus jeweils mit Gro\u00dfbildkamera und Stativ auf die architektonischen Ver\u00e4nderungen legten, interessierte sich Nelly Rau-H\u00e4ring eher f\u00fcr die Menschen im \u00f6ffentlichen Raum. Die historische Z\u00e4sur mit dem Anschluss der DDR lie\u00df bei Kapital und Spekulanten eine Goldgr\u00e4berstimmung aufkommen. Nicht nur das Tafelsilber der DDR kam billigst in kolonialer Manier durch die Treuhand unter den Hammer, auch Grundst\u00fccke wie zum Beispiel die am Potsdamer und Leipziger Platz wurden vom Berliner Senat an Gro\u00dfkonzerne verscherbelt, um die teilungsbedingten Brachen schnellstm\u00f6glich zu bebauen und das alte Zen\u00adtrum Berlins wieder herzustellen. Doch Urbanit\u00e4t, so wurden Bedenken laut, kann nicht am Rei\u00dfbrett entworfen werden, sondern muss allm\u00e4hlich entstehen. Nelly Rau-H\u00e4rings Bild von spielenden Kindern auf einem Erdh\u00fcgel vor der Kulisse des Potsdamer Platzes mit den neuen Hochh\u00e4usern signalisiert eine denkw\u00fcrdige Ambivalenz zwischen Aufbau, Abriss und Geisterstadt.<\/p>\n<p>Die S\u00fcddeutsche Zeitung beschrieb 2023 das Quartier als \u00bbStadtviertel, in dem keiner wirklich sein will\u00ab. Und tats\u00e4chlich hat der ganze Ort einen merkw\u00fcrdigen Charakter, seit die Deutsche Kinemathek, das Filmhaus und das Arsenal weggezogen sind, die Berlinale dort auch kaum mehr ihren zentralen Ort hat und die Potsdamer-Platz-Arkaden als vorgeblicher Fresstempel vor sich hin d\u00fcmpeln. Auch wenn dort Touristen flanieren, ist von lebendiger Urbanit\u00e4t nichts zu sp\u00fcren. Daimler-Benz ver\u00e4u\u00dferte seinen Sitz samt 500.000 Quadratmetern Grund, den der Konzern zum Schn\u00e4ppchenpreis von etwas \u00fcber 2.000 D-Mark pro Quadratmeter erworben hatte, bereits 2007 wieder, und auch Sony hat den Platz drei Jahre sp\u00e4ter verlassen und das Hauptgeb\u00e4ude ver\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>\u00bbAber ist nicht jeder Fleck unserer St\u00e4dte ein Tatort?\u00ab fragte Walter Benjamin in seiner \u00bbKleinen Geschichte der Photographie\u00ab. Ja, Tatort von Stadtplanern, Politikern, Investoren und Architekten, die dazu beitragen, dass \u00bbStadt\u00ab st\u00e4ndig (nicht nur positiven) Ver\u00e4nderungen ausgesetzt ist. Andr\u00e9 Kirchner und Peter Thieme weisen mit ihren Fotografien auf die Rasanz der Ver\u00e4nderung in jenen 1990er Jahren hin. Thieme zeigt einen DDR-Neubau an der Kronenstra\u00dfe Ecke Friedrichstra\u00dfe, der schon lange nicht mehr existiert. Auch die st\u00e4dtebaulichen Szenerien in der Georgen- und Charlottenstra\u00dfe haben sich geh\u00f6rig ver\u00e4ndert. Die Bilder der beiden Stadtfotografen repr\u00e4sentieren zum Teil einen vergangenen architektonischen Zustand, der gel\u00f6scht und \u00fcberbaut wurde. In Nelly Rau-H\u00e4rings wunderbaren Stra\u00dfenfotografien, unter anderem vom Abzug US-amerikanischer und sowjetischer Soldaten, wird eine \u00c4ra aufgerufen, die kurze Zeit als Ende des Kalten Kriegs verstanden wurde. F\u00e4lschlicherweise, wie sp\u00e4testens seit dem v\u00f6lkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg und der sukzessiven NATO-Osterweiterung als Wortbruch des im Rahmen der Verhandlungen zum Zwei-plus-vier-Vertrag abgegebenen Versprechens klar wurde.<\/p>\n<p>In den Fotografien aller drei Fotografen k\u00f6nnen die Besucher unter vielen Aspekten detektivische Forschung betreiben. In einem Foto der mit neuer Architektur versehenen Stra\u00dfenecke Besselstra\u00dfe\/Charlottenstra\u00dfe aus dem Jahr 2000 von Andr\u00e9 Kirchner ist ein Werbeplakat f\u00fcr einen preiswerten Arcor-Tarif zu sehen, das unter dem Motto \u00bbG\u00fcnstig zu haben\u00ab ein nur leicht bekleidetes weibliches Model telefonierend zeigt. Solch ein eklatanter Sexismus w\u00e4re heute wohl kaum noch m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Neben vielen Fotografien, die die Wandlung Berlins nach dem Mauerfall zeigen, sind auch Bilder der Gro\u00dfbaustelle Potsdamer und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":362987,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,296,129,29,214,1885,30,1794,7610,215],"class_list":{"0":"post-362986","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-berlin","10":"tag-ddr","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-fotografie","14":"tag-germany","15":"tag-kunst-und-design","16":"tag-potsdam","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115069208748849274","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/362986","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=362986"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/362986\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/362987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=362986"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=362986"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=362986"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}