{"id":363568,"date":"2025-08-22T04:58:15","date_gmt":"2025-08-22T04:58:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/363568\/"},"modified":"2025-08-22T04:58:15","modified_gmt":"2025-08-22T04:58:15","slug":"die-besessenheit-annie-ernaux-radikaler-blick-auf-obsessive-eifersucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/363568\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Besessenheit&#8220;: Annie Ernaux&#8216; radikaler Blick auf obsessive Eifersucht"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/coverernaux-100.webp\" alt=\"Cover:  Annie Ernaux: &quot;Die Besessenheit&quot;\" title=\"Cover:  Annie Ernaux: &quot;Die Besessenheit&quot; | Suhrkamp\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>\n            Stand: 22.08.2025 06:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">23 Jahre nach der Publikation in Frankreich ist Annie Ernaux&#8216; Buch &#8222;L\u2019occupation&#8220; nun erstmals auf Deutsch erschienen. Ein starker Text \u00fcber die Eifersucht, der die Leserin k\u00f6rperlich mitleiden l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von Tilla Fuchs, SR<\/p>\n<p class=\"\">\nObwohl sie ihn verlassen hat, f\u00fchlt sie starke Eifersucht, als er eine Beziehung mit einer anderen Frau eingeht: Die obsessive Besch\u00e4ftigung mit &#8222;der Neuen&#8220;, wird zur Qual, zur titelgebenden Besessenheit.<\/p>\n<blockquote><p>\n        Das Sonderbarste an der Eifersucht ist, dass man eine Stadt oder die ganze Welt mit einem Menschen bev\u00f6lkert, dem man vielleicht nie begegnet ist.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/coverernaux110.webp\" alt=\"Buchcover: Annie Ernaux, &quot;Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus&quot;\" title=\"Buchcover: Annie Ernaux, &quot;Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus&quot; | Suhrkamp Verlag\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Ein schmerzhafter Bericht \u00fcber Ernaux&#8216; Hilflosigkeit, als ihre Mutter in station\u00e4rer Langzeitpflege in der Demenz versinkt.<\/p>\n<p>    Wieder kreist Ernaux schreibend um ein Tabu<\/p>\n<p class=\"\">\nDie Ich-Erz\u00e4hlerin dieses kurzen kreativen Exorzismus\u2018 f\u00e4llt wahrscheinlich auch diesmal mit der Autorin Annie Ernaux zusammen. In diesem wahrscheinlich aber liegt alles: Schutz und Freiheit, Worte, die sie zwischen sich und die Gegenwart setzt &#8211; Literatur eben. Wieder kreist Ernaux schreibend ein Tabu ein. Wobei das Verbotene hier nicht in der minuti\u00f6s sezierten Eifersucht liegt, sondern wie in Ernaux\u2018 Buch &#8222;Der junge Mann&#8220; darin, dass eine \u00e4ltere Frau eine Beziehung zu einem deutlich J\u00fcngeren beschreibt, meint ihre \u00dcbersetzerin Sonja Finck: &#8222;Das ist tats\u00e4chlich immer noch ein Tabu. Da muss man sich nur angucken, wie die Medien mit Emmanuel Macron und seiner Frau umgehen.&#8220;<\/p>\n<p>    Sprache, Radikalit\u00e4t und Wirkung: Die Kunst der \u00dcbersetzung<\/p>\n<p class=\"\">\nDer war bei Erscheinen des Buches, 2002, aber noch gar nicht im Amt, erinnert Sonja Finck, und es existierten in Frankreich noch so drollige Dinge wie der Internet-Vorl\u00e4ufer Minitel, \u00fcber das die Erz\u00e4hlerin die Spuren der Neuen verfolgt. Finck beschreibt, was diese verschobene \u00dcbersetzung f\u00fcr ihre Arbeit und das deutschsprachige Publikum bedeutet: &#8222;Es spielt insofern eine Rolle, als dass ich mir \u00fcberlege: Wie muss die Wirkung damals auf die Leserschaft gewesen sein? Gerade wenn der Abstand gr\u00f6\u00dfer ist. Bei &#8218;Die Besessenheit ein Vierteljahrhundert&#8216;, bei &#8218;Die leeren Schr\u00e4nke&#8216; waren es 50 Jahre Abstand.&#8220;<\/p>\n<p class=\"\">\nDann denke sie immer: &#8222;Das Buch erscheint auf mich schon so radikal, so zeitgen\u00f6ssisch &#8211; wie muss das auf die Leute vor 25 oder sogar 50 Jahren gewirkt haben? In ihrer Offenheit, wie sie \u00fcber Sexualit\u00e4t schreibt, in ihrer Thematisierung der Klassenunterschiede und so weiter. Heute sind wir mit ganz anderen Wassern gewaschen aus den Medien &#8211; damals muss das noch viel mehr eingeschlagen haben. Dann denke ich bei \u00dcbersetzungsentscheidungen immer: Ich muss das so radikal wie m\u00f6glich \u00fcbersetzen, damit vielleicht noch ein bisschen von dem Schock r\u00fcberkommt.&#8220;<\/p>\n<p>    Warum aus &#8222;L\u2019occupation&#8220; &#8222;Die Besessenheit&#8220; wurde<\/p>\n<p class=\"\">\nDoch nicht nur in der Anpassung der Radikalit\u00e4t eines Textes an das Hier und Jetzt zeigt sich, wie fein Ernaux\u2018 Exegetin arbeitet. Es beginnt in diesem Fall beim Titel, &#8222;Die Besessenheit&#8220;, der vom franz\u00f6sischen &#8222;L\u2019occupation&#8220;, die Besatzung, bewusst abweicht: &#8222;W\u00e4hrend man bei &#8218;l\u2019occupation&#8216; im Franz\u00f6sischen zuerst an die deutsche Besetzung Frankreichs denkt, hat &#8218;Besatzung&#8216; im Deutschen nicht diese Konnotation. Das Wort ist viel allgemeiner. Wenn man aus Sicht der damaligen T\u00e4ter das Buch auf Deutsch &#8218;Besatzung&#8216; nennt, h\u00e4tte ich das schr\u00e4g gefunden. Letztlich geht es ihr gar nicht um die politische oder kriegerische Besatzung, sondern es geht in dem Buch darum, dass diese andere Frau, auf die sie eifers\u00fcchtig ist, ihren K\u00f6rper komplett in Beschlag nimmt. Ich habe das im Text aufgefangen, indem ich an ein paar entscheidenden Stellen von &#8218;besetzen&#8216;, &#8218;\u00fcberfallen&#8216; schreibe. Aber als Schl\u00fcsselwort wollte ich das nicht im Text haben.&#8220;<\/p>\n<p>    Literatur als Spiegel der Wirklichkeit<\/p>\n<p class=\"\">\n&#8222;Die Besessenheit&#8220; beschreibt eines der Lebensthemen der heute 84-j\u00e4hrigen Autorin, klar abgegrenzt, als w\u00fcrde sie Schubladen eines gut gef\u00fcllten Schrankes \u00f6ffnen, F\u00e4cher, in denen die Etappen ihres Lebens liegen wie sauber gefaltete Kleidung: die Herkunft, die Scham, die Abtreibung &#8211; die Eifersucht:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Schreiben ist f\u00fcr mich eine M\u00f6glichkeit gewesen, das zu retten, was schon nicht mehr meine Realit\u00e4t ist, keine Empfindung mehr, die mich auf der Stra\u00dfe \u00fcberf\u00e4llt und von Kopf bis Fu\u00df erfasst, sondern nur noch &#8222;die Besessenheit&#8220;, ein klar umrissener Zeitraum der Vergangenheit.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\">\nIn diesem starken Text \u00fcber die Eifersucht, der die Leserin k\u00f6rperlich mitleiden l\u00e4sst und sich bis in Stalking- und Gewaltfantasien steigert, \u00f6ffnet Ernaux wie nebenbei die gr\u00f6\u00dfere Dimension dieses Gef\u00fchls:<\/p>\n<blockquote><p>\n        Schreiben ist im Prinzip nichts anderes als eine Eifersucht auf die Wirklichkeit.<\/p>\n<p>                Leseprobe<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>        <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/coverernaux-100.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/coverernaux-100.webp\" alt=\"Cover:  Annie Ernaux: &quot;Die Besessenheit&quot;\" title=\"Cover:  Annie Ernaux: &quot;Die Besessenheit&quot; | Suhrkamp\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>        <\/a><\/p>\n<p>      Die Besessenheit<\/p>\n<p>von Annie \u00a0Ernaux<\/p>\n<dl>\n<dt class=\"dtHidden\">Seitenzahl:<\/dt>\n<dd>66 Seiten<\/dd>\n<dt class=\"dtHidden\">Genre:<\/dt>\n<dd>Roman<\/dd>\n<dt>Zusatzinfo:<\/dt>\n<dd>Aus dem Franz\u00f6sischen von Sonja Finck<\/dd>\n<dt>Verlag:<\/dt>\n<dd>Suhrkamp<\/dd>\n<dt>ISBN:<\/dt>\n<dd>978-3-518-22562-2<\/dd>\n<dt>Preis:<\/dt>\n<dd>20 \u20ac<\/dd>\n<\/dl>\n<p>        Schlagw\u00f6rter zu diesem Artikel<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buch\/Romane-Buch-Rezensionen-Lesungen-und-Podcasts,romane107.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Romane<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 22.08.2025 06:00 Uhr 23 Jahre nach der Publikation in Frankreich ist Annie Ernaux&#8216; Buch &#8222;L\u2019occupation&#8220; nun erstmals&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":363569,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[59244,1784,1797,1785,1796,29,99820,214,30,1795,1800,215],"class_list":{"0":"post-363568","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-annie-ernaux","9":"tag-books","10":"tag-buch","11":"tag-buecher","12":"tag-buchtipps","13":"tag-deutschland","14":"tag-die-besessenheit","15":"tag-entertainment","16":"tag-germany","17":"tag-roman","18":"tag-romane","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115070652577902934","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363568","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=363568"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363568\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/363569"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=363568"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=363568"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=363568"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}