{"id":364300,"date":"2025-08-22T11:37:11","date_gmt":"2025-08-22T11:37:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/364300\/"},"modified":"2025-08-22T11:37:11","modified_gmt":"2025-08-22T11:37:11","slug":"ekliges-berlin-fresst-euren-muell-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/364300\/","title":{"rendered":"Ekliges Berlin: Fresst euren M\u00fcll selbst"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">M an soll ja, wie es gern hei\u00dft, vor der eigenen Haust\u00fcr kehren. Vor der eigenen Haust\u00fcr hei\u00dft in diesem Fall beim M\u00fcllplatz der Wohnungsanlage einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft. In der Tonne f\u00fcr Biom\u00fcll finden sich regelm\u00e4\u00dfig Plastikt\u00fcten mit Restm\u00fcll. Haben die noch alle Tassen im Schrank?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Manchmal ist der M\u00fcllplatz auch au\u00dferhalb der Tonnen verm\u00fcllt. \u00d6ffentlich zug\u00e4nglich ist er nicht. Es sind also die Bewohnerinnen und Bewohner, die verantwortlich f\u00fcr all das sind. Sie kehren nicht vor der eigenen Haust\u00fcr. Sie verm\u00fcllen sie.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">M\u00fcll ist ein Aufregerthema, das scheinbar viel aussagt \u00fcber den Zustand einer zunehmend egoistisch werdenden Gesellschaft. Die einen feuern eine Chipst\u00fcte in die Gegend, als ob nach ihnen nur die Sintflut kommen k\u00f6nnte. Andere feiern und lassen alles liegen, weil sie ohnehin woanders wohnen und die Karawane gleich weiterzieht. Und dann gibt es noch die, die Abfall freiwillig aufsammeln, weil sie die M\u00fcllflut nicht mit ansehen k\u00f6nnen und f\u00fcr eine lebenswerte Umgebung k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Ich selbst habe manchmal Gewaltfantasien, wenn ich mit dem Fahrrad Slalom um zerbrochene Bierflaschen fahren muss. Wenn ich einen von denen erwische, denke ich dann, werde ich ihn zwingen, die Scherben mit blo\u00dfen H\u00e4nden wegzur\u00e4umen. Oder den eigenen M\u00fcll zu fressen. Zu viel Emotionalit\u00e4t, weise ich mich danach wieder zurecht, ist auch keine L\u00f6sung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">M\u00fcll ist aber auch ein politisches Thema. \u201eBerlin ist verm\u00fcllt, und der M\u00fcll muss weg\u201c, sagt Linken-Landeschefin Kerstin Wolter. Denn M\u00fcll sei auch eine soziale Frage. Immer mehr Menschen in Berlin h\u00e4tten \u201edas Gef\u00fchl, dass sie zu G\u00e4sten werden in der Stadt, die ihr Zuhause sein m\u00fcsste\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Mit diesem Satz macht selbst die Linke deutlich, dass das Thema Verm\u00fcllung nicht mehr ignoriert werden kann. Neben Hamburg ist Berlin die schmutzigste Stadt Deutschlands. Zugleich macht Wolter aber auch die vermeintlich Schuldigen aus. Die Touristen verm\u00fcllen Berlin, die Einheimischen sind die Leidtragenden. Wenn ich Zeit habe, lade ich die Linken-Chefin gern mal zu unserem M\u00fcllplatz ein.<\/p>\n<p>      Helfen h\u00f6here Bu\u00dfgelder?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"8\">In dieser Woche nun hat auch der schwarz-rote Senat auf das Problem reagiert \u2013 und <a href=\"https:\/\/taz.de\/Muell-Bussgelder-in-Berlin\/!6105038\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">den Bu\u00dfgeldkatalog f\u00fcr das illegale Entsorgen von M\u00fcll drastisch erh\u00f6ht<\/a>. Wer seine Zigarettenkippe achtlos auf den B\u00fcrgersteig schnippt, muss k\u00fcnftig 250 Euro bezahlen. Bislang waren es 80 bis 120 Euro.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"9\">Richtig teuer wird es bei der illegalen Entsorgung von Sperrm\u00fcll. Mindestens 1.000 Euro werden nun f\u00e4llig, bei gr\u00f6\u00dferen Mengen sogar 10.000 Euro. Freundlich weist die Senats\u00adverwaltung f\u00fcr Umwelt darauf hin, dass auch \u201eZu verschenken\u201c-Hinweise eine \u201ebu\u00dfgeldbew\u00e4hrte Ordnungswidrigkeit\u201c darstellen. Wer tats\u00e4chlich etwas zu verschenken hat, soll sich stattdessen an das Gebrauchtwarenkaufhaus in der bedingt zentral gelegenen Auguste-Viktoria-Allee in Reinickendorf wenden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">Nun k\u00f6nnte man einwenden, ein Toaster auf dem Gehweg mit der Aufschrift \u201eZu verschenken\u201c sei ein erster Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft \u2013 und damit ein wichtiger Beitrag zur M\u00fcllvermeidung. Doch das, was am Stra\u00dfenrand abgestellt wird, ist meist Schrott, sagt <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/wegschmeissen-oder-recyclen-wie-berlin-gegen-muell-ankaempft-100.html\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Christian Berg vom Bezirksamt Neuk\u00f6lln in einer Reportage des Deutschlandfunks<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"11\">Die Neuk\u00f6llner Erfahrungen sind auch ein Gegenargument an die, die meinen, Bu\u00dfgelderh\u00f6hungen seien sinnlos, weil eh nicht kontrolliert werde. Neuk\u00f6lln zeigt, dass es geht. Regelm\u00e4\u00dfig gehen die Leute vom Ordnungsamt auf Streife \u2013 auch in Zivil. Als eine der ersten Beh\u00f6rden in Deutschland hat Neuk\u00f6lln ein M\u00fcllermittlerteam, die Soko M\u00fcll, eingerichtet. F\u00fcr die, die die Soko M\u00fcll demn\u00e4chst erwischt, wird es richtig teuer. Gut so.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"12\">Beim Reden \u00fcber M\u00fcll und Neuk\u00f6lln droht freilich sogleich die Klischeefalle. Trifft es nicht die falschen? Wie soll einer ohne Auto seinen Sperrm\u00fcll zum <a href=\"https:\/\/www.bsr.de\/recyclinghoefe-berlin\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Recyclinghof der Berliner Stadtreinigung (BSR)<\/a> bringen? Stimmt das nicht mit der sozialen Frage, die Kerstin Wolter aufwirft?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"13\">Tats\u00e4chlich ist der Toaster am Gehweg nicht das gr\u00f6\u00dfte Problem in der Waste-City Berlin. Viel problematischer ist die zunehmende Flut an Verpackungsm\u00fcll. Kaffeebecher, Einwegteller, Plastikflaschen, Bambusbesteck, Alu-Grillschalen finden sich \u00fcberall, wo gefeiert wird, in Parks, auf Br\u00fccken wie der Kreuzberger Admiralbr\u00fccke, \u00fcberhaupt in den Touristenbezirken <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2024\/01\/berlin-bsr-illegaler-muell-friedrichshain-kreuzberg-neukoelln.html\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Friedrichshain-Kreuzberg, Neuk\u00f6lln und Mitte, wo die BSR mehr M\u00fcll entsorgen muss als in anderen Bezirken<\/a>.<\/p>\n<p>      Die neue Wohlstandsverm\u00fcllung<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"15\">In ihrer <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/281505\/muell-als-strukturfaktor-gesellschaftlicher-ungleichheitsbeziehungen\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Studie \u201eM\u00fcll als Strukturfaktor gesellschaftlicher Ungleichheitsbeziehungen\u201c<\/a> zitiert Laura Moisi aus dem 1984 erschienenen Buch \u201ePesthauch und Bl\u00fctenduft\u201c von Alain Corbin. Darin habe der Autor darauf hingewiesen, \u201edass die Angst vor Schmutz und Bakterien seit der Entstehung der Hygienebewegung im 19. Jahrhundert nicht nur gegen Objekte gerichtet war, sondern ebenso gegen Gruppen von Menschen\u201c. Abfall, argumentiert Corbin, \u201eist historisch wie gegenw\u00e4rtig zentral f\u00fcr die Aufrechterhaltung einer b\u00fcrgerlichen Ordnung auf Kosten einer Gruppe davon Ausgeschlossener\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"16\">Was aber, wenn diese Form der b\u00fcrgerlichen Selbstvergewisserung durch \u201eOthering\u201c gar nicht mehr das Thema ist? Wenn die b\u00fcrgerliche Ordnung nicht durch Arme und Rebellen bedroht wird, sondern sich aus sich selbst heraus aufl\u00f6st? Wenn die auf Exklusion gerichtete Klage \u00fcber \u201eArmutsverwahrlosung\u201c abgel\u00f6st wird vom Befund einer zunehmenden \u201eWohlstandsverwahrlosung\u201c? W\u00fcrde das nicht auch bedeuten, dass die Kritik an Law and Order in diesem Fall nur noch linke Folklore ist?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">Zumindest w\u00e4re es an der Zeit, das Verursacherprinzip konsequenter anzuwenden. H\u00f6here Bu\u00dfgelder treffen, falls die Verursacher erwischt werden, nicht die Falschen. Sie treffen Touristinnen und Touristen, die ihr Reiseziel zur M\u00fcllhalde machen, Gewerbetreibende, die zu faul oder zu knausrig sind, ihren M\u00fcll bei der BSR zu entsorgen, Kriminelle, die ihre giftigen Abf\u00e4lle mit dem H\u00e4nger an irgendein Waldst\u00fcck am Stadtrand fahren und dort abkippen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">Das Verursacherprinzip konsequent anzuwenden, hie\u00dfe aber auch, dass Berlin, \u00e4hnlich wie T\u00fcbingen, endlich eine Verpackungssteuer einf\u00fchrt. Wenn weniger Verpackungsm\u00fcll in den Umlauf kommt, werden auch die M\u00fcllhalden kleiner.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">Diejenigen, die nun f\u00fcrchten, Berlin drohe eine sterile Stadt zu werden, in der alles Bunte und Widerborstige verschwindet, k\u00f6nnen beruhigt sein: Berlin wird nie ein zweites Singapur und auch kein gelecktes M\u00fcnchen. Zwischen M\u00fcllhaufen und hochgeklapptem B\u00fcrgersteig gibt es gen\u00fcgend Zwischenr\u00e4ume.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"20\">Eher hilft der Kampf gegen den M\u00fcll, dass sich die Menschen ihre Stadt zur\u00fcckerobern. Sich mit ihrem Kiez, ihrem Park, ihrer Stra\u00dfe identifizieren. Und daf\u00fcr sorgen, dass Stadt und Kieze wieder lebenswert werden. Dazu geh\u00f6rt \u00fcbrigens auch, dass Stra\u00dfenraum und Parkpl\u00e4tze begr\u00fcnt werden, Schrottfahrr\u00e4der verschwinden, Blechlawinen reduziert werden. Reclaim the Streets, war da nicht was?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"21\">Wie es aussieht, wenn eine solche R\u00fcckeroberung scheitert, kann man in anderen Metropolen sehen. Die Theorie der Broken Windows, die besagt, dass sich dort, wo ein Karton herumliegt, bald der M\u00fcll stapelt, ist auch im gr\u00f6\u00dfer skalierten Stadtraum g\u00fcltig.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"22\">Noch hat Berlin die Chance, diese Negativspirale zu stoppen. Mit der BSR, mit drastischen Strafen, vielleicht mit einem 24-Stunden-Ordnungsamt, mit Pr\u00e4vention wie im M\u00fcllmuseum in Wedding, mit mehr Verantwortung f\u00fcr die eigene Umgebung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"23\">Auch am M\u00fcllplatz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"M an soll ja, wie es gern hei\u00dft, vor der eigenen Haust\u00fcr kehren. 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