{"id":364599,"date":"2025-08-22T14:19:22","date_gmt":"2025-08-22T14:19:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/364599\/"},"modified":"2025-08-22T14:19:22","modified_gmt":"2025-08-22T14:19:22","slug":"retrospektive-kaari-upson-und-der-amerikanische-alptraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/364599\/","title":{"rendered":"Retrospektive: Kaari Upson und der amerikanische Alptraum"},"content":{"rendered":"<p>Die Kunst von Kaari Upson erz\u00e4hlt von Verlust und Verfall. Imposant ist ihr \u201eLarry Project\u201c, mit dem sie das Erbe von Paul McCarthy und Mike Kelley angetreten hat. Vier Jahre nach ihrem fr\u00fchen Tod wird die Kalifornierin mit einer gro\u00dfen Ausstellung gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als Kaari Upson 2021 mit 51 Jahren an Krebs starb, hinterlie\u00df sie ein Werk von verst\u00f6render Verf\u00fchrungskraft. Ihre Abformungen von versifften Sesseln, Matratzen und leeren Pepsidosen sitzen auf W\u00e4nden, dem Boden und in Ecken, sind getaucht in knallige Farbverl\u00e4ufe oder schmuddelige Unfarben. Fleischig-dunkelbunte Wiederg\u00e4nger von Baumst\u00e4mmen, deren Beulen wie Knie hervortreten, baumeln als morbider Wald von der Decke. Sieht aus wie gestaltgewordene Psychose.<\/p>\n<p>In einem Nachbau von Hugh Hefners h\u00f6hlenartigem Swimmingpool laufen Videos, in denen die K\u00fcnstlerin Silikonprothesen riesiger Br\u00fcste tr\u00e4gt und Telefonsex spielt. Es ist eine h\u00e4usliche Welt voller Dystopie und Galgenhumor, mit der Upson gegen die Zeit anarbeitet. Ihre erste posthume Retrospektive ist nun im Louisiana Museum im d\u00e4nischen Humleb\u00e6k zu sehen, und auch die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article169586462\/Comeback-in-London-Die-Galerie-Sprueth-Magers-eroeffnet-neu.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article169586462\/Comeback-in-London-Die-Galerie-Sprueth-Magers-eroeffnet-neu.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Galerie Spr\u00fcth Magers<\/a>, die ihren Nachlass vertritt, zeigt in London eine Werkauswahl dieses unheimlichen, von K\u00f6rpern und Klischees, Verlust und Tod erz\u00e4hlenden Werks.<\/p>\n<p>Geboren wurde Kaari Upson 1970 in San Bernardino, einem Stadtteil von Los Angeles mit einer der h\u00f6chsten Kriminalit\u00e4tsraten der USA und schon damals w\u00fctenden Waldbr\u00e4nden. Ihre Mutter verg\u00f6tterte Amerika, ertr\u00e4nkte ihre ostdeutsche Herkunft bis zur Selbstaufgabe in Pepsi und erkrankte t\u00f6dlich an Krebs. Ihr Vater sehnte sich in Cowboyhemden in den Wilden Westen zur\u00fcck. Obsessionen und Erinnerungen, Psychoanalyse und Verfall wurden zu Upsons zentralen Themen, als sie am CalArts Malerei studierte. <\/p>\n<p>Hier begann sie ein Werk, das sie zehn Jahre lang begleiten sollte: \u201eThe Larry Project\u201c basiert auf dem imaginierten Leben eines Mannes, den sie nie traf, der aber im Nachbarhaus ihrer Eltern im San Fernando Valley wohnte. Irgendwann wurde er verhaftet, und es gab einen Waldbrand, woraufhin das Haus zug\u00e4nglich war. Upson ging hinein und stie\u00df dort auf unz\u00e4hlige Fotos und Notizen; \u00fcberall lagen Matratzen und merkw\u00fcrdige Gegenst\u00e4nde herum, die die Obsession des Nachbarn mit Hugh Hefner und dessen \u201ePlayboy Mansion\u201c verrieten. <\/p>\n<p>Angst spricht aus Upsons unerbittlichem Werk<\/p>\n<p>Dieser Fund wurde Upsons Ausgangspunkt f\u00fcr eine ausufernde, fiktive Erz\u00e4hlung, mit der sie \u201eLarrys\u201c Leben rekonstruierte und ihn zum Stellvertreter all dessen machte, woran sich Fantasien von Sex, M\u00e4nnlichkeit und Reichtum, aber auch vom Verschwinden manifestierten. In Installationen, Malerei, Performances und Videos schl\u00fcpfte Upson in Larrys Rolle und baute seine Welt nach \u2013 bis hin zu einer Eins-zu-eins-Replik seines Hauses aus dickem, buttrig-gelbem Latex, was aussah wie schlaffe Haut. Man sp\u00fcrte: Das Ende des amerikanischen Traums ist nah \u2013 und es beginnt in der einstigen Traumfabrik Los Angeles, die aus M\u00fcll, Br\u00e4nden und Obdachlosigkeit nur noch Traumata hervorw\u00fcrgt.<\/p>\n<p>Upson ist damit das Erbe der Los-Angeles-Ikonen Paul McCarthy, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus249580012\/Pinault-in-Paris-Die-Wiederkehr-des-Mike-Kelley.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus249580012\/Pinault-in-Paris-Die-Wiederkehr-des-Mike-Kelley.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mike Kelley<\/a> und Ed Kienholz angetreten, indem sie eigene und kollektive Alptr\u00e4ume mit einem Humor vermischt hat, der die Angst, die aus ihrem unerbittlichen Werk spricht, kaum mehr ertr\u00e4glich macht. Sichtbar wird das besonders an ihrer gigantischen Puppenhaus-Installation aus Sperrholz, Requisiten und 3D-Filmanimation, in der sie selbst auftaucht. Die Arbeit ist ein unverkennbares Zitat der ber\u00fchmten Gemeinschaftsarbeit von Paul McCarthy und Mike Kelley aus dem Jahr 1992, die Johanna Spyris Roman \u201eHeidi\u201c in eine inzestu\u00f6se H\u00f6lle aus Installation, Performance und Video verwandelte. <\/p>\n<p>Zugleich basiert Upsons Arbeit auf dem Puppenhaus, das ihre Mutter f\u00fcr sie als Kind gebaut hat \u2013 so wie die Mutter immer wieder in ihrer Arbeit auftaucht: als Metapher f\u00fcr den kaputten amerikanischen Traum, f\u00fcr Z\u00e4rtlichkeit und Sehnsucht, Krankheit und Tod. \u201eMother\u2019s Legs\u201c hei\u00dft auch die waldartige Installation aus Polyurethanformen, die wie abgetrennte Gliedma\u00dfen von der Decke h\u00e4ngen. Gegossen aus termitenzerfressenem Holz von einem Baum vor Upsons Kindheitshaus, stammen die hervorstehenden Knieformen teils von der K\u00fcnstlerin selbst, teils von ihrer Mutter: Der Wald wird zu einem traumartigen Geistertreffen, zart und unheimlich zugleich.<\/p>\n<p>Upsons Vater taucht dagegen nur ein einziges Mal in ihrem Werk auf \u2013 wom\u00f6glich als letzte Arbeit vor ihrem Tod. Im Louisiana Museum liegt eine bunt bemalte Figur in Jeans und kariertem Cowboyhemd mit dem Gesicht nach unten; H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe sind abgetrennt, f\u00fcnf ketchuprote Plastikflaschen stecken wie Messer in ihrem R\u00fccken. Der Vater als gekillter amerikanischer Alptraum, erstickt an seinem eigenen Saft.<\/p>\n<p>Keine andere K\u00fcnstlerin ihrer Generation hat es geschafft, diese Metaphorik, an der sich von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255153462\/Nachruf-auf-ein-Genie-Die-Geheimnisse-des-David-Lynch.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255153462\/Nachruf-auf-ein-Genie-Die-Geheimnisse-des-David-Lynch.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">David Lynch<\/a> bis Ryan Trecartin unz\u00e4hlige K\u00fcnstler in Los Angeles abgearbeitet haben, in eine Bildsprache zu verwandeln, die weitaus intimer und verletzlicher ist als die ihrer Vorg\u00e4nger \u2013 und die dennoch auf so virtuose Weise daran ankn\u00fcpft, dass man wie gebannt auf dieses Werk blickt, von dem man sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, dass es noch lange nicht an sein Ende gekommen ist.<\/p>\n<p>\u201eKaari Upson. The Dollhouse\u201c, bis 26. Oktober 2025, Louisiana Museum, Humleb\u00e6k; \u201eKaari Upson. House to Body Shift\u201c, 17. September bis 1. November 2025, Spr\u00fcth Magers, London <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Kunst von Kaari Upson erz\u00e4hlt von Verlust und Verfall. 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